Das
nachfolgende Soldatenlied gehört "zu den im 19. Jh.
bekanntesten und am weitesten verbreiteten deutschen
Soldatenliedern"
(Steinitz 1972, S.146) "In manchen Kasernen
war Strafe darauf gesetzt, wenn die Soldaten dieses Lied
anstimmten" (Rech-Kantor, Heimatlieder aus den deutschen
Siedlungen Kleinpolens. 2. Heft, Kaiserslautern 1927, S.
40).
(O Kassel, o Kassel, du großes Jammertal)
1.
O König von
Du großer Potentat
1,
Wie sind wir deines Dienstes
So überflüssig satt!
Was fangen wir nun an
In diesem Jammertal,
Allwo ist nichts zu finden
Als lauter Not und Qual.
2.
Und kommt das Frühjahr an,
Da ist die große Hitz',
Da muß man exerzier'n,
Daß eim der Buckel schwitzt.
Da muß man exerzier'n
Vom Morgen bis Mittag,
Und das verfluchte Leben,
Das währt den ganzen Tag.
3.
Vom Exerzieren weg
Geht's wieder auf die Wacht,
Kein Teufel tut nicht frag'n,
Ob man gefressen hat.
Kein Branntwein in der Flaschen,
Kein weißes Brod dabei;
Das ist der Zeitvertreib.
4.
Dann kommt ein' frisch' Parad';
Tut man ein falschen Tritt,
So fängt man an zu rufen:
Der Kerl muß aus dem Glied!
Patrontasche runter,
Den Säbel abgelegt,
Und tapfer drauf geschmissen,
Bis er sich nicht mehr regt!
5.
Ihr Herren, nehmt's nicht Wunder,
Wann einer desertiert,
Wir werden wie die Hunde
Mit Schlägen strapleziert
2;
Und bringen sie uns wieder,
Sie henken uns nicht auf,
Das Kriegsrecht wird gesprochen:
Der Kerl muß Gassen laufen.3
6.
Und wann wir Gassen laufen,
So spielet man uns auf
Mit Waldhorn und Trompeten,
Da geht es tapfer drauf;
Da werden wir gehauen
Von einem Musketier4 ,
Der eine hat's Bedauern,
Der andre gönnt es mir.
7.
Und werden wir dann alt,
Wo wenden wir uns hin?
Die Gesundheit ist verloren,
Die Kräfte sind dahin!
Und endlich wird es heißen:
Ein Vogel und kein Nest!
Geh', Alter nimm den Schnappsack5,
Bist auch Soldat gewest!
(aus:
Steinitz 1972, S.143f.)
1
Potentat: (spöttisch)
Machthaber, Herrscher, regierender Fürst
2
strapleziert: im S. von
strapaziert, h: misshandelt, schlecht behandelt

3
Gassen laufen:
Beim Spießrutenlauf bildeten unter Aufsicht von
Offizieren ein- oder mehrere hundert Soldaten eine
etwa zwei Meter breite Gasse (= Gassenlauf). Durch
diese musste der bis zum Gürtel entblößte
Verurteilte, dessen mit Hände auf seiner Brust
zusammengebunden waren, mehrmals, und zwar langsam,
bei Trommelschlag durchgehen. Hierbei erhielt er von
jedem Soldaten mit einer Hasel- oder Weidenrute
(Spießrute) einen Schlag auf den Rücken. Damit der
Verurteilte nicht schnell gehen konnte, ging ihm ein
Unteroffizier voraus, der ihm eine Säbelspitze vor
den nackten Oberkörper hielt. Im Bildhintergrund ist
das Stäupen eines Verurteilten zu sehen, das
Auspeitschen am Pranger (Staupsäule), das aber als
eine unehrenhafte Strafe für einen Soldaten
angesehen wurde. In die dabei verwendeten Staupbesen
(Zuchtpeitschen, Lederriemen oder Bündel aus
Birkenreisig) konnten auch kantige Metallsplitter
oder kleinere Steine eingearbeitet sein.
4
Musketier: mit einer
Muskete bewaffneter Soldat; Handfeuerwaffe, Gewehr
großen Kalibers mit Luntenschloss
5
Schnappsack: (veraltet)
Proviantsack