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Höfische Festkultur unter Carl Eugen

Herzogliche Lustjagden

 
 

Die Leidenschaft, die Herzog Carl Eugen für die Jagd hegt, ist in seiner Zeit nicht besonders verwunderlich. An allen Höfen ist die Jagd die wohl wichtigste Lustbarkeit. (vgl. Lahnstein 1968, S.57) Zugleich wird die Jagd idealisiert. In Württemberg z. B. stiftet Herzog Eberhard Ludwig  am 3. November 1702 den Herzoglich-Württembergischen Orden von der Jagd, der auch einfach 'Hubertusorden" genannt wird. Diese erste Ordensstiftung in Württemberg, die den Leitspruch "'Virtutis amicitiaeque foedus' (Ein Bündnis von Freundschaft und Tugend) trägt, wird bald über die Grenzen des Landes hinaus bekannt und nicht wenige Notabeln fühlen sich durch die  Aufnahme in den Kreis der Ritter des Hubertusordens hoch geehrt. (vgl. Sting 2005, S.37)

Das Jagen ist schon seit dem Mittelalter Adelsprivileg. Welchen Schaden das im 18. Jahrhundert noch überaus zahlreiche Wild in Wald und Flur auch anrichtet, welche Verwüstungen die Jagden mit großem Gefolge auch auf den Äckern der Bauern hinterlassen, für die Bevölkerung ist Wild tabu. Wer es "wildert", wird streng bestraft.
Das Jagdrecht, das in alter Zeit, als erlegtes Wild noch zur Nahrungsversorgung nötig ist, alle besitzen, ist im 18. Jahrhundert also längst zum Privileg des Adels geworden oder ganz in die Hände der Landesherren übergegangen. Schon in fränkischer Zeit können die Könige bis zum Ende des 9. Jahrhunderts nämlich durchsetzen, dass das Recht des freien Tierfangs durch so genannte Bannforste eingeschränkt wird. In diesen Banngebieten, die sie von Förstern verwalten und vor Rodung und Wilderei "schützen" lassen, behalten sie sich das Recht alleiniger Nutzung vor. Mit der schwindenden Kraft königlicher Zentralgewalt beanspruchen die Landesfürsten die ehemals königlichen Bannforste für sich und erweitern die Bannrechte zum Jagdregal, das ihnen allein die Jagdrechte in ihrem Territorium sichert. Es st damit auch Ausdruck fürstlichen Strebens nach uneingeschränkter absolutistischer Machtfülle ohne Mitwirkungs- und Kontrollbefugnisse anderer.
Wer in einem fürstlichen Territorium auf welches Wild Jagd machen darf, liegt im Ermessen des Fürsten. So unterscheidet man auch zwischen hoher und niederer Jagd, die unterschiedlichen sozialen Gruppierungen zustehen. Der Fürst und der hohe Adel darf danach auf Hochwild (Hirsch, Wildschwein oder Gemsen), der niedere Adel und Bauern, sofern sie vom Adel die Erlaubnis erhalten, auf das Niederwild (Reh, Hase, Fasan) Jagd machen.
Adeliges und fürstliches Jagdvergnügen bringt vor allem für die Bauern große Belastungen mit sich. Schon 1580 kursiert in Württemberg der folgende Spruch aus einer Reihe anderer Sprüche, die als Trias, "Wirtemberg betreffend"  bekannt sind, weil sie jeweils 'drei Ding' über Land und Leute aussagen. (vgl. Lahnstein 1983, S. 280)

Drei Ding sein beschwerlich in Wirtemberg:
vil wiltprett,
vil fronen,
vil rechnungen.

