Waren es anfangs vor allem
oft anonyme Pamphlete, die als besonders gefährdend, verleumderisch oder
ehrverletzend in Wort und Bild galten, die ins Fadenkreuz der •
Zensur
gerieten, rückten im Zuge "der Entwicklung einer sich autonom verstehenden
bürgerlichen Gesellschaft" und "der Herausbildung absolutistischer Züge in
der Territorialherrschaft des 17./18. Jahrhunderts" noch weitere Momente des
politischen und gesellschaftlichen Lebens in den Fokus der politischen
Zensur: "Gesichtspunkte der Staatssicherheit, der Staatsräson und
außenpolitische Rücksichten durch Landesherrn, die den Bereich ihrer
Herrschaft [...] vor politischer Erörterung abschirmen wollten." ((Schefold
1981, S.291)
Im Laufe des 18.
Jahrhunderts wurde die Zielrichtung der Zensur, die bis dahin immer mehr
ausgeweitet worden war, diffuser und widersprüchlicher und die Zensur als
Ganzes geriet mehr und mehr in die Kritik.
Allerdings gab es auch
unter aufgeklärten Gelehrten einige, die die Zensur weiterhin verteidigten,
weil sie der Ansicht waren, dass der "gemeine Mann", der sich immer mehr zu
Wort meldete, dies mit Äußerungen tue, mit denen der Staat, die
Gesellschaft, die Moral und die Religion geschädigt würden.
So forderte auch »Johann
Christoph Gottsched (1700-1766), um eine ihm unbequeme Richtung
zurückzudrängen, die Zensur im Zusammenhang mit »Friedrich
Gottfried Klopstocks (1724-1803) »Messias
(1751-1756) zum Handeln auf: "In Wahrheit muss man sich sehr
wundern, wie unsere Gottesgelehrten so still sitzen und nicht wahrnehmen,
wie solche neue geistliche Lügende in diesen zu Freigeisterei und
Religionsspötterei so geneigten Zeiten dem wahren Christentum schaden werde.
Sie verfolgen mit löblichem Eifer die »Zinzendorfischen
Schwärmereien ... und sehen nicht, daß in dieser neuen Epopoe [umfangreiche
Erzählung (in Versform), d. Verf.] der Geist der Schwärmerei, nur auf
schlauere und nicht so plumpe Art herrschet, aber eben deswegen noch desto
schädlicher und ansteckender ist." (zit. n.
Jørgensen/Bohnen/Øhrgard 1990, S.93)
Die Zensur versuchte
allerdings nicht nur der Flut aufklärerischer Pamphlete Herr zu werden,
sondern übte mit ihren Mitteln auch Einfluss auf die literarische Produktion
i. e. S. und den immer größer werdenden literarischen Markt aus. (vgl.
Kiesel/Münch 1977, S.104-123)
Als der theologische Streit
von • Gotthold Ephraim Lessing
(1729-1781) mit dem Hamburger Hauptpastor »Johann
Melchior Goeze (1717-1787) (•
Fragmentenstreit) über Grundfragen der lutherischen Orthodoxie immer
weiter eskalierte und zugleich eine immer größere Publizität gewann, sprach
der Landesherr »Karl
I (1713-1780) Lessing die Zensurfreiheit ab, was einem Schreibverbot in
theologischen Fragen gleichkam. Dass Lessing dies dann doch durch den Druck
weiterer Schriften im deutschen "Ausland" umging und umgehen konnte, lag
nicht zuletzt daran, dass das Schreibverbot offensichtlich gar nicht vom
Herzog selbst, sondern von Mitgliedern des Geheimen Rats betrieben worden
war. Zudem war der Herzog in dieser Zeit schon etwas kränklich und wohl mehr
mit sich beschäftigt. Was aber wahrscheinlich den Ausschlag dafür gab, dass
Lessing sich über das Verbot ohne große persönliche Risiken hinwegzusetzen
wagte, war, dass der Erbprinz »Karl
Wilhelm Ferdinand (1735-1806), der von Lessing einige Auszüge der
Fragmente geliehen bekommen und wohl auch gelesen hatte, dieses
Schreibverbot nicht für gutgeheißen hätte. In jedem Fall blieb die Zensur
persönlich für Lessing ebenso mehr oder weniger folgenlos, wie für Goeze,
die beide ihr Amt behalten durften. Dabei war sich Lessing aber immer im
Klaren, "daß der König und der Adel nicht angegriffen werden durften, und
daß die Toleranz Friedrichs II. in religiösen Fragen damit zusammenhing, daß
er sie nicht für wichtig hielte oder die Kirche gern geschwächt sah". (Jørgensen/Bohnen/Øhrgard
1990, S.94) In einem •
Brief an Christoph Friedrich Nicolai (1733 -1811) vom
25.8.1769
bringt er klar zum Ausdruck, dass man in Berlin nichts gegen "Aussaugung und
Despotismus" sagen bzw. schreiben dürfe. Wer dies dennoch tue, werde schnell
erfahren, "welches Land bis auf den heutigen Tag das sclavischste von
Europa" sei.
