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Syntaktisch-systemlinguistischer Ansatz

Carmens Beine

Gaby Hauptmann


Stumpf klebt sein Blick an ihren Beinen. Es dauert eine Weile, bis Carmen das bemerkt. Zunächst denkt sie, es ist Zufall: Er denkt an irgend etwas und starrt eben ihre Beine an. Sie sitzt ihm in den U-förmig aufgestellten Bänken des Seminars genau gegenüber. Vorn erläutert der Seminarleiter eine Strategie, wie man zu höheren Verkaufszahlen kommen könnte, und ihr gegenüber sitzt ein Mensch, den dies ganz eindeutig nicht interessiert. Er hat zwar diesen Kurs gebucht und bezahlt, bekommt aber offensichtlich nichts davon mit. Carmen Legg beginnt, ihn zu testen. Sie stellt die Beine parallel; neigt sie leicht schräg, reibt dann die Nylons aneinander, so dass es ein leises, erotisches Geräusch gibt. Ihrem Gegenüber schießt die Röte ins Gesicht. Sie verändert die Position, wippt ein bisschen mit ihren hohen Absätzen, streckt die Füße etwas nach vorn, unter dem Tisch hervor, in seine Richtung. Er knetet seine Hände, lockert seinen Krawattenknoten. Blödes Spiel, denkt Carmen, gleich läuft ihm auch noch der Speichel aus den Mundwinkeln. Sie konzentriert sich wieder auf den Seminarleiter. Schließlich kostet die Schulung viel Geld, und wenn der da drüben nichts mitbekommt - bitte! Sie jedenfalls will in ihrem Beruf etwas erreichen.
   Leicht angesäuert fährt sie an diesem Abend nach Hause. Sie könnte sich ja geschmeichelt fühlen, dass jemand ihren Beinen so viel Aufmerksamkeit schenkt. Aber im Gegenteil: Es ärgert sie. Wie im Zoo angestarrt zu werden. Von so einem widerwärtig geilen Typen. Carmen knallt Genesis in ihre Autoradio. Und mit der Kassette ändert sich langsam ihre Laune. Eigentlich urkomisch, findet sie, fährt so ein Mann weiß der Himmel wie viele Kilometer, um dann an einem Seminar teilzunehmen, und legt dafür auch noch ordentlich Bares auf den Tisch, und wenn er dann wieder nach Hause fährt, hat er nichts außer unausgegorene Gelüste im Hirn und fragt sich, auf welchem Seminar er eigentlich war.
   Carmen Legg hat es bisher immer genossen, wenn sie gut ankam. Sie ist groß, schlank, hat lange Beine und langes, rötliches Haar, mit ihren 35 Jahren ist sie der Prototyp einer selbstbewussten, selbständigen Frau. Sie fährt einen schnellen BMW mit Lederausstattung und Klimaanlage, hat ihre eigenes, kleines Versicherungsbüro und ihre 100-Quadratmeter-Altbauwohnung mit Parkettboden. Sie fliegt zweimal im Jahr in Urlaub, ist eine gute Sportlerin und lässt nichts anbrennen. Aber solche Typen gehen ihr auf den Geist. In letzter Zeit verstärkt. Manchmal empfindet sie den bewundernden Blick eines Mannes schon als Zumutung. Soll er sie doch in Ruhe lassen mit seinem Jagdinstinkt. Ein guter Jäger findet immer seine Beute, hat ihr kürzlich ein Kunde gesagt, als sie ihn am Telefon fragte, wer sie denn empfohlen habe. Wenn Sie bei mir eine Versicherung abschließen, sind doch wohl eher Sie die Beute, hat sie darauf geantwortet. Das fand der Herr am anderen Ende nun überhaupt nicht witzig.

(aus: Gaby Hauptmann, Suche impotenten Mann fürs Leben, München: Piper 1995, S.5f. (=Romananfang))

 

    Arbeitsanregungen:
  1. Geben Sie mit eigenen Worten wieder, was in dem Textauszug passiert.

  2. Arbeiten Sie heraus, welche Kohäsionsmittel bei der Verknüpfung der Sätze eingesetzt werden.

  3. Nehmen Sie zu dem dargestellten Verhalten der beiden Personen Stellung.

 

      
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