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Friedrich Schiller

Die Mutter

Elisabeth Dorothea Schiller, geb. Kodweiß (1732 - 1802)

 
 

Die Mutter Friederich Schillers, Elisabetha Dorothea (13.12.1732 - 29.4.1802) wird als Tochter des Gastwirts Georg Friedrich Kodweiß (1698 - 1771) und seiner Frau Anna Maria, geb. Munz (1698 - 1773), in dem kleinen Städtchen Marbach am Neckar geboren.

Die Großmutter mütterlicherseits von Friedrich Schiller ist eine Bauerntochter vom Röhracher Hof in Rietenau. Der Vater Dorotheas,  so der Rufname der Mutter Friedrich Schillers, entstammt einer angesehenen Familie, die in früheren Zeiten auch schon mal das Bürgermeisteramt (Schultheißenamt) in der Stadt innegehabt hat. Georg Friedrich Kodweiß hat es als Wirt des "Goldenen Löwen" in Marbach, den er 1723 erwirbt, zu Ansehen und einem gewissen Wohlstand gebracht. Wie sein eigener Vater hat auch er das Bäckerhandwerk erlernt.

Dorotheas Kindheit und Jugend - im Alter von 16 Jahren heiratet sie schon Johann Caspar Schiller - ist gewiss geprägt von ihrer Mitarbeit im Gasthof, so dass für eine schulische Bildung, für Mädchen ohnehin noch nicht üblich, wenig Zeit bleibt. Die seit 1392 in Marbach existierende Lateinschule, auf die das heutige Friedrich-Schiller-Gymnasium zurückgeht, hat sie jedenfalls nicht besucht, ob sie an einem Elementarschulunterricht teilgenommen hat, kann nicht gesagt werden. Wahrscheinlich verdankt sie ihre Bildung wohl nur häuslicher Erziehung und u. U. den Katechismusstunden eines Pfarrers, so dass sie auch ein Leben lang mit der Rechtschreibung auf dem Kriegsfuß steht (vgl. Alt Bd. I, 2004, S.61). 

