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Interpretationsmethoden

Überblick


Im Literaturunterricht der Schulen gibt es bei der schulischen Textinterpretation heutzutage eine breite Vielfalt verschiedener Interpretationsmethoden, die unterschiedlichen Interpretationsansätzen folgen und auch etliche produktive und kreativen Möglichkeiten einschließen. wie z. B. Methoden der szenischen Interpretation. Dennoch spielt die werkimmanente Methode in der Schule aus verschiedenen, vor allem literaturdidaktischen und prüfungsbedingten, Gründen immer noch eine herausragende Rolle.
 


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Der Abiturstandard, niedergelegt in den  Einheitlichen Prüfungsanforderungen in der Abiturprüfung Deutsch (Beschluss der Kultusministerkonferenz vom 01.12.1989 i. d. F. vom 24.05.2002) (EPA) betont ausdrücklich, dass "dem Erschließen von literarischen Texten (...) vorrangige Bedeutung zukommt, denn das Verstehen literarischer Texte eignet sich als Muster des Verstehens überhaupt." (S.5) Die diesem Verstehen zugeordnete  fachspezifische Erschließungsform, das so genannte untersuchende Erschließen, gehört zu den in der Sekundarstufe II und dem Abitur zu erbringenden Leistungsanforderungen der verschiedenen Anforderungsbereiche (Afb I, Afb II und Afb III) zugeordnet.
Dabei ist ohnehin davon auszugehen, dass eine wirklich rein werkimmanente Interpretation im schulischen Literaturunterricht ohnehin wohl kaum betrieben worden ist, zumal selbst ihre renommiertesten Vertreter wie z. B. Emil Staiger und Wolfgang Kayser, zumindest später, dies auch nicht vormachten (vgl. Baasner/Zens 32005, S. 76f.), Allkemper/Eke 22005, S. 165). Mit der in den Prüfungsanforderungen formulierten Anforderung wird damit einer im Literaturunterricht längst üblichen Praxis noch einmal entsprochen. Aber dennoch: Mit der Feststellung, dass eine rein immanente Interpretation nicht ausreicht, wird, bei gleichzeitiger Anerkennung ihrer Bedeutung für die schriftlichen Leistungsnachweise im Abitur, doch einer Umgangsweise mit literarischen Texten ein Riegel vorgeschoben, der die historischen Bezüge eines dichterischen Werkes ausblendet zugunsten einer verfehlten Vorstellung von "zeitloser Dichtung". Folgerichtig wird ausdrücklich die Kontextualisierung als eine der Operationen bei der Textinterpretation ausgewiesen und damit, zumindest als Teil des Ganzen, eine über die ästhetische Qualität des Werkes hinausgehende. autorbezogene und kontextuelle Aspekte einschließende Analyse bzw. Interpretation eingefordert. Zugleich wird damit auch der Bedeutung entsprechenden Grundlagen- und Orientierungswissens für das literarische Verstehen Rechnung getragen.

So ist im schulischen Bereich die Textinterpretation, insbesondere in Form des so genannten Interpretationsaufsatzes, nicht wegzudenken. Denn mit dieser Methode, so wird behauptet, können Schülerinnen und Schüler durch Anwendung bestimmter Regeln und Verfahren lernen, wie ein Verstehensprozess nachvollziehbar, Deutungen überprüfbar und kommunizierbar werden.

Man kann Interpretationsmethoden auf verschiedene Art und Weise in Gruppen einteilen. Allerdings erweisen sich starre Klassifikationssysteme angesichts fortlaufenden Erkenntniszuwachses und der Entwicklung weiterer Interpretationsmethoden als wenig hilfreich. Aus diesem Grund und der Tatsache, "dass alle Textdeutungen über Kontexte ausgeführt worden sind" (Steinmetz 1995, S.482) sind auch typologische Ansätze die vom Kriterium textinterner oder textexterner Bedeutungserzeugung ausgehen, nur noch bedingt von Nutzen. Denn selbst Interpretationsansätze, die vorgeben, allein vom Text auszugehen, wie die werkimmanente Methode, gehen " trotz gegenteiliger Behauptung von Kontexten aus." (ebd.) So stellte die von dieser Richtung idealisierte deutsche Klassik mit ihrer "Vorstellung vom harmonischen Kunstwerk, in dem alle Teile in funktionalem Zusammenhang stünden und miteinander ein kohärentes und konsistentes Ganzes bildeten, den allgemeinen Hintergrund, von dem aus die konkreten Bedeutungszuerkennungen gesteuert wurden." (ebd.)
Folgerichtig hat natürlich auch die schulische Textinterpretation, selbst in den Prüfungsanforderungen für das schriftliche Abitur, die engen Grenzen einer nur werkimmanenten Betrachtung auch hinter sich gelassen, auch wenn hermeneutische Modelle im Gegensatz zu antihermeneutischen Modelle (Dekonstruktion) klar bevorzugt werden.

