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Aufklärer und Patronage
Auch wenn •
Voltaire (François-Marie Arouet) (1694-1778)
einer der erfolgreichsten Autoren des 18. Jahrhunderts war, konnte
auch er sich nur ein standesgemäßes Auskommen sichern, wenn er sich in
den Dienst von Herrschern, Hochadligen und Ministern stellte und damit
ihre • Patronage (Protektion) und ggf. auch
finanzielle Unterstützung bekam. Einen urheberrechtlichen Schutz für die
von ihm verfassten Werke und damit regelmäßige Einkünfte aus dem Verkauf
dieser Werke gab es zu dieser Zeit nicht. "Raubdrucke", die ihm als
Autor kein Honorar einbrachten, machten auch ihm das Leben als freier
Schriftsteller nicht möglich. Da ging es auch Voltaire lange nicht
anderes als anderen Autoren der Zeit, deren überwiegende Zahl stets
"einen Beruf als Basis der wirtschaftlichen Existenz, ein
kirchliches Amt, ein Amt bei Hofe, ein städtisches Amt oder eine
Professur an einer Universität oder einem Gymnasium" (Willems
2012, S.69) hatte und nur nebenher schrieb. Da war es ein besonderes
Glück und eine besondere Auszeichnung, wenn man als Autor "irgendwann
eine fürstliche Pension, als eine Art Ehren-Gehalt (bekam)" (ebd.),
die einen finanziell ganz oder zum Teil unabhängig machen konnte.
Bis zum Tod seines
Vaters, des Notars François Arouet (1649–1722), im Jahr 1722 lebte er in
vergleichsweise bescheidenen Verhältnissen. Mit dem Tod erbte Voltaire
einen Teil von dessen Vermögen. Zusammen mit den 3.000 Livres, die ihm
die 29 Wiederholungen seiner Tragödie »Oedipe
durch die Comédie-Française, der renommiertesten Bühne der
Hauptstadt, im Jahr 1718 einbrachten (vgl.
Reinhardt
2022, S. 108, Kindle Edition) und einem "opulenten Geldgeschenk kurz
darauf mit einer jährlichen Pension von 2000 Livres, die er 1722 vom Regenten »Philipp
von Orléans (1674-1723) für seine »Henriade,
ein 4200 Reime umfassendes Lobgedicht auf dessen Urgroßvater »Heinrich
IV. (1553-1610), zugesprochen bekam (vgl.
ebd., S.
100), "konnte ein junger Literat standesgemäß leben, wenn er
einigermaßen haushielt."
(ebd.)
Trotz der vielfältigen
Patronagenbeziehungen, die Voltaire suchte und einging, als er
eigentlich schon aufgrund anderer Einahmen ein standesgemäßes Leben
hätte führen können, war er offenbar, was seinen Aufstieg in die
höchsten Kreise des »Ancien
Régime anbelangte, nicht leicht zufrieden zu stellen.
Lange versuchte er sich
im Umfeld und in einer engen Bindung an den französischen Königshof und
einiger herausragender adeliger Mäzene einen Platz an der Sonne am Hof
des Nachfolgers des Sonnenkönigs zu erlangen und zu behaupten. Dafür
nahm er in Kauf, als Höfling zum "Spielball zwischen den verschiedenen
Kräften bei Hofe" (Willems
2012, S.76) zu werden und sich in "einem ständigen Wechselbad von
Förderung und Unterdrückung" (ebd.)
ausgesetzt zu sehen.
Was ihn heute zu einem
•
Testfall für Patronagebeziehungen werden lässt, machte ihn früher
"zu einer Art Helden der Aufklärung, ihrer Literatur und des kulturellen
Lebens überhaupt" (ebd.,
S.74). Er war es schließlich, so diese Betrachtung, der am Ende, als
er wegen seiner Erbschaft, verschiedener klug eingefädelter
Finanzgeschäfte, als Besitzer mehrerer Landgüter, Beteiligungen in
Unternehmen unterschiedlichster Art und Pensionen seiner verschiedenen
Mäzene steinreich geworden war und sich 1758 das Gut »Ferney
in der Schweiz gekauft hatte, den "Weg in eine freie
Schriftstellerexistenz" (ebd.,
S.73) schaffte. Er war es, der sich damit "von eben den Autoritäten und
Institutionen, die zuvor die Kultur zugleich getragen und an sich
gebunden hatten, von der Kirche, den Höfen, den ständischen Autoritäten
und den Universitäten" (ebd.,
S.74) emanzipiert hat.