Den Bauern wird eine Vielzahl von Jagdfrondiensten auferlegt, auf ihren Feldern hinterlassen die Bewegungsjagden der adeligen Jagdgesellschaften, die rücksichtslos auch durch stehendes Korn geführt werden, einen gewaltigen Flurschaden und das "geschützte" und damit völlig übersetzte Wild frisst sich durch die Felder, ohne dass den Bauern eine wirksame Wildschadensabwehr möglich ist. Seinen literarischen Niederschlag findet die Klage über solche Verhältnisse in verschiedenen Gedichten von Gottfried August Bürger (z. B. Der Bauer an seinen durchlauchtigsten Tyrannen. Juli 1775) und Daniel Schubart.
"Tag und Nacht muss ein Teil der Gemeinde die Felder vor dem Wilde hüten; gestattet sind dabei nur kleine, durch Bengel am Laufen, durch Maulbänder am Beißen verhinderte Hunde, die noch dazu von den Forstbeamten ungestraft weggeschossen werden. Morgenweise brechen die Wildschweine die Äcker um; herdenweise kommt das Wild in die Dörfer." (Adam 1907, S.199) Als Folge bleiben viele Felder unbebaut. Und auch aufwändige und kostspielige Anstrengungen der Dörfer mit Zaunstecken oder Bretterzäunen das Wild von den Feldern abzuhalten, sind vergeblich. Der Wald kann das Wild in der vorhandenen Zahl einfach nicht ernähren. Die Wildschweine schlagen den besten Zaun durch und das Rotwild setzt einfach darüber. (vgl. ebd.) Verglichen mit heutigen Verhältnissen gibt es eine unglaublich hohe Zahl von Rot- und Schwarzwild in Deutschland und ganz Mitteleuropa. Allein der Wildschweinbestand ist schier unermesslich, wie die Anzahl der bei verschiedenen Jagdereignissen erlegten Tiere, die so genannte Wegstrecke, unter Beweis stellt. Aus Hessen gibt es Berichte über Streckenergebnisse, in denen, während einer einzigen Jagd, von 1.000 Schweinen die Rede ist. Die Churfürsten Georg I. und Georg II. erlegen, überlieferten Aufzeichnungen zufolge, in 68 Jahren insgesamt 50.000 Schweine. (vgl. Wokalik 2006c) Und die Zahlen, die die großen "Lustjagden" Carl Eugens erreichen, belegen dies auch für das Herzogtum Württemberg. Die Übersetzung des Schwarzwildbestandes veranlasst  Kaiser Josef II. 1786 gar, das Schwarzwild zu Raubzeug zu erklären. Dies hat zur Folge, dass Wildschweine fortan außerhalb von Saugärten, einer besonderen Form des Tiergartens, von jedermann erlegt werden dürfen. (vgl. ebd.)
Angesichts ihres aussichtlosen Kampfes gegen das Wild auf ihren Feldern ist "der Hass des Bauernvolks gegen die herrschaftlichen Förster oder Jäger tief eingewurzelt, immer neu genährt und auch erbittert erwidert." (Lahnstein 1983, S. 280). Kein Wunder, dass der Wilddieb, obwohl Rechtsbrecher, beim Volk große Sympathie findet. Die Jagdfronden werden angesichts solcher Verhältnisse und Einstellungen von den Untertanen als besonders drückend empfunden, zumal Herzog Carl Eugen sie immer weiter ausdehnt und zugleich die Waldnutzungsrechte der Gemeinden (wie die freie Pirsch als Jagdform, Holznutzung und Weidgang, sowie die Eichelmast) zusehends einschränkt. (vgl. Adam 1907, S. 199) Im Winter heißt es für die fronenden Bauern, wie der württembergische Geschichtsschreiber des Biedermeier Christian Reinhold Köstlin aufzählt, "in den Waldungen Bahn schleifen, im Sommer das Waldgras mähen, dörren, und in die Magazine führen, den Haber für das Wild im Winter beiführen, Sulzen (Salzlecken) anlegen und Jagdschirme machen, für Waldwege und Brücken sorgen, das Wildpret füttern, Holz für dasselbe fällen, Eicheln sammeln, wildes Obst klauben." (zit. n. Lahnstein 1983, S. 280) Angesichts solcher Verhältnisse ist es daher nicht verwunderlich, dass die zahlreichen Auswanderer aus dem Herzogtum neben ihrer Klage, "es seien zuviel Menschen da, man könne nicht mehr beisammen leben und müsse einander Platz schaffen"  und der steigenden Unzufriedenheit über das Militär, vor allem das Forst- und Jagdwesen als Grund ihrer Emigration angeben, wie die württembergischen Landschaftsvertreter im Juli 1782 erklären. (vgl. Schott 1907, S.307)
