Home
Nach oben
Zurück
Weiter
 

 

Familie

Hauptfunktionen der traditionellen Familie

 
 
Die traditionelle Vater-Mutter-Kind-Familie wird vom Grundgesetz unter den besonderen Schutz des Staates gestellt. Das hat natürlich auch Gründe, die mit den christlichen Traditionen der Bevölkerungsmehrheit in Deutschland zu tun haben. Auf der anderen Seite gibt es aber auch eine Reihe von Gründen, die nicht religiös motiviert sind und den Staat veranlasst haben, dieser Lebensform seinen besonderen Schutz angedeihen zu lassen.

Dabei spielen vor allem vier Funktionen eine Rolle, die von der traditionellen Familie für die Gesellschaft übernommen werde

Die Aufgaben und die gesellschaftliche Funktionen, welche der traditionellen Familie und ihrer ehemals nötigen "Vorform" der Ehe zugewiesen werden, sind das Ergebnis eines langen historischen Prozesses. Im Verlauf der Geschichte haben sich auch jene Normen entwickelt und weiterentwickelt, die bis heute die sozialen Gebilde Ehe und Familie fundieren und rahmen. Dazu zählen rechtliche, soziale und religiöse Normen.

  • Religiöse Normen: Ehe als Sakrament (Katholiken), Haltung zur Scheidung und Empfängnisverhütung (Katholiken)

  • Rechtliche Normen: Ehemündigkeit, Ehescheidung und Erbrecht

  • Soziale Normen: Partnerwahl, häufig bestimmt durch bzw. eingeschränkt durch konfessionelle und statusbedingte Aspekte

