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Die Kadettenanstalt als Kaderschmiede des adeligen Offizierskorps

Überblick

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GESCHICHTE
Grundbegriffe der Geschichte Europäische Geschichte  ▪ Frühe Neuzeit (ca. 1350-1800) Zeitalter der Renaissance (ca.1350-1450) Reformation und Glaubenskriege (1517-1648) Zeitalter der Entdeckungen (1415-1531) Absolutismus und Aufklärung (ca. 1650-1789) Beginn des bürgerlichen Zeitalters Einzelne sozial- und mentalitätsgeschichtliche Aspekte Überblick Landleben Stadtleben Familienleben Frauenleben in der frühen Neuzeit KinderlebenLeben der AltenBerufslebenSexuallebenLeben des Adels   Soldatenleben Überblick   Einzelne Aspekte Überblick Soldatenleben im preußischen Militärstaat des 18. Jahrhunderts Überblick   Rekrutierung im Kantonatssystem Die soziale Lage der Soldaten Kasernendienst und militärischer Drill [ Die Kadettenanstalt als Kaderschmiede des adeligen Offizierskorps ÜberblickAlltagsleben in der KadettenanstaltIntegration des Landadels in das neue preußische Militärsystem ] Zwangseinquartierungen TextauswahlBausteine Links ins Internet Söldnerleben im niederländischen Batavia im 17. und 18. Jh. Soldatenhandel und -verkauf im 18. Jh.  • QuellenBausteine Fragen und Antworten (KI)  • Studentenleben Klosterleben in der frühen NeuzeitRäuberleben in der frühen NeuzeitMode und Kleidung in der frühen Neuzeit Reisen Weitere Aspekte Deutsche Geschichte
 

Das  1773 eingeführte • Kantonatssystem stellte im Vergleich zu den bis dahin üblichen • Condottiere-Verfahren zur Rekrutierung von Söldnertruppen, eine geradezu revolutionär neue Art der Rekrutierung wehrfähiger Männer dar, die die Soldaten direkt an den König und damit an den Gesamtstaat banden.

Der Adel war es bis dahin über lange Zeit gewohnt, dass seine Söhne, die eine militärische Karriere anstrebten, dies dort tun konnten, wo es ihm beliebte: in Dänemark, Polen, in der Niederlanden oder eben in Brandenburg.

Einen eigenständigen Stand stellten die adeligen Offiziere "weder nach Ausbildung oder nach Bildung noch nach Herkunft und Mentalität" (Schilling 1994a, S.436) dar. Um so wichtiger für den König also, ein Konzept zu entwickeln und durchzusetzen, mit dem es ihm gelingen konnte, den Adel an sich und den eigenen Staat zu binden.

Das Konzept, das er verfolgte, verband die "Aristokratisierung des Kriegshandwerks" mit der "Disziplinierung des Adels" (ebd., S.438). Die Disziplinierung der in Preußen oft sehr eigenmächtig auftretenden adeligen Grußgrundbesitzer (Junker) erfolgte im Kern dadurch, das seine  gesellschaftliche  Stellung,  sein sozialer Status an den Dienst für den Staat gekoppelt wurde, der damit die Biografien der Adeligen mehr und mehr bestimmte. Für Heinrich Schilling (1994a, S.439) war dieser Vorgang, der nicht ohne Widerstand einflussreicher adeliger Gutsherren abging, "die krönende Komponente des Adelskompromisses", in dem das adelige "Offizierskorps der Garant einer gelungenen Versöhnung zwischen Krone und Adel" (ebd.) wurde.

Anders als z. B. »Ludwig XIV.(1638-1715) in Frankreich den Adel von politischer Macht fernzuhalten und ihn durch das Hofleben von sich abhängig machte, behielt der Adel in Preußen seine gesellschaftliche Stellung, musste diese jedoch durch treuen Dienst im Militär und in der Verwaltung rechtfertigen. Der preußische Adel (die Junker) behielt seine Stellung als Großgrundbesitzer, wurde aber er eng in den Staatsdienst eingebunden, vor allem als Offiziere im Heer und als Verwaltungsbeamte. Loyalität gegenüber dem König war Voraussetzung für den Erhalt von Ansehen und Einfluss. Der Adel wurde diszipliniert, indem seine Karriere und sein sozialer Status an den Dienst für den Staat geknüpft wurden.