Den sozialen Aufstieg mit Zugang zu den höchsten aristokratischen Kreisen in
Frankreich
haben Voltaire vor allem weibliche aristokratische Gönnerinnen geebnet, von
denen er mit der einen oder anderen ein Verhältnis unterhielt.
Sie protegierten den
mittlerweile bekannten Dichter je nach ihren Möglichkeiten auf ihre
Weise, verschafften ihm Zutritt zu den höchsten aristokratischen Kreisen, verhalfen ihm zu verschiedenen Ämtern und gewährten ihm auch Schutz
in ihren Schlössern, wenn die Zensur ihn wieder einmal verfolgte.
Es waren gebildete
adelige Frauen, die im
kulturellen Bereich mit ihren »literarischen Salons Netzwerke angesehener Personen, von
Künstler und Schriftstellern aufbauten und pflegten, während ihre Männer
an verschiedenen Stellen des frühneuzeitlichen Staates als Minister,
Militärs oder Höflinge Dienst taten.
Bei der Betrachtung der
Affären, die Voltaire dabei immer wieder mit verheirateten adeligen
Frauen hatte, ist zu berücksichtigen, dass die Verheiratung adeliger Partner in dieser Zeit nicht dem •
bürgerlich-romantischen Modell der Liebesehe folgte, sondern ein
Vertragsverhältnis darstellte, das oft dann als erfüllt angesehen wurde,
wenn zumindest ein männlicher Nachfolger gezeugt und geboren war.
War dies gegeben, konnten adelige Frauen im Rahmen bestimmter Grenzen
auch die sexuellen Freiheiten in Anspruch nehmen, die ihre Männer sich
ohnehin nie hatten nehmen lassen.
Eine Auswahl der
wichtigsten Aristokratinnen Frankreichs, die als Gönnerinnen Voltaires
in Erscheinung getreten sind, liefert die nachfolgende Darstellung. In
der hier vorgestellten Auswahl geht es um
Die
nach ihrer Heirat mit dem Herzog der französischen Provinz »Maine,
»Louis
Auguste I. de Bourbon (1670-1736), einem legitimierten Sohn
Ludwigs XIV. (1638-1715), zur Herzogin aufgestiegene französische
Hocharistokratin unterhielt in ihrem Schloss In ihrem •
Schloss in Sceaux südlich von Paris einen kleineren Hof, in dem sie
vor allem geistig interessierte Adelige sowie Literaten um sich scharte.
Sie war 1718 eine der
treibenden Kräfte einer Verschwörung gegen den Regenten »Philipp
von Orléans (1674-1723) (»Verschwörung
von Cellamare). Da ihr Mann 1715 bei der Mitregentschaft während der
Unmündigkeit des jungen Thronfolgers »Ludwig
XV. (1715-1774) von Philipp und dem
»Parlement von Paris ausgebootet worden war, "scharten sich
daher (um den Herzog und die Herzogin) die Verlierer der neuen Ordnung,
die auf ihre Chance zum Gegenschlag warteten." (Reinhardt
2022, S. 78, Kindle Edition). Ihre Verschwörung wurde 1718
allerdings aufgedeckt und oppositionelle Paar in die Provinz verbannt.
Der engere Kreis der an
ihrem Hof versammelten Köpfe wurde Mitglied ihres Ordens der Honigbiene (französisch Ordre de la Mouche à Miel), zu dem auch Voltaire gehörte.
In •
Schloss in Sceaux trug Voltaire später auch erstmals seine Tragödie
»Oedipe
vor.
Bis dahin machte er
aber erste Erfahrungen mit der Staatsmacht, die längst ein Auge auf die
Opposition gegen den Regenten geworfen hatte.
