Der russische Literaturwissenschaftler
»Michail Bachtin (1895-1975) entwickelte in seinem 1940
verfassten und 1965 erstmals in Russisch veröffentlichten Werk
(dt. 1987) Rabelais und seine Welt. Volkskultur als
Gegenkultur eine • Theorie
des Komischen, die auf der Untersuchung der Lachkultur der
Frühen Neuzeit in der Renaissance beruht und das Lachen bzw. das
Komische in den Kontext der Volkskultur stellt.
In diesem Kontext
konstituiert sich die • Komödie "aus zwei gegenläufigen, nur
schwer und nie eindeutig und sicher zu verbindenden Momenten."
Zum einen ist dies die aus der •
archaischen griechischen Zeit herrührende
"dionysisch-kultische Tradition, die um Erfahrungen des
Orgiastischen zentriert ist" (Greiner
2006, S.198), zum anderen sind dies die "unabdingbaren
Maßnahmen, diesem
virtuell freigelassenen Dionysisch-Orgiastischen doch einen Halt
in spezifischen Organisationsformen zu geben." (ebd..S.199)
Die
dionysisch-kultische Tradition geht auf den kultisch-religiösen
Ursprung des antiken Dramas, vor allem der ▪ antiken Tragödie,
in den kultischen Opferspielen zu Ehren des gr. Gottes »Dionysos
zurück, der in der ▪
griechischen Götterwelt als Gott des Weines, der
Freude, der Trauben, der Fruchtbarkeit, des Wahnsinns und der
Ekstase gilt und meistens mit Efeu- bzw. Weinranken und
Weintrauben dargestellt wird.
Der
archaische Dionysos-Kult besteht vor allem aus
unterschiedlichen "Besessenheitsriten" (Michel Leiris 1979),
bei dem sich "die Fremdheit des Gottes (...) im Spiel auf
die Akteure des Kults als Erfahrung der eigenen Fremdheit
(überträgt), die im Wesen dessen wahrgenommen wird, dessen
Maske der Spieler trägt." (Brauneck
201.,
S.13)
Unter
»Peisistratos (um 600–528/527 v. Chr.)
wurde aus dem ehemaligen volkstümlichen Bauerngott im Zuge der
"Kultreform" (ebd.,
S.15) "der
Dionysos der athenischen Agora, ein politischer Gott der
Stadt, Schirmherr der aristokratischen Polis" und
das Dionysos-Fest "zu einem repräsentativen Staatsfest" (ebd.,
Hervorh. d. Verf.). Dieses Fest sollte die wirtschaftliche und politische
Macht der Polis herausstellen und die Werte in Erinnerung
rufen und bestätigen, die für den gesellschaftlichen Zusammenhalt sorgten.
Und genau das war dann auch die Aufgabe, welche die •
Tragödien
und • Komödien im Rahmen der Opferspiele zu Ehren von Dionysos
(»Dionysien)
hatten: "Während die Tragödie die großen mythischen
Erzählungen als Garanten eines von den Göttern verbürgten
Sinnes von Welt und Geschichte darstellte, prangerte die
Komödie die Laster und Schandtaten der politischen Klasse in
kaum überbietbarer Schärfe ab, überschüttete deren
Repräsentanten mit Spott und Hohn." (ebd.).
Die um Erfahrungen des Orgiastischen zentrierte dionysisch-kultische Tradition
der Komödie zeigt sich im
grundsätzlich von formalen Zwängen
Erscheinungsbild der frei und ungehemmt bis hin zur Ekstase
ausgelebten Emotionen, Triebe und Fantasien. Ihre Lust am
"Aufheben von Grenzen, [...] am Vermischen, am Durcheinandergehen-Lassen noch des Disparatesten (anstelle
von Abgrenzung und Vereinzelung), Aufheben des Prinzips der
Unterscheidung, sei es des Geschlechts (Nachspielen des anderen
Geschlechts, Herausstellen des Sexuellen)" (Greiner
2006, S.198) u. a. m. zeigt wie wenig diese Tradition mit
allem zu tun hat, was sie in Ordnungssysteme der Sprache, der
Moral und, im Bezug auf Literatur, "in spezifische
Organisationsformen" wie z. B. die Komödie als dramatische
Gattung oder auch die äußerlichen Begrenztheiten einer
Theateraufführung zwingt. Die dionysisch-kultische Tradition des archaischen »Dionysoskults
mit seiner "kollektive(n) Grenzüberschreitung im Rausch und im
Tanz" (Brauneck
2012,
S.12). und seiner "sukzessive(n) Freisetzung einer Triebdynamik"
(ebd.).
setzt nämlich "das
Kontrollsystem der sozialen Ordnung außer Kraft" (ebd.).
Die dionysisch-kultische Tradition wirkt bis bis in die Frühe
Neuzeit fort und hat auch darüber hinaus Bedeutung. Nachdem
schon in der Antike die • "neue
Komödie" »Menanders
(342/341 v. Chr.- 291/290 v. Chr.) das orgiastische Moment
zurückgedrängte, wie es noch die "alten
Komödien" von »Aristophanes
(zwischen 450 v. Chr. und 444 v. Chr. - um 380 v. Chr.)
ausgezeichnet hatte, und "das Spiel auf der Bühne [...] in sich
geschlossener, verschlungener, allegorischer, weniger agressiv"
(Greiner
2006, S.201) wurde und die Themen sich dem
Allgemein-Menschlichen zuwandten, sind es erst die Komödien »William
Shakespeares (1564-1616) die beide Momenten der Gattung, wie
sie die auf den Verstand zielenden Verlach-Komödie und das
dionysisch-karnevalistische Moment repräsentierten, erneut
zusammenführen.