Dorothea kann jedenfalls lesen, was zu dieser Zeit noch keine allgemeine Fähigkeit ist. Man geht davon aus, dass um 1770 gerade mal 15% und 1800 erst ca. 25% aller über sechs Jahre alten Deutschen lesen kann. (vgl. Schenda 1970, S.444) Dabei vollzieht sich schon seit der Jahrhundertwende ein sozialer Wandel in der Zusammensetzung der lesekundigen Personen. Sind es vordem meist nur die Geistlichen, Fürsten und Beamte, die lesen können, so zählen um 1750 herum schon viele Angehörige des Großbürgertums, eine größere Anzahl von Dienstboten, zahlreiche Handwerker und sogar Großbauern zu dem weiter wachsenden Kreis von Personen, die mehr oder minder gut lesen können. (vgl. Schenda 1981, S.20) Im Laufe des 18. Jahrhunderts, so nimmt man weiter an, geht die Zahl der Analphabeten von schätzungsweise 80-90% auf ungefähr 50% zurück, "doch darf die Kenntnis des Alphabets nicht gleichgesetzt werden mit der Fähigkeit, umfangreichere literarische Texte zu lesen." (Barner u. a. 1987, S.77) Dennoch: Das Lesen zieht weitere Kreise, zumal das aufklärerische Interesse von Bildungsreformen und Fürsten dahingehend konvergiert, dass Lesen als wichtige Kulturtechnik gilt. Dass die Landbevölkerung in diesen Prozess einbezogen wird, ist den Erfordernissen des sich entwickelnden modernen Staates geschuldet, der auch von diesen Untertanen einfordert, die in Anschlägen und Bekanntmachungen kundgetanen amtlichen Veröffentlichungen über Gewerberecht und andere Gesetze oder auch die Einberufung von Soldaten lesend zur Kenntnis zu nehmen. Die zweckgerichtete Lektüre, ein anderes Lesen ist zunächst nicht gemeint, steht auch bei den bildungshungrigen Bürgern hoch im Kurs, die den Wert des Lesens für die Sozialisation des einzelnen nach und nach erkennen. Die dabei entstehende Lesesozialisation, von der, über diese Schicht hinaus, freilich noch lange nicht die Rede sein kann, folgt einem "Zeitgeist [...], welcher Bildung, Ansammlung von Wissen und die Annahme von neuen Erkenntnissen propagierte und dem Lesen so die Funktion und Aufgabe praktischer Lebenshilfe zuwies." (Limmroth-Kranz 1997) In einer moralischen Wochenschrift von 1758 werden diese Aufgaben des Lesens in einer Art programmatischen Plädoyer niedergelegt.  "Die Seele", heißt es dort,  "verschönert sich, und wird durch keine unangenehme Empfindung an ihre neue Verwandlung erinnert; das Gedächtnis bereichert sich ohne Mühe; man lernt denken und reden; der Geschmack wird immer richtiger; und man erstaunt, Einsicht und Witz zu besitzen, ohne studiert zu haben. Die Sitten werden immer feiner, und der Umgang lehrreicher, heiterer, angenehmer. Alle diese Vorteile hat man gewiss zu erwarten, wenn man mit einem noch unverderbten Geschmacke und einem nicht ganz verfinsterten Verstande, in den Stunden, welche von den Geschäften, oder den gewählten Zeitvertreiben und Vergnügungen unbesetzt sind, mit nützlichen und vortrefflichen Schriften bekannt wird".(zit. n. ebd.)
Seit dem Beginn des 18. Jahrhunderts nimmt vor allem die Verbreitung religiöser Literatur deutlich zu. In den deutschsprachigen Gebieten, in denen pietistische Strömungen verbreitet sind, erfährt das Lesen zugleich eine besonders große Aufwertung. Die beobachtbare Lesebegeisterung der Pietisten kommt aber nicht so sehr aus der lutherischen Bibelorientierung, die einige, meist geistliche Anhänger dieses Glaubens seit der Reformationszeit zum Lesen bringt, sondern aus der Kultivierung der Bibellektüre und dem Singen von Kirchenliedern in mehr oder weniger privatem Kreis während der so genannten Erbauungsstunden, bei denen die Bibel sowie geistliche Gesangs- und Andachtsbücher zur Seelenbildung genutzt werden. Gerade auch die als familiäres Ritual gepflegten Erbauungsstunden führen deshalb auch dazu, dass die wenigen Bücher, die man zu Hause vorhält, immer wieder gelesen und vorgelesen werden und so manche Texte auch über Generationen hinweg kaum an Autorität verlieren. So kommt es durchaus vor, dass ein einziges Buch Lesestoff für ein ganzes Leben bietet.( vgl. ebd.)  Man liest einzelne Abschnitte oder Kapitel nur zu bestimmten Tageszeiten oder an bestimmten Tagen des Kirchenjahres wie z.B. im Advent, in der Fastenzeit oder an Ostern. Erst im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts, als der Buchmarkt expandiert und die Lesestoffe sich um die Sparte Unterhaltung erweitern, tritt "an die Stelle der wiederholten, gründlichen Lektüre [...] die raschere, damit oft oberflächliche Rezeption größerer Textmassen". (Alt Bd. I, 2004, S.78) Diese Entwicklung vom "intensiven (ein und dieselbe Lektüre ständig wiederholenden) Lesen" hin zum "extensiven (rasch neue Lektüre verbrauchenden) Lesen ist bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts weitgehend abgeschlossen. (vgl. Engelsing 1970, Sp.958, vgl. Limmroth-Kranz 1997) (vgl. auch: Lesehaltungen, Lesetechniken)

Dorothea kommt auf diese Weise mit den in ihrer Zeit dominierenden religiösen Lesestoffen in Berührung, darunter sicher zahlreiche Kirchenlieder, die besonders populär sind. Mit ihren Favoriten, den Kirchenliedern Paul Gerhardts (1607 - 1666) und den Oden von Christian Fürchtegott Gellert (1715-1769) macht sie auch ihren Sohn Friedrich in jüngstem Alter vertraut.

