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Jakobinismus (1789-1796)

Volksverbundenheit und Völkerfreundschaft


"Die Tendenz, die Plebejer in Stadt und Land über ihre Interessen aufzuklären, und die Einsicht in die Notwendigkeit, mit dem Volk und für das Volk politische Rechte zu erkämpfen, ohne die alle Gleichheits- und Freiheitsforderungen blutleere Schemen bleiben mussten, trennten die deutschen Jakobiner von der großen Masse der deutschen Intellektuellen, die 1789 voller Begeisterung gewesen waren, aber beim Anstieg auf die Gipfelhöhe des Berges, der Montagne, unter Atemnot zu leiden begannen und der Revolution beim Beginn der Jakobinerherrschaft den Rücken kehrten." (Walter Grab 1984, S.51)

Mit diesen treffenden Worten bringt Walter Grab die Veränderungen in den  Einstellungen verschiedener Intellektueller in Deutschland zur Sprache, die sich im Verlauf der französischen Revolution vollzogen haben.

Die politische Praxis der Jakobiner beruht bei ihrem Bemühen um die revolutionäre gesellschaftliche Umgestaltung auf den Prinzipien von Volksverbundenheit und Völkerfreundschaft.

  • Die Volksverbundenheit der Jakobiner zeigt sich in den zahlreichen Schriften, Aufrufen und Appellen, die sich an das einfache Volk, die Bauern und städtischen Unterschichten, richteten. In der literarischen Praxis wird, unter dem Begriff der Volkstümlichkeit zusammengefasst, das Prinzip der Volksverbundenheit zur maßgebenden ästhetischen Kategorie.( vgl. Inge Stephan 1982, S.168, Stephan, Das jakobinische Literaturkonzept)  Dass darüber hinaus auch Impulse aus dem in lokalen Unruhen und Bauernaufständen agierenden einfachen Volk in die jakobinische Bewegung Eingang gefunden haben, unterstreicht die Bedeutung dieser Volksverbundenheit in der jakobinischen Praxis.
    Nur wenn volksverbundene, vertrauenswürdige und zuverlässige Demokraten die Macht innehätten, so die gängige jakobinische Auffassung, konnte die Entwicklung vom Untertanen zum mündigen, seine Freiheit selbst gestaltenden Bürger gelingen.
  • Die Völkerfreundschaft der Jakobiner resultiert aus dem Verständnis von Brüderlichkeit als einem der Leitbegriffe der französischen Revolution. Versteht man darunter Volksverbundenheit, dann besitzt der Begriff Brüderlichkeit eine soziale und als Völkerfreundschaft verstanden eine nationale Dimension.  Die nationale Dimension der Brüderlichkeit mündete in das von der französischen Konstituante und dem Konvent allen Völkern zuerkannte nationale Selbstbestimmungsrecht. Dabei wurde zwischen patriotischen und kosmopolitischen Ideen kein Widerspruch empfunden.
    "Die kosmopolitische Idee der deutschen Jakobiner beruhte auf der Überzeugung, dass die französische, vom Volkswillen legitimierte parlamentarische Rechtsordnung prinzipiell sittlicher sei als die Willkürregimes der absolutistischen Mächte. Als Weltbürger fühlten sie sich als Vorkämpfer für die Befreiung ihrer eigenen Nation vom feudalen Joch. Die europäischen Staaten boten sich ihnen als ein einheitliches Terrain dar, in dem die »Vernunft« mit dem »vielköpfigen Ungeheuer des Despotismus« im Kampf lag." (Walter Grab 1984, S.53)
    Völkerfreundschaft war es auch, was die deutschen Jakobiner dazu veranlasste für die Emanzipation und Gleichberechtigung der Juden einzutreten, deren spektakulärste Aktion vielleicht die Zerschmetterung der Ghettotore in Bonn 1797 gewesen ist.

 

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