Der
Schriftsteller und Journalist
»Wilhelm
Ludwig Wekhrlin (1739-1792), Sohn eines Pfarrers aus Bottlang, ist ein
gutes Beispiel, wie ein kritischer Geist in •
Literaturepoche
des • Aufklärung
(1720-1785) unter den damaligen •
gesellschaftlichen, politischen und kulturellen Rahmenbedingungen mit
seinem bissigen Spott und seiner Satire zu verschiedenen Themen immer wieder
mit der Zensur, der Obrigkeit und Teilen der Öffentlichkeit kämpfen musste,
weil er sich den Mund nicht verbieten lassen wollte.
Wekhrlin arbeitete von 1757 bis 1766 als Gehilfe eines Schreibers in
Ludwigsburg. Anschließend zog er nach »Wien,
wo er u. s. als Schreiber und Mitarbeiter des französischen Botschafters
beschäftigt war. 1772 übernahm er die Redaktion des Wiener Diariums, einer
zweimal wöchentlich erscheinenden Zeitung, die dem Herrscherhaus nahe stand.
Zusätzlich brachte er in »Wien,
um die Zensur auf Druckerzeugnisse zu umgehen, handschriftliche Zeitungen in
Umlauf, in denen er im Stil des
Boulevardjournalismus Anekdoten aus dem Kaiserhaus, Pikanterien und
Hofklatsch verbreitete. Dass ihm die "höfische Steifheit und
pedantische Etiquette des Adels" (Ebeling
1869, S.8) in Wien ein Dorn im Auge war, macht er in einem
Brief an einen Freund aus dieser Zeit deutlich, in dem es u. a. heißt: "Der
Adel taugte zu nichts als bei feierlichen Gelegenheiten Espaliers [Spaliers.
d. Verf. ] von Perücken zu machen. Der dickste Bauch und das reichste Kleid
waren das hauptsächliche Verdienst. es war ganz die Zeit der spanischen
Etiquette, das ist die Zeit der Unwissenheit, des Hochmuths, der Steifheit,
der Barbarei. Niemand frug nach Kenntnissen, nach Geschmack, nach Witz, nach
Büchern. Die Großen flohen die Pedanterei, worunter sie die Wissenschaft
verstanden, und ohne von etwas Wissenschaft zu haben, waren sie selbst die
größten Pedanten. Die Materie der Gesellschaft bestand in Hofneuigketien,
Predigten, Gesandteneinzügen., Prozessionen und Spiel. Zwar fehlte es auch
nicht an Leuten, welche sich zum öffentlichen Dienst im Pantheon Minervens
stellten, um Volkslehrer, Geschmacksrichter und Schriftsteller zu spielen,
aber ihre Zahl ist nicht nur gering sondern auch matt. Einige wenige
ausgenommen blieb ein Gezücht von albernen Zungendreschern, Klopffechtern
und Luftspringern übrig; Volkslehrerin denen es sehr an Kopf und noch mehr
an Herz fehlte." (ebd.,
S.9f.)
Allerdings schützte diese subversive Strategie Wekhrlin nicht: Nachdem er als Urheber dieser
Werke ermittelt war, wurde er 1773 aus den habsburgischen Erblanden
ausgewiesen. Im Frühjahr 1776 siedelte Wekhrlin nach »Augsburg
über. Dort erschien mit den Denkwürdigkeiten von Wien die erste satirische
Reisebeschreibung des Aufklärers, was im Frühjahr 1777 zu seiner Ausweisung
aus der Stadt führte. In »Nördlingen
machte er sich mit seinem Verleger Karl Gottlob Beck an die Herausgabe einer
weiteren Reisebeschreibung mit dem Titel
Anselmus Rabiosus
Reise nach Oberdeutschland und der zweimal wöchentlich erscheinenden
Zeitung Das Felleisen, benannt nach der
ledernen Reisetasche von Postboten. Anselmus
Rabiosius Reise war 152 Seiten lang, erschien 1778 erstmals in
Nördlingen. In den Augen des »Augsburger
Magistrats war es eine Pasquille, eine "Schand- und Schmähschrift", so dass
er "die Confiscation darüber verhängte und den Verleger Beck in Nördlingen
zur Auslieferung aller noch vorräthigen Exemplare gegen mäßige Entschädigung
nöthigte" (ebd.,S.14)
Das Aufsehen, die dieses Vorgehen erregte und die öffentlich inszenierte
Empörung das Werk, war wie so oft, wenn die Zensur gegen bestimmte Werke
vorging, im Grunde Werbung für das Druckerzeugnis. Schon im gleichen Jahr
wurde der Text in Nürnberg nachgedruckt.