1749, im Geburtsjahr von Johann Wolfgang von Goethe, wird Dorothea mit Johann Caspar Schiller verheiratet, der sich nach seinen Jahren als Feldscher seit März 1749 in Marbach niedergelassen hat. Die Hochzeit der 16jährigen katholischen Gastwirtstochter mit dem neun Jahre älteren, lutherisch-protestantischen Mann findet am 22.07.1749 statt. Bald danach tritt Dorothea zum protestantischen Glauben über, was in einer überwiegend protestantisch geprägten Region keine größeren Probleme bereitet. "Dorle", wie sie von Johann Caspar Schiller genannt wird, wirkt im Vergleich zu dem welterfahrenen Johann Caspar natürlich provinziell, zumal sie in ihrem Leben wohl kaum über Marbach hinausgekommen ist. Das Städtchen zählt nach seiner Zerstörung durch die Franzosen und die verheerende Feuersbrunst 1693 nur noch wenige hundert Einwohner (vgl. Öllers 2005, S.33).* Für kurze Zeit ist Dorothea zum Zeitpunkt ihrer Hochzeit eine Partie, um die den Neubürger Schiller in Marbach gewiss einige beneiden. Allerdings ist auch Caspar Schiller mit den Ersparnissen, die er aus seiner Militärzeit mitbringt, ein durchaus wohlsituierter Mann. (vgl. Alt Bd. I, 2004, S. 61) Schon bald nach der Hochzeit stellt sich allerdings heraus, dass sein Schwiegervater, der neben der Gastwirtschaft noch als Inspektor des herzöglichen Floßbauwesens tätig ist, in so großen finanziellen Schwierigkeiten steckt, dass sein Ruin kaum aufzuhalten ist. Georg Friedrich Kodweiß, dessen "kaufmännisches Geschick [...] begrenzt" ist, hat den Ruf in finanziellen Fragen nachgiebig und inkonsequent zu sein. (Alt Bd. I, 2004, S. 61) Nun hat er sich mit seinen Holzgeschäften so verspekuliert, dass er von seinen Gläubigern in den finanziellen Ruin getrieben wird. 1752 ist die persönliche und familiäre Katastrophe da. Mit seinem ganzen Privatvermögen muss er für sein kaufmännisches Missgeschick haften, verliert alles und auch der "Goldene Löwe“ kommt unter den Hammer. Auch Johann Caspars Hilfe kann das nicht verhindern. Er hatte nämlich, um dem Schwiegervater finanziell unter die Arme zu greifen, einen Anteil am "Goldenen Löwen" erworben. Nun besteht allerdings Gefahr, dass die Gläubiger ihre Ansprüche auch aus seinen Anteilen befriedigen. Gerade noch rechtzeitig, vor dem Zugriff der Gläubiger, kann er seinen Anteil weiterveräußern und damit einen Teil seines aus dem Militärdienst nach Marbach mitgebrachten Vermögens retten. (vgl. Alt Bd. I, 2004, S. 64) Man kann sich unschwer vorstellen, wie die Gefahr, diese Ersparnisse zu verlieren, Johann Caspar belastet haben mag, der ja gerade erst begonnen hat, sich in der Stadt bürgerliche Existenz zu schaffen. Diese Zukunftsplanungen sind schnell dahin, als Johann Caspar, "der Aufsteiger", feststellen muss, dass er in eine Familie hineingeheiratet hat, die sich, gegen alle Erwartungen bei der Eheschließung, anschickt, sozial deklassiert zu werden. (vgl. Safranski 2004, S.20)

Wie sich das auf die junge Ehe von Dorothea mit Johann Caspar ausgewirkt haben mag, lässt sich ebenfalls nur mutmaßen, da Dorothea auch mit ihren später erwachsenen Kindern kaum über solche Dinge redet oder sonst irgendwie schriftliches Zeugnis davon abgelegt hat. Erst sehr viel später, 1796, als Johann Caspar vor seinem Tod daniederliegt, beklagt sich Mutter Dorothea in einem Brief vom April bei ihrem Sohn Friedrich über den Ehemann und hält ihm vor, dass er sich stets nur um sein eigenes Wohlergehen kümmere;  ja, "eine Magd", schreibt sie, "würde ihm alles versehen, was eine Frau tun könnte." (zit. n . Safranski 2004, S.25)