Gängige hermeneutische Interpretationsansätze in der Schule

In der Schule erfolgt die Textinterpretation nahezu nur mit hermeneutisch ausgerichteten Interpretationsmethoden. Andere, vor allem neuere Literaturtheorien haben es infolge ihrer mitunter kaum erreichbaren "Verwertbarkeit" im Literaturunterricht schwer, neue Akzente zu setzen. Sie tragen nämlich, wie Clemens Kammler (2005, S.188) im Anschluss an Spinner (1987, S.18) betont, "ihre Deutungen oft 'monologisch-autoritativ' vor" und können in der Regel nur von der "wissenschaftlichen Interpretationsgemeinschaft" entsprechend eingeordnet werden. Zudem "bewegen sie sich zunehmend auf einem gedanklichen und begrifflichen Abstraktionsniveau, das jeglicher unterrichtlichen Vermittlung, auch der universitären, abträglich sind."

Im Literaturunterricht der Schule spielen vor allem die drei folgenden - andernorts als Modelle bezeichneten - Interpretationsansätze als Ausgangspunkte des Verstehens literarischer Texte eine Rolle:

  • Biographischer Ansatz
  • Historisch-politischer Ansatz
  • Werkimmanenter Ansatz

Diese drei Grundansätze lassen sich dazu in weitere, spezifischere Interpretationsansätze untergliedern.
Allerdings wird im schulischen Bereich bei der Textinterpretation hierbei nicht unbedingt auf eine stringente Trennung und konsistente Durchführung eines einzelnen Interpretationsansatzes hinzuarbeiten sein. Eher wird der Begriff des so genannten  "synthetischen Interpretierens" (Jost Hermand), das auf dem Heranziehen verschiedener Interpretationsansätze beruht, beschreiben, was bei einer multiperspektivisch angelegten Analyse und Interpretation literarischer Texte  in der Schule erreicht werden soll.
So wie die moderne Literaturwissenschaft mit dem "Gespenst der richtigen Interpretation" aufgeräumt hat, gilt heute auch allgemein, dass ein literarischer Text keine mehr oder weniger fest umrissene Bedeutung besitzt. Denn "welchen Sinn, welche Bedeutung man mit literarischen Texten verbindet, ist ... eine Entscheidung, die der Interpret fällt." (Horst Steinmetz 1995, S.475). Dementsprechend sind auch alle derartigen Interpretationsansätze legitim, ohne jedoch auch gleichermaßen überzeugend zu sein.

Autororientierte Ansätze biographisch oder (individual-)psychologisch Ausgangspunkt: Autor, sein Leben, seine Lebensumstände, seine Persönlichkeitsstruktur
Werkorientierte Ansätze historisch-politisch oder historisch-soziologisch Ausgangspunkt: Entstehungszeit des Textes und der historisch-soziale Kontext seiner Entstehung
geistes- oder ideengeschichtlich Ausgangspunkt: Geistige, kulturelle, philosophische Strömungen in deren Kontext der Text gesehen werden kann
werkimmanent Ausgangspunkt: autonomes Kunstwerk und sein (Vor-)Verständnis durch den Rezipienten, hermeneutischer Zirkel
Werktranszendierende Ansätze rezeptionsgeschichtlich Ausgangspunkt: Wirkungsgeschichte (Rezeptionsgeschichte) eines Textes
rezeptionsästhetisch oder leserorientiert Ausgangspunkt: unterschiedliche Konkretisationen eines Textes und seiner Bedeutung durch verschiedene Leser

 

     
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