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Friedrich Schiller

Über Egmont

(1788)

 
 
  Friedrich Schiller (1759 - 1805) rezensierte Johann Wolfgang von Goethes Egmont anonym im September 1788. Seine Vorstellungen vom tragischen Helden, die er gerade in seinem Drama »Don Carlos« umgesetzt hatte, waren mit der Figur des Egmont nicht in Einklang zu bringen. Dennoch gestattete Goethe Schiller das Drama für das Theater in Weimar zu bearbeiten. In späteren Jahren erst klagte Goethe über die "grausame Reaktion" Schillers, der bei seiner Bearbeitung die Rolle der Regentin abgeschwächt, den Anteil Klärchens sehr gekürzt, die Akt- und Szeneneinteilung völlig geändert und die Traumerscheinung Klärchens in der Schlussapotheose völlig gestrichen hatte. (vgl. Ibel 1981b, S.15)

"In diesem Trauerspiel […] wird ein Charakter aufgeführt, der in einem bedenklichen Zeitlauf, umgeben von den Schlingen einer arglistigen Politik, in nichts als sein Verdienst eingehüllt, voll übertriebenen Vertrauens zu seiner gerechten Sache, die es aber nur für ihn allein ist, gefährlich wie ein Nachtwanderer auf jäher Dachspitze wandelt. Diese übergroße Zuversicht, von deren Urgrund wir unterrichtet werden, und der unglückliche Ausgang derselben sollen und Furcht und Mitleiden einflößen oder uns tragisch rühren – und diese Wirkung wird erreicht.
In der Geschichte ist Egmont kein großer Charakter, er ist es auch in dem Trauerspiele nicht. […] Durch seine schöne Humanität, nicht durch Außerordentlichkeit, soll dieser Charakter uns rühren; wir sollen ihn lieb gewinnen, nicht über ihn erstaunen. Diesem letzteren scheint der Dichter so sorgfältig aus dem Wege gegangen zu sein, dass er ihm eine Menschlichkeit über die andere beilegt, um ja seinen Helden zu uns herabzuziehen […] Aber durch welche strahlende Tat, durch was für gründliche Verdienste hat sich Egmont bei und das Recht auf eine […] Teilnahme und Nachsicht erworben? Zwar heißt es , diese Verdienste werden als schon geschehen vorausgesetzt, sie leben im Gedächtnis der ganzen Nation, und alles, was er spricht, atmet den Willen und die Fähigkeit, sie zu erwerben. Richtig! Aber das ist eben das Unglück, dass wir seine Verdienste nur von Hörensagen wissen und auf Treu und Glauben anzunehmen gezwungen werden, - seine Schwachheiten dagegen mit unsern Augen sehen. Alles weist auf diesen Egmont hin, als auf die letzte Stütze der Nation, und was tut er eigentlich Großes, um dieses ehrenvolle Vertrauen zu verdienen? […]
Indem der Dichter ihm Gemahlin und Kinder nimmt, zerstört er den ganzen Zusammenhang seines Verhaltens. Er ist ganz gezwungen, dieses unglückliche Bleiben aus einem leichtsinnigen Selbstvertrauen entspringen zu lassen, und verringert dadurch gar sehr unsre Achtung für den Verstand des Helden, ohne ihm diesen Verlust von Seiten des Herzens zu ersetzen. Im Gegenteil - er bringt uns um das rührende Bild eines Vaters, eines liebenden Gemahls, - um uns einen Liebhaber von ganz gewöhnlichem Schlag dafür zu geben, der die Ruhe eines liebenswürdigen Mädchens, das ihn nie besitzen und noch weniger seinen Verlust überleben wird, zu Grund richtet, dessen Herz er nicht einmal besitzen kann, ohne eine Liebe, die glücklich hätte werden können, vorher zu zerstören, der also, mit dem besten Herzen zwar, zwei Geschöpfe unglücklich macht, um die sinnenden Runzeln von seiner Stirne wegzubaden. Und alles dieses kann er noch außerdem erst nur auf Unkosten der historischen Wahrheit möglich machen, die der dramatische Dichter allerdings hintansetzen darf, um das Interesse seines Gegenstandes zu erheben, aber nicht, um es zu schwächen. […]
Je höher die Illusion in dem Stück getrieben ist, desto unbegreiflicher wird man es finden, dass der Verf. selbst sie mutwillig zerstört. Egmont hat alle seine Angelegenheiten berichtigt, und schlummert endlich, von Müdigkeit überwältigt ein. Eine Musik lässt sich hören, und hinter seinem Lager scheint sich eine Mauer aufzutun, eine glänzende Erscheinung, die Freiheit, in Klärchens Gestalt, zeigt sich in einer Wolke. – Kurz, mitten aus der wahrsten und rührendsten Situation werden wird durch einen Salto mortale in eine Opernwelt versetzt, um einen Traum – zu sehen. Lächerlich würde es sein, dem Vf. dartun zu wollen, wie sehr er sich dadurch an Natur und Wahrheit versündigt habe; das hat er so gut und besser gewusst als wir; aber ihm schien die Idee, Klärchen und die Freiheit, Egmonts beide herrschende Gefühle, in Egmonts Kopf allegorisch zu verbinden, sinnreich genug, um diese Freiheit allenfalls zu entschuldigen. Gefalle dieser Gedanke, wem er will – Rez. gesteht, dass er gern einen witzigen Einfall entbehrt hätte, um seine Empfindung ungestört zu genießen.

(aus: Friedrich Schiller: Über Egmont, Trauerspiel von Goethe. Anonym erschienen in der „Jenaischen Allgemeinen Literaturzeitung“, September 1788, zit. n. Friedrich Schillers Werke. Nationalausgabe, 22. Band. Hrsg. v. Herbert Meyer, Weimar: Hermann Böhlmanns Nachfolger 1958, S. 104, Auszüge)
 

 
    
   Arbeitsanregungen:
  1. Arbeiten Sie die Kritikpunkte Schillers an Goethes Drama »Egmont« heraus.

  2. Nehmen Sie zu seiner These kritisch Stellung, wonach der dramatische Dichter mit der historischen Wahrheit dann nach eigenem Gutdünken umgehen darf, wenn es damit gelingt, „das Interesse seines Gegenstandes zu erheben, aber nicht, um es zu schwächen. […]“

 →Operatorenkatalog des Landes Baden-Württemberg)

 
      
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