Dass Voltaire als
häufiger und gern gesehener Gast im Salon der Herzogin von Maine im
Zusammenhang auch in Verdacht geriet, angestiftet von der Herzogin,
Autor eines der zahlreich kursierenden Pamphlete satirischer Verse gegen
den Regenten »Philipp
von Orléans zu sein, kann, so gesehen, nicht verwundern. Daher
konnte er, auch wenn es ihm nicht nachzuweisen war, nicht mehr
loswerden, dass man ihn für satirische Verse verantwortlich machte, die
die angeblich "ungeheuerlichen sexuellen Ausschweifungen des Regenten" (ebd.,
S. 82) anprangerten. So wurde Voltaire im Mai 1716 erstmals in die
Provinz nach »Sully-sur
Loire unter die Fittiche des Herzogs von Sully verbannt, wo die
Herzogin von Maine ihre schützende Hand nicht mehr über ihn halten
konnte.
Als Voltaire im Oktober
1716 auf Fürsprache von Fürsprechern und dem Verfassen einer Bitt- und
Huldigungs-Epistel
an Philipp wieder nach Paris zurückkehren durfte, nahm er sofort wieder
Kontakt mit der Herzogin von Maine auf. Mit neuen satirischen Versen
beteiligte er sch erneut an der Kritik des Regenten, dem neben seinen
sexuellen Ausschweifungen im Allgemeinen jetzt noch sein angebliche
inzestuöses Verhältnis Philipps mit seiner Tochter »Marie
Louise Élisabeth d’Orléans (1695-1719), der Herzogin von Berry,
vorgehalten wurde. Als er sich nach übereinstimmenden Berichten zweier
Polizeispitzel sogar öffentlich dazu bekannte, wurde er am 17. Mai 1717
mit einem vom Regenten unterzeichneten »lettre
de cachet in der »Bastille,
dem Pariser Stadtgefängnis, monatelang inhaftiert. Sein literarischer
Ehrgeiz und das hochadelige Milieu, "indem er vortragen durfte", hat
ihm, wie
Reinhardt 2022, S. 86) weiter konstatiert, wohl so geschmeichelt,
dass er sich von der Herzogin von Maine und ihren Parteigängern "in
gefährlicher Weise instrumentalisieren ließ."
Die Frau von »Claude-Louis-Hector
de Villars (1653-1734) einem der berühmtesten Heerführer und »Marschall
von Frankreich, lud Voltaire, nachdem wieder aus der Bastille
freigekommen und mit seiner Oper »Oedipe
erstmals einer größeren Öffentlichkeit bekannt geworden war, 1719
auf ihr südöstlich von Paris gelegenes prunkvolles »Schloss
Vaux-le-Vicomtes ein, wo Voltaire die meiste Zeit der zweiten
Jahreshälfte verbringt. Inzwischen hatte sich sein Verhältnis zum
Regenten »Philipp
von Orléans (1674-1723) deutlich entspannt. der ihm nach seinem
großen Bühnenerfolg mit der Tragödie »Oedipe
sogar eine Pension hatte zukommen lassen.
Voltaire genoss solche
Einladungen in die Lebenswelt des hohen Adels mit ihrem vielfältigen
Freizeitangebot von Jagden, Kartenspiel und Theateraufführungen und war
wohl zusehends der Ansicht, dass "ein Poet seines Ranges [...] eine
offizielle Stellung ein(nahm) und gehörte deshalb zu den Kreisen der
Mächtigen, Reichen und Schönen (gehörte)." (Reinhardt
2022, S. 112f., Kindle Edition). Auch wenn diese Selbsteinschätzung,
wie sein weiterer Lebensweg belegt, an der Realität und an seinen
sonstigen Einsichten "in die politische und moralische Brüchigkeit des
späten Ancien Régime" vorbeiging und mit seiner sonstigen
"Abneigung gegen die sittliche Verkommenheit des Hochadels" kaum zu
vereinbaren war, verlor der mondäne Lebensstil der Aristokratie, in
deren Lebenswelt er sich aufhalten durfte, das "vivre noblement", für
ihn zeitlebens nicht ihre Anziehungskraft. (vgl.
ebd..)
