Darüber, was
das • Komische allgemein ist und welche Funktion es besitzt, haben sich,
über den • Alltagsgebrauch des
Wortes hinausgehend,
viele kluge Leute den Kopf zerbrochen und haben zahlreiche •
Theorien
aufgestellt, die hier nur in einem kurzen Überblick dargestellt
werden können.
Die wichtigsten
"Grundtypen von Verständnissen des Komischen" (Wirth
2017, S.2) sind die Inkongruenzteorie, die
Überlegenheitstheorie und die Entlastungstheorie.
Die
Inkongruenztheorie (auch
Inferioritätstheorie) geht davon aus, "dass sich Komik nur unter
Einbeziehung der Wahrnehmung eines Missverhältnisses verstehen
lässt." (ebd.,S.3)
In gegenwärtigen Komik-Modellen spielt die Inkongruenztheorie
eine besonders wichtige Rolle. Sie gehen allerdings im
Unterschied zu den älteren Inkongruenz-Modellen davon aus, dass
die Komik weniger von einem komischen Stimulus abhängt als dem
Zusammenspiel von Objekt und Rezipient. Zudem wird der
Inkongruenzbegriff kognitionspsychologisch fundiert, im dem man
ihn z. B. als Konflikt auf der Grundlage schematheoretischer
Überlegungen als Schema-Konflikt versteht. (vgl.
ebd., S. 5)
Die
Überlegenheitstheorie
geht davon aus, "dass das Lächerliche mit einer Wahrnehmung
von Unzulänglichkeiten im Zusammenhang steht, die im
Wahrnehmenden ein Gefühl der Größe oder zumindest der
Erleichterung darüber hervorruft, selbst nicht betroffen zu
sein," (ebd.)
Die
Entlastungstheorie, die
auf Sigmund Freud zurückgeht, nimmt
an, "dass Komik und verwandte Phänomene als Einsparungen im
psychischen Energiehaushalt von Individuen anzusehen sind; das
Komische geht, [...] mit der als lustvoll erfahrenen Befreiung
von moralischen und rationalen Kontrollanstrengungen einher, die
Personen in sozialen Zusammenhängen gemeinhin zu erbringen
haben." (ebd.)

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Da das, was als komisch wahrgenommen wird, historisch ebenso wie
kulturell und individuell unterschiedlich ist, können auch
systematische Komiktheorien diese Unterschiedlichkeit nicht
hinreichend abbilden.
In der
griechischen Antike haben
sich »Platon
(428/427 v. Chr.-348/347 v. Chr.) und »Aristoteles (384 v. Chr.-322. v. Chr.)
mit dem Komischen befasst und dabei erste Ideen zur
Inkongruenztheorie des Komischen entwickelt. (Wirth
2017, S.3)
»Platon
sah im Komischen etwas Schlechtes, das der Tugend
entgegensteht. Werde es auf der Bühne zur Darstellung gebracht,
dann sei das nur legitim, wenn es der Erkenntnis des
Tugendhaften diene. (vgl.
Kablitz 2007, S.289)
Der griechische
Philosoph »Aristoteles,
wertet im Gegensatz zu Platon das Komische nicht ab. Über
die Komödie sind von ihm allerdings kaum Aussagen überliefert.
In den von seiner »Poetik
erhaltenen Teilen hat er sich bei den ▪ dramatischen
Formen vorwiegend mit der ▪
Tragödie
beschäftigt. In seiner »Poetik
definiert er das Komische zwar als eine •
Nachahmung (Mimesis) von schlechten
bzw. hässlichen Menschen, allerdings beziehe sich die Nachahmung
nicht auf alles erdenklich Schlechte, sondern »
nur auf das
Lächerliche.
Wahrscheinlich ist mit "schlechteren" und
"besseren" Menschen eine moralische Wertung verbunden, die
Begriffe können aber (darüber hinaus) auch mit einer ständischen
Bedeutung
konnotiert
worden sein und den Gegensatz zwischen gewöhnlichen und
edlen bzw. bedeutenden Menschen ausdrücken. (vgl.
Asmuth 62004, S.27) Das Komische ist für
Aristoteles eine Art des Hässlichen,
genauer gesagt, "ein mit Hässlichkeit
verbundener Fehler, der indes keinen Schmerz und kein Verderben
verursacht".
(Aristoteles,
Poetik, 2. Kap., S.9)
Lachen entsteht also aus der Freude
über die Schwäche oder den Makel eines anderen.
Im
Mittelalter, das keine
eigenständige Theorie des Komischen entwickelt hat, werden im
Grunde Platons Vorbehalte aufgegriffen und vor allem restriktive
Empfehlungen über das Lachen formuliert und die Freude am
Komischen auf den biblischen Sündenfall zurückgeführt. (vgl.