Im Felleisen vom 19.5.1778
drückte Wekhrlin sein neues meinungsbildendes, journalistisches
Selbstverständnis wie folgt aus: "In so fern ein Zeitungsschreiber der Spion
der Publici ist, so ist er nicht nur verbunden, demselben von allen
merkwürdigen Vorfällen Nachricht zu geben, sondern es auch vor den falschen
Begriffen zu warnen, die ihm die Corruption der Schriftsteller unseres
Jahrhunderts über die Auftritte, so sich unter seine Augen stellen,
beygebracht werden können." (zit. n.
Wilke 2020) Aus
diesem Grunde enthielt Das Felleisen nicht lose aneinander gereihte
Nachrichten, sondern vor allem umfangreichere, zusammenhängende Berichte (z.
B. über den Unabhängigkeitskrieg der britischen Kolonien in Amerika), die er
mit seinen eigenen Reflexionen kommentierte.
Da es allerdings nach
vergleichsweise kurzer Zeit zu Zerwürfnissen zwischen ihm und seinem
Verleger über Inhalte und den weiteren Kurs der Zeitung kam, wurde das
Zeitungsprojekt nach einer juristischen Auseinandersetzung wieder
eingestellt. Nachdem er wegen privater Streitereien mit dem Nördlinger
Bürgermeister auch dort ausgewiesen wurde, zog er in das nahe gelegene Dorf
»Baldingen
um, das zum Herrschaftsbereich des reformfreudigen Fürsten von
Oettingen-Wallerstein,
Kraft Ernst Fürst zu Oettingen-Oettingen und Oettingen-Wallerstein
(1748-1802), gehörte. Dieser war ihm zunächst offenbar durchaus
wohlgesinnt. Über ein Jahrzehnt lang gab Wekhrlin von Baldingen aus vier eigene
Zeitschriften heraus und "(schrieb) mit kritischem Freimut (...) gegen
Hexenwahn und Folter, Machtmissbrauch und Korruption an, kämpfte für
Glaubensfreiheit, Gerechtigkeit und sozialen Ausgleich." (Wilke
2020) Allerdings ließ ihn auch sein persönliches "unheilbares
Ressentiment" (Mondot
2008, S.59), das er weiterhin gegen den Nördlinger Bürgermeister Georg
Christian von Tröltsch hegte, nicht zur Ruhe kommen und beeinflusste seine
politischen Einstellungen, denn "sein Hass blieb [...] nicht allein beim
Nördlinger Bürgermeister haften, er umfasste bald die republikanische
Staatsform. So wurde aus ihm ein dezidierter unbelehrbarer Feind jedes
reichsstädtischen republikanischen Regiments. Diese Feindschaft führte zu
dem zehnjährigen hartnäckigen Kleinkrieg, der 1786/87 seinen Höhepunkt mit
Wekhrlins Verhaftung
erreichte." (ebd.)
In Baldingen entstand auch seine
erste politisch-historische Zeitschrift, eine politisch-historische
Zeitschrift mit dem Titel Chronologen (1779-1783), die nach sechs
Jahren von der Zeitschrift Das Graue Ungeheur (1784-1787) abgelöst
wurde, zu deren Mitarbeitern unter anderem »Georg
Christoph Lichtenberg (1742-1799) und »Gottfried
August Bürger (1747-1794) zählten. Weil Wekhrlin von Baldingen aus
Streit- und Spottschriften gegen den Bürgermeister von Nördlingen, die er
zumindest teilweise in Straßburg drucken und "in einzelnen Packeten durch
die Post die an die Bürgerschaft versenden" (Ebeling
1869, S.35) ließ (z. B. Das Bürgermeisteramt des Harlekin und Die
affentheurliche Historia des lächerlichen Pritschenmeisters und Erzgauklers
Pips von Hasenfuß), forderte der Rat der Stadt in einem Brief an den
Fürsten von Oettingen-Wallerstein die sofortige Auslieferung Wekhrlins.