Vielleicht fühlt sich Johann Caspar von seinem Schwiegervater sogar hinters Licht geführt. Jedenfalls zieht er aus der ganzen Angelegenheit seine ganz persönlichen Konsequenzen. In Marbach jedenfalls sieht er unter diesen Umständen keine Zukunft mehr. Um weiteren Problemen aus dem Weg zu gehen, tritt er im Januar 1753 wieder in den Militärdienst ein, von dem er weiß, dass er ihn die meiste Zeit von Ehefrau, Kindern und Schwiegereltern in Marbach fernhalten wird. Für seine Frau Dorothea beginnt damit eine schwierige Zeit, die sie allein oder mit der bescheidenen Hilfe ihrer Eltern bewältigen muss. Bis 1756 wohnt sie noch im "Goldenen Löwen", danach drei Jahre in der Nachbarschaft des Goldenen Löwen, im Beck-Schmid'schen Haus, ab 1759 zur Miete im Erdgeschoss des Hauses eines Ledergebers namens Ulrich Schölkopf. Ihre Eltern fristen ihr ärmliches Dasein von den spärlichen Einkünften, die ihr Vater, gnadenhalber zum Stadttorwächter in Marbach ernannt, nach Hause bringt. Vom "Goldenen Löwen" in die kleine Wohnung in dem Häuschen neben dem Stadttor (vgl. Safranski 2004, S.20), das und alles andere ist für Georg Friedrich Kodweiß zuviel. Er stirbt als gebrochener Mann im Jahre 1771, seine Frau zwei Jahre später.

In Marbach bringt Dorothea am 4. September 1757, etwa acht Jahre nach der Eheschließung, im Beck-Schmid'schen Haus ihr erstes Kind, Friedrich Schillers ältere Schwester, Christophine, eigentlich Elisabeth Christophine Friederike, zur Welt. Ihr Mann steht zu diesem Zeitpunkt im Krieg in Schlesien, an seine Abwesenheit muss sich die junge Mutter gewöhnen. Wenn ihr Mann, sofern es die Kriegsereignisse erlauben, mit seinem Regiment in Württemberg weilt, reist sie ihm hinterher und nimmt irgendwo in der Nähe der jeweiligen Militärlager Quartier. Dazwischen lebt sie immer wieder in Marbach, wo sie sich neben ihrem Kind stets auch um ihre eigenen Eltern kümmert (vgl. Öllers 2005, S.36). Die gedrückte Stimmung, die sie im Elternhaus vorfindet, ist indessen alles andere als aufbauend für die junge Mutter, deren soziale Absicherung als Ehefrau eines Soldaten und eines zum Bettler gewordenen Vaters eben auch nicht besonders rosig aussieht. Im Herbst 1759 erwartet Dorothea, sie ist mittlerweile 26 Jahre alt  ihre nächste Niederkunft. Als die ersten Wehen einsetzen, ist sie gerade zu Besuch im Militärlager ihres Mannes in der Nähe von Ludwigsburg. Schleunigst wird sie, Johann Caspar kann sie aus militärischen Gründen nicht begleiten, nach Marbach zurückgebracht und entbindet in der Erdgeschosswohnung des Schölkopf'schen Hauses am 10. November 1759 ihr zweites Kind. Einen Tag später wird der Knabe auf den Namen Johann Christoph Friedrich getauft. Friedrich, so der Rufname, bleibt der einzige Sohn von Johann Caspar und Dorothea Schiller, die aber noch insgesamt fünf Töchter haben. Drei von ihnen sterben aber früh, zwei davon sind Opfer der hohen Kindersterblichkeit der Zeit. Tochter Maria Charlotte (geb. 20.11.1768) stirbt mit fünf Jahren ,  Tochter Beata Friederike (geb. 4.5.1773) schon als 7 Monate alter Säugling. Ihre jüngste Tochter Nanette (eigentl. Karoline Christiane, geb. 8.9.1777) bringt Dorothea im Alter von 44 Jahren zur Welt, Johann Caspar ist zu diesem Zeitpunkt schon 53 Jahre alt. Das "Nesthäkchen" Nanette stirbt allerdings 18-jährig am 23. März 1796, wenige Monate vor dem Tod ihres Vaters (7.9.1796).