Kablitz 2007, S.291)
In der
Frühen Neuzeit gibt es
psychologische Theorien des Komischen, aber auch Theorien, die
das Komische an seinen besonderen Gegenständen festmachen. Der
englische Staatstheoretiker und Philosoph »Thomas
Hobbes (1588-1679) gilt als Vertreter der auf Aristoteles
zurückgehenden Inferioritätstheorie (Überlegenheitstheorie),
weil er im Lachen ein Gefühl der Überlegenheit am Werke
sieht, das sich über das oder den Verlachten erhebt. Der
deutsche Aufklärungsphilosoph »Immanuel
Kant (1724-1804) verlagert, indem er den Affekt und nicht
den Intellekt als Quelle des Komischen betrachtet, "die komische
Wirkung in die Physiologie". (vgl.
ebd., S.292) Im Gegensatz dazu sieht der deutsche Philosoph
»Arthur
Schopenhauer (1788-1860) die Komik als dezidiert kognitive
Operation, die aus der Inkongruenz dessen entsteht, was uns die
Anschauung liefert, und dem, was wir abstrakt wissen. Wenn zwei
verschiedene Phänomene unter einem Begriff subsumiert werden,
entstehen Witz und Komik.
Der deutsche
Dichter und Philosoph
»Jean Paul (1723-1825) sieht in seiner "Vorschule der
Ästhetik, nebst einigen Vorlesungen in Leipzig über die Parteien
der Zeit. 1804" das Komische als "die umgekehrte Erhabenheit"
oder die unendliche Diskrepanz zwischen dem Ideal und der
Wirklichkeit. Für ihn ist das Komische das Ergebnis eines
Kontrastes, der unseren Anspruch an die Welt (das Ideal) und
ihre tatsächliche, oft unvollkommene Gestalt (die Wirklichkeit)
offenbart. Lachen ist das befreiende Gefühl, das durch die
Erkenntnis dieses Kontrastes entsteht.
Am
Beginn des 20.
Jahrhunderts definiert der Philosoph
»Henri
Bergson (1859-1941) in seiner
Abhandlung "Das Lachen"
(1900)
das Komische aus dem Blickwinkel des Gegensatzes von
Lebendigem und Mechanischem. Dabei erscheint das Mechanische
"als Überzug, als Kruste über Lebendigem" (•
Was sind die Grundthesen
von Bergsons Theorie des Komischen? (KI). Er argumentiert, dass wir dann lachen, wenn
wir in menschlichem Verhalten eine starre, automatische oder
maschinenhafte Wiederholung sehen, die im Kontrast zur
Flexibilität und Lebendigkeit des Lebens steht. "Wir lachen
jedesmal, wenn eine Person uns wie eine Sache erscheint." Lachen ist für
ihn eine soziale Geste, die unwillkürliches, unflexibles
Verhalten korrigieren soll.
Sigmund Freud
(1856-1939)
erklärt das Komische in seiner Schrift "Der Witz und seine
Beziehung zum Unbewußten" (1905) als eine Entladung von
seelischer Energie und als •
Aufwandsdifferenz zwischen zwei energetischen Zustanden der
Psyche, Daher wird sie auch als Entlastungstheorie
bezeichnet. Seine Überlegungen zum Witz und dem Komischen sind
Teil seiner allgemeinen psychoanalytischen Theorie bzw. •
allgemeinen Theorie der Persönlichkeit
und der
Beziehungsdynamik zwischen den psychischen Instanzen ▪
Es,
▪
Ich und
▪
Über-Ich,
die im Mittelpunkt seiner
Persönlichkeitspsychologie stehen. (▪
Strukturmodell
der Persönlichkeit) Lachen entsteht nach Freud, wenn eine psychische
Spannung, die für einen bestimmten Zweck aufgebaut wurde (z.B.
für einen ernsthaften Gedanken), plötzlich unnötig wird, weil
der Witz oder die komische Situation sie auflöst. Diese
freiwerdende Energie wird als Lachen entladen. Dabei beruht
diese Vorstellung darauf, dass das menschliche
Bewusstsein wie ein im Meer treibender Eisberg, nur einen
vergleichsweise kleinen Teil dessen ausmacht, was unser Fühlen, Denken
und Handeln bestimmt. (▪
Eisbergmodell
der Persönlichkeit).
Der russische Literaturwissenschaftler
• Michail Bachtin (1895-1975)
entwickelte in Rabelais und seine Welt (1940/1965) ein
Konzept, das das Lachen als Teil der Volkskultur deutet. Die
Komödie speist sich dabei aus zwei widerstreitenden Momenten:
der dionysisch-kultischen Tradition mit orgiastischen,
ekstatischen Elementen und den organisatorischen Formen, die
diesem Exzess Halt geben. Ursprünglich wurzelt sie im
Dionysoskult, dessen Feste und Opferspiele die Grundlage für
Tragödie und Komödie bildeten: Während die Tragödie mythische
Sinnstiftung bot, verspottete die Komödie die politischen
Eliten. Das dionysische Prinzip zeigte sich im Grenzauflösen, in
Triebfreisetzung und kollektiver Ekstase, die soziale Ordnungen
außer Kraft setzte. Nach einer Zurückdrängung dieses Moments in
der Antike kehrte es in Shakespeares Komödien erneut hervor.
Besonders radikal setzte es jedoch die Commedia dell’arte um:
Mit improvisiertem Maskenspiel stellte sie das Theater als
unmittelbare Gegenwartserfahrung heraus, verweigerte
Individualisierung und bot durch derbe Späße Entlastung
gegenüber der wachsenden sozialen Disziplinierung. (•
Stelle die Grundthesen von
Bachtins Theorie des Komischen zusammen (KI).