Auch »Johann
Wolfgang von Goethes (1749-1832) »Briefroman
»Die
Leiden des jungen Werthers (1774) wurde in einigen Teilen Deutschlands
von der Zensur verboten, was aber im Endeffekt das "Werther-Fieber",
insbesondere des weiblichen Lesepublikums wohl eher anfeuerte, denn löschte.
Auch in diesem Fall hatte sich der Hamburger Pastor Johann Melchior Goetze
lauthals mit der folgenden Äußerung zu Wort gemeldet , um die Zensur zum
Einschreiten gegen den Skandalroman zu bewegen: "[Ein] Roman, welcher keinen
andern Zweck hat, als das schändliche von dem Selbstmorde eines jungen
Witzlings […] abzuwischen, und diese schwarze That als eine Handlung des
Heroismus vorzuspiegeln […]. Welcher Jüngling kann eine solche
verfluchungswürdige Schrift lesen, ohne ein Pestgeschwür davon in seiner
Seele zurück zu behalten, welches gewis zu seiner Zeit aufbrechen wird. Und
keine Censur hindert den Druck solcher Lockspeisen des Satans? […] Ewiger
Gott! was für Zeiten hast du uns erleben lassen!" (Johann Melchior Goeze:
Freywillige Beyträge zu den Hamburgischen Nachrichten aus dem Reiche der
Gelehrsamkeit, 1775)
Auch der Verkauf von »Christoph
Martin Wieland (1733-1813) zweibändiger »Geschichte
des Agathon (1766/67) wurde durch das Eingreifen der Züricher und Wiener
Zensurbehörden sehr beeinträchtigt. (vgl.
Stephan 1989/1992,
S.126)
Dass Landesherren mit
Schriftstellern, die solche Grenzen überschritten und mit ihren Werken
unverblümt Kritik an ihrer Herrschaft übten, willkürlich umgehen konnten,
musste
»Christian Daniel Friedrich Schubart (1739-1791), der "zeitlebens
zwischen Republikanismus und Monarchismus, zwischen Rebellentum und
Unterwürfigkeit (schwankte)" (Warneken
2020), aber ein entschiedener Gegner feudaler Willkürherrschaft war,
unter Herzog
»Carl
Eugen von Württemberg (1728-1793) erfahren. Auch während seiner
Tätigkeit als als Organist und Musikdirektor an den württembergischen
Hof in Ludwigsburg 1769 eckte er bei dem dortigen Adel und Klerus immer
wieder wegen seines lockeren Lebenswandels, seines mangelnden Respekts sowie
seiner scharfen Kritik an Aristokratie und Geistlichkeit an, so dass er nach
vier Jahren von Herzog Carl Eugen des Landes verwiesen wurde. In
seinem Augsburger Exil begann er 1774 seine Zeitschrift Teutsche Chronik
(Erstausgabe am 31. März), herauszugeben, in welcher vor allem gegen die
Jesuiten polemisiert wurde. Doch die örtlichen Zensurbehörden des Augsburger
Magistrats verboten den Druck und wiesen Schubart erneut aus, so dass er
sich 1775 nach Ulm begab, um den Druck dort fortzusetzen. Weil er, um seine
wegen seiner prassenden Hofhaltung chronisch leeren Kassen zu füllen, wie
andere Fürsten auch daran ging, •
Soldaten oft zwangsweise auszuheben und an ausländische Fürsten zu
"vermieten" und dazu •
brutal und groß angelegte Menschenjagden auf Bauern, kleine Handwerker
und Tagelöhner durchführen ließ prangerte Schubart dies öffentlich an. Auch
das so genannte
Kap-Regiment mit mehreren Tausend Mann, das Carl Eugen noch 1786
zusammenstellte und im Auftrag der »Niederländischen
Ostindien-Kompanie an die Südspitze Afrikas verkaufte, klagte Schubart
