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Höfische Festkultur unter Carl Eugen

Überblick

 
 

Die barocke Schlossanlage in Ludwigsburg ist eine der größten ihrer Art. Von den Zeitgenossen und auch späteren Besuchern wird die zeitweilige Residenz des »Herzogtums Württemberg immer wieder mit dem Prunkschloss des französischen Sonnenkönigs »Ludwig XIV. (1638-1715)  in »Versailles oder mit dem Schloss »Sanssouci »Friedrich II.(1712-1786), des Großen, in Potsdam verglichen. "Versailles in Schwaben" oder "schwäbisches Potsdam" sind die Bezeichnungen, die etwas kundtun von der Größe und europaweiten Ausstrahlung dieses Schlosses und seines herzoglichen Hofes. Ergänzt wird das Ludwigsburger Schloss durch eine Reihe anderer, schon, mehr oder weniger, dem Rokoko verpflichteten kleineren Lustschlösser wie »Schloss Solitude bei Stuttgart oder »Schloss Monrepos bei Ludwigsburg. 
Einen hohen Anteil für die "internationale" Geltung des Herzogs von Württemberg hat die barocke Festkultur, die Herzog Carl Eugen in und um Schloss Ludwigsburg herum entfaltet. Oper, Ballett, Musik, Schauspiel, sowie deren Ausstattung mit Kostümen und Dekorationen werden am Hof Carl Eugens gefördert wie an kaum einem anderen Hof Europas und verschmelzen hier "im höfischen Fest zu einem schillernden Gesamtkunstwerk." (Berger 1997, S.7) In einem exzentrischen Wettstreit konkurriert der württembergische Herzog mit den anderen absolutistischen Königen und Fürsten seiner Zeit, will er ihnen mit Prunk und Pomp imponieren und seinen eigenen Namen unsterblich machen. Das höfische Fest ist damit stets ein politisches Ereignis. Die von Gegner kritisierte Verschwendungssucht ist auch politisch gewollt und, zumindest in den Augen der Herrschenden selbst, legitimiert. Es umfasst stets Aspekte von Macht-, Staats-, Außen-, Innen- und Wirtschaftspolitik. (vgl. ebd., S.17) Bei allem Aufwand, der bei den Festen Carl Eugens getrieben wird, gibt es doch nur ganz wenig Bildmaterial darüber. Die Festbeschreibungen Joseph Uriots enthalten keine Kupferstiche, lediglich in der Hochzeitsbeschreibung finden sich ein paar wenige Bilder. (vgl.  ebd., S.13)
Die sich an den Höfen überall in Europa manifestierende "Genusskultur des Rokoko" besitzt darüber hinaus einen gemeinsamen Nenner, der noch zu den typischen Vorstellungen der Barockzeit während und nach dem Dreißigjährigen Krieg zählt: "Das Verlangen nach gleichnishaftem künstlerischem Bezwingen der Weltfülle, die man sehen, hören, erleben und tanzen wollte, war unbändig. Verschwendung bedeutete nicht nur Genusssucht und Verantwortungslosigkeit, sondern im tiefsten eine ruhelose und gehetzte Jagd nach der Unerschöpflichkeit des Daseins, einen Protest gegen Tod und Vergänglichkeit." (Wagner 1968, zit. n. ebd., S.9f.) (→Albert Pfister, Der Hofstaat Carl Eugens (1907))
Die Elemente, die die Komposition der Feste Carl Eugens zu einem Gesamtkunstwerk werden lassen, sind nach Berger 1997):

Dazu kommen Veranstaltungen wie die Geburtstagsfeste des Herzogs, Gondelfahrten auf dem Bärensee und die venezianischen Messen.

Natürlich spiegelt sich in dieser Festkultur auch die ständische Gesellschaft der Zeit wider. Was am Hof geschieht, hat mit dem Leben der Untertanen draußen vor der Schlossanlage wenig zu tun, zumal sich die Gesellschaft dort, stark vom Pietismus geprägt, und fast völlig protestantisch, mit solchen Ausschweifungen gewiss nicht identifizieren kann. So folgt denn auch der alltägliche Zeitvertreib der Menschen "informellen Regeln, die von der sozialen Lage, den Arbeitsanforderungen, der Konfession, aber auch von Geschlecht und Alter in unterschiedlicher Weise abhängig sein konnten." (Münch 1992, S. 436)
Die "vormoderne Freizeit", der Begriff Freizeit existiert erst seit 1823, ist dabei stets von den sehr unterschiedlichen Verhältnissen in der Ständegesellschaft abhängig und auch die Bezeichnungen, die man für die freie Zeit verwendet, spiegeln die unterschiedlichen Inhalte und Funktionen wieder, die ihr von den jeweiligen sozialen Gruppen zugewiesen sind: "Die Adeligen sprachen von »Muße«, wenn sie ihre von banausenhafter, »unedler« Handarbeit freien Tätigkeitsformen beschrieben. Auch die Gelehrten, die sich dem Geistesadel zurechneten, gebrauchten diesen Begriff und meinten damit ihr exklusives Vermögen kreativer philosophischer Reflexion. Die übrigen Schichten der Bevölkerung bezeichneten die nicht von Arbeit besetzten Stunden, Tage und Wochen mit unterschiedlichen Begriffen: Sie sprachen von Fest-, Freuden- und Feiertagen, von »guten Tagen«, vom »blauen Montag«, von Zeitvertreib, Zerstreuung, Ergötzlichkeit, von Lustbarkeiten, Abwechslungen, Erquickungen und später auch von Vergnügungen. Staatliche Polizeiordnungen, konfessionelle Moralisten und »merkantilistische Ideologen denunzierten jene Arten, die freie Zeit zu verbringen, schon früh als Müßiggang, weil sie aus ganz unterschiedlichen und sich wandelnden Motiven Arbeit und stete Tätigkeit als Garanten politischer und gesellschaftlicher Ordnung betrachteten." (ebd., S.416)
Am herzoglichen Hof in Ludwigsburg und Stuttgart widmet man sich jedenfalls solchen Beschäftigungen, die man für standesgemäß und repräsentativ hält und die nach der herrschen Zeitkultur des Rokoko "modern", um nicht zu sagen "in", sind. Aber nicht alles, was man am Hofe tut, um sich zu vergnügen bzw. der gefürchteten Langeweile zu entgehen, hebt sich ganz und gar von den "Vergnügungen" der anderen Schichten ab. Ebenso wie die Untertanen draußen vor den Schlosstoren spielt man gerne Karten, erfreut sich am Würfelspiel und tritt in verschiedenen Brettspielen gegeneinander an. Und auch das Kegeln, sowie der "reichliche Konsum alkoholischer Getränke, die sprichwörtliche »deutsche National-Neigung zum Trunke« sind bei Hof ebenso beliebt wie in den bürgerlichen Städten und auf dem weiten Land. (vgl. ebd., S.437)

© Gert Egle, teachSam - 25.03.2016

 
   
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