So öffnete ihm die
Maréchale des Villar die Türen
in die adelige Gesellschaft, verschaffte ihm Publikum und gewährte ihm
ihre Protektion. So hatte er es 1723 vor allem ihr zu verdanken, dass
sein in Frankreich de facto verbotenes Versepos »Henriade,
am Ende aus den Niederlanden, wo andere Verhältnisse herrschten,
heimlich nach Frankreich eingeführt und unter Duldung der
Aufsichtsbehören dort verbreitet werden konnte.
Im Schloss seiner
Gönnerin sah sich Voltaire jedenfalls nach seinen bitteren Erfahrungen
in der Bastille an einem richtigen Ort, denn mit ihrem literarischen
Salon gehörte sie zu einem »Netzwerk
literarischer Salons der Zeit, das über vielfältige Patronage
einzelnen Günstlingen zu dem weiteren sozialen Aufstieg verhelfen
konnte. In ihrer Umgebung konnte Voltaire Kontakte in höchste
aristokratische Kreise aufbauen.
Die auch Madame de
Rupelmonde genannte seit 1710 verwitwete hochadelige Dame lebte als Hofdame gut
versorgt in »Versailles.
Der konservative Hofkritiker Saint-Simon sagte ihr nach, dass sie
"eine anstößige Person von beispielloser Dreistigkeit" gewesen sei, was
übersetzt in die Kategorien seiner Vorstellungen vom
Geschlechterverhältnis bedeutete: "Sie war selbständig, selbstbewusst
und schätzte in ihrem Liebesleben wie ihre männlichen Standesgenossen
die Abwechslung." (Reinhardt
2022, S. 126, Kindle Edition).
Die gut gebildete
belgisch-niederländische Adelige nahm den sechs Jahre jüngeren Voltaire
1722 auf eine Reise in die Niederlande mit, die ihm Zugang zu ihrem
internationalen Netzwerk verschaffte und auch ihm die Möglichkeit gab,
selbst zu "netzwerken".
So knüpfte Voltaire auf
dieser Reise eine Reihe von Kontakten zu Diplomaten und Exilanten, zu
dem hugenottischen Publizisten und Aufklärer
»Jean
Rousset de Missy (1686–1762), zu niederländischen Druckern und
Buchhändlern in Den Haag, Rotterdam und Amsterdam, die für Voltaire
strategisch wichtig waren, weil in Holland viele verbotene Werke
erscheinen konnten. Das war um so wichtiger, als Voltaire während dieser
Reise erste "ketzerische" Verse schrieb, die er lange nicht
veröffentlichte, weil sie ihm in Frankreich einen Prozess wegen
Gotteslästerung eingebracht hätten (ebd.).
In Brüssel, wo er Kontakt mit dem wegen seiner religions- und
herrschaftskritischen Texte ins Exil getriebenen Literaten
Jean-Baptiste Rousseau (1671-1741)
Er traf in Utrecht mit
Schülern und Bewunderern »Isaac
Newtons (1643-1727) zusammen, da die dortige Universität ein Zentrum
der neuen Naturwissenschaften war. Zwischen Madame de Rupelmonde und
Voltaire entwickelte sich in dieser Zeit wohl eine kurze
Liebesbeziehung.
Die auch
Madame de Prie oder Marquise de Prie
genannte, einflussreiche Mätresse des Ersten Ministers, des »Herzogs
von Bourbon, sorgte dafür, dass Voltaire den Auftrag erhielt,
Theateraufführungen zur Hochzeit »Ludwigs
XV. (1715-1774) zu organisieren.
Dadurch erhielt
Voltaire Zutritt zum Hof in »Versailles
und zur künftigen Königin von Frankreich.
Es schien damit,
als habe er als einer der gefragtesten Autoren Frankreichs und
mittlerweile zu Wohlstand gekommene Person es so weit nach oben
geschafft, wie es einem Bürger in der ständischen Gesellschaft möglich
war.