Die Offiziere im Preußen wurden 18. Jahrhundert parallel zur Kantonatsverfassung von "Privatangestellten" der Obristen (Condottiere), die als Kriegsunternehmer Söldnertruppen aufstellten, zu "Staatsdiener(n) im neuzeitlichen Sinne. Jeder, auch der rangniedrigste Offizier war direkt vom König angestellt und ihm unmittelbar eidlich verpflichtet." (vgl. Schilling 1994a, S.436)

Die jungen Söhne des Adels, denen schon der Soldatenkönig »Friedrich Wilhelm I. (1688-1740) untersagt hatte, sich als Offiziere einer ausländischen Macht zu verdingen, wurden ebenso wie die einfachen Kantonisten systematisch erfasst. Der König selbst bestimmte dann, wer in seine Kaderschmiede, in die • Kadettenanstalt, einzurücken und seinen Dienst im Kadettenkorps anzutreten hatte. Wessen Familie sich weigerte oder den Versuch machte, ihre Söhne vom Militärdienst fernzuhalten, musste oft zusehen, wie die adeligen Jungen im Alter von zwölf bis achtzehn Jahren von Polizeireitern und Unteroffizieren gegen ihren Willen ergriffen und zum Teil in "ganze(n) Trupps [...], quer durch den Hohenzollernstaat von Ostpreußen nach Berlin geleitet (wurden)." (ebd. S.438) Viele andere adeligen Familien waren aber auch froh, und oft auch, da sie selbst nicht sonderlich gut finanziell dastanden, wenn ihre Söhne aufgrund der ihnen gewährten königlichen Gnade in die Kadettenanstalt aufgenommen wurden, der König also ein Auge auf sie geworfen, eine militärische Karriere in Aussicht stellte oder nach Absolvierung der Anstalt, je nach Erfordernissen ein anderes Amt verlieh.

Wer als Sohn eines ausländischen Adeligen, das betraf vor allem die Kinder nach Preußen geflohener »Hugenotten aus Frankreich, aber zumindest bis zum »Siebenjährigen Krieg (1756-1763) auch Zöglinge aus »Schwedisch-Kurpommern, »Kurland ( eine der fünf historischen Regionen Lettlands), aus dem »Kurfürstentum Sachsen und dem Alten Reich (»Heiliges Römisches Reich) (Crousaz 1857S.164) in die Kadettenanstalt aufgenommen wurde, musste ein Revers unterzeichnen, dass er für die ihm von seiten des preußischen Königs zuteil werdende "Erziehungswohlthat lebenslänglich auf jedes fremdländische Engagement verzichten, und nur allein im Preußischen Heere dienen" wolle. (ebd., S.108)


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Die ersten Vorläufer preußischer Kadettenanstalten entstanden ab Mitte des 17. Jahrhunderts unter »Friedrich Wilhelm I.(1620-1666), dem Großen Kurfürsten,  als kleine, dezentrale Einrichtungen in »Kolberg, »Berlin und »Magdeburg. Er gründete auch das Kadettenkorps als Gesamtheit aller Kadetten seines Staates mit ihrer dazugehörigen militärischen Organisationsstruktur. Das Korps war nämlich wie ein reguläres Regiment organisiert, stand unter militärischer Führung mit Kommandeur und einer Anzahl von Offizieren und Unteroffizieren. Aber auch ältere, erfahrene Zöglinge wurden in die militärische Rangordnung integriert und mit Führungsaufgaben betraut, konnten als "Gefreitenkorporale" oder "Unterofficiere" die jüngeren Kadetten im Alltag betreuen, beaufsichtigen und bei den Exerzierübungen kommandieren. Die Zöglinge (Kadetten) waren in Kompanien aufgeteilt und trugen einheitliche Uniformen.

