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Sequenzbildung

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  Stellenwert, Auswahlkriterien und Organisation des Dramenunterrichts in der Schule werden im Allgemeinen ziemlich kontrovers diskutiert. Die entsprechenden Grundpositionen der Dramendidaktik und dramendidaktischen Konzepte müssen sich dabei auch mit Fragen auseinander setzen, wie
  • Welche dramatischen Texte sollte ein Schüler bzw. eine Schülerin im Laufe seiner Schulzeit im Unterricht gelesen haben?

  • Wie viele Dramentexte sollen im Vergleich mit epischen und lyrischen Texten im Literaturunterricht behandelt werden?

  • Auf welcher Klassenstufe sollen diese Dramen Unterrichtsgegenstand werden?

Und mit diesen Fragen kommt man ganz unweigerlich ins Fahrwasser der so genannten Kanondiskussion, die auch den Dramenunterricht tangiert. Auch wenn an dieser Stelle  kein umfassender Einblick in die sogenannte Kanondiskussion geliefert werden kann, sollen doch wenigstens Grundzüge aufgezeigt werden.

Vom traditionellen Lektürekanon zu Lektüreempfehlungen im Literaturunterricht

Das Metzler Literatur-Lexikon (21990, S.232) versteht unter einem Kanon "die Auswahl der für eine bestimmte Zeit jeweils als wesentl., normsetzend, zeitüberdauernd, d. h. »klassisch« erachteten künstler. Werke, deren Kenntnis für eine gewisse Bildungsstufe vorausgesetzt wird (z. B. in Lehrplänen)." Während der gymnasiale Literarunterricht sich noch bis in die fünfziger Jahre des vorigen Jahrhunderts hinein streng an kanonischen Vorgaben orientierte, die vor allem von Tradition und "Überlieferung" geprägt und vom  Prinzip der Klassizität geleitet gewesen ist, gibt es heute für Schule und Studium gleichermaßen keinen unumstrittenen Literatur-Kanon mehr. (vgl. Paefgen 22006, S.55)
An die Stelle des mit höchstem normativen und präskriptiven  Anspruch auftretenden Lektürekanons sind mittlerweile Leselisten, Lektüreverzeichnisse oder kommentierte Empfehlungslisten getreten. In dieser "Zeit der Lektüre-Empfehlungen" (ebd.) laufen freilich auch diese Zusammenstellungen Gefahr, indirekt zur Herausbildung von Standardlektüren beizutragen. Neben den Lektüreempfehlungen hat sich aber, zumindest in der gymnasialen Oberstufe, ein faktischer Kanon der am meisten gelesenen Lektüren herausgebildet, der auch modernere Kanonbildungen praktisch ignoriert. So haben Bogdal/Kammler (2000; S. 9ff.) ermittelt, dass dramatische Texte im faktischen Kanon eindeutig in der Minderzahl sind. Folgende Dramen gehören zu diesem faktischen Kanon

Das Beispiel Baden-Württemberg - Bildungsplan 2004 Deutsch Gymnasien

Das Lektüreverzeichnis des Bildungsplans Deutsch 2004 in Baden-Württemberg, das für die allgemeinbildenden und beruflichen Gymnasien gilt, umfasst nach Literaturpochen sortiert folgende Dramen:

Aufklärung/Sturm und Drang

Klassik/Romantik

19. Jahrhundert

Vom 20. Jahrhundert bis in die Gegenwart

Als nichtdeutschprachige Stücke werden u. a. aufgelistet:

Neben diesem nach Literaturepochen gegliederten Lektüreverzeichnis gehört zum Bildungsplan 2004 für Gymnasien in Baden-Württemberg auch eine nach literarischen Themenfeldern (z.B. Recht und Gerechtigkeit; Heimat und Fremde; Identität und Rolle; Natur und Mensch: Bedrohung - Beherrschung - Versöhnung) geordnete kommentierte Empfehlungsliste von literarischen Texten aus Epik, Dramatik und Lyrik, die mit ihrer Strukturierung "Hilfestellungen für die Konzeption von Unterrichtseinheiten wie auch von Klausuren und Prüfungsaufgaben" geben soll. Als exemplarische Vorschläge soll aus ihnen unter bestimmten Schwerpunktsetzungen eine Auswahl vorgenommen werden. Das Themenfeld "Recht und Gerechtigkeit" spricht die folgenden Lektüreempfehlungen aus. Von den 11 Titeln sind 5 Dramen:

Grundsätzlich entsprechen die verschiedenen Beispiele der Literaturauswahl und Lektüreauswahl auch einem Bedürfnis der Studenten und Lehrer nach "kanonischen Orientierungshilfen", die damit "eine begründete und nachvollziehbare Literaturauswahl, die den Lektüre-Umfang auf einen lesbaren begrenzt", angeboten bekommen. (Paefgen 22006, S.65)

