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Die Zensur und ihre Auswirkungen

Zensur im 18. Jahrhundert

« Aufklärung (1720-1785)Historischer Hintergrund « Entstehung und Entwicklung eines literarischen Markts

 
FAChbereich Deutsch
Glossar
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Thematisches Projekt: Lesen
Geschichte des Lesens
Überblick
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Lesen im 18. Jahrhundert

Die • Literaturepoche des • Aufklärung (1720-1785) muss auf dem Hintergrund des • historischen Kontextes und der • gesellschaftlichen, politischen und kulturellen Rahmenbedingungen, von denen sie geprägt worden und die sie mitgestaltet hat, betrachtet werden. Dazu gehört auch die • Zensur mit ihren Auswirkungen.

Waren es anfangs vor allem oft anonyme Pamphlete, die als besonders gefährdend, verleumderisch oder ehrverletzend in Wort und Bild galten, die ins Fadenkreuz der • Zensur gerieten, rückten im Zuge "der Entwicklung einer sich autonom verstehenden bürgerlichen Gesellschaft" und "der Herausbildung absolutistischer Züge in der Territorialherrschaft des 17./18. Jahrhunderts" noch weitere Momente des politischen und gesellschaftlichen Lebens in den Fokus der politischen Zensur: "Gesichtspunkte der Staatssicherheit, der Staatsräson und außenpolitische Rücksichten durch Landesherrn, die den Bereich ihrer Herrschaft [...] vor politischer Erörterung abschirmen wollten." ((Schefold 1981, S.291)

Im Laufe des 18. Jahrhunderts wurde die Zielrichtung der Zensur, die bis dahin immer mehr ausgeweitet worden war, diffuser und widersprüchlicher und die Zensur als Ganzes geriet mehr und mehr in die Kritik.

Allerdings gab es auch unter aufgeklärten Gelehrten einige, die die Zensur weiterhin verteidigten, weil sie der Ansicht waren, dass der "gemeine Mann", der sich immer mehr zu Wort meldete, dies mit Äußerungen tue, mit denen der Staat, die Gesellschaft, die Moral und die Religion geschädigt würden. 

So forderte auch »Johann Christoph Gottsched (1700-1766), um eine ihm unbequeme Richtung zurückzudrängen, die Zensur im Zusammenhang mit »Friedrich Gottfried Klopstocks (1724-1803) »Messias (1751-1756) zum Handeln auf: "In Wahrheit muss man sich sehr wundern, wie unsere Gottesgelehrten so still sitzen und nicht wahrnehmen, wie solche neue geistliche Lügende in diesen zu Freigeisterei und Religionsspötterei so geneigten Zeiten dem wahren Christentum schaden werde. Sie verfolgen mit löblichem Eifer die »Zinzendorfischen Schwärmereien ... und sehen nicht, daß in dieser neuen Epopoe [umfangreiche Erzählung (in Versform), d. Verf.] der Geist der Schwärmerei, nur auf schlauere und nicht so plumpe Art herrschet, aber eben deswegen noch desto schädlicher und ansteckender ist." (zit. n. Jørgensen/Bohnen/Øhrgard 1990, S.93)

Die Zensur versuchte allerdings nicht nur der Flut aufklärerischer Pamphlete Herr zu werden, sondern übte mit ihren Mitteln auch Einfluss auf die literarische Produktion i. e. S. und den immer größer werdenden literarischen Markt aus. (vgl. Kiesel/Münch 1977, S.104-123)

Prominente Fälle im Visier von Zensur und Obrigkeit: Lessing, Schubart, Wekhrlin und andere