Das immer wieder beklagte 'vil wiltprett' ist ständiger Zankapfel zwischen dem Herzog und den Landständen, bei denen sich die Bauern bitter beklagen. In der Mitte des 18. Jahrhunderts verfasst der Landschaftskonsulent Johann Jakob Moser ein Gutachten für den »Landschaftlichen Größeren Ausschuss« .Darin wird u. a. der 'Wildprett-Schade' als eines der größten Ärgernisse aufgeführt. "»Es sey beynahe unglaublich«, heißt es in erstaunlicher Schärfe, dass man von anderer Seite Serenissimo»beygebracht« habe, »als ob der eingeklagte Wildprett-Schaden bey weitem nicht so beträchtlich seye, als er vorgegeben werde; und noch betrübter und unvermutheter seye, daß eine Unmöglichkeit seye, allen Schaden gänzlich zu verhüten, ohne daß Sie Sich Ihres Jagd-Plaisiers gänzlich begeb'. Weiter heißt es:»was aber die Verhütung des Schadens betreffe, so seye dermalen noch keine Frage von Verhütung alles Schadens, oder etwa desjenigen, der nur bey Gelegenheit des Wechsels des Wildes u. d. entstehe, sondern von dem horrenden und excessiven Schaden, welcher durch das mit ganzen Heerden auf denen Feldern Jahr aus und ein sich mästende Wild und besonders auch durch die offt vile Jahre außer dem Zaun in wohlbekannten Orten befindliche, auch denen Forst-Aemtern öffters, aber allezeit vergeblich angezeigte Lager-Schweine verursacht werde, der bey Menschen-Gedenken, auch an denen Orten, wo an Machung der Wild-Zäune kein Mangel erscheine, nie so groß gewesen seye, als dermahlen, und sich, allen in denen Gewälten geäußerten Besorgen nach, künfftig noch mehr äußern würde, wann sogar bey denen angestellten Jagden selbst das Gewild übermäßig geschonet, und, wann man selbiges mit der Unterthanen größten Beschwerde zusammengetriben, hernach der größte Theil wieder losgelaßen ...«" (Lahnstein 1983, S.280f.)
Immer wieder wird daher auch von der Landschaft die Errichtung von Tiergärten gefordert, zumal sich die Klagen über Wildschäden häufen (vgl. Adam 1907, S.199f.) Der Herzog kommt aber solchen Forderungen nur zögerlich nach, da dies kostspielige Projekte sind. Wenn er es tut, geschieht dies wohl eher aus Gründen der Bequemlichkeit und der Repräsentation als aus Sorge wegen der Flur- und Wildschäden. So sieht der Kammerplan des Kammerpräsidenten von Kniestedt aus dem Jahre 1775, einer der wenigen Versuche einen haushaltsmäßigen Überblick über die Finanzen des Herzogtums zu erhalten, 1000 Gulden für die Einrichtung und Unterhaltung von Tiergärten vor (vgl. Wintterlin 1907, S.178), was gemessen an den anderen Ausgabeposten für die Jagd und die Hofgärtnerei aber auch in den gemäßigteren Jahren der Regierungszeit Carl Eugens noch eine verhältnismäßige geringe Summe darstellt. Die Wildparks werden 1775 auf Betreiben der Landschaft, die die Kosten der herzoglichen Verwaltung senken will, aufgelöst. (vgl. Adam 1907, S.287)
In diesen Tiergärten finden auch große Jagdereignisse des Hofes, darunter auch Parforcejagden, statt, die das eigentliche adelige "Lustjagen" ausmachen. Der Preis, den die Bauern für den verminderten Flurschaden zu bezahlen haben, ist indessen hoch. Häufig müssen sie mehr Frondienste leisten. So wird in einigen Tiergärten, wie auch dem "Wildpark" bei Stuttgart in der Nähe der Solitude, ein Netz von Alleen angelegt, die das Jagen für große Jagdgesellschaften auf Pferden oder Jagdgespannen äußerst bequem gestalten. (vgl. ebd., S.282) Die Jagd auf das im Wildpark gehaltene Wild ist äußerst einfach, denn die darin gehaltenen weißen Hirsche und das Damwild sind zahm, werden mit einem Flintenschuss gewöhnlich zur Fütterung versammelt und laufen so den adeligen "Jägern" bei der Jagd, trotz des allgemeinen Geknalles wohl immer direkt oder von Treibern gehetzt vor die Flintenläufe. ( vgl. B. Peiffer 1907, S.653).

