Im schulischen ▪
Literaturunterricht
nehmen "klassische" Werke seit jeher eine besondere Stellung ein. Sie gelten
als kulturell bedeutsam, sprachlich anspruchsvoll und bildend. Gleichzeitig
stoßen sie bei vielen Schülerinnen und Schülern auf Ablehnung oder
Desinteresse. Diese Spannung wird in der Literaturdidaktik als
"Klassikerproblem" bezeichnet. Gemeint ist damit die Schwierigkeit,
klassische Literatur im Unterricht so zu vermitteln, dass Lernende deren
Bedeutung erkennen und einen persönlichen Zugang zu den Texten entwickeln
können. Dabei müssen die ▪ Fremdheitserfahrungen
überwunden werden, die einem angemessenen Textverständnis entgegenstehen.
Bodo
Lecke (2000, S,
28f.) konstatiert, dass "die Beschäftigung mit 'klassischer Literatur' im
´heutigen Deutschunterricht (...) nicht mehr selbstverständlich (ist). Der
vordem eherne Kanon schulischer Lektüre, das 'kulturelle Erbe', aus der
feudalen oder eigentlich erst bürgerlichen Tradition übernommen, (ist)
fragwürdig geworden [...]." (zit.n.
Härle 2006, S.311)
Der Begriff "Klassiker"
bezeichnet in diesem Umfeld literarische Werke, die über einen langen
Zeitraum hinweg als besonders wertvoll, einflussreich und kulturell
bedeutsam angesehen werden.
Klassiker zeichnen sich
dadurch aus, dass sie über Generationen hinweg gelesen, interpretiert und
immer wieder neu veröffentlicht werden. Sie gelten häufig als Werke von
zeitloser Bedeutung, weil sie grundlegende menschliche Erfahrungen und
Konflikte behandeln. Im deutschsprachigen Raum zählen beispielsweise Werke
von
»Johann Wolfgang von Goethe, (1749-1832) und •
Friedrich Schiller (1759-1805) dazu,
die die ▪ Literaturepoche der ▪
(Weimarer) Klassik
(1786-1805) geprägt haben aber auch zahlreiche andere Autorinnen und
Autoren, wie z. B. »Thomas
Mann (1875-1955) denen eine besonders große Bedeutung zugeschrieben
wird. Oft werden auch die Autor*innen, die von mehr oder weniger berufenen
Experten zu einem ▪
Literaturkanon, der "Zusammenstellung als exemplarisch
ausgezeichneter und daher für besonders erinnerungswürdig gehaltener Texte"
(Rosenberg,
"Kanon". 2000, S. 224). zusammengestellt wurden oder noch
immer werden, in dem hier bezeichneten Kontext als "Klassiker" bezeichnet.
Grundsätzlich ist der
Begriff nicht eindeutig , sondern unterliegt kulturellen und
gesellschaftlichen Bewertungen. Welche Werke als Klassiker gelten,
entscheidet sich im •
Zusammenspiel von
literarischen Institutionen, Verlagen, Kommentaren und Beiträgen sowie
bildungspolitischen Richtlinien.
Historisch betrachtet
orientierte sich der Begriff zunächst an herausragenden Beispielen der
römischen Literatur, richtete sich dann aber mit »Johann
Joachim Winckelmann, 1717-1768), dem Begründer des deutschen »Klassizismus
und »Johann
Gotttfried Herder, 1744-1803) stärker an der Mythologie und Dichtung der
»griechischen
Antike aus. Es waren vor allem national-chauvinistische Bestrebungen
nach der Reichsgründung 1871, die
»Johann Wolfgang von Goethe, (1749-1832) und •
Friedrich Schiller (1759-1805) zu den
Klassikern schlechthin einer deutschen Nationalliteratur machten und sie in
einer Art und Weise auf den Sockel hob, wie es ihnen bis dahin kaum
widerfahren war, obwohl deren Klassikbegriff eigentlich stärker
kosmopolitisch ausgerichtet war. Im wilhelminischen Kaiserreich sollte die
von diesen geprägte ▪ Literaturepoche
der ▪ (Weimarer) Klassik
(1786-1805) ebenso wie die
Romantik (1798-1835)
dafür sorgen, den Deutschen ein Gefühl ihrer nationalen Identität zu geben.
