Der Begriff des
Hoftheaters führt leicht in die Irre. Wer ihn hört, geht wohl
davon aus, dass damit ein Theatergebäude und eine mehr oder
weniger prachtvolle Innenarchitektur des Theaters als Rang- und »Logentheaters
gemeint ist, die an den Höfen von Fürsten und Königen für
Theateraufführungen genutzt wurden. Dies ist im 18. Jahrhundert
jedoch nur zum Teil der Fall.
Mehr als die äußere Gestalt prägen
die Bedingungen und Strukturen, die das höfische Theater der
Zeit auszeichneten, den Kern des Begriffs. Hoftheater ist in
diesem Sinne alles Theater, das an den Höfen gespielt wurde und
dabei vom Hof subventioniert wurde und seiner Verwaltung
unterstand. Sie standen vor allem den Mitgliedern des Hofs offen
und waren, so gesehen, "Privattheater des Königs oder seiner
Familie" (Gerlach
2015, Kap. 1: Theater in Preußen) und wurden aus deren
"privater" Kasse finanziert
Hoftheater
wurden von einem adeligen Hofbeamten als Intendanten
geleitet,
der für das gewöhnlich befristete Engagement von Schauspielern
oder ganzer • Wanderbühnen/-truppen
zuständig war, die während der warmen Jahreszeit oft auf
Freilichtbühnen in den Parks der Schlossanlagen und während des
Winters drinnen in entsprechend großen Räume ihre Darbietungen
zur Unterhaltung des Hofes vorführten. Manchmal waren es
einfach, im Allgemeinen zur Schlossanlage gehörende größere Säle
wie im •
"Marstalltheater" 1700 in Berlin. Bei allen seinen
Entscheidungen war der Intendant letzten Endes vom fürstlichen Mäzen
abhängig, der nach Gutdünken darüber bestimmten konnte, was auf
den Spielplan des Theaters kam und was nicht und ob ihm ein
Schauspieler gefiel oder nicht.
In den •
höfischen
Festspielen, die schon seit dem •
Barock (1600-1720)
an den Höfen zu verschiedenen Anlässen durchgeführt wurden, war
das Hoftheater, neben den
•
Opern und Singspielen,
fester Bestandteil des inszenierten Gesamtkunstwerks zur
Repräsentation absolutistischer Macht.
Die Hoftheater
mit ihren Logen und Rängen spiegelten in ihrer •
Raumkonzeption die gesellschaftlichen Machtverhältnisse. Die
Zuschauerinnen und Zuschauer hatten dort ihren Platz, wo sie,
wenn man die Raumkonzeption auf die gesellschaftlichen
Verhältnisse übertrug, auch ihren von Geburt und von
zugewiesenem Status festen Platz in der Ständeordnung besaßen.
(vgl.
Brauneck
2012, S.138) Der Platz des Fürsten war meistens in einer prachtvoll
ausgestatteten Loge an der Rückwand des Logentheaters , von dem
aus die perspektivischen Verzerrungen der Raumtiefe erzeugenden
Bühnenbilder vom Auge des Betrachters in optimaler Weise
ausgeglichen werden konnte. (vgl.
ebd. ) Der Fürst avancierte damit nicht nur
zum idealen Zuschauer, sondern repräsentierte, indem er diesen Platz
einnahm, wie
Fischer-Lichte
(1993/21999, S.46) betont, "Gott, der allein fähig
ist, den Bühnenraum (die Welt) in der richtigen Perspektive
wahrzunehmen.
Die Hoftheater
verfügten meistens über kein festes Ensemble von
Schauspielern. Zwar kam es schon einmal vor, dass professionelle
Schauspieler oder ganze • Wanderbühnen/-truppen
mehrere Wochen, Monate oder in Ausnahmefällen auch Jahre an
einem Hof gastierten, fest angestellt waren sie jedoch nicht.
Die ersten Fürsten, die sog. Hofschauspieler beschäftigten,
waren der Herzog »Heinrich
Julius von Braunschweig-Wolfenbüttel (1564-1613), der die •
englischen
Komödianten um Robert Browne und Thomas Sackville für
mehrere Jahre engagierte (vgl.
Nunzeger
1929, S.308) und der Landgraf »Moritz
von Hessen-Kassel (1572-1632), der in den
Jahren 1603 bis 1606 in Kassel das erste feststehende Theatergebäude
Deutschlands, das »Ottoneum,
errichten ließ.
Das »Gothaer
Hoftheater war das erste deutsches Hoftheater, das ab 1775
über ein festes
Ensemble von Schauspielern verfügte. Dort hat •
Conrad Ekhof mit seiner Theatertruppe
erreicht, wovon viele andere •
Wandertruppen, die aus ihrer sozial geringgeschätzten Rolle
als "ehrloses Volk" herauskommen wollten und nach bürgerlicher
Reputation strebten, um einen sozialen Aufstieg machen zu
können, noch längere Zeit nur träumen konnten. (vgl.