Die desaströsen Kampfhandlungen der württembergischen Truppen im Verlauf des »Siebenjährigen Krieges (1756-63), an denen Johann Caspars Regiment seit Sommer 1757 teilnimmt, bringen es mit sich, dass die württembergischen Regimenter hin und wieder auf heimatlichen Boden zurückgeführt werden. So kommt Johann Caspar im Frühjahr 1758 für kurze Zeit wieder in heimatliche Gefilde, muss aber noch im Sommer des gleichen Jahres und im Herbst des darauf folgenden Jahres und im Sommer 1760 noch einmal, in Sachsen und Thüringen, in die Kampfhandlungen, wenngleich ohne Erfolge, eingreifen. Während dieser Zeit bekommen Dorothea und ihre Kinder Johann Caspar nur selten zu Gesicht. Wenn Johann Caspar, der sich sich binnen kurzer Zeit wieder zum Regimentsmedicus (ab 1761 im Range eines Hauptmanns) hochgearbeitet hat, in der Nähe stationiert ist, lässt er seine Frau mit den Kindern in der Umgebung des Militärlagers Quartier nehmen. Wohin es die Truppe ihres Mannes, "nach einem kaum durchdachten Marschplan" (Alt Bd. I, 2004, S.68), auch immer hinführt, stets wandert sie mit ihrer Tochter Christophine und dem neugeborenen Friedrich hinterher und richtet sich in der Nähe des jeweiligen Militärlagers provisorisch ein, sei es 1760 in Würzburg, 1761 in Urach und Cannstatt oder 1762 in Ludwigsburg. Es müssen z. T. Unterkünfte mit miserablen hygienischen Bedingungen gewesen sein, zudem eng und muffig, jedenfalls nicht so, wie es sich die ehemals aus gutsituierten Verhältnissen stammende Gastwirtstochter gewünscht haben mag. Es ist eine rundum "missliche Lebenssituation, die Ruhe und Intimität nie aufkommen lässt" (ebd.), die die junge Frau mit ihren Kindern aushalten und, meistens auf sich allein gestellt, bewältigen muss. Auch wenn sie ihr Schicksal mit anderen Soldatenfrauen teilt, mindert dies nicht die Leistung, die die junge Frau in dieser Zeit für die Familie mit ihrem abwesenden Vater erbringt. Wie sich die weitgehend "vaterlose Zeit" (Aufenanger 2006, S.14), die bis zum Ende des "Wanderlebens" im Dezember 1763 anhält, auf die psychische und psychosoziale Entwicklung der Kinder ausgewirkt hat, lässt sich im einzelnen natürlich kaum ermitteln. Immerhin führt Friedrich Schillers ältere Schwester Christophine, die häufigen Fieberschübe und Krampfanfälle ihres jüngeren Bruders auf die äußeren Umstände dieses Lebens zurück. (vgl. Alt Bd. I, 2004, S.68) Auch wenn diese Frage vom heutigen Standpunkt aus kaum mehr geklärt werden kann, spricht einiges für den von der Schwester behaupteten Zusammenhang. Jedenfalls lernen die ersten beiden Kinder in ihren ersten Lebensjahren so richtig nur die Mutter, und damit die weibliche Seite ihrer Familie kennen. Vielleicht prägt Dorothea damit auch ihren Sohn Friedrich in seiner frühen Kindheit so, dass er eine große "Neigung sowohl zur Mutter als auch zur älteren Schwester" ausbildet, die auch später "die Wahl der Frauen, die er in sein Leben lassen will," bestimmen wird. (Aufenanger 2006, S.15) Unter Umständen geht dies sogar soweit, dass er in den Frauen seines Lebens immer wieder "das Abbild von Mutter und Schwester" suchen wird. (ebd.)

