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Semantische Netzwerke

Überblick


PSYCHOLOGIE
Glossar Entwicklungspsychologie Persönlichkeitspsychologie Kognitionspsychologie
Überblick Hauptbereiche Wissensrepräsentation ÜberblickAlltagstheorien über unser Wissen Philosophische Ansätze   Konzeptuelles Wissen Überblick  Konzepte und Kategorien (Terminologie) Klassischer AnsatzDie Idee der Familienähnlichkeit Prototypenansatz (Typikalität)Exemplarsansatz (Exemplartheorie) [ Semantische NetzwerkeÜberblick Hierarchische Netzwerkarchitektur (Collins/Quillian, 1969)Erfahrungsbasierte Netzwerkarchitektur (Collins/Loftus, 1975) ▪ Propositionale Repräsentationen ] SchemataPerzeptuelle Symbolsysteme ACT-R-Theorie Embodiment Gedächtnis Sprachproduktion und Sprachverstehen Lernpsychologie Emotionspsychologie Motivationspsychologie Kommunikationspsychologie Wahrnehmungspsychologie
 

YouTube-Video: Was sind Semantische Netzwerke? -  Psychologie mit Prof. Erb (8:26)

Was Wissen eigentlich ist, wie es in unserem Gedächtnis gespeichert wird und welche Mechanismen dafür sorgen, dass uns dieses Wissen, wenn wir es benötigen, wieder zur Verfügung steht oder auch nicht, beschäftigt uns als Menschen immer wieder in unserem Alltag. Und dementsprechend haben wir auch mehr oder weniger ausgereifte Vorstellungen oder ▪ Alltagstheorien darüber, wie das alles funktioniert. Mit ihnen kommen wir im Allgemeinen zurecht, wenn uns das Gedächtnis nicht wieder einmal ein Schnippchen schlägt, wir uns z. B. einfach nicht erklären können, warum wir den Namen einer bestimmten Person, die wir schon lange kennen, immer wieder vergessen. Gewöhnlich weiß jeder*, soweit er/sie sich daran erinnern kann, von solchen Gedächtnisgeschichten oder anderen Gedächtniskapriolen, wie wir manchmal sagen, zu berichten, weil sie auch Teil unseres autobiographischen Gedächtnisses geworden sind.

Vom Hölzchen aufs Stöckchen kommen ...

An unsere Alltagvorstellung kommt am ehesten wohl die Vorstellung heran, dass das, was wir wissen, irgendwie miteinander verknüpft ist und einem mal schnell zur Verfügung steht, sich ein andermal erst nach und nach wieder einstellt oder einfach ganz vergessen ist oder nur vergessen zu sein scheint.

Dann aber hören wir irgendeinen Vogel singen und plötzlich steht uns der Kanarienvogel vor Augen, den wir in unserer Kindheit zu Hause hatten. Und schon stellt sich ein, dass der eigene "Piepmatz" keiner von der knallgelben Sorte gewesen ist, sondern ein eher graugelbes Gefieder hatte und die Erinnerung daran, dass man dies zunächst gar nicht toll gefunden hat. Und man erinnert sich vielleicht an den Tag, an dem er entflogen ist, an das Wohnzimmer, wo der Käfig gestanden hat, als man ihn öffnete, und das doofe Fenster, das leider noch immer etwas geöffnet war, weil Mutter jeden Morgen lüftete, um den kalten Zigarettengeruch (man riecht ihn gerade zu wieder) aus dem Zimmer zu bringen. Das war, so erinnert man sich, auch dringend nötig, weil insbesondere der eigene Vater viele Jahre lang Kettenraucher gewesen ist und später an dessen Folgen verstorben ist. Und man spürt, dass die Augen bei der Erinnerung daran noch immer feucht werden  ... Was hier als eine Abfolge verschiedener Assoziationen in einer Art Assoziationskette "erzählt" wird, hat, das spüren wir auch intuitiv, mit unserem Gedächtnis zu tun. Und so gesehen, spricht auch nicht viel dagegen die Verbindungen und Beziehungen, die zwischen den konkreten Objekten, Konzepten (Kategorien, Knoten, nodes) bestehen, zumindest auch assoziativer Natur sind. Ein solches assoziatives Netzwerk könnte dann so ähnlich arbeiten, wie es die obige  "Erzählung"  darstellt.
Im Übrigen liegen solche Assoziationsketten auch vielen kreativen Techniken zugrunde wie z. B. beim ▪ Clustering oder ▪ Brainstorming, wie sie in Schule und Beruf häufig zum Einsatz kommen. Das erklärt also neben ihrer Affinität zu unseren sonstigen ▪ Alltagstheorien über das Denken auch, warum Netzwerkmodelle unseres Denkens so populär, weil anschaulich, sind.