mit seinem aus diesem Anlass gedichteten ▪
Kaplied (1787) an, das nicht nur in seiner Zeit zu den
bekanntesten Volksliedern zählte, sondern auch heute noch immer wieder
erwähnt wird und dafür sorgt, dass diese Ereignisse bis in unsere Zeit im
kulturellen Gedächtnis bewahrt geblieben sind. Als er dann noch Carl Eugens
»Mätresse
»Franziska
von Hohenheim (1748-1811) als "Lichtputze, die glimmt und stinkt"
verspottete, lockte man ihn zwei Jahre später mit Hilfe eines Spitzels nach
»Blaubeuren,
um ihn auf württembergischem Territorium verhaften zu können Als man ihn im
Februar 1777 auf der »Festung
Hohenasperg in den Kerker warf, waren der Herzog und Franziska sogar
zugegen, um sich zusätzlich persönlich Genugtuung für die ihm
zugeschriebenen Beleidigungen zu verschaffen. Die langen Jahre seiner
schweren Kerkerhaft – das erste Jahr verbringt er in Einzelhaft in einem
dunklen Turmloch – konnten Schubart hingegen politisch nicht wirklich
brechen. Mitte der 1780er Jahre lässt ihn Carl Eugen auf eine Intervention
des preußischen Königs Friedrich Wilhelm II. nach zehn Jahren frei (die
anhaltenden Bitten deutscher Schriftsteller und Wissenschaftler für eine
Begnadigung hat er hingegen jahrlang ignoriert). Zugleich gibt er sich ihm
gegenüber "sogar generös" (Warneken
2020): Er macht ihn zu seinem Theaterdirektor und gibt ihm sogar
die Erlaubnis, seine Zeitschrift Chronik wieder herauszugeben, lässt
sie in der herzoglichen Druckerei drucken und verdient damit an der
Zeitschrift mit. Unter solchen Umständen äußerte sich die Chronik naturgemäß
etwas gemäßigter als in früheren Zeiten, wurde aber dennoch "kein
regierungsfrommes Blatt". (ebd.)
Auch Johann Wolfgang von
Goethes Briefroman Die Leiden des jungen Werthers wurde in einigen Teilen
Deutschlands von der Zensur verboten, was aber im Endeffekt das
"Werther-Fieber", insbesondere des weiblichen Lesepublikums wohl eher
anfeuerte, denn löschte.
Der Schriftsteller und
Journalist • Wilhelm Ludwig Wekhrlin
(1739-1792) brachte in »Wien,
um die Zensur auf Druckerzeugnisse zu umgehen, handschriftliche Zeitungen in
Umlauf, in denen er im Stil des
Boulevardjournalismus Anekdoten aus dem Kaiserhaus, Pikanterien und
Hofklatsch verbreitete. Sein langjähriger Kampf mit der Zensur,
verschiedenen reichstädtischen republikanischen Obrigkeiten und Teilen der
Öffentlichkeit zeigt, in welch schwierigem Umfeld kritische Geister der
Zeit, die sich den Mund nicht verbieten lassen wollten, zu agieren und zu
leben hatten.
Zu den finanziellen
Einbußen, die das Verbot eines Buches zwangsläufig für die Autoren und die
Verleger mit sich brachten, kam ein weiteres Problem hinzu: die
Selbstzensur, zu der Autoren übergingen, um
der obrigkeitsstaatlichen, ihre materielle Existenz bedrohenden Zensur zu
entgehen. Etliche von ihnen sparten daher "anstößige Stellen oder ganze als
gefährlich eingeschätzte Gedankengänge und Argumentationsweisen
vorsichtshalber aus und nahmen die öffentliche Zensur damit vorweg. Zum Teil
nahmen sie auch Zuflucht zur anonymen Veröffentlichung ihrer Schriften." (Stephan
1989/1992, S.126)