Bis zur Reformation waren die Vorstellungen von Ehe und Familie streng an die Vorstellungen der katholischen Kirche gebunden. Im katholischen Kirchenrecht war das Sakrament der monogamen Ehe für Zeugung und Erziehung da und diente auf diese Weise dem "Fortgang der Welt. Die Zeugung von Nachkommen stellt nicht nur den Zweck der Ehe, sondern auch den Sinn und die Legitimation von Sexualität dar." (Wienfort 2014,S.11) Damit einher ging freilich bei Katholiken und Protestanten die noch stärkere Ausgrenzung unehelicher Kinder, die gewöhnlich weder anerkannt wurden, noch Unterstützung erhielten. (vgl. Schmohl o. J.)  Trotzdem: Martin Luther und die Reformation setzten dagegen andere Akzente. Indem sie den sakramentalen Charakter der Ehe verneinten, sahen sie in ihr auch kein in die Transzendenz entrücktes "Geheimnis religiösen Glaubens mehr", sondern ein Vertragsverhältnis. Sie ließen darüber hinaus den Zölibat (seit dem 12. Jh. obligatorisch), die Pflicht für Priester unverheiratet zu bleiben, das auch mit einer ungeheuren Abwertung des Sexuellen einherging, hinter sich und "begriffen die Ehe zwischen Mann und Frau als grundlegendes Verhältnis der Gesellschaft, als Basis für die soziale und politische Vergemeinschaftung in Familie und Verwandtschaft, in der Kirche, in Stadt und Gemeinde, schließlich im Staat." (ebd.)
Naturrechtsdenken und Vertragslehre in der frühen Neuzeit und der Aufklärung machten die Ehe zu einem bürgerlichen Vertragsverhältnis, deren Aufgabe darin zunächst einmal darin bestand, Sinnlichkeit gewissermaßen einzuhegen und damit Sexualität und die dabei gezeugten Kinder rechtlich abzusichern. Als dieser Prozess weitgehend abgeschlossen war, versachtlichte sich die Definition von Ehe im Zusammenhang mit einer zunehmenden Verwissenschaftlichung von Liebe und Sexualität, dass bis Ende des 19. Jahrhunderts Ehe mehr und mehr zu einer auf einer vertraglich geregelten Lebensform wurde, die Rechte und Pflichten der Ehepartner genau beschrieb. (vgl. ebd.) In Ideologie und Politik des Nationalsozialismus spielte die Ehe eine überaus wichtige Rolle. Sie war Keimzelle der rassistisch definierten Volksgemeinschaft und hat getreu der eugenisch-rassistischen Ziele des Regimes für den arischen Nachwuchs zu sorgen.
Nach dem Ende des 2. Weltkrieges rückte das reine Vertragsverhältnis wieder in den Mittelpunkt: Wie um 1900 schon üblich, "zog sich das Rech auf das Formale zurück. Es hält sich die Liebe vom Leibe. Das Ideal der Liebesehe schrumpft auf die Freiwilligkeit der Eheschließung zusammen." (ebd. S.12) Heute stellt die Ehe eben vor allem ein rechtliches Verhältnis dar, das per Unterschrift vor dem Standesbeamten Namen und Wohnsitz der Eheleute ebenso wie ihre (vermögens-)rechtliche Beziehung zueinander, Erbfragen, elterliche Sorge und die Versorgung der Partner nach einer möglichen Scheidung regelt. Und selbst wenn Ehescheidungen heute längst die nichts Ungewöhnliches mehr sind, werden sie, und auch das zeigt ihre historische Bedingtheit und Verwurzelung noch immer an der Formel ausgerichtet »bis dass der Tod euch scheidet«, es gibt also bis heute keine Möglichkeit, von vornherein eine Ehe auf Zeit einzugehen.
Doch das Rechtsverhältnis prägt das Erscheinungsbild der Ehe nicht allein. So wie die rechtlichen und religiösen Normen geschichtlich bedingt sind und sich verändert haben, so ist die Ehe auch immer wieder von unterschiedlichen kulturellen Leitbildern und ökonomischen Aspekten beeinflusst worden. Ihre verschiedenen historischen Formen bringen verschiedene Bezeichnungen zum Ausdruck, die unterschiedliche Aspekte von Ehen akzentuierten. (Liebesehe, Konventions- oder Kameradschaftsehe, Sachehe, arrangierte Ehe, psychologische Ehe, Hausfrauenehe, Zivilehe, Mischehe, Scheinehe, Zwangsehe usw.)
Und auch in unserer Gegenwart verändern sich die Vorstellungen darüber, wer miteinander ein vertragliches Verhältnis eingehen kann, das der Ehe gleichzustellen ist. Die Rede ist von der Einführung eingetragener Lebenspartnerschaften für gleichgeschlechtliche Partner, die, seit sie 1989 in Dänemark eingeführt worden ist, in vielen Ländern möglich geworden ist (2001: Lebenspartnerschaftsgesetz in Deutschland). Auch wenn damit noch keine Ausweitung der Ehe als solche auf homosexuelle Paare, wie dies in den Niederlanden seit 2001 gilt, vollzogen ist, komme es aber, so Wienfort, "zu einer Ausdehnung des Vertragsverhältnisses auf Gruppen, die bisher ausgeschlossen waren." (ebd., S.13) Wie traditionelle heterosexuelle Paare feiern nun auch homosexuelle Paare Hochzeit und übernehmen selbstredend und genauso gut Funktionen, die man früher lediglich heterosexuellen Ehepartner zugeschrieben hat: Sie tragen gegenseitig Verantwortung für die Existenzsicherung, geben sich Geborgenheit und Nestwärme und erziehen Kinder.
