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Robinsonade

Die beste Abhandlung über die natürliche Erziehung

Jean-Jaques Rousseau

 
 
 

Es ist derselbe Naturtrieb, der die verschiedenen Fähigkeiten des Menschen belebt. Dem Drang des Körpers, sich zu entwickeln, folgt der Drang des Geistes, sich zu bilden. Zuerst sind die Kinder nur in Bewegung, dann werden sie neugierig. Wird diese Neugier gut geleitet, ist sie die Triebfeder in dem Alter, bei dem wir jetzt angelangt sind. Wir müssen nur immer die natürlichen Neigungen von denen unterscheiden, die aus einer Mode kommen. Es gibt einen Wissenseifer, der nur dem Wunsch entspringt, als Gelehrter zu gelten. Es gibt einen anderen, der der menschlichen Wissbegier entspringt, alles Nahe und Ferne kennen zu lernen. Das angeborene Verlangen nach Wohlbefinden und die Unmöglichkeit, diesen Wunsch vollkommen zu befriedigen, lassen ihn ständig nach neuen Mittel suchen, diesen Wunsch zu befriedigen. Das ist das Urprinzip der Wissbegier: ein natürliches Prinzip, das sich nur im Verhältnis zu unseren Leidenschaften und unseren Einsichten entwickelt. Man stelle sich einen Gelehrten vor, der mit seinen Instrumenten und Büchern auf einer einsamen Insel gestrandet ist und weiß, dass er den Rest seiner Tage hier verbringen muss. Er wird sich kaum noch um das Weltsystem, die Gesetze der Anziehungskraft oder die Differentialrechnung kümmern. Er wird vielleicht kein einziges Buch mehr aufschlagen, aber er wird die Insel unablässig bis in den letzten Winkel absuchen, wie groß sie auch sein möge. Schließen wir also aus unseren Studien noch alle jene Erkenntnisse aus, an denen der Mensch keinen natürlichen Geschmack findet, und beschränken wir uns auf jene, die der Instinkt uns zu suchen treibt. [...]
Gibt es denn kein Mittel, die vielen Lehren, die in so vielen Büchern verstreut sind, zusammenzufassen und unter einem allgemeinen, leicht fasslichen und interessanten Gesichtspunkt zu vereinen, der selbst dem Kindesalter als Ansporn dienen kann? Wenn man Umstände erfinden könnte, unter denen sich alle natürlichen Bedürfnisse der Menschen auf eine dem kindlichen Geiste leicht fassliche Weise zeigen und unter denen sich die Mittel zur Befriedigung dieser Bedürfnisse nach und nach mit der gleichen Leichtigkeit entwickeln, dann muss eine lebhafte und natürliche Schilderung dieser Verhältnisse seiner Einbildungskraft als erster Übungsstoff dienen.
Nun sehe ich, mein eifriger Philosoph, wie sich auch deine Phantasie entzündet. Streng dich nicht an! Diese Geschichte wurde bereits geschrieben, und zwar ohne dir Unrecht zu tun viel besser, als du es hättest tun können: wahrer und einfacher. Da es nicht ohne Bücher geht, so existiert eins, das meiner Meinung nach die beste Abhandlung über die natürliche Erziehung enthält. Das ist das erste Buch, das Emil liest. Für lange Zeit macht es seine ganze Bibliothek aus und wird später immer einen besonderen Platz einnehmen. Es ist der Text, zu dem alle unsere Unterhaltungen über die Naturwissenschaften nur als Kommentar dienen. Es wird der Prüfstein im Fortschritt zur Urteilsfähigkeit sein und, solange unser Geschmack noch nicht verdorben ist, wird uns seine Lektüre immer erfreuen. Welches ist nun dieses wunderbare Buch? Ist es Aristoteles oder Plinius oder Buffon? Nein! Es ist Robinson Crusoe!
Robinson Crusoe allein auf einer Insel, ohne Beistand und ohne Werkzeug. Wie er für seinen Unterhalt und für seine Erhaltung sorgt, wie er sich sogar einen gewissen Wohlstand verschafft, das interessiert jedes Alter. Man kann es besonders Kindern auf tausenderlei Weise schmackhaft machen. So lassen wir die einsame Insel, die uns vorher nur als Vergleich gedient hatte, in Wirklichkeit erstehen. Ich gebe zu, dass dies nicht der Regelfall in der menschlichen Gesellschaft ist; Emil wird später wahrscheinlich auch nicht so leben. Aber nach diesen Verhältnissen soll er die anderen messen. Das sicherste Mittel, sich über Vorurteile zu erheben und seine Urteile nach den wahren Verhältnissen der Dinge zu richten, ist, sich in die Lage eines alleinen Menschen zu versetzen und über alles so zu urteilen, wie dieser mit Rücksicht auf seine eigenen Bedürfnisse urteilen muss.
Dieser Roman muss von seinem überflüssigen Beiwerk befreit werden. Er muss mit dem Schiffbruch Robinsons beginnen und mit der Ankunft des rettenden Schiffes enden. So wird er Emil während der ganzen Zeitspanne, von der hier die Rede ist, Unterhaltung und Belehrung zugleich sein. Ich will, dass er an nichts anderes denkt; dass er sich ständig mit seiner Burg, seinen Ziegen und seiner Pflanzung beschäftigt; dass er in allen Einzelheiten lernt, was man in einem solchen Fall wissen muss, und zwar nicht aus Büchern, sondern von den Dingen selbst. Er soll sich als Robinson fühlen, bekleidet mit Fellen und einer großen Mütze, einem großen Säbel, in dem ganzen abenteuerlichen Aufzug, nur ohne den Sonnenschirm, den er nicht braucht. Er soll sich darum kümmern, was zu tun ist, wenn dieses oder jenes fehlt. Er soll das Verhalten seines Helden prüfen, ob er etwas unterlassen hat oder etwas hätte besser machen können, damit er sich die Fehler merkt und daraus lernt, sie in ähnlicher Lage zu vermeiden. Zweifelt nicht daran, dass er ein ähnliches Abenteuer bestehen will: das ist der wahre Wunschtraum dieses zufriedenen Alters, in dem man kein anderes Glück kennt als ein Leben in Einfachheit und Freiheit.
Welche Hilfsquellen bietet nicht diese Spielerei einem geschickten Mann, der sie nur zu wecken verstand, um Nutzen daraus zu ziehen! In seinem Eifer, sich ein Vorratshaus für seine Insel anzulegen, wird das Kind mehr lernen, als der Lehrer lehren wollte. Es möchte alles wissen, was nützlich ist. Aber auch nur das! Ihr braucht es nicht anzutreiben, nur zurückzuhalten! Beeilen wir uns übrigens, Emil auf seiner Insel unterzubringen, solange es ihm dort gefällt, denn der Tag naht, wo er wenn überhaupt dort nicht mehr allein leben will, und Freitag, der ihn jetzt gar nicht interessiert, ihm bald nicht mehr genügen wird.

(aus: Jean-Jaques Rousseau, Emil oder über die Erziehung, Vollständige Ausgabe. In deutscher Fassung besorgt von Ludwig Schmidts, Paderborn: Schönigh-Verlag, 4. Aufl. 1978, S. 158 und 180 (=utb-Uni-Taschenbücher, 115)
 

 
    
   Arbeitsanregungen:
  1. Arbeiten Sie heraus, worin Rousseau (1712-1778) den pädagogischen Wert der Robinson Geschichte sieht.

  2. Welche Grenzen und Möglichkeiten sehen Sie heute für ein derartiges Modell der "natürlichen" Erziehung?
     

 
     
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