Höfisches Jagen im 17. und 18. Jahrhundert

Höfisches Jagen findet im 17. und 18. Jahrhundert in verschieden Jagdarten statt:

  • Deutsches Jagen

  • Französisches Jagen (Parforce-Jagd)

  • Pirschen in freier Wildbahn oder besonderen Pirschanlagen

  • Wasserjagen

  • Bestätigungsjagd

  • Gnadenjagd, die anderen als besonderer Gnadenerweis des Fürsten oder eines Jagdpächters ein zeitweises Jagen ermöglicht

Das Deutsche Jagen, das auch als Hauptjagen bezeichnet wird, stellt eine Hetzjagd dar. Diese Jagdart findet in verschiedenen Formen des Laufs (Hetzgarten) als so genannte eingestellte Jagd statt. Während man früher mit Hundemeuten und zu Pferde das Wild manchmal tagelang auch durch unwegsames Gelände hetzt, macht man es sich, nicht zuletzt auch wegen des ernormen Verletzungsrisikos solcher Jagden, mit dem eingestellten Jagen  äußerst bequem. "Die Jagd als solche, das edle Waidwerk, trat in den Hintergrund, sie wurde zum Vergnügen. Im Vordergrund standen Pauken- und Trompetenschall, Kurzweil und Narrenspiel, wobei sich die Teilnehmer in Prunkzelten auf bequemen Polsterstühlen die Mühen der Jagd ersparten und ausgiebige Mähler genossen." (Wokalik, Othmar 2006b: Die eingestellte Jagd und das Jagdfest) Veranstaltet werden solche Jagden häufig in von Zäunen umgrenzten Gebieten, riesigen Tiergärten (z. B. Saugärten), die einen unglaublich hohen Tierbestand aufweisen. Eine der ersten Tierparks dieser Art ist der von Landgraf Wilhelm IV. am Fuß der Kuppe, auf der die Sababurg steht, 1571 auf einer Fläche von 130 Hektar eingerichtete Tierpark, in dem »Ure, Damwild, weiße Hirsche, Gämsen, Elche und Rentiere gehalten werden. (vgl. Wikipedia, 16.09.07)
Auch im Herzogtum Württemberg lässt »Herzog Ludwig (1554-1593, reg. 1568-1593) Ende des 16. Jahrhunderts um den Erlachhof beim späteren Ludwigsburg, in Bonholz, einen solchen Tiergarten anlegen, wo die jährlichen Damhirschjagden stattfinden. (vgl. Sting 2005, S.32) Geht es bei diesen Tiergärten wohl noch überwiegend darum, das Jagen möglichst bequem und, an der "Strecke" des erlegten Wildes gemessen, erfolgreich zu gestalten, sind spätere Tiergärten wie der 1770 von der österreichischen Kaiserin Maria Theresia (1717-1780) gegründete Lainzer Tiergarten mit seinem hölzernen Palisadenzaun auch dazu da, "dass die umliegenden Wiesen und Felder ihrer Untertanen von unablässigen Verwüstungen durch Hirsch und Wildsau künftig verschont bleiben." (Stoeckl 2000)
Der Ablauf der Jagd, für die das Wild aus den umliegenden Waldgebieten zusammengetrieben und bis zum Beginn der Jagd bewacht wird, besteht aus der "Kammer" und dem "Lauff", der im Allgemeinen von großen Rolltüchern verdeckt ist. Das Wild wird im "Lauff" von den den hinter Leibschirnen verborgenen und geschützten adeligen Jägern meist aus kurzer Entfernung geschossen. Eingestellte Jagdveranstaltungen können dabei auch den Charakter regelrechter Prunk- oder Luxusjagden (Wokalik) annehmen, wenn z. B. die Jagd auf das wehrhafte Schwarzwild unter Pauken- und Trompetenschall und unter mancherlei mythologischen Anklängen stattfindet, die gehetzten Wildschweine über künstliche Hindernisse setzen und schließlich in einen See flüchten müssen, wo sie von ihren "Jägern" erwartet werden. Während einer Jagd des kurpfälzischen Hofes werden die Wildschweine, nachdem sie aus unterirdischen Kammern herausgelassen worden sind, angeblich über eine 240 Fuß hohe Treppe auf einen künstlichen Berg mit Galerien für die Schützen getrieben, "die dann unter den Klängen von Vokal- und Instrumentalmusik rund 1000 Sauen 'erlegten'." (Wokalik, Othmar 2006b)  Die Vorarbeiten solcher Jagdfeste ziehen sich oft über Wochen hin und müssen zum größten Teil von den Bauern in Fronarbeit verrichtet werden. Um das Wild einfangen zu können, müssen Tücher und Federlappen mit grellen Federfarben angefertigt und angebracht werden, damit das Wild in einem bestimmten Revier zusammengetrieben ("eingelappt") werden kann. Danach wird das Wild in die Netze getrieben, in Transportkästen verladen und in den Tiergarten oder das vorgesehene Jagdrevier gebracht. Die Anzahl von Treibern, die dazu benötigt werden, sind stets Hunderte, können aber leicht auch in die Tausende gehen, allesamt zum Frondienst gezwungene Männer oder beurlaubte Soldaten.

