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Jakobinismus (1789-1796)

Der hungrige Bauch hat keine Ohren

Friedrich Christian Laukhard (1799) - Auszüge


Ich hoffe, alle einsichtigen Ärzte, Gesetzkundige, Erzieher, Philosophen, Prediger und Fürsten werden mir hier beistimmen und dann einsehen: [...]
Keine Regierung könne die Völker bürgerlich frei machen, bevor diese sich nicht selbst moralisch frei gemacht hätten. Dies ist wahrlich eben so viel, als wenn man behaupten wollte, man müsse keinem erlauben, eher gehen zu lernen, bis er tanzen gelernt hätte, oder sich nicht eher ins Wasser wagen, bis er schwimmen könnte; oder einen Fieberkranken kurieren zu wollen, ohne für die Wegschaffung der pestilanzialischen1 Luft und erhitzender Nahrungsmittel gesorgt zu haben; oder einer Taube die Flügel festzuhalten und doch zu fordern, sie solle fliegen! [...]
Auf eben diesem verkehrten und der Natur widersprechenden Wege finden wir auch den Herausgeber und die Verfasser der Horen2. Beide sprechen, laut der Ankündigung, von dem allverfolgenden Dämon der Staatskritik - von einem Lieblingsthema des Tages, und von den Horen, als von einer Schrift, die sich ein strenges Stillschweigen darüber auferlegen und ihren Ruhm darin suchen wird, durch etwas anderes zu gefallen, wodurch jetzt alles gefalle. Je mehr das beschränkte Interesse der Gegenwart die Gemüter in Spannung setze, einenge und unterjoche, desto dringender werde das Bedürfnis, durch ein allgemeineres und höheres Interesse an dem, was rein menschlich und über allen Einfluss der Zeiten erhaben sei, sie wieder in Freiheit zu setzen, und die politisch-geteilte Welt unter der Fahne der Wahrheit und Schönheit wieder zu vereinigen [...]
Alles recht gut und löblich! Aber wie dies zu Stande bringen? Wie irgend Leute zum Tanze oder Ball bestimmen, in deren Nachbarschaft es brennt? Oder denen es an dem Nötigen fehlt, um an dem Angenehmen teilnehmen zu können? Wie ein Haus oder Garten verschönern, wenn man weder Haus noch Garten eigentümlich besitzt, oder wenigstens nichts dazu übrig hat? Necessaria utilibus, utilia iucundis praeferenda sunt (Man muss das Notwendige dem Nützlichen und das Nützliche dem Angenehmen vorziehen) sagt Cicero3. Und eben die Vindizierung4 des Notwendigen und Nützlichen ist das Lieblingsthema des Tages, und der Gegenstand für den allverfolgenden Dämon der Staatskritik. Dies ignorieren und die Menschen durch ein höheres Interesse in Freiheit setzen wollen, wie vorzeiten das Lieblingsthema aller Kreuzfahrer und Ordensstifter war. Das musste das gegenwärtige Irdische verachtet und bloß das zukünftige Höhere gesucht und geachtet werden. Man folgte haufenweise, aber was erwarb man? Hirngespinste, asketische Faselei und Ketzermorde. -
Unser Magen ist nicht rein menschlich, noch weniger über allen Einfluss der Zeiten erhaben: er fordert reelle Befriedigung für den Darmsinn; und hat er die zur Genüge und sicher, dann erst hat unser Kopf und Herz Zeit und Geschmack für Ideenspeise. Sonst hat der hungrige Bauch keine Ohren weder für Logik, noch für Ästhetik, noch für Moral; wohl aber Fäuste zum Zugreifen; [...]
Patriotische Gelehrte sollten also als Vermittler zwischen dem Volk und dem Fürsten auftreten, die Sache beider unparteiisch untersuchen, und dadurch glimpflich das bewirken helfen, was zur allgemeinen Abspannung der Gemüter, durch gegenseitige Befriedigung nach Recht und Pflicht dienet.
Hört erst alle Usurpation5, aller Despotismus6 auf, eröffnet oder erweitert man die Brotquellen durch verbesserten Ackerbau, Manufakturen, Fabriken, Kommerz7, Pressefreiheit u. dgl., werden die Rechte der Geringsten erst allgemein beachtet, erhält jeder Würdige ohne Unterschied der Geburt freien Zutritt zu Dienststellen und Pachtungen, hebt man die Fronen8, übertriebene Steuern, Wildhegungen9 , kurz alles das auf, was die Menschen zur Sklavenarbeit zwingt, ohne die Früchte ihrer Arbeit je in Ruhe zu genießen - dann bedarf es nur eines Winkes durch Beispiel, um sie dahin zu bringen, wohin Die Horen es sollen. Geschieht das nicht, wie werden Die Horen es erreichen, die politisch-geteilte Welt unter der Fahne der Wahrheit und Schönheit wieder zu vereinigen? Wie gesagt, der hungrige Bauch hat keine Ohren, keine Augen! Daher bei uns der Mangel an Kunstgefühl, Kunstachtung, Schändung der öffentlichen Denkmäler [...]