Die zweifelhafte Wirkung der Lektüre-Charts

Nun muss nicht jede Lektüreempfehlung, die sich der Aufgabe verpflichtet sieht, eine Auswahl von Texten zu bestimmten Zwecken anzubieten, zugleich Kanoncharakter mit normativ-präskriptivem Anspruch haben. Manche haben wie z. B. die 2002 von dem Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki angestoßene Kanon-Debatte mit ihren geschickt vermarkteten Buchkassetten wohl auch nur "Event-Charakter" (vgl. Paefgen 22006, S.68). Reich-Ranickis "Ghettoblaster" der deutschsprachigen Literatur sei, so Thomas Steinfeld (2002) in der Süddeutschen Zeitung, begründe auch keine Kanon, sondern sei "beim besten Willen nicht mehr als eine knappe Liste mit persönlichen Empfehlungen". Und hinsichtlich der Gründe für derartige Verlagsproduktionen, die letztlich auf Hochstapelei fußten, führt er aus:
"Mag sein, dass sich die beteiligten Verlage darüber freuen, ein paar in jüngster Zeit nicht mehr sonderlich erfolgreiche Titel aus ihrer backlist neu unter das Volk bringen zu können. [...]
Dieser 'Kanon' ist [...] eine Entscheidung wider das schlechte Gewissen, wider das ungute Gefühl, das den stets nur halb gebildeten Menschen angesichts so vieler ungelesener Werke, so vieler ungehörter Konzerte, so vieler unbesuchter Theateraufführungen überkommt. Dass es gerade diese Bücher und nicht mehr sein sollen – das heißt für den Leser: Alles andere kannst Du vergessen, alles andere macht Dich nur verrückt, alles andere ist womöglich nur Ballast. Nimm mich mit, spricht diese literarische Kompaktanlage zu ihrem potentiellen Leser, nimm mich mit, das Leben ist kurz, aber siehe Du zu, dass Du nicht ungebildet ins letzte Hemd steigst. Ich bin Dein Weg und Deine Chance. Dieser 'Kanon' ist daher eine ebenso billige wie falsche Anbiederung an die Endlichkeit."
Kurz: dieser „Kanon“ ist das typische Produkt einer Gesellschaft, die sich von einem internationalen Vergleich angeblich lebenspraktisch entscheidender Kenntnisse so sehr hat erschrecken lassen, dass sie den „Bildungsnotstand“ ausgerufen hat und nun Rettung sucht in allerhand Veranstaltungen, in denen mehr oder minder nutzlose Kenntnisse mit Bildung verwechselt werden.
Solche "Ghettoblaster" passen heute ins Bild einer Medienlandschaft und die Medienkonvergenz, das zunehmende Verschmelzen aller Medien miteinander. Und so ist auch der Hinweis Steinfelds nicht von der Hand zu weisen, dass diese und ähnliche "Kanon"-Bildungen eine auffallende Affinität zu bekannten Fernsehformaten wie z. B. "Wer wird Millionär? aufweisen. Sieht man sich die seitdem erschienenen  zahlreichen Editionen von Verlagen aller Artan, die marktschreierisch diese oder jene "100 wichtigsten" Bücher, Dramen, Filme etc. anpreisen, wird die Konvergenz noch viel deutlicher. Die vermeintlich "100 wichtigsten Werke" der deutschsprachigen Literatur reihen sich dabei nahtlos ein in Sendungen, die die angeblich "100 beliebtesten Deutschen", die angeblich "100 wichtigsten Deutschen", die angeblichen "100 besten Hits seit den siebziger Jahren" etc.. Diese Fernsehformate, "Chart-Shows" für alle möglichen Schichten der Gesellschaft, lassen auch solche persönlichen Empfehlunglisten und  Verlagseditionen als mehr oder weniger beliebige "Lektüre-Charts" eines lesenden oder zum Lesen anzuregenden Publikums erscheinen, die als eine per TED-Umfrage ermittelte Longseller-Liste zum Kauf ganzer Editionen verführen sollen, die die Bücherregale eines Lesers auf der Höhe seiner Zeit zieren sollen. Die Frage ist indessen, ob ein solcherart totemistisches Umgehen mit Bildungsgütern, die im Regal stehend auf den Geist ihres Besitzers "abfärben" sollen, nicht gerade im Gegenteil jenen Leser/Käufer ausweist, der bis dahin seinen Weg zu den von anderen als unverzichtbar angesehenen Werken der Weltliteratur überhaupt noch nicht gefunden hat. In einem solchen Fall könnte die "gut aussehende" Buchedition den Käufer u. U. auch als ignoranten Nicht-Leser stigmatisieren.
Trotzdem: Die Übergänge sind wohl fließend, und so ist auch nicht auszuschließen, dass solche Empfehlungslisten und Editionen in dieser oder jener Form subtil Einfluss auf die schulische Lektüreauswahl nehmen. Wenn sie "Lesefreude und Leseinteresse wecken" (Bildungsplan Deutsch, Gymnasien Baden-Württemberg 2004) lässt sich natürlich auch nicht wirklich etwas gegen das Geschäft mit den Lektüre-Charts einwenden. Eine Renaissance des alten Kanons jedenfalls entsteht daraus nicht. (vgl. Paefgen 22006, S.67).

 

 
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