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Jakobinismus (1789-1796)

Reform und Revolution

Georg Friedrich Rebmann oder/und Friedrich Ernst Albrecht (1797)


 Der gewöhnliche Einwurf [...] der Gegner der Französischen Revolution, dass man in Frankreich nur nach und nach hätte reformieren sollen; da würde weniger Blut geflossen sein. Alle diese Institute, die mit einer freien Regierung unvereinbar waren, nämlich die adeligen, priesterlichen und gerichtlichen Aristokratien, hätten allmählich verbessert und nicht auf einmal vertilgt werden sollen. Der Geist der Freiheit würde stillschweigend in sie eingedrungen sein. Die fortschreitende Weisheit einer aufgeklärten Nation würde mit Verlauf der Zeit ihren Mängeln ohne eine Konvulsion abgeholfen haben usw. Auf diese Gründe [...] antworte ich kühn, dass diese Institute die Freiheit vernichtet haben würden, ehe die Freiheit ihrem Geiste eine bessere Richtung gegeben hätte. Die Gewalt sprosst mit neuer Kraft hervor, wenn man sie zu vorsichtig beschneidet. Eine kleine und langsame Reform hält das Volk hin und wiegt es in Schlaf. [...] Noch nie war eine Verbesserung von Wichtigkeit in einer Periode der Ruhe bewirkt. [...]
Der allmählichen Reform widerspricht die Erfahrung aller Jahrhundert. Alles Vortreffliche, alles Freiheitsatmende, was man jetzt in den Regierungen entdeckt, ist durch den Stoß einer Revolution hineingebracht worden. [...]
Politische Revolutionen sind nach meiner Überzeugung keineswegs auf den Fall einer Regierung gegründet, sie haben ihre Quelle einzig und allein in der menschlichen Natur. Sie führt mit sich die Kraft, deren Äußerungen solche plötzlichen Wirkungen hervorbringen. [...]
Eine Revolution in der physischen Welt heißt die Rückkehr einer Erscheinung, welche die Ursache aller vorhergegangenen war. In der Natur entsteht, lebt und vergeht alles. Einen solchen Umlauf, der in ihrem Reiche geschieht, nennt man Revolution.
Der gesellschaftliche Zustand der Menschen oder die Erscheinungen einer politischen Welt scheinen ebensolchen Kreisläufen unterworfen zu sein, und die Revolution, auf sie angewandt, kann dann nur einen Sinn haben, wenn wir sagen: eine politische Revolution ist die Rückkehr eines Zustandes der menschlichen Natur, der ihrem gesellschaftlichen vorgegangen. [...]
Es war der Besitz einer Freiheit der menschlichen Kräfte, die die Haupttriebfedern seiner Tätigkeit enthielten; es war die uneingeschränkte Äußerung der Sinnlichkeit, Vernunft und des Willens, die diesen Zustand charakterisiert. [...]
Nie würde das menschliche Geschlecht wieder in den Besitz dieser Freiheit gekommen sein, wenn die Natur nicht alle Kräfte aufgeboten, ihm wieder solchen zu erobern. Und diese Begebenheiten verdienen einzig und allein mit dem Namen Revolution gestempelt zu werden. [...]
Hier muss die Triebfeder überhaupt in einem Drucke gesucht werden, der die menschliche Natur in ihrer Tätigkeit so hindert, dass es ihre Bedürfnis wird, dem alten Zustande der Dinge oder ihrem bisherigen Verhältnisse plötzlich zu entsagen. [...]
Eine politische Revolution, glaube ich, kann nur dann Bedürfnis werden, wenn die Regierung ihr erlangtes Eigentum, worunter ich ihre über Freiheit des Genusses, der Meinung und Handlung erlangte Herrschaft verstanden wissen will, so verwaltet, dass sie es als ihr Eigentum betrachtet, oder wenn sie auf Fortschritte, die Kultur, Industrie, Wissenschaften und Aufklärung in ihrem Kreise macht, kein aufmerksames Auge hat und die Menschen die Fesseln fühlen, die ihnen die Gesetze schaffen. [...]
Alle Erschütterungen, die die Gesellschaften heimsuchten und die jenen Zweck augenscheinlich beförderten, nenne ich daher Revolutionen sowie den Trieb der menschlichen Natur, denselben zu verfolgen, den revolutionären Geist. [...]
Alle Revolutionen lassen sich nämlich auf folgende Ursachen zurückführen. Die Regierung betrachtet den Staat als ihr Eigentum. Lästige Abgaben, ungeheure Requisitionen von Seiten der Regierung zehren die Kräfte des Staats auf, so dass das Volk bei allem Aufwande seiner Kräfte und aller Mittel, die ihm Natur und Kunst darbieten, nie zum eigenen Genuss, noch weniger lohnenden Ertrag kommen kann; oder sie sucht das allgemeine Bedürfnis der Menschen, sich einen eigenen Kreis von Ideen zu schaffen, durch eine hierarchische Gewalt zu hintertreiben; oder die Rechte des Volkes nach ihrem Willen zu handhaben, insofern sie einen allgemeinen Missbrauch in Aufteilung der Rechte und Privilegien veranlasst. [...]
Die aufgefundenen Ursachen aller Revolutionen veranlassen in uns die Idee, dass sich alle Erscheinungen derselben einteilen lassen, in ökonomische, religiöse und sittliche.

(in: Garber, Jörn (Hg.) 1974  S.7-18, gekürzt)
 


   Arbeitsanregungen: 

  1. Womit begründet Rebmann die Unmöglichkeit eines friedlichen Reformprozesses in Frankreich?
  2. Woraus entsteht nach Rebmann der revolutionäre Prozess und was bestimmt seine Dynamik?
  3. Wodurch grenzt sich Rebmann von den Positionen der Weimarer Klassik ab?
  4. Nehmen Sie zum Revolutionsbegriff Rebmanns Stellung.
  5. Inwiefern lässt sich der Text der so genannten Jakobinerpublizistik zuordnen?
  6. Vergleichen Sie die Position Rebmanns mit der von Friedrich Schiller in dessen Brief an den Herzog von Augustenburg (1793).
  7. Produktive Textarbeit: Verfassen Sie eine Stellungnahme Schillers zu den Äußerungen Rebmanns.

  

     
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