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Hofmanswaldau: Die Welt

Alles ist Blendwerk

Walter Hinck (2000)


  (Walter Hinck arbeitet in seiner Interpretation die kunstvoll angelegte Wirkungsstrategie des Gedichts heraus.)

Die Welt ist seine [Hofmannswaldaus, d. Verf.] prägnanteste Antwort auf die Frage, die so viele Menschen seiner Zeit aufrüttelte.
   Die ersten beiden und dann die nächsten sechs Verse sind fest miteinander verklammert durch gleichlautende Zeilenanfänge und die Gleichheit des Satzbaus, durch die rhetorischen Mittel der anaphorischen Reihung und des Parallelismus. Auf die Frage, was Glanz und Pracht der Welt seien, werden sechs Antworten gegeben, die jeweils einen desillusionierenden Gegensatz benennen. Ihre Anordnung ist nicht beliebig, folgt vielmehr dem Gesetz der Steigerung. Der »schnöde Schein« in «kurzgefaßten Grenzen«, die bildliche Umschreibung des Edelsteins, enthüllt die Welt als Blendwerk, der »schnelle Blitz« das Leben als einen kurzen Lichtblick inmitten tiefen Dunkels. [...] So erweist sich hier die liebliche Natur als Distelfeld, im schönen Gebäude haust die Krankheit. Mit dem Sklavenhaus als Lebens- und dem Grab als Bestimmungsort des Menschen erreicht die Enthüllungsreihe ihren Höhepunkt [...].
   Die beiden folgenden Verse ziehen das Resümee und breiten zugleich den Appell an den Sinneswandel des noch im Schein befangenen Menschen vor. Nicht von »Fleisch« und »Lust«, sondern nur von der Optik der Seele her ist jene Orientierung zu gewinnen, die sicher zum Hafen (»Port«) hinführt. [...] Nur im Jenseits, so die Botschaft Hofmannswaldaus, besitzt die Schönheit, die im Hier mit so vielen Masken der Vergänglichkeit glänzt, auch Beständigkeit.
   Aber nicht dieser »Botschaft« verdankt das Gedicht seinen Rang. Was es gegenüber anderem im Thema verwandten Gedichten auszeichnet, ist das einzigartige Zusammenspiel von dichterischer Demonstration (bildhaftem Aufzeigen) und Reflexion. Es betreibt im ersten Teil die Demaskierung mit einem geballten Aufgebot an Metaphern, an Anaphern, Parallelismen und Antithesen, das in ein spannungsvolles Verhältnis zum Enthüllungszweck tritt: Das Gedicht entlarvt den falschen Schein seinerseits mit einem rhetorischen Feuerwerk. Es begegnet dem Blendwerk, wenn auch in sprachlicher Form, mit seinen eigenen Waffen.
   Vom Staccato-Stil, mit dem im ersten Teil dem »schnöden Schein« überfallartig die Masken abgerissen werden, wendet sich das Gedicht im zweiten Teil, die Desillusion nutzend, einem ruhigeren Argumentations- und Überredungsstil zu, den Imperative eindringlicher machen, bevor es mit der Verheißung winkt.. Dieses Gedicht nimmt den ästhetischen »Schein« der Kunst von der Verachtung aus: Es brilliert mit einer hochartistischen Wirkungsstrategie.

(Walter Hinck, Alles ist Blendwerk, in: ders., Stationen der deutschen Lyrik 2000, S.46f., gekürzt)
  

 
  
   Arbeitsanregungen:

Untersuchen Sie die Interpretation des Gedichts »Die Welt« von Christian Hofmann von Hofmannswaldau.

  1. Zeigen Sie, wie der Autor den Textbezug seiner Interpretationsaussagen gestaltet.
  2. Untersuchen Sie, wie der den Funktionszusammenhang von Form und Inhalt im Rahmen seiner Interpretation entwickelt.
  3. Erläutern Sie die These Walter Hincks zur Wirkungsstrategie des Gedichts: : "Es begegnet dem Blendwerk, wenn auch in sprachlicher Form, mit seinen eigenen Waffen."

  

                
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