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Gesamttext (Kapiteleinteilung nach Malcom Pasley 1990)
ENDE
Am Vorabend seines
einunddreißigsten Geburtstages - es war gegen neun Uhr abends, die Zeit der
Stille auf den Straßen - kamen zwei Herren in K.s Wohnung. In Gehröcken,
bleich und fett, mit scheinbar unverrückbaren Zylinderhüten. Nach einer
kleinen Förmlichkeit bei der Wohnungstür wegen des ersten Eintretens
wiederholte sich die gleiche Förmlichkeit in größerem Umfange vor K.s Tür.
Ohne dass ihm der Besuch angekündigt gewesen wäre, saß K., gleichfalls
schwarz angezogen, in einem Sessel in der Nähe der Tür und zog langsam neue,
scharf sich über die Finger spannende Handschuhe an, in der Haltung, wie man
Gäste erwartet. Er stand gleich auf und sah die Herren neugierig an. »Sie
sind also für mich bestimmt?« fragte er. Die Herren nickten, einer zeigte
mit dem Zylinderhut in der Hand auf den anderen. K. gestand sich ein, dass
er einen anderen Besuch erwartet hatte. Er ging zum Fenster und sah noch
einmal auf die dunkle Straße. Auch fast alle Fenster auf der anderen
Straßenseite waren schon dunkel, in vielen die Vorhänge herabgelassen. In
einem beleuchteten Fenster des Stockwerkes spielten kleine Kinder hinter
einem Gitter miteinander und tasteten, noch unfähig, sich von ihren Plätzen
fortzubewegen, mit den Händchen nacheinander. »Alte, unterge-[→HL
163]ordnete
Schauspieler schickt man um mich«, sagte sich K. und sah sich um, um sich
nochmals davon zu überzeugen. »Man sucht auf billige Weise mit mir fertig zu
werden.« K. wendete sich plötzlich ihnen zu und fragte: »An welchem Theater
spielen Sie?« »Theater?« fragte der eine Herr mit zuckenden Mundwinkeln den
anderen um Rat. Der andere gebärdete sich wie ein Stummer, der mit dem
widerspenstigsten Organismus kämpft. »Sie sind nicht darauf vorbereitet,
gefragt zu werden«, sagte sich K. und ging seinen Hut holen.
Schon auf der Treppe wollten sich die Herren in K. einhängen, aber K. sagte:
»Erst auf der Gasse, ich bin nicht krank.« Gleich aber vor dem Tor hängten
sie sich in ihn in einer Weise ein, wie K. noch niemals mit einem Menschen
gegangen war. Sie hielten die Schultern eng hinter den seinen, knickten die
Arme nicht ein, sondern benützten sie, um K.s Arme in ihrer ganzen Länge zu
umschlingen, unten erfassten sie K.s Hände mit einem schulmäßigen,
eingeübten, unwiderstehlichen Griff. K. ging straff gestreckt zwischen
ihnen, sie bildeten jetzt alle drei eine solche Einheit, dass, wenn man
einen von ihnen zerschlagen hätte, alle zerschlagen gewesen wären. Es war
eine Einheit, wie sie fast nur Lebloses bilden kann.
Unter den Laternen versuchte K.
öfters, so schwer es bei diesem engen Aneinander ausgeführt werden konnte,
seine Begleiter deutlicher zu sehen, als es in der Dämmerung seines Zimmers
möglich gewesen war. »Vielleicht sind es Tenöre«, dachte er im Anblick ihres
schweren Doppelkinns. Er ekelte sich vor der Reinlichkeit ihrer Gesichter.
Man sah förmlich noch die säubernde Hand, die in ihre Augenwinkel gefahren,
die ihre Oberlippe gerieben, die die Falten am Kinn ausgekratzt hatte. Als
K. das bemerkte, blieb er stehen, infolgedessen blieben auch die andern
stehen; sie waren am Rand eines freien, menschenleeren, mit Anlagen
geschmückten Platzes. »Warum hat man gerade Sie geschickt!« rief er mehr,
als er fragte. Die Herren wussten scheinbar keine Antwort, sie warteten mit
dem hängenden, freien Arm, wie Krankenwärter, wenn der Kranke sich ausruhen
will. »Ich gehe nicht weiter«, sagte K. versuchsweise. Darauf brauchten die
Herren nicht zu antworten, es genügte, dass sie den Griff nicht lockerten
und K. von der Stelle wegzuheben versuchten, aber K. widerstand. »Ich werde
nicht mehr viel Kraft brauchen, ich werde jetzt alle anwenden«, dachte er.