Allerdings lernte er im
Umfeld von Madame Prie auch kennen, welchen Preis eine Zukunft als
Höfling und Hofdichter für ihn haben konnte. Als er Madame Prie auf ihr
Schloss nach Fontainebleau begleiten muss, bekam er seine Grenzen
aufgezeigt. Während seines dortigen Aufenthalts wies die adelige
Gesellschaft ihm eine Rolle zu, die so gar nicht nach seinem Geschmack
war und er erkannte, dass "seine Aufenthaltsberechtigung (...) darin
bestand, zu unterhalten, notfalls auf eigene Kosten, als Genie für
Regentage oder als Hofnarr" (Reinhardt
2022, S. 149, Kindle Edition), von dem am Ende sogar verlangt wurde,
sich mit eigenen Versen selbst zu verspotten.
Die
Tochter des kurzzeitig als polnischer König regierenden »Stanislaus
I. Leszczyński (1677-1766) war auf Initiative von
Madame de Prie durch Heirat mit »Ludwig
XV. (1715-1774) im Jahr 1725 französische Königin geworden. Sie
stand der höfischen Prunkentfaltung kritisch gegenüber, unterstützte auf
unterschiedliche Weise soziale Zwecke und zeigte sich auch Künstlern
gegenüber freigiebig, darunter "auch Poeten, die ihr Lob zu singen
versprachen." (Reinhardt
2022, S. 145, Kindle Edition). Dies traf sich gut mit den Hoffnungen
und Erwartungen, die Voltaire als Gefolgsmann der Bourbon-de-Prie-Partei"
(ebd.),
jener Gruppierung von Adeligen um sie und den »Herzog
von Bourbon, die aus Gründen der Staatsräson die eigentlich
vorgesehene Heirat des fünfzehnjährigen Königs mit der erst drei Jahre
alten spanischen Infantin hintertrieben hatten. Im Umfeld der neuen
Königin, die sich an dem fremden Hof ein eigenes Netzwerk von Vertrauten
aufbauen wollte, sah er wohl seine Zukunft als Höfling und Hofdichter am
Hof von Versailles. Sie wurde damit auch Zielperson seiner weiteren
Vorstellungen vom sozialen Aufstieg. Er widmete ihr mit schmeichelnden
Versen seine Tragödie Hérode et Mariamne und erhielt von der
Königin mehr oder weniger umgehend eine jährliche Pension von 1.500
Livres, die auf die weitergezahlte Pension des Regentin obendrauf kam. (ebd.,
S.146)
Schon im November 1725 wurde eine prächtige Urkunde auf kostbarem
Pergament und mit eigenhändiger Unterschrift der Königin über eine
jährliche Pension von 1500 Livres ausgestellt. Seine Komödie »L’Indiscret
(1725) wurde im königlichen Hoftheater vor den Augen des Königspaares
aufgeführt. Doch die Protektion durch die neue, äußerst fromme Königin
hielt nicht lange an. Als sich Voltaire gegen die Inszenierung einer
vermeintlichen Wunderheilung durch die katholische Kirche aussprach,
machte nicht nur der Erzbischof von Paris Front gegen ihn, sondern auch
andere einflussreiche Personen in Versailles, so dass die Königin ihre
Protektion einstellte und ihm auch die zugesagte Pension strich.
Die auch
Madame du Châtelet genannte Mathematikerin, Physikerin, Philosophin und
Übersetzerin war selbst eine der bedeutendsten •
Aufklärerinnen der Zeit.
Für Voltaire dürfte sie
die Frau in seinem Leben gewesen sein, die ihn intellektuell und
emotional am weitesten vorangebracht hat.
Sie war von 1734 bis zu
ihrem Tode 1749 nicht nur seine Liebespartnerin, sondern auch
Intellektuelle Mitstreiterin auf Augenhöhe sowie gesellschaftliche
Förderin und Protektionistin. Als Voltaire 1734 aufgrund eines
Haftbefehls Paris verlassen musste, bot sie ihm auf ihrem Schloss
Zuflucht.