Die dionysisch-kultische Dimension der Komödie wurde in Europa
aber wohl am radikalsten von der •
Commedia
dell’arte aufgegriffen und weiterentwickelt. Ihr
improvisiertes »Stegreif-
und Maskenspiel mit einem festen Figurenpersonal "bricht [...]
die Herrschaft des Textes, damit das Bedeutungsgebot auf dem
Theater auf" und "akzentuiert [...] Theater als hier und jetzt
in der Wirklichkeit des Zuschauers." (ebd.)
Mit ihren zum Teil derben Späßen sorgte sie zugleich für
Entlastung gegen den Zivilisationsdruck und die fortschreitende
▪
soziale Disziplinierung der frühneuzeitlichen
Gesellschaft, indem sie sich der Individualisierung mit ihren Typen und
Masken verweigerte, sich allein auf das Hier und Jetzt der
Aufführung statt auf angehäuftes kulturelles Wissen konzentriert
und kleinen übergeordneten Sinnanspruch erhebt. (vgl.
ebd.)
Das Spiel der Commedia
dell’arte-Figuren bot darüber hinaus auch Möglichkeiten für den
Zuschauer, sich mit Anstößigem, als nieder Abgewerteten und
Hässlichem zu identifizieren. In diesen Fragen ähnlich agierten
die •
Wanderbühnen im 17. und der •
18.
Jahrhundert, von denen die meisten an ihrem •
nonverbalen und köperbetonten Spiel festhielten und aus dem »Stegreif"
spielten.
Einen Übergang von der Commedia
dell’arte zur Charakter- und Verlachkomödie stellen die Komödien
Molières dar, die aber schon stark auf diskursive Elemente
setzen.
Das von Michail
Bachtin entwickelte Konzept der Karnevalisierung geht auf seine
Analyse der mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Volkskultur
zurück. Sie legt nahe, dass die Komödie und ihre Interpretation
sich nicht allein auf Text beschränkt werden kann (vgl.
ebd.,
S.199) und über das im Spiel Dargestellte hinausgehend, auch den
institutionellen Rahmen reflektieren muss, in dem sich das
Spiel- und Theatergeschehen ereignet.
Im Karneval
erkennt Bachtin ein soziales und kulturelles Prinzip, das "die
amtliche Ernsthaftigkeit des kirchlichen, feudalen und
politischen Lebens außer Kraft setzte" (Bachtin
1987, S. 12). Für die Dauer des Festes entstand eine "zweite
Welt", in der "die Normen und Hierarchien des Alltags
aufgehoben" (ebd.,
S. 13) und durch eine Gemeinschaft des Lachens ersetzt wurden.
Wesentlich
ist für Bachtin die Umkehrung:
"Die Rangordnung wird durchbrochen, oben wird unten, der König
wird zum Narren“ (ebd.,
S. 17). Diese Umkehrung ist jedoch nicht bloße Parodie, sondern
besitzt eine doppelte, ambivalente Funktion.Das Lachen ist
zugleich "vernichtend und belebend, erniedrigend und verklärend,
es tötet und gebiert zugleich" (ebd.,
S. 22).
In engem
Zusammenhang damit steht der von Bachtin geprägte
Begriff des grotesken
Realismus. Der groteske Körper ist "kein individueller,
abgeschlossener Körper, sondern ein immer werdender, der die
Welt verschlingt und von ihr verschlungen wird" (ebd.,
S. 27). Darstellungen von Essen, Trinken, Sexualität, Geburt und
Tod haben darin eine zentrale Funktion: Sie machen die
Körperlichkeit zum Ort der Erneuerung und zugleich der
Entgrenzung.
Die
Funktion der
Karnevalisierung liegt für Bachtin somit in einer
doppelten Bewegung: Sie
kritisiert und relativiert die Autorität der offiziellen Kultur,
und sie
eröffnet einen Raum für schöpferische Erneuerung. "Das
Lachen befreit nicht nur vom Furchtbaren, sondern es eröffnet
auch neue Horizonte“ (ebd.,
S. 38).
Bachtin
überträgt dieses Prinzip schließlich auf die Literatur. Werke
von Rabelais, Cervantes und Dostojewski zeigen karnevaleske
Strukturen, indem sie Vielstimmigkeit, Parodie und groteske
Bildlichkeit einsetzen. "In der Literatur erhält die
Karnevalisierung die Gestalt einer zweiten Welt, in der das
Offizielle durchbrochen und das Neue zur Sprache gebracht wird“
(ebd.,
S. 45).
Damit ist
Karnevalisierung bei Bachtin weit mehr als die Beschreibung
eines Festes. Sie bezeichnet ein grundlegendes kulturelles und
literarisches Prinzip, das auf Ambivalenz, Umkehrung,
Gemeinschaft und Erneuerung beruht.
Abschnitt Karnevalisierung z. T. erstellt mit KI