Home
Nach oben
Weiter
 

 

Analyse von Alltagsargumentationen

Überblick


  Alltagsargumentationen sind nicht ohne Weiteres zu durchschauen. Wer schon einmal versucht hat, ihre Formulierungen zu präzisieren oder ihre intuitionsgeleiteten Schlüsse, den funktionalen Bezug von Äußerungen herauszupräparieren, hat wahrscheinlich mehr als einmal die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen und resigniert. Was die Menschen in ihren Alltagsargumentationen vorbringen, ist eben in der Regel keine bewusste, rationale Argumentation. Im Alltag kennen wir jedenfalls nicht nur das logisch begründete Entweder-Oder von wahr und falsch der rationalen Argumentationen. In der "Fuzzy Logic" unserer Alltagsargumentationen gibt es nämlich auch noch so etwas, das man das "Halbwahre" nennen könnte. So ist ein Apfel eben nicht nur reif oder nicht reif, sondern unter Umständen eben ziemlich reif.
Aber trotz der Tatsache, dass es in der Alltagskommunikation ohnehin mehr um die Lösung von Konflikten und um die soziale Beziehung der Menschen zueinander geht als um die Wahrheit, "darf die logische Perspektive auch bei der Untersuchung von Alltagsargumentationen nicht aufgegeben werden." (Bayer 1999, S.151).

Damit fangen aber die Probleme bei der Analyse erst an, denn die lineare Reihenfolge von Sätzen und Äußerungen oder die Abfolge von Redebeiträgen sagt in Alltagsargumentationen meist wenig über ihren funktionalen Bezug aus. Das Fehlen geeigneter Verknüpfungswörter trägt dabei meist dazu bei, dass die Begründungszusammenhänge der Aussagen, die gemacht werden, nur mühsam rekonstruiert werden können. Dementsprechend haben Argumente in ihrer logischen Standardform (Prämissen und Konklusionen) haben in Alltagsargumentationen häufig keinen Platz.
Wer sich auf die Suche nach solcherart vollständig ausgeführten Argumentationen in Alltagsgesprächen, Zeitungsartikeln, politischen Reden oder wissenschaftlichen Texten macht, wird wahrscheinlich nur selten fündig. Dabei können die Gründe dafür sehr unterschiedlich sein:

  • So kann es einfach "ökonomisch" sinnvoll sein, nicht alles und jedes zu begründen,

  • aber andererseits kann auch eine klare Absicht dahinter stecken, wesentliche Elemente einer Argumentation zu verschleiern.

Und dennoch: Auch wenn Argumente in der Alltagssprache weder besonders hervorgehoben oder gekennzeichnet sind, Argumente als Argumente meist gar nicht zu erkennen sind (vgl. Bayer 1999, S.248), kann man mit "einiger Übung und Mühe" (ebd.) weiterkommen. Dass sich diese Mühen lohnen, liegt in der Natur der Sache selbst: "Wer reflektiert argumentieren und fremde Argumente durchschauen will, muss zunächst lernen, Argumente und ihre Bestandteile zu erkennen." (Bayer 1999, S.94)
Dennoch: Gerade aus methodisch-didaktischen Gesichtspunkten betrachtet dürfen die Erwartungen an die Analyse von Alltagsargumentationen in der Schule nicht zu hoch sein. Wichtiger als die Plausibilität der Analyse erscheint hier ein vertieftes Verständnis der besonderen Kennzeichen der Alltagsargumentationen und ihre Unterschiede gegenüber einer rationalen Argumentation, die ja auch verschiedenen schulischen Schreibformen zugrundeliegt.

Kennzeichen von Alltagsargumentationen

  • häufig mehrere Personen beteiligt
  • Pro und Contra häufig auf verschiedene Personen bzw. Personengruppen verteilt
  • Pro und Contra häufig unübersichtlich, manchmal auch völlig chaotisch; nicht immer klar im Blick der Beteiligten: immer wieder werden auch einzelne Prämissen in aller Ausführlichkeit begründet oder angefochten; Konsequenz: weiterer Streit über andere Prämissen
  • Prämissen gegen Konklusionen oft nicht voraus.
  • Prämissen und Konklusionen werden im Allgemeinen kaum als solche kenntlich gemacht (vgl. Sprachliche Indikatoren von Alltagsargumentationen)
  • Übergänge von Prämissen zu Konklusionen entsprechen bei deduktiven Schlüssen oft nicht den Maßstäben deduktiver Gültigkeit, bei induktiven Schlüssen oft nicht den Maßstäben induktiver Korrektheit

(nach Klein 1980, S.9ff., vgl. Bayer 1999, S.147, Salmon 1983, S.16f.))

Grundsätzlich muss man den Stellenwert der Logik in der Alltagsargumentation auf dem Hintergrund seiner Bedeutung für die Bewältigung von Alltagssituationen sehen. Denn in Alltagssituationen geht es meistens weniger um die logische Wahrheit als um die Pflege sozialer Beziehungen und um die Lösung von Konflikten. Hinzu kommt noch, "dass in unterschiedlichen sozialen Gruppen unterschiedliche Standards für Übergänge von Prämissen zu Konklusionen gelten." (Bayer 1999, S.149)
Wann und unter welchen Umständen die Argumentierenden aber selbst jeweils bereit sind, auf die Prüfung des Wahrheitsanspruchs von Konklusionen zugunsten von vagen Vermutungen oder im Dienste der Pflege sozialer Kontakte zu verzichten, bleibt eine offene Frage. (vgl. ebd.) Dabei ist es natürlich etwas anderes, ob man nach einem Fußballspiel am Stammtisch "loslegt" oder ob ein Politiker ein Programm zur Beseitigung der Arbeitslosigkeit oder ein Arzt seinen Therapieansatz vorstellt.

  • Wenn unscharfe Argumente im Stil der so genannten Fuzzy-Logic oder wenn intuitive Schlüsse akzeptiert werden, geht es meist um das freie Spiel, um Gefühl und Phantasie, in deren jeweiligem Bereich Logik nicht viel verloren hat.
  • Geht es dagegen darum, dem Modell unserer physischen und sozialen Umwelt wichtige Bausteine hinzuzufügen und bedeutsame Handlungen zu planen, sind wir auf die klassische Logik angewiesen. (vgl. ebd.)

Wer Alltagsargumentationen analysieren will,

wählen.

Gert Egle, zuletzt bearbeitet am: 01.08.2017

 
      
  Überblick ] Grundstrukturen ] Alltagsargumentation ]  
 

          CC-Lizenz
 

 

Creative Commons Lizenzvertrag Dieses Werk ist lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 International License (CC-BY-SA) Dies gilt für alle Inhalte, sofern sie nicht von externen Quellen eingebunden werden oder anderweitig gekennzeichnet sind. Autor: Gert Egle/www.teachsam.de