Der
eigentliche Anlass dafür dürfte allerdings gewesen sein, dass Wekhrlin die
religiöse Intoleranz des protestantischen Nördlingen kritisierte, das seinen
katholischen Einwohnern nur wochentags, aber nicht sonntags das Abhalten
von Gottesdiensten untersagt. In jedem Fall zeigte sich an Wekhrlins Fehde
mit dem Nördlinger Bürgermeister, dass insbesondere die republikanischen
Instanzen solcher Stadtrepubliken eine "regelrechte Öffentlichkeitsscheu" (Mondot
2008, S.62) an den Tag legten. Die republikanische Obrigkeit ließ zwar
Kritik durchaus zu, duldete aber "den Widerspruch nicht, vor allem, wenn sie
öffentlich artikuliert" (ebd.)
Mit der "Geheimnispflege" (ebd.),
wie sie in monarchischen Regierungsformen üblich war, hatten solche
intoleranten "Überreaktionen" (ebd.),
die wohl "aus einem jeder Autorität innewohnenden Machtgefühl" (ebd.)
herrührten, wenig gemeinsam.
Am
4. Mai 1787 wurde Wekhrlin verhaftet
und
auf die »Burg
Hochhaus, die der Fürst als Verwaltungsgebäude nutzte, gebracht. Einem
Auslieferungsgesuch Nördlingens kam der Fürst nicht nach. Dort
war Wekhrlin bis 1792 ohne Gerichtsprozess inhaftiert, zuletzt allerdings unter
sehr milden Haftbedingungen. So durfte er die Bibliothek des Fürsten Oetttingen-Wallerstein nutzen und erhielt sogar Hafturlaub für kleinere
Reisen. (vgl.
Jørgensen/Bohnen/Øhrgard 1990, S.94),
die ihn 1789 für einige Wochen in das revolutionäre Frankreich führten.
Alles in allem wurde er auf Schloss Hochhaus "nicht [...] wie ein
Gefangener, sondern als längstersehnter Gast [...] behandelt. Vier Jahre
verlebte er im Wesentlichen dort unter schriftstellerischen Arbeiten, in
vertrautem Umgange mit dem Fürsten und einigen aufgeklärten und ihm von
jeher wohlgesinnten Männern". (Ebeling
1869, S.40) All dies ermöglichte ihm die Weiterarbeit an seinen
Zeitschriften. Daher konnte er auch während seiner Haft die letzten vier
Hefte des Grauen Ungeheurs fertig stellen. Dann verlegte er sich mit
der Zeitschrift Hyperboreische Briefe (1788-1790), die von der
Zeitschrift Paragrafen abgelöst wurde, auf philosophische
Betrachtungen.
Gegen den Rat des Fürsten von Oettingen-Wallerstein, der ihn
1792 aus der Haft auf Hochhaus entließ, und seiner Freunde, stellte er sich,
nachdem 1791 die beiden Fürstentümer
»Ansbach und
»Bayreuth
an
»Preußen
übergegangen waren, bei dem preußischen Minister
»Karl
August von Hardenberg (1750-1822) vor, um die Erlaubnis zu erhalten,
eine rein politische Zeitung herauszugeben. (ebd., S.41) Dieser
ermächtigte ihn zur Umsetzung seines Zeitungsprojekts.
Mit Unterstützung
seines Ansbacher Verlegers unternahm er seine dritte Reise nach Straßburg
und Paris ins revolutionäre Frankreich. Im Juli 1792 brachte er die erste
Ausgabe der Ansbachischen Blätter heraus, die zweimal wöchentlich
erschien, aber schon im Oktober 1792 mit der 34. Ausgabe eingestellt wurde.