Der Flucht
vorausgegangen war die von Voltaire (noch) nicht autorisierte, wegen der
Zensur in Frankreich hochriskante Veröffentlichung seiner »Lettres
philosophiques (Philosophische Briefe oder auch
Englische Briefe) zunächst in England und ab 1734 auch in Paris
durch seinen Verleger »Claude-François
Jore (1699-1780) aus
Rouen.
Das schmale Bändchen,
ursprünglich in einer Auflage von 2.500 Exemplaren, erregte nicht
zuletzt wegen des massiven Eingreifens der Zensurbehörden ungeheure
Aufmerksamkeit. Mit dem von ihnen verhängten Verbot und der Anweisung,
das Buch zu verbrennen, wurde es, wie so oft bei einem so massiven
Vorgehen der Zensurbehörden, erst recht zu einem Bestseller, der
zwischen 1734 und 1739 20.000 Mal verkauft wurde. (vgl.
wikipedia.fr)
Voltaire kritisiierte
darin zwar nirgends direkt die politischen und kirchlichen Zuständen in
Frankreich, doch seine Gegner erkannten sehr wohl die Sprengkraft, die
seine mit Ironie gepickten, aber in "scheinbar gelassene(m) Plauderton"
(Reinhardt
2022, S. 250, Kindle Edition) vorgetragenen Ideen, "(...) die
vermeintlich sakrosankte Ordnung aller Lebensverhältnisse gründlicher
und irreparabler (untergruben) als jedes revolutionäre Manifest.
Ständeordnung und soziale Hierarchien, das Vorgehen der Justiz, die
privilegierte Stellung der Kirche, der Einzug von Steuern und Abgaben,
die Legitimität des Feudalsystems, der Kult der aristokratischen Werte:
Nichts, was geschichtlich gewachsen war, hielt der sezierenden
Hinterfragung durch die kritische Ratio stand." (ebd.)
»Claude-François
Jore musste als Verleger dafür 14 Tage in der Bastille einsitzen und
verlor seine Zulassung als Verleger und Buchhändler. Es dauerte ein paar
Wochen, dann ging die Staatsmacht auch gegen Voltaire vor, ein von »Ludwig
XV. (1715-1774) unterzeichneter Haftbefehl (»lettre
de cachet) sah vor, ihn einem burgundischen Schlossgefängnis zu
internieren. Durch »Charles
Augustin Feriol (1700-1788), Graf von Argental und altem Freund aus
ihrer gemeinsamen Zeit am Collège Louis-le-Grand, der Eliteschule des
Hochadels zwischen 1704 und 1711 vorgewarnt, konnte er sich gerade
noch rechzeitig in ein Schloss von Madame du Châtelet in der Champagne
absetzten, die ihm die Protektion anbot, die er zu diesem Zeitpunkt wohl
nötiger denn je brauchte. (vgl.
ebd.,
S.255)
Madame du Châtelet und
Voltaire lebten und
arbeiteten lange gemeinsam auf »Schloss
Cirey, das im Besitz ihres die Liaison tolerierenden Ehemanns war.
Da Voltaire, der zu
dieser Zeit schon zu größerem Wohlstand durch Erbschaften, aus
Spekulationen und Einkünfte aus seinem literarischem Erfolg gekommen
war, letzten Endes finanziell besser als die Familie du Châtelet
gestellt war, wurde der halbverfallene Landsitz im ländlichen »Cirey-sur-Blaise
(Champagne) mit seiner finanziellen Unterstützung umgebaut und dabei um
eine private wissenschaftliche Bibliothek und ein Laboratorium
erweitert.
Cirey, das für ihn auch
ein Rückzugsort und Refugium fern von Zensur und Verfolgung wurde, blieb
in dieser Zeit der Lebensmittelpunkt von Voltaire und Émilie du Châtelet,
auch wenn sie phasenweise auf Reisen unterwegs und getrennt waren.
Dort widmeten sich
beide physikalischen Experimenten, insbesondere zur Optik und zum
Phänomen des Vakuums. Ein kleines Theater Im Dachstuhl des Schlosses
wurde ein kleines Theater eingerichtet, wo Voltaire seine Dramen
inszenierte.
