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Literaturgeschichte

Literatur auf dem Weg in die Moderne


FAChbereich Deutsch
Glossar
Literatur Autorinnen und Autoren Literarische Gattungen [ Literaturgeschichte Didaktische und methodische Aspekte Überblick  ► Literatur auf dem Weg in die Moderne ◄ ▪ Literaturepochen ] Motive der Literatur Grundlagen der Textanalyse und Interpretation Literaturunterricht Schreibformen  Operatoren im Fach Deutsch
 

Die ▪ Geschichte der Literatur ist unter heutiger Perspektive weder zu schreiben noch zu verstehen, wenn sie nicht in ihrer Bedeutung und Leistung für die Herausbildung der Moderne gesehen wird. In interdisziplinärer Weise ist die Literaturgeschichte stets auch Teil einer umfassenderen Kulturwissenschaft, die "gezielt nach den Triebkräften, Formen und Problemen der Modernisierung" fragt (Willems 2012 , S.13).

Mit ihren eher strukturbetonten Ansätzen zielt die Modernisierungstheorie darauf zu erklären, was den ▪ Strukturwandel beim Umbruch von der Agrar- zur Industriegesellschaft und darüber hinaus auf die postindustrielle Gesellschaft kennzeichnet und wie er zu erklären ist. Bei diesen Veränderungen, die in den westlichen Gesellschaften, in der frühen Neuzeit beginnend, vor allem im 18. Jahrhundert einsetzen und bis heute als Modernisierungsprozesse fortlaufen, handelt es sich um eine Vielzahl von gesellschaftlichen, ökonomischen und kulturellen Prozesse, die mal eng aneinander gekoppelt, mal voneinander losgelöst und ihrer jeweils eigenen Logik folgend, die Moderne insgesamt als eine grundlegend andere als die traditionalen Gesellschaften der Vormoderne ansehen lässt. Viele Entwicklungen, die sich dabei abspielen und die Moderne kennzeichnen, wie z. B. »Sozialdisziplinierung, Industrialisierung und »Industriegesellschaft, die »Demokratisierung, »Urbanisierung, »soziale Differenzierung, »Individualisierung, »Singularisierung, »Kommerzialisierung, »Bürokratisierung, »Medialisierung, oder »Globalisierung stellen dabei Metaprozesse dar, bei denen "oft auch nicht klar (ist), zu welchem Zeitpunkt sie eigentlich beginnen oder enden. Es ist sogar ungewiss, ob sie eine definierte Richtung haben und was im Einzelfall Teil von ihnen ist und was nicht." (Krotz 2006, S.29).)

Für die Literaturgeschichte sind nach Willems (2012 , S.13) vor allem fünf Triebkräfte der Modernisierung von Bedeutung:

Verwissenschaft-lichung von Welt– und Menschenbild

Säkularisation

Mobilität

Individualisierung

Pluralismus

bedingt u. a. durch die Entwicklung der Wissenschaften und die unterschiedlichen technisch-industriellen Revolutionen

 

Prozess der fortschreitenden Lösung des Denken und Handelns von Dogmen, Normen und Ritualen der Religion

Entwicklung neuer Formen der physischen, kommunikativen, weltanschaulichen und sozialen Mobilität

von den Menschen oft "als eine Art »Entwurzelung«" (ebd., S.14 erfahren

zunehmende Fokussierung auf das Individuum

Entwicklung der pluralistischen Gesellschaft mit ihrem kennzeichnenden Pluralismus von Weltanschauungen und Lebensformen

 

Die von solchen Prozessen ausgehenden Wirkungen auf die Menschen sind naturgemäß vielfältig. Oft werden sie aber als Probleme der Modernisierung erfahren. Sie erleben sie oft "als »Verlust der Einheit « oder »Verlust der Mitte«" und als »Atomisierung« der Gesellschaft" (ebd., S.149). Zudem macht die Freisetzung des Einzelnen aus traditionalen weltanschaulichen und sozialen Strukturen eine neue Art der Lebensführung nötig, die zu einer "radikalen Problematisierung des Ichs" mit seinen zahlreichen "plurale(n) Ichkonzeptionen" führt. Aus ihr ergibt sich die Notwendigkeit, an seiner eigenen Biografie zu arbeiten (▪ Bastelbiografie, ▪ Zwang zum eigenen Leben - Ulrich Beck Eigenes Leben 1995, S.9-15) oder den Erfordernissen zur Kuratierung des eigenen Lebens im Modus der Singularisierung in allen Bereichen des Lebens zu folgen (vgl. (Reckwitz 2019, S.9)

