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Friedrich Schiller: Lyrische Werke

Würde der Frauen

(1795)

 
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Literaturepoche Weimarer Klassik (1786-1805)
Historischer Hintergrund

Das Lebens- und Liebeskonzept der bürgerlichen Ehe

Die hier dargebotene Fassung, in der Rechtschreibung behutsam an moderne Regeln angepasst, folgt im Satzspiegel und bei der Stropheneinteilung »Friedrich Schiller »Musen-Almanach für das Jahr 1796, S. 186 - 192, auch als »wikisource verfügbar. Daneben gibt es aber auch eine deutlich andere und kürzere Fassung des Gedichts, die in der Jubiläumsausgabe von Schillers Werken zum Schillerjahr 1859 (S.69-70) enthalten ist.)

Würde der Frauen
 

Ehret die Frauen! sie flechten und weben

 

Himmlische Rosen ins irdische Leben,

 

Flechten der Liebe beglückendes Band,

 

Sicher in ihren bewahrenden Händen

5

Ruht, was die Männer mit Leichtsinn verschwenden,

 

Ruhet der Menschheit geheiligtes Pfand.

   
  Ewig aus der Wahrheit Schranken
  Schweift des Mannes wilde Kraft,
  Und die irren Tritte wanken
10 Auf dem Meer der Leidenschaft;
  Gierig greift er in die Ferne,
  Nimmer wird sein Herz gestillt;
  Rastlos durch entlegne Sterne
  Jagt er seines Traumes Bild.
   
15

Aber mit zauberisch fesselndem Blicke

 

Winken die Frauen den Flüchtling zurücke,

 

Warnend zurück in der Gegenwart Spur

 

In der Mutter bescheidener Hütte

 

Sind sie geblieben mit schamhafter Sitte,

20

Treue Töchter der frommen Natur.

   
  Feindlich ist des Mannes Streben,
  Mit zermalmender Gewalt
  Geht der wilde durch das Leben,
  Ohne Rast und Aufenthalt.
25 Was er schuf, zerstört er wieder,
  Nimmer ruht der Wünsche Streit,
  Nimmer, wie das Haupt der Hyder
  Ewig fällt und sich erneut.
   
 

Aber zufrieden mit stillerem Ruhme,

30

Brechen die Frauen des Augenblicks Blume,

 

Nähren sie sorgsam mit liebendem Fleiß,

 

Freier in ihrem gebundenen Wirken,

 

Reicher, als er, in des Wissens Bezirken.

 

Und in der Dichtung unendlichem Kreis.

   
35 Seines Willens Herrschersiegel
  Drückt der Mann auf die Natur,
  In der Welt verfälschtem Spiegel
  Sieht er Seinen Schatten nur,
  Offen liegen ihm die Schätze
40 Der Vernunft, der Phantasie,
  Nur das Bild auf seinem Netze,
  Nur das Nahe kennt er nie.
   
 

Aber die Bilder, die ungewiss wanken

 

Dort auf der Flut der bewegten Gedanken,

45

In des Mannes verdüstertem Blick,

 

Klar und getreu in dem sanfteren Weibe

 

Zeigt sie der Seele kristallene Scheibe

 

Wirft sie der ruhige Spiegel zurück.

   
  Immer widerstrebend, immer
50 Schaffend, kennt des Mannes Herz
  Des Empfangens Wonne nimmer,
  Nicht den süßgeteilten Schmerz,
  Kennet nicht den Tausch der Seelen,
  Nicht der Tränen sanfte Lust,
55 Selbst des Lebens Kämpfe stählen
  Fester seine feste Brust.
   
 

Aber wie, leise vom Zephyr erschüttert,

 

Schnell die Aolische Harfe erzittert,

 

Also die fühlende Seele der Frau.

60

Zärtlich geänstigt vom Bilde der Qualen,

 

Wallet der liebende Busen, es strahlen

 

Perlend die Augen von himmlischen Tau

   
  In der Männer Herrschgebiete
  Gilt der Stärke stürmisch Recht;
65 Mit dem Schwert beweist der Scythe,
  Und der Perser wird zum Knecht.
  Es befehden sich im Grimme
  Die Begierden – wild und roh!
  Und der Eris raue Stimme
70 Waltet, wo die Charis floh.
   
 

Aber mit sanftüberredender Bitte

 

Führen die Frauen den Zepter der Sitte,

 

Löschen die Zwietracht, die tobend entglüht,

 

Lehren die Kräfte, die feindlich sich hassen,

75

Sich in der lieblichen Form zu umfassen,

 

Und vereinen, was ewig sich flieht.

   
  Seiner Menschlichkeit vergessen,
  Wagt des Mannes eitler Wahn
  Mit Dämonen sich zu messen,
80 Denen nie Begierden nahn.
  Stolz verschmäht er das Geleite
  Leise warnender Natur,
  Schwingt sich in des Himmels Weite,
  Und verliert der Erde Spur.
   
85

Aber auf treuerem Pfad der Gefühle

 

Wandelt die Frau zu dem göttlichen Ziele,

 

Das sie still, doch gewisser erringt,

 

Strebt, auf der Schönheit geflügeltem Wagen

 

Zu den Sternen die Menschheit zu tragen,

90

Die der Mann nur ertödtend bezwingt.

   
  Auf des Mannes Stirne thronet
  Hoch als Königin die Pflicht,
  Doch die Herrschende verschonet
  Grausam das Beherrschte nicht.
95 Des Gedankens Sieg entehret
  Der Gefühle Widerstreit,
  Nur der ewge Kampf gewähret
  Für des Sieges Ewigkeit.
   
 

Aber für Ewigkeiten entschieden

100

Ist in dem Weibe der Leidenschaft Frieden;

 

Der Notwendigkeit heilige Macht

 

Hütet der Züchtigkeit köstliche Blüte,

 

Hütet im Busen des Weibes die Güte,

 

 Die der Wille nur treulos bewacht

   
105 Aus der Unschuld Schoß gerissen
  Klimmt zum Ideal der Mann
  Durch ein ewig streitend Wissen,
  Wo sein Herz nicht ruhen kann,
  Schwankt mit ungewissem Schritte,
110 Zwischen Glück und Recht geteilt,
  Und verliert die schöne Mitte,
  Wo die Menschheit fröhlich weilt.
   
 

Aber in kindlich unschuldiger Hülle

 

Birgt sich der hohe geläuterte Wille

115

In des Weibes verklärter Gestalt.

 

Aus der bezaubernden Einfalt der Züge

 

Leuchtet der Menschheit Vollendung und Wiege,

 

Herrschet des Kindes, des Engels Gewalt.

 

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Literaturepoche Weimarer Klassik (1786-1805)
Historischer Hintergrund

 Gert Egle, zuletzt bearbeitet am: 27.02.2020

     

   Arbeitsanregung

Arbeitsanregung

  1. Geben Sie den Inhalt des Gedichts in Form einer knappen Inhaltsangabe wieder.

  2. Arbeiten Sie heraus: Welche Vorstellungen das Gedicht enthält über

  • die bürgerliche Ehe

  • Frauen- und Männerrolle

  • Erziehung

  1. Vergleichen Sie das Männer- und Frauenbild mit dem von Schillers Ballade "Lied von der Glocke". 

  2. Untersuchen Sie Anspruch und Wirklichkeit der Aussagen des Gedichtes unter Berücksichtigung sozialhistorischer Aspekte zur Geschichte der bürgerlichen Ehe.

  3. Nehmen Sie zu dem Männer- und Frauenbild Stellung.

 

 

     
 
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