Ihm fielen die Fliegen ein, die mit zerreißenden Beinchen von der Leimrute
wegstrebten. »Die Herren werden schwere Arbeit haben.«
Da stieg vor ihnen aus einer
tiefer gelegenen Gasse auf einer
[→HL 164] kleinen Treppe
Fräulein Bürstner zum Platz
empor. Es war nicht ganz sicher, ob sie es war, die Ähnlichkeit war freilich
groß. Aber K. lag auch nichts daran, ob es bestimmt Fräulein Bürstner war,
bloß die Wertlosigkeit seines Widerstandes kam ihm gleich zum Bewusstsein.
Es war nichts Heldenhaftes, wenn er widerstand, wenn er jetzt den Herren
Schwierigkeiten bereitete, wenn er jetzt in der Abwehr noch den letzten
Schein des Lebens zu genießen versuchte. Er setzte sich in Gang, und von der
Freude, die er dadurch den Herren machte, ging noch etwas auf ihn selbst
über. Sie duldeten es jetzt, dass er die Wegrichtung bestimmte, und er
bestimmte sie nach dem Weg, den das Fräulein vor ihnen nahm, nicht etwa,
weil er sie einholen, nicht etwa, weil er sie möglichst lange sehen wollte,
sondern nur deshalb, um die Mahnung, die sie für ihn bedeutete, nicht zu
vergessen. »Das einzige, was ich jetzt tun kann«, sagte er sich, und das
Gleichmaß seiner Schritte und der Schritte der beiden anderen bestätigte
seine Gedanken, »das einzige, was ich jetzt tun kann, ist, bis zum Ende den
ruhig einteilenden Verstand behalten. Ich wollte immer mit zwanzig Händen in
die Welt hineinfahren und überdies zu einem nicht zu billigenden Zweck. Das
war unrichtig. Soll ich nun zeigen, dass nicht einmal der einjährige Prozess
mich belehren konnte? Soll ich als ein begriffsstutziger Mensch abgehen?
Soll man mir nachsagen dürfen, dass ich am Anfang des Prozesses ihn beenden
wollte und jetzt, an seinem Ende, ihn wieder beginnen will? Ich will nicht,
dass man das sagt. Ich bin dafür dankbar, dass man mir auf diesem Weg diese
halbstummen, verständnislosen Herren mitgegeben hat und dass man es mir
überlassen hat, mir selbst das Notwendige zu sagen.«
Das Fräulein war inzwischen in
eine Seitengasse eingebogen, aber K. konnte sie schon entbehren und überließ
sich seinen Begleitern. Alle drei zogen nun in vollem Einverständnis über
eine Brücke im Mondschein, jeder kleinen Bewegung, die K. machte, gaben die
Herren jetzt bereitwillig nach, als er ein wenig zum Geländer sich wendete,
drehten auch sie sich in ganzer Front dorthin. Das im Mondlicht glänzende
und zitternde Wasser teilte sich um eine kleine Insel, auf der, wie
zusammengedrängt, Laubmassen von Bäumen und Sträuchern sich aufhäuften.
Unter ihnen, jetzt unsichtbar, führten Kieswege mit bequemen Bänken, auf
denen K. in manchem Sommer sich gestreckt und gedehnt hatte. »Ich wollte ja
gar nicht Stehen bleiben«, sagte er zu seinen Begleitern, beschämt durch
ihre Bereitwilligkeit. Der eine schien dem anderen hinter K.s Rücken einen
sanften Vorwurf wegen des missverständlichen Stehenbleibens zu machen, dann
gingen sie weiter.[→HL 165] Sie kamen durch einige ansteigende Gassen, in denen hie
und da Polizisten standen oder gingen; bald in der Ferne, bald in nächster
Nähe. Einer mit buschigem Schnurrbart, die Hand am Griff des Säbels, trat
wie mit Absicht nahe an die nicht ganz unverdächtige Gruppe. Die Herren
stockten, der Polizeimann schien schon den Mund zu öffnen, da zog K. mit
Macht die Herren vorwärts. Öfters drehte er sich vorsichtig um, ob der
Polizeimann nicht folgte; als sie aber eine Ecke zwischen sich und dem
Polizeimann hatten, fing K. zu laufen an, die Herren mussten trotz großer
Atemnot auch mit laufen.