Als der theologische Streit von • Gotthold Ephraim Lessing (1729-1781) mit dem Hamburger Hauptpastor »Johann Melchior Goeze (1717-1787)  (• Fragmentenstreit) über Grundfragen der lutherischen Orthodoxie immer weiter eskalierte und zugleich eine immer größere Publizität gewann, sprach der Landesherr »Karl I (1713-1780) Lessing die Zensurfreiheit ab, was einem Schreibverbot in theologischen Fragen gleichkam. Dass Lessing dies dann doch durch den Druck weiterer Schriften im deutschen "Ausland" umging und umgehen konnte, lag nicht zuletzt daran, dass das Schreibverbot offensichtlich gar nicht vom Herzog selbst, sondern von Mitgliedern des Geheimen Rats betrieben worden war. Zudem war der Herzog in dieser Zeit schon etwas kränklich und wohl mehr mit sich beschäftigt. Was aber wahrscheinlich den Ausschlag dafür gab, dass Lessing sich über das Verbot ohne große persönliche Risiken hinwegzusetzen wagte, war, dass der Erbprinz »Karl Wilhelm Ferdinand (1735-1806), der von Lessing einige Auszüge der Fragmente geliehen bekommen und wohl auch gelesen hatte, dieses Schreibverbot nicht für gutgeheißen hätte. In jedem Fall blieb die Zensur persönlich für Lessing ebenso mehr oder weniger folgenlos, wie für Goeze, die beide ihr Amt behalten durften. Dabei war sich Lessing aber immer im Klaren, "daß der König und der Adel nicht angegriffen werden durften, und daß die Toleranz Friedrichs II. in religiösen Fragen damit zusammenhing, daß er sie nicht für wichtig hielte oder die Kirche gern geschwächt sah". (Jørgensen/Bohnen/Øhrgard 1990, S.94) In einem • Brief an Christoph Friedrich Nicolai (1733 -1811) vom 25.8.1769 bringt er klar zum Ausdruck, dass man in Berlin nichts gegen "Aussaugung und Despotismus" sagen bzw. schreiben dürfe. Wer dies dennoch tue, werde schnell erfahren, "welches Land bis auf den heutigen Tag das sclavischste von Europa" sei.

Auch »Johann Wolfgang von Goethes (1749-1832) »Briefroman »Die Leiden des jungen Werthers (1774) wurde in einigen Teilen Deutschlands von der Zensur verboten, was aber im Endeffekt das "Werther-Fieber", insbesondere des weiblichen Lesepublikums wohl eher anfeuerte, denn löschte. Auch in diesem Fall hatte sich der Hamburger Pastor Johann Melchior Goetze lauthals mit der folgenden Äußerung zu Wort gemeldet , um die Zensur zum Einschreiten gegen den Skandalroman zu bewegen: "[Ein] Roman, welcher keinen andern Zweck hat, als das schändliche von dem Selbstmorde eines jungen Witzlings […] abzuwischen, und diese schwarze That als eine Handlung des Heroismus vorzuspiegeln […]. Welcher Jüngling kann eine solche verfluchungswürdige Schrift lesen, ohne ein Pestgeschwür davon in seiner Seele zurück zu behalten, welches gewis zu seiner Zeit aufbrechen wird. Und keine Censur hindert den Druck solcher Lockspeisen des Satans? […] Ewiger Gott! was für Zeiten hast du uns erleben lassen!" (Johann Melchior Goeze: Freywillige Beyträge zu den Hamburgischen Nachrichten aus dem Reiche der Gelehrsamkeit, 1775)

Auch der Verkauf von »Christoph Martin Wieland (1733-1813) zweibändiger »Geschichte des Agathon (1766/67) wurde durch das Eingreifen der Züricher und Wiener Zensurbehörden sehr beeinträchtigt. (vgl. Stephan 1989/1992, S.126)

