▪
Grundfragen der Textanalyse
und Interpretation
▪
Überblick
▪
Hermeneutische Modelle
▪
Überblick
▪
Rezeptionsästhetik
▪
Antihermeneutische Modelle
▪
Dekonstruktivistisches Modell
▪
Kontextuelles Modell
Die Herstellung
eines textnahen Textverständnisses in der Schule ist im
Allgemeinen mit kognitiv-analytischen Verfahren verbunden und
orientiert sich weitgehend an den Grundsätzen der
▪
werkimmanenten
Interpretationsmethode. Diese spielt im schulischen ▪
Literaturunterricht
bei
sämtlichen Interpretationsaufgaben (z.B.
▪ Textinterpretation) eine
wichtige Rolle, wenngleich sie, so wie von ihren
Begründern
konzipiert worden ist, wohl kaum umgesetzt wird.
Wird sie heutzutage im
Literaturunterricht verwendet, bedeutet dies daher im Allgemeinen auch nicht, dass mit der Methode das Ziel verfolgt wird, das vermeintlich "Ewige, das
in den Dichtungen Gestalt wird", (Mahlholz 1923, zit. n.
Baasner/Zens
32005, S. 76) zu einer
überzeitlichen Größe, frei von jeglichen außertextlichen Bezügen und
Gegebenheiten, zu stilisieren. Dabei ist allerdings auch davon auszugehen, dass eine wirklich rein
werkimmanente Interpretation im schulischen
Literaturunterricht wohl
kaum betrieben worden ist, zumal selbst ihre
renommiertesten Vertreter wie
z. B. »Emil Staiger
(1908-1987) und »Wolfgang Kayser
(1906-1960), zumindest später, dies auch nicht
vormachten (vgl.
Baasner/Zens
32005, S. 76f.),
Allkemper/Eke
22005, S. 165).
Dennoch: das von
der werkimmanenten Methode favorisierte textnahe Verstehen ist,
insbesondere, was die besondere Art der Interaktion mit dem Text
in einer sukzessiv sich entwickelnden ▪
gedanklichen Zirkelbewegung von
Fragen und Antworten (▪
hermeneutischer Zirkel) angeht, noch immer einer der möglichen Wege,
zu einem intersubjektiv kommunizierbaren
Textverständnis zu gelangen.
Kontextualisierung der werkimmanenten Interpretation
Schon die Einheitlichen Prüfungsanforderungen in
der Abiturprüfung Deutsch (Beschluss der Kultusministerkonferenz vom
01.12.1989 i. d. F. vom 24.05.2002) halten im Hinblick auf die
Methode der Interpretation beim
▪ untersuchenden
Erschließen literarischer Texte fest:
"Eine rein immanente Interpretation
reicht nicht aus; je nach Aufgabenstellung sind Zeithintergrund,
Autorbiografie, literaturgeschichtliche Einordnung,
Entstehungsgeschichte
und literarische Wertung einzubeziehen." (Hervorh. d. Verf.)

Mit der eingangs zitierten Feststellung, dass eine rein immanente Interpretation nicht
ausreicht, wird, bei gleichzeitiger Anerkennung ihrer Bedeutung für die
schriftlichen Leistungsnachweise im Abitur, doch einer Umgangsweise mit
literarischen Texten ein
Riegel vorgeschoben, der die historischen Bezüge eines dichterischen Werkes zugunsten einer verfehlten Vorstellung von "zeitloser Dichtung"
ausblendet.
Folgerichtig wird ausdrücklich die
Kontextualisierung als
eine der
Operationen bei der Textinterpretation
ausgewiesen und damit, zumindest als Teil des Ganzen, eine über die
ästhetische Qualität des Werkes hinausgehende, autorbezogene und
kontextuelle Aspekte einschließende Analyse bzw. Interpretation
eingefordert. Zugleich wird damit auch der Bedeutung entsprechenden
Grundlagen– und Orientierungswissens für das literarische Verstehen
Rechnung getragen.
Die Arbeit mit verschiedenen Kontexten ist Teil der im
Literaturunterricht zu erwerbenden literarischen Kompetenz.
Im Umgang mit
Kontexten können die Schüler*innen die "Erfahrung machen,
dass eine Kontextualisierung mit unterschiedlichem Wissen zu
unterschiedlichen Deutungen führt. Zudem – möglicherweise in einem
nächsten Schritt – sollten sie dafür sensibilisiert werden, dass
(eine zunehmend eigenständige) Kontextualisierung bewusste
Auswahlentscheidungen beinhalten. Es ist nicht notwendig und auch
nicht möglich, alle Kontexte zu berücksichtigen, entscheidend ist
vielmehr eine zielführende Auswahl; dafür sollte das Kontextmaterial im Laufe der
Lernentwicklung tendenziell vielschichtiger und differenzierter
werden. Mit zunehmender Eigenverantwortlichkeit sollen die
Schülerinnen und Schüler dafür natürlich nicht nur die vorbereiteten
Materialien nutzen, sondern auch 'selbst erkennen, welche Kontexte
hilfreich sein könnten und diese selbst recherchieren' (Spinner
2012, S. 63) und auswählen." (Stark
2016, S.90)
In
der Praxis des Literaturunterrichts kann die Kontextarbeit
allerdings sehr unterschiedlich ausfallen.
Am
wenigsten hilfreich ist es wohl, Schüler*innen mit der Absicht, "den Weg zwischen
kurzfristigem Kontextwissenserwerb und Textbegegnung kurz zu halten"
(Stark
2012, S. 44) "auf die Schnelle" mündlich oder schriftlich
Kontextinformationen anzubieten, die zugleich mit der explizit
oder implizit erteilten Aufforderung verbunden werden, sie auf
einen bestimmten literarischen Text anzuwenden. Ganz unabhängig
davon, dass dies auch unter kontextuellem Aspekt fragwürdig ist,
fördert ein solches Vorgehen das vielerorts beklagte schablonenartige und schematische
Abrufen solcher Kontexte, vor allem bei schriftlichen
Leistungsaufgaben.
Kompetenzorientierte Kontextarbeit sieht anders aus. Ihre
Aufgaben verlangen, dass "die Schülerinnen und Schüler
verschiedene Kontextinformationen berücksichtigen und
miteinander verknüpfen müssen (vgl. z. B.
Kammler
2007 oder
Stark 2012)" (Stark
2016, S.89). Dabei können diese Informationen auch
unterschiedlichen Kontexten angehören. Das Aufgabenformat muss
verdeutlichen, dass das Auswählen eines einzigen Kontextes aus
dem Angebot nicht ausreicht, um eine bestimmte Aufgabe zu
bewältigen.(vgl. ebd.)
Dabei ist aber auch
immer wieder zu sehen, dass auch Kontextmaterialien erst einmal
verstanden werden müssen, ehe sie auf einen Text bezogen werden und
damit auch zum Textverständnis beitragen können. Hier ist oft in
besonderem Maße Weltwissen gefragt, über das heutige Schülerinnen
und Schüler nicht mehr ohne weiteres verfügen.
In jedem Fall ist bei
der Zusammenstellung der Kontextmaterialien didaktisch zu reflektieren, ob die
Schülerinnen und Schüler über das nötige Wissen verfügen, um die
entsprechenden Kontextinformationen überhaupt in ihre
Sinnkonstruktion "einlesen" können.
Gert Egle. zuletzt bearbeitet am:
30.01.2025
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