So kamen sie rasch aus der
Stadt hinaus, die sich in dieser Richtung fast ohne Übergang an die Felder
anschloss. Ein kleiner Steinbruch, verlassen und öde, lag in der Nähe eines
noch ganz städtischen Hauses. Hier machten die Herren halt, sei es, dass
dieser Ort von allem Anfang an ihr Ziel gewesen war, sei es, dass sie zu
erschöpft waren, um noch weiter zu laufen. Jetzt ließen sie K. los, der
stumm wartete, nahmen die Zylinderhüte ab und wischten sich, während sie
sich im Steinbruch umsahen, mit den Taschentüchern den Schweiß von der
Stirn. Überall lag der Mondschein mit seiner Natürlichkeit und Ruhe, die
keinem anderen Licht gegeben ist.
Nach Austausch einiger
Höflichkeiten hinsichtlich dessen, wer die nächsten Aufgaben auszuführen
habe - die Herren schienen die Aufträge ungeteilt bekommen zu haben -, ging
der eine zu K. und zog ihm den Rock, die Weste und schließlich das Hemd aus.
K. fröstelte unwillkürlich, worauf ihm der Herr einen leichten, beruhigenden
Schlag auf den Rücken gab. Dann legte er die Sachen sorgfältig zusammen, wie
Dinge, die man noch gebrauchen wird, wenn auch nicht in allernächster Zeit.
Um K. nicht ohne Bewegung der immerhin kühlen Nachtluft auszusetzen, nahm er
ihn unter den Arm und ging mit ihm ein wenig auf und ab, während der andere
Herr den Steinbruch nach irgendeiner passenden Stelle absuchte. Als er sie
gefunden hatte, winkte er, und der andere Herr geleitete K. hin. Es war nahe
der Bruchwand, es lag dort ein losgebrochener Stein. Die Herren setzten K.
auf die Erde nieder, lehnten ihn an den Stein und betteten seinen Kopf
obenauf. Trotz aller Anstrengung, die sie sich gaben, und trotz allem
Entgegenkommen, das ihnen K. bewies, blieb seine Haltung eine sehr
gezwungene und unglaubwürdige. Der eine Herr bat daher den anderen, ihm für
ein Weilchen das Hinlegen K.s allein zu überlassen, aber auch dadurch wurde
es nicht besser.
Schließlich ließen sie K. in
einer Lage, die nicht einmal die beste von den bereits erreichten Lagen war.
Dann öffnete der eine Herr seinen Gehrock und nahm
[→HL 166] aus einer Scheide, die an
einem um die Weste gespannten Gürtel hing, ein langes, dünnes, beiderseitig
geschärftes Fleischermesser, hielt es hoch und prüfte die Schärfe im Licht.
Wieder begannen die widerlichen Höflichkeiten, einer reichte über K. hinweg
das Messer dem anderen, dieser reichte es wieder über K. zurück. K. wusste
jetzt genau, dass es seine Pflicht gewesen wäre, das Messer, als es von Hand
zu Hand über ihm schwebte, selbst zu fassen und sich einzubohren. Aber er
tat es nicht, sondern drehte den noch freien Hals und sah umher. Vollständig
konnte er sich nicht bewähren, alle Arbeit den Behörden nicht abnehmen, die
Verantwortung für diesen letzten Fehler trug der, der ihm den Rest der dazu
nötigen Kraft versagt hatte. Seine Blicke fielen auf das letzte Stockwerk
des an den Steinbruch angrenzenden Hauses. Wie ein Licht aufzuckt, so fuhren
die Fensterflügel eines Fensters dort auseinander, ein Mensch, schwach und
dünn in der Ferne und Höhe, beugte sich mit einem Ruck weit vor und streckte
die Arme noch weiter aus. Wer war es? Ein Freund? Ein guter Mensch? Einer,
der teilnahm? Einer, der helfen wollte? War es ein einzelner? Waren es alle?
War noch Hilfe? Gab es Einwände, die man vergessen hatte? Gewiss gab es
solche. Die Logik ist zwar unerschütterlich, aber einem Menschen, der leben
will, widersteht sie nicht. Wo war der Richter, den er nie gesehen hatte? Wo
war das hohe Gericht, bis zu dem er nie gekommen war? Er hob die Hände und
spreizte alle Finger.
Aber an K.s Gurgel legten sich
die Hände des einen Herrn, während der andere das Messer ihm tief ins Herz
stieß und zweimal dort drehte. Mit brechenden Augen sah noch K., wie die
Herren, nahe vor seinem Gesicht, Wange an Wange aneinandergelehnt, die
Entscheidung beobachteten. »Wie ein Hund!« sagte er, es war, als sollte die
Scham ihn überleben.
(HL =Hamburger Lesehefte
(2008), S. 162-166)