(ebd.,
S.42)
Die Zeitung machte den Versuch, bei aller Parteinahme für Preußen und
gegen die französischen Revolutionäre ausgewogen zu berichten. Das entsprach
letzten Endes auch den politischen Überzeugungen Wekhrlins, der bei aller
Schärfe seiner Kritik an bestimmten Zuständen kein Anhänger radikaler
politischer Theorien war. Stattdessen bekannte er "sich ganz und gar zu dem,
was man unter Real-Politik versteht "(
ebd.,
S.64): "Im Codex der Staatskunst ist ihm das erste Argument die
Nothwendigkeit auf der Grundlage der vorhandenen Zustände, das zweite die
Convenienz [die von gewissen Verhältnissen und zu berücksichtigenden
Umständen bedingte Angemessenheit, d. Verf.] Von diesen Gesichtspunkten aus
lobt er an den Regierungen, was zu loben, tadelt er, was zu tadeln ist." (
ebd.,
S.65) Die reine Demokratie ist seiner Ansicht nach "Pöbelherrschaft", da der
Pöbel entweder überhaupt nicht denke oder wenn, dann eben das Falsche. So
"schenke er seine Bewunderung nur dem, was seinen Neigungen, seiner
Geldgier, seinen Lastern schmeichle, und verwechsle beständig das
Außerordentlich mit dem Großen und Weisen. Die schlechteste und
lasterhafteste aller Staatsformen ist Wekhrlin die demokratische Republik,
wo die Plutokraten, die reich gewordenen Gerber, Bierbrauer und Speculanten,
ehrsüchtige und halsabschneiderische Advocaten, Gevatter Schneider,
Seifensieder und Handschuhmacher und dergleichen »Gesindel« die Winkelkönige
spielten. »Alle diese Leute sind überzeugt, daß man wieder Schuster noch
Apotheker sein könne, ohne das Handwerk erlernt zu haben; aber zum Regieren
– der Kunst aller Künste – hält sich jeder Spießbürger fähig.« [...] Das
rein demokratische System sei mit einem Worte »Canaillokratie«." (ebd.,
S.66) Eine erbliche Monarchie, die Glaubens-, Denk-, Rede- und
Pressefreiheit gewährte, erschien ihm als beste Staatsform. (
ebd.,
S.74) Dementsprechend negativ kamen bei ihm alle Ereignisse weg, die
historisch einen Weg in diese Richtung beschritten haben wie z. B. die
amerikanische Unabhängigkeitsbewegung der englischen Kolonien. Zwar
erwartete er "von der französischen Revolution die segensreichsten Folgen
für die gesammte civilisierte Menschheit" (ebd.,
S.68), meldete sich aber auch als Verteidiger des Adelsstandes und des
Klerus bzw. der Religion zu Wort. (ebd.,
S.70) Und: Mit seinen antisemitischen Ausfällen bediente er die in seiner
Gesellschaft tief verwurzelte Vorurteile.(ebd.,S.73)
Dennoch betrachteten die
Ansbacher Wekhrlin als "Franzosenfreund". Als immer neue Nachrichten vom
Eindringen des Revolutionsheeres nach Deutschland Ansbach erreichten,
Hardenberg wegen anderer Verpflichtungen seine schützende Hand nicht über
ihn halten konnte, nutzen seine Gegner die Gelegenheit, um gegen ihn Front
zu machen. So verbreiteten sie das "lächerliche Gerücht, die Franzosen seien
im Anmarsch, Wekhrlin, ein geheimer Jacobiner, habe die Stadt verrathen. Der
aufgewiegelte Pöbel rottete sich zusammen, der Verdächtige, kaum vor
Mißhandlungen zu schützen, erhielt Stubenarrest, und alle seine Papier
wurden in Beschlag genommen, um der strengsten Untersuchung als Unterlage zu
dienen" (
ebd.,
S.42). Diese erwies sich allerdings als vollkommen gegenstandlos. Nervlich
zerrüttet, brach Wekhrlin am 24. November 1792 zusammen und starb kurz
darauf im Alter von 53 Jahren. Unter großer Anteilnahme der Ansbacher
Bevölkerung fand seine Beisetzung statt, deren Kosten Fürst Hardenberg, der
selbst daran teilnahm, übernommen hatte. Hardenberg stiftete ihm auch seinen
Grabstein und »Fürst
Kraft Ernst Karl Fürst zu Oettingen-Oettingen und Oettingen-Wallerstein
(1791-1870) errichtete zur Erinnerung an ihn eine Bildsäule im Park zu
Hochhaus. (ebd.)
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Gert Egle, zuletzt bearbeitet am:
11.08.2025