Für eine
gewisse Zeit lang verringerte sich der • Zensurdruck,
der auf die Publizisten, Autoren und Verleger auch während der
•
Literaturepoche
des • Aufklärung
(1720-1785) ausgeübt worden war und deren • gesellschaftliche, politische und
kulturelle Rahmenbedingungen maßgeblich beeinflusst hat.
Dass es zu einer gewissen
Atempause in der Zensur kam, lag unter anderem daran, dass
sich in den Staatswesen, die sich zur Aufklärung bekannten, wie z. B.
Preußen unter »Friedrich
II. (1712-1786) oder Österreich unter »Joseph
II. (1741-1790) die bis dahin geltenden Legitimationsstrategien für die
Ausübung der Zensur nicht mehr so ohne weiteres vertreten ließen.
So
entstand eine Zeitlang ein gewisser Freiraum, der noch dadurch erweitert
wurde, dass die Zensur oft "allzu leicht zu umgehen war, sei es mit Hilfe
von Verlagen in weniger strikt orientierten Reisstädten und Territorien, sei
es auf dem Umweg über das Ausland, zumal Großbritannien seit der »Glorious
Revolution (1688/89) (und damit Hannover) keine Zensur mehr kannte." (Schefold
1981,
S.294)
In der unmittelbaren Zeit
vor der Französischen Revolution kursierten dann unzählige, meist anonym
verfasste, aufklärerische Flugschriften, in denen das Recht auf freie
Meinungsäußerung gefordert wurde, wie es als unveräußerliches Recht in den »amerikanisch
(1776) und später in die »französische
Menschenrechtserklärung (1789) eingegangen war.
Die Freiräume für drei
Meinungsäußerung, die sich für eine kurze Zeit zeigten, waren indessen nicht
von langer Dauer. Nach Beginn der Französischen Revolution 1789 und in ihrem
weiteren Verlauf kam es wegen der grassierenden Revolutionsangst in
deutschen Landen "zu einer massiven Verschärfung der Zensur, die wie eine
Vorwegnahme der Zensurmaßnahmen der Vormärzzeit
anmutet." (Stephan
1989/1992, S.126)
Bald schon kehrte man u. a. auch in Preußen zur Zensur
zurück, ohne dass damit die Rufe nach bürgerlichen Freiheiten zum Verstummen
gebracht werden konnten. Ab 1790 galt jedenfalls für das Reich, dass keine
Schriften geduldet werden sollten, durch die »der Umsturz der gegenwärtigen
Verfassung oder die Störung der öffentlichen Ruhe befördert wird«. Auch wenn
sich solche Zensurmaßnahmen vor allem gegen das politische Tagesschrifttum
richteten, zielten sie im Kern auf alle staats- und religionsgefährdenden
Schriften. (vgl. Schefold
1981, S.295)
Dennoch: Insgesamt gesehen
blieb die Zensur bis dahin weitgehend ineffektiv, zumal das Verbot zum Druck
eines Buchs oder seiner Verbreitung in einem oder mehreren
Territorialstaaten oder Reichsstädten eben nicht bedeutete, dass das Buch
nirgendwo erscheinen konnte. Das drückte auch der bekannte deutsche
Buchhändler »Friedrich
Christoph Perthes (1772-1843) aus: "Deutschland hatte immer die
vollständige Preßfreiheit, der Sache und der That nach, denn was in Preußen
nicht gedruckt werden durfte, das durfte in Württemberg, was in Hamburg
nicht, zehn Schritte davon in Altona. Kein Buch blieb ungedruckt, keines
unverbreitet." (zit. n.
Kiesel/Münch 1977, S.118)
In den »Befreiungskriegen
(1813-1815)
gegen »Napoleon
Bonaparte
(1769-1821) und danach lockerten einige deutsche Staaten, insbesondere im
Südwesten eine Zeitlang ihre Zensurgesetze bzw. milderten ihre Handhabung,
behielten sich aber ihre Wiedereinführung vor. Allerdings war für freie
Meinungsäußerung im »Metternichschen System der Restauration nach den
Befreiungskriegen kein Platz mehr. Das Attentat auf »Carl
Ludwig Sand (1795-1820) war dabei nur der
willkommene Anlass um mit den »Karlsbader Beschlüssen vom 20.9.1819 das
geistige, künstlerische und politische Leben abzuwürgen und mit schärfsten
Zensur- und Verfolgungsmaßnahmen gegen politische Gegner vorzugehen.
Ohne
jede Prüfungsmaßstäbe offen zu legen, wurde die "publizistische
Meinungsfreiheit durch die generelle Genehmigungspflicht (=Zensur) für alle
Schriften von bis zu zwanzig Druckbogen Umfang" (Schefold
1981,
S.296) eingeführt. Die verhängten Zensurmaßnahmen schufen dabei eine neue
Qualität. Sie stellten nämlich eine Regelung dar, wodurch "(die Zensur) gerade unter den
Bedingungen erwachten Bewußtseins literarischer und politischer
Öffentlichkeit (...) erstmals zu einem System verschärft wurde, das im
ganzen Deutschen Bund auch tatsächlich uneingeschränkte Geltung durchsetzen
konnte." (ebd.,
S.297) Im Vormärz jedenfalls gab es eine Zensur, die in Deutschland seitdem
seinesgleichen suchte und dessen Folgen besonders für den Markt der
Zeitungen und Zeitschriften, von denen viele ihr Erscheinen einstellten oder
einstellen mussten, verheerend war.
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Lesen im 18. Jahrhundert
Gert Egle, zuletzt bearbeitet am:
11.08.2025