Die ideengeschichtliche Bedeutung von "Ersatzreligionen" für die Literaturentwicklung

Unter diesen Voraussetzungen kommt der Entstehung und Verbreitung von "Ersatzreligionen" (Willems 2012 , S.14) im Zuge der Modernisierung eine besondere Bedeutung zu. Mit ihnen versuchen die Menschen, in der weitgehend säkularisierten Kultur und Welt Orientierung zu finden und ihrem eigenen Leben zumindest immer wieder partiell Sinn zu verleihen.

Ersatzreligionen dieser Art sind z. B. der »Fortschrittsglaube, der Glaube an die Geschichte (»Historizismus), die Wissenschaftsgläubigkeit (»Szientismus), der Glaube an die Natur (»Pantheismus), die "Kunstreligion" (»Ästhetizismus) und andere politische Ersatzreligionen als Sonderformen des Historizismus sowie der Glaube an das Leben (»Vitalismus), der die Ideen des Pantheismus fortführt. (vgl.. ebd., S.14)

Solche Ersatzreligionen zählen zu den "wichtigsten ideengeschichtlichen Voraussetzungen der literarischen Entwicklung" (ebd.) und haben die Literatur, ihre Produktion und Rezeption, zumindest indirekt, oft aber auch direkt beeinflusst, auch indem sie diese für ihre weltanschaulichen Ziele instrumentalisiert haben.

Die Verwissenschaftlichung und die literarische Entwicklung

Auch wenn sich bei Berücksichtigung dieser und ggf. weiterer Modernisierungsprozesse bei der literaturgeschichtlichen Betrachtung so etwas wie ein roter Faden ergeben kann, ist doch stets zu berücksichtigen, dass sich der Weg in die Moderne nicht ohne Widersprüche und gegenläufige Entwicklungen vollzogen hat. Was der Prozess als Fortschritte brachte, war oft, zumindest zeitweise auch von Rückschritten begleitet. Die Modernisierung hat auf vielen Gebieten Probleme gebracht und tut dies weiter. Zu reden ist in diesem Zusammenhang von dem durch die Verwissenschaftlichung der Welt und der ungebremsten Ausbeutung der natürlichen und kulturellen Ressourcen für ökonomische oder ideologische Zwecke mancherorts entstandener "totalitärer Machbarkeitswahn" (Willems 2012 , S.13), an die durch die Herauslösung des Einzelnen aus den traditionalen, zumeist religiösen Orientierungen bedingte weltanschauliche Orientierungslosigkeit ("weltanschauliche Unruhe", ebd., S.14), die Nihilismus, Skeptizismus und Materialismus und heute, in der Spätmoderne seit den 1970er oder 1980er Jahren, eine "Gesellschaft der Singularitäten" (Reckwitz 2019, S.12) hat entstehen lassen, in der die "soziale Logik des Besonderen" (ebd., S.11) an erster Stelle steht. Sie zwingt in allen Bereichen des Lebens und der Gesellschaft zur "sozialen Fabrikation von Einzigartigkeiten" (ebd., S.13).

Unbestritten sind "sozialgeschichtliche Großthesen von heute" (ebd., S.15) nicht immer der geeignete deduktive Zugang für die Analyse der literarischen Entwicklung, können aber eine große Hilfe bei der Einordnung von Erfahrungen sein, die die Leserinnen* in einem an vielfältigen Zugängen und Erfahrungen orientierten Umgang mit Literatur, vor allem in der Schule sein und damit dazu beitragen, dass die einzelnen literarischen Zeugnisse in einem umfassenden Zusammenhang gesehen werden können. »Modernisierungstheorien gehören schließlich auch dazu, zumal ihre Begriffe von "Tradition" und "Moderne" selbst nur idealtypische Konstrukte sind, die sich nicht eins zu eins auf die Realität übertragen lassen. Dass sie darüber hinaus einem »sozialen Evolutionismus Vorschub leisten können, wonach es beim gesellschaftlichen Fortschritt stets irgendwie alternativlos, aber immer progressiv zugeht, ist nur einer der »Kritikpunkte, die immer wieder gegen sie erhoben werden.

Gert Egle, zuletzt bearbeitet am: 05.10.2021

 
 

 
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