Die eigentliche Geburtsstunde des preußischen Kadettenwesens schlug jedoch am 1. September 1717, als König »Friedrich Wilhelm I. (1688-1740) diese regionalen Kompanien auflöste und im • Berliner Hauptkadettenhaus zentral zusammenfasste. Damit wollte er die zu seiner Regierungszeit übers Land verstreuten Kadetten stärker seiner Kontrolle unterwerfen und ihre Ausbildung und Erziehung vereinheitlichen und professionalisieren. Sein entscheidender Hebel war die Errichtung einer Kadettenanstalt und eines Kadettenkorps in den Jahren 1717-21 in der Hauptstadt Berlin. (vgl. Crousaz 1857, S.51)

Funktionen der Kadettenanstalten im 18. Jahrhundert

Die preußischen Kadettenanstalten (zusammengefasst im Königlich Preußischen Kadetten-Korps, das 1717 vom Soldatenkönig »Friedrich Wilhelm I. (1688-1740) zentralisiert wurde, erfüllten im 18. Jahrhundert drei Funktionen:  Nachwuchssicherung und Professionalisierung des Offizierskorps ("Kaderschmiede"), Sozialdisziplinierung und Integration des Landadels und standesgemäße soziale Absicherung (Versorgungsanstalt.

Ihrer Funktion zur Nachwuchssicherung und Professionalisierung des Offizierskorps erfüllten sie, weil sie  den Kadetten genannt, meist im Alter zwischen 11 und 18 Jahren  eine teilmilitärische und höhere schulische Ausbildung zuteil werden ließen mit Unterricht in Kriegswissenschaften, Sprachen (vor allem Französisch), Mathematik und Geografie sowie im Exerzieren und Fechten. Der direkte Militärdienst als Fahnenjunker, dem untersten Grad eines Offiziersanwärters, blieb den Zöglingen während ihrer Zeit in der Kadettenanstalt im Grunde erspart, auch wenn ihr • Alltag nach den militärischen Regeln ablief, ähnliche Exerzierübungen und Übungen zur Handhabung von Waffen und vieles mehr umfasste.

Als Mittel der • Sozialdisziplinierung banden die Kadettenanstalten und das Berliner Kadettenkorps, die nur Kinder von Adeligen aufnahmen, die künftigen militärischen Eliten an den preußischen König, wurden quasi zu einer "Pflanzschule", in der alle Kadetten auf den König eingeschworen und auf Loyalität ihm gegenüber erzogen wurden. Das machte den oft widerspenstigen junkerlichen Landadel endlich so gefügig, wie das der König erwartete. Zugleich trugen die Kadettenanstalten zur Entstehung einer kollektiven Identität des Offizierkorps bei. Diese beruhte auf einer "spezifische(n) Weltläufigkeit [...], die ihre militärische Herkunft nicht leugnen wollte" und war geprägt "durch Pflichtbewusstsein und militärische Tugend", die "eine enge Verbindung eingingen." (vgl. Schilling 1994a, S.438) Damit waren die Kadettenanstalten aber letztlich auch mehr als nur eine "Kaderschmiede" des preußischen Militärs, sondern trugen durch die ganz erheblich zu der "Verschmelzung von Heeresverfassung und Agrarverfassung" (Büsch 1962, S.168) bei.

Da der preußische Adel, insbesondere der ostelbische Landadel, zwar kinderreich, aber oft finanziell verarmt war, da nach dem Erstgeburtsrecht meist nur der älteste Sohn das Gut erbte und die die jüngeren Söhne oft ohne Perspektive dastanden, sorgten die Kadettenanstalten auch für eine standesgemäße Absicherung als Versorgungsanstalt. Verarmte adlige Familien oder Witwen gefallener Offiziere konnten ihre Söhne dort kostenlos oder gegen sehr geringes Entgelt unterbringen. Der König übernahm die Kosten für Kost, Logis und Uniformen – und erhielt im Gegenzug treue Soldaten, die sich psychisch und physisch bedingungslos auf das Schlachtfeld vorbereiten ließen. Damit sie im Kriegsfall bedingungslos funktionierten, war ihr ganzes • Alltagsleben als Kadetten rundum reglementiert, von strenger militärischer Disziplin sowie drakonischen Strafen geprägt.

Gert Egle, zuletzt bearbeitet am: 07.08.2026

 

 
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