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Selkirk - Der historische Robinson

Willy Rotzler (1966)

 
 
  Daniel Defoe hat weder die Gestalt seines Robinson noch die wesentlichen Züge seines Inseldaseins erfunden. [..]
Dieser "historische Robinson" heißt ALEXANDER SELKIRK. Er stammte aus dem Städtchen Largo in der schottischen Grafschaft Fife und war 1676 als jüngstes Kind eines Flickschusters geboren. Trotz ihren bescheidenen materiellen Verhältnissen suchten die Eltern dem Sohn eine ordentliche Erziehung zu geben. Ihre Bemühungen, aus dem wilden Knaben einen guten Christen zu machen, schlugen jedoch fehl. Schon als Dreizehnjähriger war Selkirk das Haupt einer Bande von Strolchen, die das friedliche Hafenstädtchen terrorisierten. Die Versuche, ihn durch den Pfarrer auf den rechten Weg zurückzuführen, misslingen, Selkirk brennt durch und lässt sich auf einem Schiff anheuern. Nach sechs Jahren kehrt er zurück, erwachsen, abgehärtet, ein vollbefahrener Seemann. Er hat die Weite der Welt geschmeckt, lange hält er es deshalb in den engen heimischen Verhältnissen nicht aus.
Gerade um diese Zeit hat der gewiegte Kapitän WILLIAM DAMPIER von der Regierung einen neuen Kaperbrief erhalten und rüstet sich zu einer Plünderfahrt im Stillen Ozean. Er gilt als einer der besten Kaperkapitäne. Zwei Schiffe, die "St. Georg" und die "Cinque Ports" stehen ihm zur Verfügung. Der jetzt siebenundzwanzigjährige Selkirk lässt sich als Steuermann von Kapitän Stradling auf die "Cinque Ports" anwerben. Im Frühjahr 1703 fahren die beiden Kaperschiffe aus, überqueren den Atlantik, umsegeln Kap Horn, um im Pazifik ihre Kapertätigkeit aufzunehmen. Das Einvernehmen zwischen Kapitän und Steuermann lässt von Anfang an zu wünschen übrig. Das wird besonders deutlich, als in schweren Stürmen die "Cinque Ports" die Verbindung mit der "St. Georges" verliert und in Seenot gerät. Das Trinkwasser geht aus, Nahrungsmittel verderben, Krankheiten brechen unter der Besatzung aus. Da kommt Land in Sicht; die Inselgruppe Juan Fernandez. Gegen den Willen des Kapitäns lässt sich Selkirk mit einigen Leuten zur Insel hinüberrudern. Damit setzt er zum ersten Mal den Fuß auf "seine" Insel. Wie sich die Mannschaft, mit frischem Wasser und Früchten versorgt, wieder im Boot einfindet, fehlen zwei Leute. Da auch auf eine Salve hin niemand sich am Strand zeigt, lässt Kapitän Stradling die Anker lichten. Er wird die Insel auf der Rückreise nochmals anlaufen. In den folgenden sechs Monaten verwandeln sich die Spannungen zwischen ihm und seinem Steuermann in offene Feindschaft. So ist es zu verstehen, wenn Selkirk beim neuerlichen Anlaufen der Insel den Wunsch äußert, das Schiff zu verlassen. Während die beiden Matrosen, die nun ein halbes Jahr auf der Insel gehaust haben, wieder an Bord genommen werden, packt Selkirk seine Habseligkeiten in ein Boot: Flinte, Pulver, Kugeln, Tabak, Beil, Messer, Werkzeug, Messinstrumente, Nahrungsmittel, die Bibel. Nachdem er ausgesetzt ist, bekommt er es doch mit der Angst zu tun als Deserteur behandelt zu werden. So bittet er darum, wieder auf das Schiff zurückkehren zu können. Doch die Bedingungen des Kapitäns sind unannehmbar: Wenn Selkirk aufs Schiff zurückkehrt, wird er als Meuterer in Ketten gelegt. So entschließt er sich, auf der Insel zu bleiben. Denn er kann damit rechnen, dass im Verlauf von ein paar Monaten ein englisches Schiff vor der Insel Anker wirft. Zuversichtlich richtet er sich für einen längeren Aufenthalt ein, wobei er etwa das tut, was Defoe uns vom Inseldasein seines Robinson erzählt. [..] 
Und doch verdankt er seinem Entschluss, sich auf der Insel aussetzen zu lassen, dass er überhaupt am Leben ist. Denn die "Cinque Ports" ist inzwischen mit ihrer ganzen Besatzung untergegangen. Kapitän Dampier ist mit der "St. Georges" nach England zurückgekehrt und bereitet eine Weltumsegelung als Steuermann der "Duke" unter Kapitän Wood Rogers vor. Wiederum wird die Route über den Atlantik und um Kap Horn eingeschlagen. Auf der Fahrt der südamerikanischen Pazifikküste entlang steuert Dampier den Archipel von Juan Fernandez an, ohne allerdings von dem Inselbewohner eine Ahnung zu haben. Schwer bewaffnet geht in diesem Februar 1709 ein Boot voll Seeleute an Land. Ein kaum mehr menschenähnliches, behaartes und in Fellfetzen gehülltes Wesen tritt ihnen entgegen, wirft sich vor ihnen auf den Boden. Groß ist die Wiedersehensfreude zwischen Dampier und Selkirk.
Sobald dieser sich erholt hat. wird er von Dampier zum zweiten Steuermann der "Duke" gemacht, die ihre Weltumsegelung fortsetzt. Erst zwanzig Monate später, im Jahre 1711, trifft Selkirk in der Heimat ein.

(aus: Rotzler 1966, S. 340 - Auszüge)
 

 
    
   Arbeitsanregungen:
  1. Arbeiten Sie die Unterschiede zwischen Selkirk und Robinson heraus.

  2. Versuchen Sie diese Unterschiede unter Einbeziehung des historisch-sozialen Kontextes zu erklären.
     

 
       
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