Das Beispiel, wie wir "vom Hölzchen aufs Stöckchen kommen", wie man redensartlich sagt, soll ausdrücken, dass man mehr und mehr vom eigentlichen Thema abkommen kann, wenn man seinen Gedanken und Gefühlen freien Lauf lässt. Auch wenn die "Erzählung" den tatsächlichen Ablauf der ▪ mnemonischen Prozesse, die sich dabei im Gedächtnis abspielen, nicht wiedergeben kann, zeigt es doch, dass wir in diesem Fall auf verschiedene Speichersysteme in unserem ▪ Langzeitgedächtnis zurückgreifen. In dessen untergeordneten System, dem ▪ deklarativen Gedächtnis werden dabei Einträge (Repräsentationen) im ▪ semantischen und im ▪ episodischen Gedächtnissystem aktiviert.

In eine ähnliche Richtung, allerdings mit anderer Zielsetzung, geht wohl auch die behavioristische Theorie vom Reiz–Reaktions-Lernen, welche die Konzeptbildung, also den Prozess, wie wir vom konkreten Objekt zu einem von dessen Merkmalen (Attributen) abstrahierenden Begriff (Kategorien, Konzepte) kommen, auf den Aufbau von Assoziationen zwischen konkreten Objekten bzw. den von ihr wahrgenommenen Merkmalen (Reizen ...) und kategorialen Zuordnungen (Reaktionen ...)" zurückführt. (Hoffmann/Engelkamp 22017, 5.1.2 Konzeptbildung als Reiz-Reaktionslernen, in Klammern Gesetztes im Original fett, d. Verf.).
Je stärker und stabiler bestimmte Assoziationen dadurch werden, dass die Merkmale, auf die sie zurückgehen, auch an anderen Objekten festgestellt werden, desto eher werden alle diese Objekte zu einem (generalisierenden) Konzept assoziiert. Wenn wir also eine bestimmte Apfelsorte, sagen wir einen Golden Delicous in den Händen halten, betrachten und essen, werden wir beim Verzehr eines grünen Granny Smith diesen wahrscheinlich mit dem Golden Delicous assoziieren und nicht mit einer Grapefruit. Und je öfter wir das tun, desto stabiler wird diese Assoziation werden und sich, wenn weitere »Apfelsorten dazukommen (Elstar, Kalterer Böhmer, Boskop oder Ravensberger Renette ....) zu einem generalisierten Konzept Apfel entwickeln.   

Semantische Netzwerke im semantischen Gedächtnis

Die Wissenschaft nimmt solche Vorgänge, wie sie in der obigen "Erzählung" dargestellt werden, natürlich anders, analytisch und vor allem systematisch, unter die Lupe. Sie will erklären, wie wir Wissen in unserem Gedächtnis erwerben, dieses organisieren und strukturieren, auf welche Weise wir es letztlich repräsentieren.

Eine sehr prominente Form zur Erklärung dieser Vorgänge sind funktionsorientierte Theorien mittlerer Reichweite (vgl. (Wentura/Frings 2013, S.33), die die ▪ Wissensrepräsentation in Form von Netzwerken modellieren. Dabei sind solche Modelle natürlich hypothetische Konstrukte, so dass in diesem Zusammenhang sogar von einer Netzwerkmetapher gesprochen wird. (vgl. ebd., S.32)

Solche Netzwerke, die Bedeutungen von Erfahrungen repräsentieren, werden als semantische Netzwerke bezeichnet. "bei dem die Begriffe intern über sprachähnliche Symbole repräsentiert, die miteinander vernetzt sind" (Wentura/Frings 2013, S.31). Auch wenn sie manchen Kognitionspsychologen "inzwischen etwas »angestaubt«" (ebd., S.30) und ebenso wie die kognitiven ▪ Schemata im Vergleich zu den ähnlichkeitsbasierten ▪ Prototypen- oder ▪ Exemplaransätzen "inadäqat" (Anderson 72013, S.111) vorkommen, hat dies ihrer Anschaulichkeit und der daraus resultierenden Popularität indessen kaum Abbruch getan, zumal sie mit unseren ▪ Alltagstheorien über das Denken und das Gedächtnis besonders gut zu harmonisieren scheinen.