(vgl. Paefgen
2006, S.9). Der "Klassikerboom" Ende des 18. Jahrhunderts beruhte auf
einer Verklärung der klassischen Literatur, deren Rezeption "einer falschen
Idealismusvorstellung unterworfen (wurde) und (...) nun für das ›Gute, Wahre
und Schöne‹ (stand)." (ebd.)
Die national-chauvinistische Instrumentalisierung der Klassiker fand im
Nationalsozialismus ihren Höhepunkt. In den 1960er und 1970er Jahren kam es
dann zum so genannten "Klassikersturz". Die Kritiker sahen fortan in der
Epoche der Klassik ein bildungsbürgerliches Konstrukt und dekonstruierten
seine normative Funktion so, dass der "aktuelle Gebrauch des Begriffs (...)
auf nationale Engführungen (verzichtet) und (...) Werke unterschiedlicher
Genres von besonderer Traditionsbedeutung ein(schließt)".
(Härle 2006, S.309)
Heute sei man sich, so
Härle (2006,
S.311), in der Literaturdidaktik weitgehend einig, "dass die Zielsetzung der
Klassikerlektüre zwar einerseits die Vermittlung literarischer Bildung
(Steenblock 1997:57ff.) bedeute, wobei aber auch der Gedanke der erinnerten
Kultur einer Gesellschaft als deren kulturelle Identität und als
›kulturelles Kapital‹ wichtig ist (Buß 2003:142ff.), dass sie andererseits
aber keinesfalls in normativer Rezeption bestehen dürfe, In den Mittelpunkt
rücken, wie bei der Vermittlung der Älteren Literatur, Begriffe wie
›Alterität‹, ›Fremdheit‹ und ›Differenz‹: Der
Unterricht soll auch die Rezeptionsgeschichte und die mit dem
Klassikerbegriff verbundenen Ideologeme berücksichtigen und so eine
umfassende 'reflektierte
Erinnerungsarbeit' (Nutz 1997; 2002) leisten."
Das "Klassikerproblem" im Literaturunterricht
Das Problem, das heutige
Schülerinnen und Schüler mit "Klassikern´" haben, entsteht vor allem durch
die Distanz zwischen den historischen Texten und der Lebenswelt heutiger
Schülerinnen und Schüler.

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Viele klassische Werke
stammen aus vergangenen Jahrhunderten und verwenden eine Sprache, die
Jugendlichen fremd erscheint. Alte Satzstrukturen, unbekannte Begriffe
oder lange Monologe erschweren das Verständnis. Hinzu kommt, dass die
gesellschaftlichen Verhältnisse und Wertvorstellungen früherer Zeiten
häufig wenig mit der heutigen Erfahrungswelt gemeinsam haben. Themen wie
Standesdenken, höfische Normen oder patriarchale Gesellschaftsstrukturen
wirken auf Lernende oft weit entfernt und schwer nachvollziehbar.
Ein weiterer Grund für das
Klassikerproblem aus Schülersicht dürfte auch in der Tatsache begründet
sein, dass solche Texte gewöhnlich Pflichtlektüren sind, die Lesemotivation
also zunächst einmal extrinsisch ist. Eine die intrinsische Motivation
fördernde Mitentscheidung bei der Auswahl von "Ganzschriften"
ist so ausgeschlossen.
