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Friedrich Schiller

Brief an den Herzog von Augustenburg

(1793)


  Schiller erhielt im Jahre 1791 ein Stipendium auf drei Jahre vom Prinzen von Schleswig-Holstein-Augustenburg und vom Grafen Schimmelpfennig; er dankte dem Prinzen in einer Reihe von Briefen. Dabei äußerte er sich auch zu seinen Vorstellungen über die Kunst und die Philosophie.

"Wäre das Faktum wahr, -wäre der außerordentliche Fall wirklich eingetreten, dass die politische Gesetzgebung der Vernunft übertragen, der Mensch als Selbstzweck respektiert und behandelt, das Gesetz auf den Thron erhoben, und wahre Freiheit zur Grundlage des Staatsgebäudes gemacht worden, so wollte ich auf ewig von den Musen Abschied nehmen, und dem herrlichsten aller Kunstwerke, der Monarchie der Vernunft, alle meine Tätigkeit widmen. Aber dieses Faktum ist es eben, was ich zu bezweifeln wage. Ja, ich bin so weit entfernt, an den Anfang einer Regeneration im Politischen zu glauben, dass mir die Ereignisse der Zeit vielmehr alle Hoffnungen dazu auf Jahrhunderte benehmen.
Ehe diese Ereignisse eintraten, Gnädigster Prinz, konnte man sich allenfalls mit dem lieblichen Wahne schmeicheln, dass der unmerkliche aber ununterbrochene Einfluss denkender Köpfe, die seit Jahrhunderten ausgestreuten Keime der Wahrheit, der aufgehäufte Schatz von Erfahrung die Gemüter allmählich zum Empfang des Bessern gestimmt und so eine Epoche vorbereitet haben müssten, wo die Philosophie den moralischen Weltbau übernehmen, und das Licht der Finsternis siegen könnte. So weit war man in der theoretischen Kultur vorgedrungen, dass auch die ehrwürdigsten Säulen des Aberglaubens zu wanken anfinge, und der Thron tausendjähriger Vorurteile schon erschüttert ward. Nichts schien mehr zu fehlen, als das Signal zur großen Veränderung und eine Vereinigung der Gemüter. Beides ist nun gegeben - aber wie ist es ausgeschlagen?
Der Versuch des französischen Volkes, sich in seine heiligen Menschenrechte einzusetzen, und eine politische Freiheit zu erringen, hat bloß das Unvermögen und die Unwürdigkeit desselben an den Tag gebracht, und nicht nur dieses unglückliche Volk, sondern mit ihm auch einen beträchtlichen Teil Europens, und ein ganzes Jahrhundert, in Barbarei und Knechtschaft zurückgeschleudert. Der Moment war der günstigste. aber er fand eine verderbte Nation, die ihn nicht wert war, und weder zu würdigen noch zu benutzen wusste. Der Gebrauch, den sie von diesem großen Geschenk des Zufalls macht und gemacht hat, beweist unwidersprechlich, dass das Menschengeschlecht der vormundschaftlichen Gewalt noch nicht entwachsen ist, dass das liberale Regiment der Vernunft da noch zu frühe kommt, wo man kaum damit fertig wird, sich der brutalen Gewalt der Tierheit zu erwehren, und dass derjenige noch nicht reif ist zur bürgerlichen Freiheit, dem noch so vieles zur menschlichen fehlt."
                 

 
 
   Arbeitsanregungen:

   Arbeiten Sie aus dem Text heraus:

  1. Wie beurteilt Schiller den Gang der Revolution in Frankreich?

  2. Welche Gründe führen nach seiner Ansicht zum Scheitern der Französischen Revolution?

  3. Vergleichen Sie die Ansichten Schillers mit denen der folgenden Autoren des deutschen Jakobinismus: Georg Forster, Adam Bergk und Georg Friedrich Rebmann.

  4. Welche Aufgabe besitzt nach Schiller die Kunst unter diesen Bedingungen?

 →Operatorenkatalog des Landes Baden-Württemberg)

 
       
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