Netzwerkmodelle nehmen an, dass unser Wissen im Gedächtnis wie in einem Fischernetz aus einzelnen Knoten und ihren Verbindungen geknüpft ist. Jeder dieser Knoten (nods) steht dann für eine ▪ Kategorie (Konzept, Proposition), die in Verbindung mit anderen Kategorien steht. Wie die Kategorien gebildet werden, wie also die Konzeptbildung selbst vonstatten geht, ist damit nicht unbedingt zu erklären.

Netzwerkmodelle modellieren dabei vor allem Vorgänge, die sich in unserem ▪ semantischen Gedächtnis abspielen, dem Bereich des ▪ (deklarativen) Gedächtnisses also, der allgemein als Speicher für das deklarative Wissen (z. B. Weltwissen, Faktenwissen, Allgemeinwissen, enzyklopädisches Wissenexplizites Wissen, Fachwissen) steht, welches wir im Laufe unseres Lebens erworben haben (generisches Wissen).

Was wir im semantischen Gedächtnis gespeichert haben, z. B. Informationen wie Kanarienvögel sind gelb und können singen sind dabei vom konkreten Exemplar abstrahierte Kategorien, die wir als mentales Konzept KANARIENVOGEL im Gedächtnis gespeichert haben.

Da das konzeptuelle Wissen, das im semantischen Gedächtnis gespeichert ist, in der Regel sprachlicher Natur ist, können wir meistens auch in dieser oder jener Form verbalisieren, was wir wissen.

Es gibt unterschiedliche Vorstellungen über semantische Netzwerke

Man kann sich die Netzwerkarchitektur unseres gespeicherten Wissens auf unterschiedliche Art und Weise vorstellen und deshalb auch unterschiedliche Netzwerke konstruieren. Je nachdem, was sie leisten sollen, eine theoretisch fundierte Erklärung oder ein Modell, das sich empirisch an bestimmten Erinnerungs- und Wiedererinnerungseffekten nachweisen lässt, gelten für die Netzwerkkonstrukte natürlich auch andere Bedingungen.

Grundsätzlich kann man unter dem Aspekt, wie sie die Organisation des Wissens jeweils modellieren, zwischen zwei Netzwerkmodellen unterscheiden, die relationale Beziehungen zwischen den Kategorien (Konzepten) abbilden:

  • Hierarchisch organisierte semantische Netzwerke (z. B. das ältere Modell Collins/von gehen davon aus, dass die Bedeutungen von Erfahrungen die wir als Wissen speichern, im Rahmen einer logischen Begriffshierarchie in logischen Über- und Unterordnungsbeziehungen organisiert werden, über die zugleich die Verbindung der Knoten des Netzwerks laufen. Um bestimmte kategorisierte Informationen aus dem Gedächtnis abrufen zu können, müssen bestimmte Knoten(Kategorien), die nach dem Prinzip der "kognitiven Verdichtung" gebildet worden sind, abgearbeitet werden. Semantische Netzwerke dieser Art ist  das von ▪ Collins und Quillian (1969) modellierte hierarchische Netzwerk oder auch ▪ propositionale Netzwerke, bei denen die Verknüpfung der Knoten mit logischen Aussagen in Verbindung steht (vgl. Gruber 2018, S.47) und in einer besonderen Form visualisiert werden kann. Auch ▪ propositionale Netzwerke, die ebenfalls hierarchische Beziehungen von Bedeutungen (Aussagen) abbilden, lassen sich im weiteren Sinne als semantische Netzwerke auffassen. Sie bringen allerdings in ihrer besonderen Art und Weise die Verknüpfung der Knoten des Netzwerks mit logischen Aussagen in Verbindung. (vgl. Gruber 2018, S.47)

