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Aufklärer und Patronage
Voltaire (François-Marie Arouet) (1694-1778)
war einer der erfolgreichsten europäischen Aufklärer und machte trotz
seiner zum Teil sehr kritischen Äußerungen über die christlichen
Offenbarungsreligionen, den Machtmissbrauch von Klerikern und
Angehörigen der Aristokratie einen nahezu beispiellosen sozialen
Aufstieg. Am Ende seines Lebens war er so reich geworden, dass er im
Alter von 64 Jahren nach seiner Flucht aus Preußen in der Schweiz ein neues Schloss erbauen
lassen konnte, in dem er ein privilegiertes Leben führte.
Dabei gelang ihm zu Beginn keineswegs ein Traumstart für den weiteren
sozialen Aufstieg.
Zwar konnte er sich schon als junger Autor mit seinen oft witzigen und satirischen
Gedichten in verschiedenen höfischen Gesellschaften profilieren,
ging aber dann einmal zu weit und wurde von »Philipp
von Orléans (1674-1723), dem Regenten für noch unmündigen »Ludwig
XV. (1715-1774) aus Paris verbannt, weil er in einem seiner Gedicht
eine Anspielung auf ein angebliches inzestuöses Verhältnis Philipps mit
seiner Tochter »Marie
Louise Élisabeth d’Orléans (1695-1719) gemacht hatte.
Nicht genug:
Nachdem er auf eine eine Bitt- und Huldigungs-Epistel
an Philipp hin, wieder nach Paris zurückkehren durfte, machte er in
Anwesenheit eines Polizeispitzels wieder beleidigende Äußerungen über die
hochadelige junge Frau und wurde dafür 1719 elf Monate lang in der
Bastille, dem Pariser Stadtgefängnis, inhaftiert, wo er zunächst ein
paar harte Wochen ohne Besuch von außen, ohne Tinte, Feder und Papier
verbringen musste, ehe ihm in einem gewissen Rahmen Hafterleichterungen
zuteil wurden. (vgl.
Schirmacher
1898, S.142f.). Elf Monate nach seiner Verhaftung kam er durch die
Fürsprache von Gönnern wieder frei, wurde aber, wie bei ehemaligen
Häftlingen üblich, zunächst einmal erneut verbannt. Erst im Oktober
1718, nach fast anderthalb Jahren, konnte er wieder nach Paris
zurückkommen. wo er, wahrscheinlich immer noch von seinem Vater
finanziert, erstmals eine eigene Wohnung bezog. (vgl.
Schirmacher
1898, S.133)
Und doch standen diese
Vorkommnisse seinem weiteren Zugang zu den höchsten aristokratischen
Kreise nicht lange im Weg.
Seinen weiteren sozialen Aufstieg mit Zugang zu den höchsten
aristokratischen Kreisen haben ihm vor allem •
weibliche aristokratische
Gönnerinnen geebnet, von denen er mit der einen oder anderen ein
Verhältnis unterhielt.
Sie protegierten den
mittlerweile bekannten Dichter je nach ihren Möglichkeiten auf ihre
Weise, verschafften ihm Zutritt zu den höchsten aristokratischen Kreisen, verhalfen ihm zu verschiedenen Ämtern und gewährten ihm auch Schutz
in ihren Schlössern, wenn die Zensur ihn wieder einmal verfolgte.
Es waren gebildete
adelige Frauen, die im
kulturellen Bereich mit ihren »literarischen Salons Netzwerke angesehener Personen, von
Künstler und Schriftstellern aufbauten und pflegten, während ihre Männer
an verschiedenen Stellen des frühneuzeitlichen Staates als Minister,
Militärs oder Höflinge Dienst taten.
Nicht nur die
Patronagebeziehungen zu diesen meist hochadeligen Damen, sondern
selbstredend auch zu mächtigen männlichen Personen der absolutistischen
Ständegesellschaft machen den erfolgreichen Dichter Voltaire zu einem "gute(n)
Testfall für die Bedeutung von Patronagebeziehungen in der
Ideengeschichte" (Reinhardt
2022, S.88)
Das große Prestige, das Voltaire besaß, verschaffte ihm im Vergleich zu
anderen "Hommes de Lettres" mehr Möglichkeiten, die von ihm
eingegangenen Patronagebeziehungen "flexibler auszulegen" als andere. So
kam es sogar vor, dass er "einen (potentiellen) Beschützer gegen den
anderen ausspielen oder schlicht den Patron wechseln" (Tricoire
2023, S.80) konnte, wenn es ihm angeraten erschien.
Allerdings
wusste er auch, dass nicht jeder mögliche Patron ihm die gleichen
Vergünstigungen und die gleiche Protektion bieten konnte, so dass er
auch immer wieder Zielpersonen suchte, die ihm zum größten Vorteil
gereichten. Allerdings hatte dies auch seinen Preis, denn ihre Patronate
hinterließ auch in seinen poetischen wie politischen Schriften markante
und tiefe Spuren: "Seine Schriften waren in mehrfacher Hinsicht von
seinen Beziehungen zu Hochadligen und Herrschern geprägt: Er wählte
bestimmte Gattungen und lancierte Themen, um seinen Patronen zu
gefallen. Er verteidigte ihre politische Linie und förderte ihr Ansehen
in seinen gedruckten Texten. Seine Patrone schrieben sogar bisweilen an
seinen Werken mit, so dass viele Zeilen aus einer anderen Feder stammen
dürften." (ebd.)
Auch
wenn er es am Ende seines sozialen Aufstiegs bis an den Hof des Königs
in Versailles schaffte und mit der Übernahme verschiedener Ämter ein
bestens versorgter Höfling und Hofdichter wurde, ging er 1750
Frankreich auf Einladung des »preußischen
Königs »Friedrichs
II. (1712-1786), des Großen, nach Berlin, weil er glaubte, dort
seiner bis dahin schon glänzenden Karriere noch etwas obendrauf zu
setzen zu können.
Seine Zeit als hochdotierter Kämmerer am preußischen
Hof von »Sanssouci
in Potsdam währte indessen nicht lange. 1753 musste er Preußen nach
seinen Angriffen auf den Philosophen und Naturwissenschaftler »Pierre
Louis Moreau de Maupertuis (1698-1759), den der König persönlich
protegierte, geradezu fluchtartig wieder verlassen und kehrte nach
Frankreich zurück, wo sein früher geknüpftes und zuverlässiges Netzwerk
zu einflussreichen Granden wegen seiner Tätigkeit in Preußen inzwischen
aber nicht mehr bestand. In vergleichsweise kurzer Zeit gewann er aber
wieder die Protektion führender Adeliger am Hof wieder und konnte nach
einigen Jahren unter ihrer Protektion wieder religionskritische
Schriften veröffentlichen. Mitte der 1760er Jahre erwarb er sogar die
Patronage der Kaiserin »Katharina II. von Russland
(1729-1796), der Großen, die in einem vertrauten Briefwechsel mit
ihm stand. vertraut mit ihm korrespondierte. Auf diese Weise gelang es
ihm, sich "mit
einem Netz hochrangiger Patrone [zu ]umgeben, das ihn auch dann vor einem
Sturz bewahrte, wenn ein Faden riss." (ebd.)
Gert Egle, zuletzt bearbeitet am:
22.08.2025
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