Das Französische Jagen in Form der so genannten Parforce-Jagd findet in Deutschland, insgesamt gesehen, bei weitem nicht jene Verbreitung wie in Frankreich und England. Dafür sind nichtzuletzt der hohe Aufwand an Mensch, Material und Tier sowie die kostspielige Ausrüstung verantwortlich, die sich in Deutschland nur wenige Fürstenhöfe leisten können, zumal man sie nur nebenher, neben der Falknerei und dem "deutschen Jagen", veranstaltet. So sind im ganzen deutschen Raum um 1720 gerade mal 10 Jagdequipagen vorhanden, die man zur Durchführung benötigt, darunter die herzoglich württembergische zu Ludwigsburg und Schloth und Weise. Allein schon die Haltung von mehreren hundert Hunden, die außerhalb der Jagdsaison ja ein halbes Jahr über überhaupt nicht zum Einsatz kommen, kostet ein kleines Vermögen. (vgl. Wokalik, Othmar (2006d): Zukunft der Parforcejagd)
Bei der Parforce-Jagd, die als "Jagdmode" aus Frankreich stammt, wird das Wild von einer Meute laut jagender Hunde gehetzt, denen die Jäger zu Pferde oder, wenn es breite Alleen dafür gibt, auch in speziellen Jagdwagen folgen. Die Parforce-Jagd kommt am württembergischen Hof gegen Ende des 17. Jahrhunderts auf  (vgl. Lahnstein 1968, S.57), wird aber 1727 wieder abgeschafft. Erst fast dreißig Jahre später wird sie von Herzog Carl Eugen wieder eingeführt, was zu vermehrten Klagen über den Wild- und Flurschaden führt (vgl. Schott 1907, S.329)
"Es ist dieselbige eine lustige und angenehme Jagd vor diejenigen, so gerne reiten, den Laut der Hunde hören wollen, und das Blasen ästimieren, als worinnen die Jagd bestehet ... wie ferner angezeiget werden sol, daß hierzu ein geschicktes und scharffes Reiten gehöret ...« (Döbel, Jägerpraktika, 1748, zit. n. Lahnstein 1968, S. 57) (→Parforce-Jagd, aus: Meyers Konversationslexikon (1885-1892))