Lange Zeit war die Ehe aber auch ein Übergangsritus von der Kindheit ins Erwachsenenleben. Wer heiratete, galt damit auch als erwachsen. Dabei hingen die Rollen, welche Männer und Frauen in ihren Ehen übernahmen, auch in hohem Maße von ihrer sozialen Lage und Stellung ab. Über die sozialen Schichten hinweg spielten Männer indessen die Rolle des Ernährers, während Frauen sich um Haushalt und Kinder zu kümmern hatten. Insbesondere für bürgerliche Mädchen wurde die Ehe zur zentralen Lebensperspektive überhaupt, weil ihre Lebenschancen häufig allein an diese gebunden waren. Dies erklärt auch, so Wienfort, "warum im 19. Jahrhundert die Braut in den Mittelpunkt der Hochzeitsfestlichkeiten getreten ist und das Brautkleid bis zu den faszinierendsten Themen gehört. Bürgerliche Frauen sahen in der Hochzeit zunehmend den wichtigsten Übergangsritus überhaupt. Als schönsten Tag sollten sie die Heirat erleben und ihn als den Tag begreifen, der über das Gelingen des Lebens entschied." (ebd., S.14) Die Ehe war für bürgerliche Frauen, die noch kaum Ausbildungs- oder Berufschancen besaßen alternativlos und die Überhöhung des Hochzeitstags dessen fast logische Konsequenz und die Mutterschaft schließlich das Ziel, auf das ihr eheliches Leben hinsteuern sollte. Auch wenn man die bürgerliche Ehe nicht nur unter dem Blickwinkel der Herrschaft der Männer über die Frauen betrachten kann (vgl. Nipperdey 1990, S. 49), entpuppt sich das Ganze aber auch als Weg hin zu einem "patriarchalisch-hierarchischen Geschlechterverhältnis" (Kritik der Ehe, o. J.), das die Ungleichheit zwischen den Geschlechtern verschärfte. Der "faktische Entscheidungsvorrang, um nicht zu sagen, das Entscheidungsmonopol des Mannes" bzw. "sein paternalistischer Patriarchalismus"  ergab sich jedenfalls fast problemlos  aus der Hochstilisierung der Frau - sie war das bessere menschliche Wesen, im Höheren zuhause" (ebd., S. 49) So führte letztlich auch die "die Aufspaltung in Privatheit und Öffentlichkeit (...) zu einer Neudefinition der Geschlechterrollen. Dem Mann wurde die Rolle als Ernährer zugeschrieben, er war zuständig für die 'Außenwelt'. Der Frau fiel die dienende Rolle in der 'Innenwelt' der Familie zu: sie war für die häusliche Gemütlichkeit verantwortlich, hatte die Kinder zu erziehen und - möglichst liebevoll - für den Ehemann zu sorgen." (Kritik der Ehe, o. J.) Während die bürgerliche Gesellschaft sich die bürgerliche Frau idealisierte und "das Ideal der Ehe als einer Gefühlsgemeinschaft" predigte , "in der sich Gemüt und Verstand, jeweils vertreten durch Frau und Mann", gleichwertig ergänzen sollten" (Schenk 1995, S.93), führte der "strukturelle Machtvorsprung des Mannes" auch in der bürgerlichen Institution der Ehe dazu, "dass sich günstigenfalls eine Art Vater-Tochter-Verhältnis und im negativen Fall die Beziehung zwischen einem Familientyrannen und einer vom Gefühl ihrer eigenen Minderwertigkeit durchdrungenen Dienerin entwickeln konnte." (ebd., S.93).
Aber immerhin "(versuchte) das aufstrebende Bürgertum des 18. Jahrhunderts (...) erstmals, Liebe, Sexualität und Ehe zu einem Gesamtpaket zu schnüren." Dies sei zugleich "das Neue am bürgerlichen Ehemodell" gewesen, wie es in der Romantik  mit seiner Flut von Eheratgebern vermittelt worden sei. "Die (romantische) Liebe wurde allmählich zum einzig gültigen Anlass und Motiv. (Nichts desto trotz waren auch materielle Aspekte bei der Eheschließung durchaus bedeutsam.) Erstmals war auch sexuelle Erfüllung wichtiger Faktor einer guten Ehe, die allgemein eine Emotionalisierung und Intimisierung erfuhr. Zärtlichkeit zwischen den Partnern wurde integriert und es gab einen starken Bedeutungszuwachs der Rolle des Kindes. Erstmals sprachen sich die Ehegatten mit Du an, später auch die Kinder ihre Eltern Die Kindheit als Lebensabschnitt wurde entdeckt, von der Erwachsenenwelt fürsorglich abgetrennt und zur pädagogischen Provinz erklärt. Es gibt nicht länger nur Prügel; jetzt genießt das Kind Erziehung. Ebenfalls entwickelte sich die Betonung eines häuslichen Ehe- und Familienlebens nach gutbürgerlicher Sittlichkeit." (Kritik der Ehe, o. J.)

Das Liebes- und Lebenskonzept der bürgerlichen Ehe (2004)

 

    
   Arbeitsanregungen:
  1. Welche der dargestellten Funktionen sind Ihrer Ansicht nach besonders wichtig?

  2. Halten Sie den besonderen Schutz der traditionellen Familie angesichts der heutigen Vielfalt von Lebensformen noch für gerechtfertigt?
     

 
  
Singles ] Ehe ] Familie ] Bilokale Paarbez. ] Gleichgeschl. Partner ]
  

          CC-Lizenz
 

 

Creative Commons Lizenzvertrag Dieses Werk ist lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 International License (CC-BY-SA) Dies gilt für alle Inhalte, sofern sie nicht von externen Quellen eingebunden werden oder anderweitig gekennzeichnet sind. Autor: Gert Egle/www.teachsam.de