Fischer-Lichte 1993, S.107)
Bis dahin, aber
auch noch darüber hinaus, waren Hoftheater häufig die meiste
Zeit reine Liebhaber- oder Dilettantenbühnen, in deren Stücken
Mitglieder des Hofes als Amateurschauspieler vor einer
ausgewählten Hofgesellschaft auftraten. Wenn professionelle
Schauspieler engagiert wurden, waren es meistens französische
Schauspieltruppen, da deren Muttersprache die
allgemeine adelige Hofsprache war und als Ausdruck von Bildung
und Zivilisation galt.
Im Laufe des 18.
Jahrhunderts wurden in den fürstlichen Residenzen auch feste
Theaterbauten geschaffen, die meistens in
die Schlossanlage integriert, daran angebaut oder in
unmittelbarer Umgebung errichtet wurden. Sie verschufen den Höfen
in der Konkurrenz untereinander nicht nur Reputation,
sondern beeinflussten auch die sonstige (bürgerliche) Theaterentwicklung in Deutschland mit.
Mitte des 18.
Jahrhunderts nahm auch Berlin, wo der höfische Theater- und
Opernbetrieb in
Friedrich Willhelms I. (1688-1740), des "Soldatenkönigs",
Regierungszeit zwischen 1713 und 1740 zum Erliegen gekommen war,
einen neuen Aufschwung.
In der
Regierungszeit seines Sohnes »Friedrichs
II., dem Großen (1712-1786) wurde in Berlin die
Theaterlandschaft mit weiteren Bauten vorangetrieben. Im Jahr
1742 wurde die so genannte "Lindenoper"
eingeweiht. Sie war aber eine Oper, die voll und ganz der
höfischen Repräsentation dienen sollte und zu deren Aufführungen
im Allgemeinen nur Mitglieder des Hofes zugelassen waren.
Daneben entstanden das Theater im »Berliner
Stadtschloss und im »Neuen
Palais in Potsdam, das »Orangerietheater
in Charlottenburg, das "grüne Gartentheater" im »Schloss
Monbijou und das Theater in »Schloss
Schönhausen. (vgl.
Gerlach
2015, Kap. 1: Theater in Preußen)
Zu den anderswo
in Deutschland
entstehenden höfischen Spielstätten gehören die folgenden, zum Teil heute noch erhaltenen
Theater, die entweder den Titel "Hoftheater" trugen oder
de facto Hoftheater waren, da sie im Auftrag oder unter
finanzieller Führung eines Fürstenhofes standen und vorrangig
für höfisches Publikum spielten:
das
»Kurfürstliche Hoftheater München (1753) (= Residenztheater
München, Altes Nationaltheater), das »Kurfürstliche Hoftheater
Schwetzingen (1752–53), das Teil des »Schwetzinger Schlosses
ist
und eines der ältesten Rangtheater Europas ist, das
»Württembergische Hoftheater Ludwigsburg (ca. 1758) (Teil des
»Residenzschlosses Ludwigsburg), entstanden um 1758 unter Herzog
»Carl Eugen von Württemberg und das
»Gothaer
Hoftheater (1775),
das als quasi frühes bürgerliches Theater unter höfischer
Trägerschaft agierte. Ferner zählen dazu das »Fürstliche
Hoftheater Detmold (1786) und das »Großherzogliche Hoftheater
Mannheim (1777). Auch das »Markgräfliche Opernhaus Bayreuth (erbaut
1744–1748) gehört dazu, auch wenn es wohl kaum bespielt wurde,
sowie - last but not least - das »Kaiserliche Hoftheater Wien
(ab
1741), später das "k.k. Hoftheater nächst der Burg"
(Burgtheater) und das »Opernhaus
am Taschenberg in Dresden (1664f.) etc.
Für die
Theaterentwicklung in Deutschland waren die Hoftheater, die
nicht allein dem Sprechtheater vorbehalten waren, sondern auch,
je nach Größe auch für Opernaufführungen und Singspiele genutzt
wurden, vor allem als "kulturelle Transferstellen"
wichtig, "die die Internationalität des höfischen Theaterwesens
sicherstellten (U.
Daniel 1995, S.22). Sie unterhielten ein Netz vielfältiger
personeller Verflechtungen, engagierten die herausragenden
Bühnenkünstler der Zeit, die berühmtesten Dekorationsmaler,
Bühnenarchitekten, Tanzmeister und Komponisten, vor allem
die Topstars des europäischen Opernbetriebs." (Brauneck
2012, S.199f.)
Im Konkurrenzkampf absolutistischer Höfe um
die herausragendste Präsentation von Macht konkurrierten die
• Hoftheater mit ihrer prunkvollen Ausstattung und ihren
Aufführungen national und international miteinander und waren
damit vor allem Aushängeschilder absolutistischer Macht.