  • Erfahrungsbedingte semantische Netzwerke, wie sie von Allan Collins und Elizabeth Loftus vorgestellt (1975) wurden, versuchen bestimmte Schwächen hierarchisch organisierter semantischer Netzwerke zu überwinden, indem sie deren "hierarchische Struktur zugunsten einer Struktur auf, die auf den persönlichen Erfahrungen einer Person beruht", aufgeben. (vgl. ebd., S.48). Damit wollen sie auch Probleme überwinden, die damit zusammenhängen, dass eine bestimmte Kategorie wie STRAUSS nicht alle jene Merkmale aufweist, die ihr die übergeordnete KATEGORIE eigentlich verlangt und die diese an ihre untergeordneten Kategorien in einem streng hierarchischen System "vererben" müsste (Transitivität). In dem neueren Modell können auch direkte Verbindungen zwischen zwei beliebigen Knoten gebildet werden, die auf lexikalischen Einträgen beruhen.
    In diesem überarbeiteten Modell werden Objekte (z.B. Feuerwehrauto), Merkmale (z.B. rot), Verben (z.B. Essen) und sogar die Verbindungen zwischen all diesen als Konzepte mit unterschiedlichen Knoten behandelt. Zwei beliebige Wörter können miteinander verknüpft werden, ohne Zwischenknoten, und die Dicke (oder manchmal Länge) der Verbindung bestimmt, wie eng diese Konzepte zusammen organisiert sind

Dabei darf man sich diese Netzwerke allerdings nicht als statische Gebilde vorstellen. Sie haben nämlich - ähnlich wie ▪ Schemata -  ihre eigene Dynamik: Das Netz, das wie ein Fischernetz aus zahlreichen Knoten (Begriffen, Konzepten, Kategorien) besteht, kann sich nämlich verändern, indem sich die Beziehungen (Relationen) dieser Knoten zueinander verändern oder einfach durch Integration neuen Wissen weitere Knoten in dem bestehenden Netz geknüpft und mit vorhandenen verbunden werden. Dementsprechend unterscheiden sich unsere semantischen Netzwerke auch voneinander, auch wenn in ihnen in einer gleichen Welt (z. B. einer Kultur) die Bedeutung vieler Kategorien konventionell festgelegt ist.

Wer also z. B. Weinexpertin* ist, verfügt, was den Knoten bzw. das Konzept WEIN angeht, natürlich über, zunächst einmal nach unten hin gedacht, ein weitaus differenzierteres Netz mit untergeordneten Kategorien, kann z. B. mit der BLUME eines Weines etwas anfangen und weiß neben anderen Aspekten auch Bescheid darüber, dass ein »Cabernet Sauvignon eine ursprünglich aus dem französischen »Bordelais stammende Rotweinsorte ist, die solange der Wein "jung" ist, "fruchtig, rau und gerbstoffbetont mit kräftiger 'Nase'" daherkommt, und erst im Laufe seiner Reifung jene feinen Röstaromen, Aromen von schwarzen Johannisbeeren usw. entwickelt, die diesen Wein auf der ganzen Welt so beliebt gemacht haben. Einer gewöhnlichen Weintrinkerin* fällt dazu vielleicht nicht mehr ein, als dass ihr dieser Wein einfach schmeckt. Dass die individuellen semantischen Netzwerke auch eine soziale Dimension haben, wird einem schnell klar, wenn man sich eine Situation vorstellt, in der man als die einzige "einfache Weintrinkerin" in ein Seminar von Weinsommeliers geraten würde, und die Aufgabe hätte, einen bestimmten Wein mit den gemeinhin üblichen Kategorien zu beschreiben. Schaut man über dieses Beispiel hinaus, dann kann man sich mit Hilfe der semantischen Netzwerke zumindest vorstellen, wie es bei bestimmten "Querdenkern" in der für sie wohl typischen Echokammer bzw. »Filterblase während der »COVID-19-Pandemie 2020/21 geknüpft gewesen sein mag, wenn sich bestimmte populistische Stereotype und »verschwörungstheoretische Konzepte als Knoten (Lügenpresse, »QAnon oder andere  »Falschinformationen zu COVID-19 etc.) verbinden und immer wieder gegenseitig aktivieren.

 

YouTube-Video: Was sind Semantische Netzwerke? -  Psychologie mit Prof. Erb (8:26)

 Gert Egle, zuletzt bearbeitet am: 14.03.2021

       
 

 
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