Dass Landesherren mit Schriftstellern, die solche Grenzen überschritten und mit ihren Werken unverblümt Kritik an ihrer Herrschaft übten, willkürlich umgehen konnten, musste »Christian Daniel Friedrich Schubart (1739-1791), der "zeitlebens zwischen Republikanismus und Monarchismus, zwischen Rebellentum und Unterwürfigkeit (schwankte)" (Warneken 2020), aber ein entschiedener Gegner feudaler Willkürherrschaft war, unter Herzog »Carl Eugen von Württemberg (1728-1793) erfahren. Auch während seiner Tätigkeit als  als Organist und Musikdirektor an den württembergischen Hof in Ludwigsburg 1769 eckte er bei dem dortigen Adel und Klerus immer wieder wegen seines lockeren Lebenswandels, seines mangelnden Respekts sowie seiner scharfen Kritik an Aristokratie und Geistlichkeit an, so dass er nach vier Jahren  von Herzog Carl Eugen des Landes verwiesen wurde. In seinem Augsburger Exil begann er 1774 seine Zeitschrift Teutsche Chronik (Erstausgabe am 31. März), herauszugeben, in welcher vor allem gegen die Jesuiten polemisiert wurde. Doch die örtlichen Zensurbehörden des Augsburger Magistrats verboten den Druck und wiesen Schubart erneut aus, so dass er sich 1775 nach Ulm begab, um den Druck dort fortzusetzen. Weil er, um seine wegen seiner prassenden Hofhaltung chronisch leeren Kassen zu füllen, wie andere Fürsten auch daran ging, • Soldaten oft zwangsweise auszuheben und an ausländische Fürsten zu "vermieten" und dazu • brutal und groß angelegte Menschenjagden auf Bauern, kleine Handwerker und Tagelöhner durchführen ließ prangerte Schubart dies öffentlich an. Auch das so genannte Kap-Regiment mit mehreren Tausend Mann, das Carl Eugen noch 1786 zusammenstellte und im Auftrag der »Niederländischen Ostindien-Kompanie an die Südspitze Afrikas verkaufte, klagte Schubart mit seinem aus diesem Anlass gedichteten ▪ Kaplied (1787) an, das nicht nur in seiner Zeit zu den bekanntesten Volksliedern zählte, sondern auch heute noch immer wieder erwähnt wird und dafür sorgt, dass diese Ereignisse bis in unsere Zeit im kulturellen Gedächtnis bewahrt geblieben sind. Als er dann noch Carl Eugens »Mätresse »Franziska von Hohenheim (1748-1811) als "Lichtputze, die glimmt und stinkt" verspottete, lockte man ihn zwei Jahre später mit Hilfe eines Spitzels nach »Blaubeuren, um ihn auf württembergischem Territorium verhaften zu können Als man ihn im Februar 1777 auf der »Festung Hohenasperg in den Kerker warf, waren der Herzog und Franziska sogar zugegen, um sich zusätzlich persönlich Genugtuung für die ihm zugeschriebenen Beleidigungen zu verschaffen. Die langen Jahre seiner schweren Kerkerhaft – das erste Jahr verbringt er in Einzelhaft in einem dunklen Turmloch – konnten Schubart hingegen politisch nicht wirklich brechen. Mitte der 1780er Jahre lässt ihn Carl Eugen auf eine Intervention des preußischen Königs Friedrich Wilhelm II. nach zehn Jahren frei (die anhaltenden Bitten deutscher Schriftsteller und Wissenschaftler für eine Begnadigung hat er hingegen jahrlang ignoriert). Zugleich gibt er sich ihm gegenüber "sogar generös" (Warneken 2020):  Er macht ihn zu seinem Theaterdirektor und gibt ihm sogar die Erlaubnis, seine Zeitschrift Chronik wieder herauszugeben, lässt sie in der herzoglichen Druckerei drucken und verdient damit an der Zeitschrift mit. Unter solchen Umständen äußerte sich die Chronik naturgemäß etwas gemäßigter als in früheren Zeiten, wurde aber dennoch "kein regierungsfrommes Blatt". (ebd.)

Auch Johann Wolfgang von Goethes Briefroman Die Leiden des jungen Werthers wurde in einigen Teilen Deutschlands von der Zensur verboten, was aber im Endeffekt das "Werther-Fieber", insbesondere des weiblichen Lesepublikums wohl eher anfeuerte, denn löschte.

Der Schriftsteller und Journalist Wilhelm Ludwig Wekhrlin (1739-1792) brachte in »Wien, um die Zensur auf Druckerzeugnisse zu umgehen, handschriftliche Zeitungen in Umlauf, in denen er im Stil des Boulevardjournalismus Anekdoten aus dem Kaiserhaus, Pikanterien und Hofklatsch verbreitete.  Sein langjähriger Kampf mit der Zensur, verschiedenen reichstädtischen republikanischen Obrigkeiten und Teilen der Öffentlichkeit zeigt, in welch schwierigem Umfeld kritische Geister der Zeit, die sich den Mund nicht verbieten lassen wollten, zu agieren und zu leben hatten.

Zu den finanziellen Einbußen, die das Verbot eines Buches zwangsläufig für die Autoren und die Verleger mit sich brachten, kam ein weiteres Problem hinzu: die Selbstzensur, zu der Autoren übergingen, um der obrigkeitsstaatlichen, ihre materielle Existenz bedrohenden Zensur zu entgehen. Etliche von ihnen sparten daher "anstößige Stellen oder ganze als gefährlich eingeschätzte Gedankengänge und Argumentationsweisen vorsichtshalber aus und nahmen die öffentliche Zensur damit vorweg. Zum Teil nahmen sie auch Zuflucht zur anonymen Veröffentlichung ihrer Schriften." (Stephan 1989/1992, S.126)

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Lesen im 18. Jahrhundert

Gert Egle, zuletzt bearbeitet am: 11.08.2025

 
 

 
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