Lustjagen zur Zeit Carl Eugens von Württemberg

Die Jagd ist, wie eingangs erwähnt, eine der großen Leidenschaften Carl Eugens. Sie wird als Hoffest inszeniert, aber auch in einem eher "privat" gehalteneren Rahmen. Auf den im ganzen Land verbreiteten Lust- und Jagdschlössern, zu denen den Herzog nicht der ganze Hof begleitet, geht es ja schließlich auch dem Herzog ein wenig darum, "dem Zwang der Hofetikette zu entfliehen" (vgl. Walter 1987, S.204) So dient dem Herzog jedes noch so heruntergekommene oder baufällige herzogliche Burggemäuer als Jagdschloss, darunter Hellenstein über Heidenheim, Schorndorf, Göppingen. Berühmte Jagdstützpunkte sind außerdem, die Schlösser Hirsau im Schwarzwald, Einsiedel im Schönbuch, Grafeneck und St. Johann auf der Alb und in der Nähe von Ludwigsburg hat der Herzog ein Jagdschlösschen auf der Schlotwiese, Zuffenhauser Markung. Nach der Verlegung der Residenz von Stuttgart nach Ludwigsburg im Jahre 1763 wird  sein Schloss Solitude die eigentliche Jagdresidenz. (vgl. Lahnstein 1968, S. 57) Dennoch zieht es größere und kleinere Jagdgesellschaften des Herzog immer wieder hinaus ins Land. Regelmäßig zur herbstlichen Jagdzeit - Schonzeiten gibt es freilich nicht - besucht der Herzog mit kleinerem Gefolge das Schloss Grafeneck auf der Schwäbischen Alb. 1790 berichtet ein Chronist, der Pfarrer F. A. Köhler, über die dort stattfindenden Jagdvergnügungen: "Um das Schloss her sieht man auf einigen Anhöhen Hirschfütterungs-Hütten und Schirme und Ständer von grün angestrichenem Holzwerk, hinter die sich der Landesfürst verbergen konnte, um zu seiner Belustigung Hirsche zu schießen, deren es um dieses Jagdschloss so viele gibt, dass ich einmal zweiundvierzig zählte ... die weil ihnen niemand nichts thun darf, so zahm wie Ziegen sind." (zit. n. ebd.)
Neben solchen Jagdvergnügungen sind Prunkjagden fester Bestandteil der höfischen Festkultur Carl Eugens von Württemberg. Sie haben daher vor allem repräsentative Funktion. Eine große Wegstrecke (waidmännisch für die  Anzahl der erlegten Tiere) gilt dabei ebenso repräsentativ wie besonders große oder ausgefallene Trophäen oder sonstige "Abnormitäten" (Wokalik, Othmar (2006a), die bei der Jagd gesucht und inszeniert werden.
Ihrer Art nach handelt es sich bei den Lustjagden im Allgemeinen um eingestellte Jagden. Anlässlich der Hochzeit von Carl Eugen und Friederike von Bayreuth gibt es nach den Hochzeitsfeierlichkeiten in Bayreuth vom 6. Oktober 1748 an eine weitere Festwoche in Ludwigsburg. Am 8. 10. 1748 findet dort ein "Brunft- und Hatzjagen" in der Wasserhalde bei Ludwigsburg statt, bei dem 400 von den 800 Stück Schwarz- und Rotwild, die in den See getrieben werden, von den adeligen Jägern erlegt werden. (vgl. Walter 1987, S. 106f.)
Wie schon vor Verlegung der Residenz (1763) üblich schließen sich den Winterfesten um den Geburtstag des Herzogs Mitte Februar aufwändige Jagden, zumeist im Degerloch, an. Dort hat Carl Eugen schon 1762 einen künstlichen See anlegen lassen, um ein groß angelegtes Lustjagen zu veranstalten. (vgl. Pfister 1907, S.106).