(aus: Friedrich Christian Laukhard, Zuchtspiegel für Adliche, Paris 1799, S. 21ff., in: Peter Stein (Hg.) 1973, S.55, gekürzt; er neuen Orthographie angepasst)

Friedrich Christian Laukhard (1758-1822): Sohn eines Predigers; mit 16 Jahren Studium an der Universität Gießen, dort Bekanntschaft mit dem radikalen Aufklärer Carl Friedrich Bahrdt; später Prediger, wegen seines sozial nicht akzeptierten Lebenswandels entlassen Arbeit als Jagdaufseher, Kellermeister, Sprachlehrer, Waisenhauslehrer in Halle und als Universitätsdozent; wegen finanzieller Unregelmäßigkeiten Ende der akademischen Karriere; danach Berufssoldat, bei der Belagerung von Mainz dabei; gilt als ein sozialer Abenteurer, ein Typus, der im 18. Jahrhundert durchaus nicht selten vorgekommen ist; war in vielen Rollen zu Hause, die er mehr oder weniger freiwillig selbst übernommen hat; 

Worterklärungen:
1 pestilenzialisch: fürchterlich stinkend, von Pest
2 Horen: Die Horen, Literarische Zeitschrift, von Friedrich Schiller als Monatsschrift zwischen 1795 und 1797 herausgegeben; publizistisches Organ der Weimarer Klassik; benannt nach den drei Horen, die griechischen Göttinnen Eirene (Frieden), Eunomia (Ordnung) und Dike (Gerechtigkeit); Zeitschrift wurde nach zwei Jahren u. a. wegen ihres zu lebensfernen und elitären Anspruches, der kaum Leser erreichte,  eingestellt;
3 Cicero, Marcus Tullius (106-43 v. Chr.), römischer Staatsmann, Redner und Philosoph
4 Vindizierung: Herausgaberecht des Eigentümers einer Sache an den Besitzer
5 Usurpation: widerrechtliche Besitz- bzw. Machtergreifung
6 Despotismus: Gewaltherrschaft
7 Kommerz: hier im Sinne von Handel und Geschäfte
8 Fronen: unentgeltliche Dienste, die die meist bäuerlichen Untertanen ihren Herren schuldeten (Arbeitsdienste usw.)
   


   Arbeitsanregungen

  1. Fassen Sie den Text in Form von Thesen zusammen.
  2. Welche Kritikpunkte hat Laukhard an Schillers Konzeption, die dieser in seiner Ankündigung der Horen (1795) entwirft?
  3. Arbeiten Sie die sprachlichen Mittel heraus, mit denen Laukhard seine Kritik an Schiller gestaltet.
  4. Worin besteht der jakobinische Ansatz der Kritik Laukhards?
  5. Welche Ziele muss Literatur nach Ansicht von Laukhard verfolgen?
  6. Nehmen Sie zu den Thesen Laukhards Stellung.
  7. Setzen Sie sich insbesondere mit der folgenden These Laukhards auseinander:
    "Hebt man kurz alles das auf, was die Menschen zur Sklavenarbeit zwingt, ohne die Früchte ihrer Arbeit je in Ruhe zu genießen - dann bedarf es nur eines Winkes durch Beispiel, um sie dahin zu bringen, wohin Die Horen es sollen."

  

     
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