"Klassiker" stehen damit
auch häufig in besonders engem Bezug zur Leistungsmessung und -bewertung,
sind Lektüren, deren kognitiv-analytische Durchdringung für die Bewältigung
von schriftlichen Prüfungen vorausgesetzt werden. Dadurch entsteht bei
vielen Schülerinnen und Schülern der Eindruck, dass es weniger um das
individuelle Lesen als vielmehr um die "richtige" Interpretation geht, die,
▪ lernstrategisch
betrachtet, besonders dann zu einer guten Benotung führt, wenn man,
▪
schreibt, "was der Lehrer hören will." (Baurmann 2002/2008,
S.76)
Oft wirkt auch die Dominanz
des ▪ kognitiv-analytischen Zugangs mit
seinen Präferenzen für ▪ Textanalysewissen,
▪ Gattungswissen, ▪
Autorenwissen und ▪
literaturgeschichtlichem Wissen für einen
Teil der Schüler*innen demotivierend, die eher auf ▪
handlungsorientierte Zugänge
ansprechen.
Darüber hinaus konkurriert
klassische Literatur heute mit zahlreichen modernen Medien. Jugendliche
wachsen in einer digitalen Medienwelt auf, die von schnellen Bildern, kurzen
Informationsformaten und audiovisuellen Inhalten geprägt ist. Im Vergleich
dazu erscheinen umfangreiche Dramen oder Romane mit langsamem Erzähltempo
oftmals anstrengend. Auch dies erschwert die Motivation, sich intensiv mit
klassischen Texten auseinanderzusetzen. Ungeachtet dessen zielt aber ▪
literarische Kompetenz
darauf, "die Fähigkeit, Literatur gewissermaßen traditionsbewusst zu
rezipieren, also einen ästhetisch konstituierten Text in welcher medialen
Gestalt auch immer zu hören, zu sehen oder zu lesen und in seinem
kulturellen Kontext zu verstehen. Das heißt: der ästhetische Text muss im
Rezeptionsprozess eingerückt werden in Formen des Verstehens und Deutens,
wie sie kulturell überliefert und von den kanonpflegenden Instanzen wie
Schule und Hochschule als Wissensbestand gepflegt werden." (Rosebrock (1999,
S.58)
Trotz dieser
Schwierigkeiten besitzen "Klassiker", darin sind sich die meisten Fachleute
einig, weiterhin einen wichtigen Bildungswert. Sie ermöglichen Einblicke in
historische Denkweisen, fördern sprachliche Kompetenzen und setzen sich mit
grundlegenden Fragen menschlicher Existenz auseinander. Themen wie Liebe,
Freiheit, Macht, Schuld oder gesellschaftliche Konflikte sind auch heute
noch aktuell.
Damit solche Texte für die
Schüler*innen als Akteure im ▪
Handlungsfeld Literatur ▪
individuelle, ▪
soziale und ▪
kulturelle Bedeutsamkeit erlangen können, muss der Literaturunterricht
an vielen Stellschrauben drehen, von denen der "Klassiker" selbst nur eine
von vielen ist.
Die
Herausforderung des
Literaturunterrichts besteht daher darin, Wege zu finden, um die Distanz
zwischen den historischen Texten und der Lebenswelt heutiger Schülerinnen
und Schüler zu überbrücken, um jene Schichten freizulegen, die auch den auf
vielfältige Weise ▪ fremd erscheinenden
Klassikern mit ihrer • alltäglichen,
• strukturellen
und vielleicht auch
• radikalen Fremdheit
(vgl.
Waldenfels 1998,
vgl.
Leskovec 2010.
S.240)
eine Aktualität in der heutigen Lebenswelt junger Menschen geben kann.
Voraussetzung dafür ist,
das muss man zumindest am Ende betonen, um einer Verengung des
Klassikerproblems auf die Texte selbst entgegenzuwirken, ein ▪
förderliches Lernklima
in einem förderlichen Lernsetting. Dazu sollten auch in ▪
offenen Unterrichtskonzepten, die das •
eigenverantwortliche Lernen
der Schüler*innen anstreben und unterstützen, individuelle Lernwege
angeboten werden und den Schülerinnen und Schülern überlassen bleiben, ihre
▪
eigenen Lernprozesse aktiv und konstruktiv zu gestalten. (vgl.
Bastian/Merziger
(2007, S.7f.)
Gert Egle, zuletzt bearbeitet am:
07.08.2026
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