Die prunkvollen Lustjagden finden also nicht in Wald und Flur statt, sondern in einer Art Jagdstadion bzw. Freiluftjagdtheater, einer Art modernem Amphitheater, wo bekanntlich schon in der Antike bei einer Veranstaltung auch schon mal zigtausende von Tieren zur Volksbelustigung abgeschlachtet werden. Damals, wie auch zu Zeiten Carl Eugens, darf auch die Bevölkerung zusehen, zumindest bei den groß inszenierten Jagdspektakeln, bei denen sich die "naiv-grausame Lust und Freude am Töten" (Walter 1987, S.200) so richtig austoben kann. 1763 sollen es angeblich 15.000 Zuschauer gewesen sein, die streng nach Herkunft voneinander geschieden, auf zahlreichen eigens dafür aufgebauten Schaugerüsten dem Geschehen beiwohnen. (vgl. ebd. 1987, S.199, vgl. Berger 1997, S. 60)
Für das Jagdspektakel während des Festins von 1763, einer mehrwöchigen Geburtstagsfeier des Herzogs im Februar, sind monatelange Vorbereitungen nötig. Der See, der für die Jagd in Degerloch von fronenden Bauern und beurlaubten Soldaten künstlich angelegt wird, ist 230 Meter lang, ca. 100 Meter breit und um die fünf bis sechs Meter tief. Im See schwimmen sieben venezianische Gondeln mit entsprechend gekleideten Gondolieri und andere prächtig gestaltete Boote. Vor dem See steht ein aus Holz gefertigtes, über 200 Meter langes Gebäude, das von 308 dorischen Säulen in einer Höhe von 5 Metern gestützt, eine Galerie darstellt. Diese wiederum ist von 17 Pavillons mit jeweils runden Helmdächern durchbrochen. Der Hauptpavillon in der Mitte des Ensembles ist 12 Meter hoch, ca. 17 Meter lang und 11 Meter breit und innen mit Jagdszenen und mythologischen Figuren prachtvoll ausgemalt. In den sämtlich tapezierten Pavillons sind große Fenster eingelassen, zugleich sorgen darin große Öfen dafür, dass den Adeligen, die dazu wohl noch häufig dem Alkohol kräftig zusprechen, bei ihrem "Jagdvergnügen" nicht kalt wird. (vgl. Walter 1987, S.199) Außer der Errichtung solcher Bauten muss natürlich auch das Wild eingefangen und herbeigeschafft werden, das dann im Freiluftjagdtheater abgeknallt werden soll. Fangjagden dafür ziehen sich oft wochenlang hin, riesige Waldgebiete müssen dafür durchkämmt und von fronenden Treibern den Wildfängern zugetrieben werden. In den so genannten "Wildkammern", eingezäunten oder "eingelappten" Waldgebieten, muss das Wild danach bis zum Tag der Jagd bewacht werden, oder wenn es über Land erst an die Austragungsstätte des "Lustjagens" transportiert werden muss, eingefangen und auf Wagen verfrachtet werden. Und was von den fronenden Bauern als besonders drückend empfunden wird, ist, dass die meist mehrtätige, oft mehrwöchige Jagdfron bei jeder Witterung und ungeachtet der Jahreszeit, also auch in bitterkalten Winternächten, geleistet werden muss. Dabei ist die Anzahl der gleichzeitig für die verhasste Jagd fronenden Bauern groß. Für die Geburtstagsfeierlichkeiten des Jahres 1763 muss z. B. die Stadt Calw allein mehrere Monate lang hundert Mann zum Wildfang als unbezahlten Frondienst abstellen, die Stadt Herrenberg 320 so genannte Handfröner für eine Woche, Bulach 459 Mann für acht Tage. (vgl. ebd.1987, S.217f.)
Die Anzahl der Wildttiere, die bei solchen Prunkjagden im herzoglichen "Amphitheater" getötet werden, ist riesengroß.