Es dauerte jedenfalls
nicht lange, bis Schloss Cirey zu einem intellektuellen Zentrum wurde,
das Literaten, Naturwissenschaftler und Mathematiker gleichermaßen
anzog.
1748/49 lebte Émilie du
Châtelet mit Voltaire meist im Schloss von »Lunéville/Lothringen,
der Residenz des polnischen Ex-Königs und Schwiegervaters von »Ludwigs
XV. ( »Stanislaus
I. Leszczyński (1677-1766. Dort verliebte sie sich in den zehn Jahre
jüngeren Offizier, Höfling und Dichter »Jean-François
de Saint-Lambert (1716-1803) und
wurde schwanger. Sie starb am 10. September 1749 im Kindbett.
Die offizielle
Mätresse (maîtresse en titre) »Ludwigs
XV. (1715-1774) wurde ab etwa 1645 Voltaires mächtige Gönnerin am
königlichen Hof in »Versailles.
Sie förderte etliche Intellektuelle und Künstler ihrer Zeit, darunter
die Aufklärer Denis Diderot und Jean-Baptiste le Rond d’Alembert,
die die Encyclopédie herausgaben, Jean-Jacques Rousseau und eben auch
Voltaire,
Sie sorgte dafür, dass
der am Hof seit einiger Zeit in Ungnade gefallene Voltaire, den sie schon
seit Anfang der dreißiger Jahre kannte, wieder Zugang zum Hof bekam.
Allerdings war Voltaire
mit der ihm zugedachten Rolle als "höfische(r) Chefunterhalter" (Reinhardt
2022, S. 343, Kindle Edition) alles andere als zufrieden.
Madame de Pompadour verschaffte ihm
verschiedene Ämter, die seine Position festigten. So wurde er 1745 zum
Landeschronisten (Historiographe de France) ernannt, was ihm eine
jährliche Pension von 2.000 Livres und weitere Sondereinnahmen
einbrachte (ebd.,
S. 351), und 1746 erhielt er das ihm schon lange Zeit versprochene
Hofamt eines Königlichen
Kammerherrn zweiter Klasse. Endlich, scheint er es gesehen zu haben, war
damit aus ihm "ein «Ordentlicher Edelmann der Kammer des Königs»" (ebd.,
S. 361 )geworden und der bürgerliche Notarsohn damit auch als "Gentilhomme"
quasi regulär nobilitiert.
Im Mai 1746 wurde er,
auch wegen des andauernden Erfolges seiner Tragödie Mérope
(Uraufführung 1743), mit den Stimmen einer Mehrheit zum Mitglied der »Académie
française gewählt (vgl. (ebd.,
S. 361), was der König 1743 noch verhindert hatte.
Allerdings spielte ein Vorfall am Spieltisch der Königin 1747, bei dem
Voltaire Émilie du Châtelet auf
Englisch vor hochadeligen Falschspielern gewarnt hatte, seinen Gegner in
die Hände. Und ein weiterer Affront, ja geradezu Tabubruch, setzte
seiner höfischen Karriere schnell ein Ende.
Als Madame de Pompadour
auf der königlichen Privatbühne selbst eine Rolle in Voltaires Stück
»Enfant prodigue
(Der Verlorene Sohn) übernahm, bedankte sich Voltaire mit in den Augen
der Hofgesellschaft anstößigen Versen über sie, die als eine ihm nicht
zustehende intime Vertrautheit des Höflings mit der königlichen Mätresse
verstanden werden konnten. Daher ließ ihn der König, der ihn ohnehin
nicht leiden konnte, vom Hof verweisen, ohne ihn aber regelrecht zu
verbannen. Auf •
Schloss Sceaux
in Lothringen, das inzwischen der Alterswohnsitz des ehemaligen
polnischen Königs »Stanislaus
I. Leszczyński (1677-1766), des Vaters der französischen
Königin
Maria Leszczyńska (1703-1768) geworden war, ging Voltaire 1748 in
ein standesgemäßes "Exil".
Gert Egle, zuletzt bearbeitet am:
22.08.2025
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