Carl Eugen lässt der heiteren adeligen Jagdgesellschaft, wie 1782 angeblich geschehen, schon mal 5.000 Stück Wild so vor die Flinten treiben, dass die abgeschossenen Tiere nicht einmal von der höfischen Küche verarbeitet werden können und stattdessen verbrannt werden. Und das alles, um dem russischen Großfürsten Paul Petrowitsch und seiner Frau Maria Fedorowna, einer Nichte des Herzogs, zu imponieren. (vgl. Pfister 1907, S.116)
Der Fantasie sind bei der professionellen Gestaltung solcher Jagdevents kaum Grenzen gesetzt: "Für Carl Eugens Jagdgesellschaften schuf man eigens romantische Waldanlagen mit Grotten und durch Fackeln erleuchteten Schonungen, aus denen als Satyrn verkleidete Tänzer hervorsprangen. Nicht selten bediente man sich gemalter Naturkulissen, die, inmitten einer echten Landschaft, optisch überschaubare Verhältnisse herstellen sollten.“ (Alt Bd. I, 2004,, S. 34). Der Ablauf solcher "Lustjagden" zielt natürlich auf bestmögliche Repräsentation. 1763 geht es wie folgt vonstatten: " 'Gegen zehn Uhr vormittags fuhr der Hof von Stuttgart ab und erblickte bei seiner Ankunft ein Schauspiel. welches ein Nachbild jener berufenen römischen Amphitheater genennet werden kann. Pauken und Trompeten schalleten unaufhörlich durch die Luft.' - In den Pavillons wurde indessen das Frühstück aufgetragen. 'Weine von allerhand und den besten Gattungen waren im Überfluss zugegen und die Ergötzlichkeit der Mahlzeit befeuerte die Hofleute noch mehr zu der Jagdlust.' - Jetzt gab der Herzog das Zeichen; auf sieben schön gezierten Gondeln fuhren die Jagdoffiziere und Jäger über den See. Sie landeten verschwanden im Wald, öffneten die Behälter und trieben aus ihnen das Wild dem See zu. Hier staute sich die Masse; ein Teil suchte zu entfliehen, andere stürzten in den See. Die Jagdgäste aber standen bequem in ihren Pavillons, ließen sich immer neue Büchsen reichen und richteten ein entsetzliches Blutbad an. Den Jagdtag schloss ein Konzert." (Pfister 1907, S.106)
Der Chronist der großen Feste des Herzogs Joseph Uriot (1713-1788) kommt angesichts solcher Ereignisse ins Schwärmen, um in der absolutistischen Konkurrenz der Höfe noch eines draufzusetzen. Neben den Inszenierungen des Jagdevents und der Menge des getöteten Wildes ist es für ihn nämlich vor allem die Seltenheit des Wildprets, das die Einzigartigkeit dieser herzoglichen Lustjagd ausmacht. Was der adeligen Jagdgesellschaft vor die Flinten getrieben wird, sind: 121 Rothirsche, 30 Damhirsche, 150 Rehböcke, 241 Wildschweine nebst 89 Frischlingen, 2 Gemsen, 2 Wölfe, 2 Luchse, 36 Dachse, 207 Füchse, 3.002 Hasen, 197 Fasanen, 530 Feldhühner, 209 Wildenten und 400 wilde Tauben. (vgl. Walter 1987, S. 200f.) Stimmen, die sich gegen ein solches Abschlachten der Wildtiere richten, gibt es nicht. Tierschutz in unserem modernen Sinne ist dem Jahrhundert und seinen Menschen noch fremd. So wundert es auch nicht, dass sich die Landschaft und die Bauern im Anschluss an solche Jagdveranstaltungen vor allem dann beklagen, wenn das nicht "erlegte" Wild einfach wieder freigelassen wird und damit die Wildschäden auf den bäuerlichen Feldern weiter erhöhen kann. (vgl. Lahnstein 1983, S.280f.)

© Gert Egle, 25.03.2016

 

   
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