So sehr Dorothea auch bemüht sein mag, sie kann ihren beiden Kindern Christophine und Friedrich in den ersten Jahren ihres Lebens kein Familienleben bieten, das Wärme und Geborgenheit vermittelt. Erst als Johann Caspar nach dem Ende des Krieges im Dezember 1763 zum Werbeoffizier in Schwäbisch Gmünd ernannt wird, kann die Familie mit dem Vater zusammenleben und kehrt damit zur bürgerlichen Normalität zurück. Das Familienleben, das im benachbarten Lorch, wohin die Familie Anfang 1764 zieht, steht dennoch, zumindest finanziell gesehen, unter keinem günstigen Stern. Vater Johann Caspar, der in den folgenden drei Jahren zuständig für die Aushebung von Rekruten und ihre Ausbildung ist, erhält nämlich während dieser Jahre  wegen eines vermeintlichen Buchungsfehlers keinerlei Sold. Er muss seine Familie, die  in Lorch zunächst im Gasthof zur Sonne unterkommt, danach in eine Wohnung über der Schmiede des Schmiedemeisters Molt zieht (vgl. Lahnstein 1981, S. 24) von seinen Ersparnissen unterhalten. Und nicht nur das: Wenn Johann Caspar zu Hause ist, sitzen auch die beiden ihm unterstellten Unteroffiziere am Tisch, die der Hauptmann auch noch zu verköstigen hat. (vgl. Lahnstein 1981, S. 24) Dass am  24. Januar 1766 dann noch das dritte Kind, Tochter Luise Dorothea Katharina, zur Welt kommt, ist sicherlich für Dorothea und Johann Caspar in ihrer schwierigen wirtschaftlichen Lage nicht nur ein Freudenereignis. Dass das dritte Kind erst etwas mehr als sechs Jahre nach der Geburt Friedrichs das Licht der Welt erblickt, mag beiden daher auch als Segen erschienen sein, denn dass zwischen den Geburten der Kinder so lange Zwischenräume liegen, ist in einer Zeit, in der es noch keine vernünftige Familienplanung gibt, keineswegs selbstverständlich. Gewiss wirkt sich die ignorante Behandlung des dennoch immer loyal zum Herzog stehenden Johann Caspar auch auf dessen Gemütsverfassung aus. Seine Unzufriedenheit und seinen Ärger bekommen die Ehefrau und die Kinder immer wieder zu spüren, denen der cholerische (vgl. ebd., S. 11) und "zur Heftigkeit neigende Mann" (Öllers 2005, S.36) häufig das Leben und ein freundliches Miteinander schwer macht. Dorothea, die Johann Caspar ein Leben lang "untertan" ist (ebd.), hat es schwer mit ihrem Mann, den sie nun nach Jahren relativer Selbständigkeit, als den unumstrittenen Patriarchen in der Familie kennen lernt und ertragen muss. Dorothea, die ihre Haushaltsarbeiten sicher und zuverlässig verrichtet, bekommt ebenso wie die Kinder den ausgeprägt strengen und pedantischen Ordnungssinn ihres Mannes zu spüren, mit dem er seine Arbeit wie auch seine Familie zu organisieren pflegt (vgl. Alt Bd. I, 2004, S. 74). Nach seinem Willen werden Rituale wie die tägliche Morgen- und Abendandacht inszeniert und sein Verständnis von Pflicht setzt er kompromisslos Frau und Kindern gegenüber durch. (vgl. Lahnstein 1981, S. 11)
Diesem willensstarken und energischen Mann hat seine Frau Dorothea, die, in dieser Zeit zumindest, als sanft, fromm und liebevoll gilt (vgl. ebd., vgl. Safranski 2004, S.24) wenig entgegenzusetzen. In Lorch und später führt sie im wesentlichen das Leben, das von einer Frau ihrer sozialen Lage gesellschaftlich verlangt ist. Sie arbeitet unentwegt im Haushalt, hält dem Mann, dessen Leben sich vor allem außer Hauses abspielt, den Rücken frei, versorgt die Kinder, muss sich ihrem Mann unterordnen und sich ihm auch sexuell willfährig verhalten, hat dadurch zahlreiche Schwangerschaften und Geburten. Sie muss sich dem Willen ihres Mannes, so wie es in der patriarchalischen Gesellschaft der Zeit üblich ist, unterwerfen und entwickelt keine über die konventionelle Rollenbiographie hinausgehenden Vorstellungen von einem eigenen Leben. Und auch da, wo sie eigene Vorstellungen über die Zukunft ihrer Töchter artikuliert, scheitert sie an andersgearteten Vorstellungen ihres Mannes. Dieser findet ihre Wünsche nach einer höheren Bildung und Teilnahme der Töchter am gesellschaftlichen Leben nämlich gleichermaßen unschicklich wie finanziell zu teuer und unnötig (vgl. ebd., S.25)

In anderen wichtigen Fragen der Kindererziehung, wie in Grundfragen der religiösen Erziehung, sind sich Dorothea und Johann Caspar allerdings weitgehend einig. Der autoritäre Erziehungsstil des Vaters ist aber nicht immer nach dem Geschmack der Mutter. Während sich ihr Mann seinen Kindern gegenüber wohl so "unsentimental, kurz, streng, distanziert, von Disziplin und Gehorsam, Arbeit und Prügel bestimmt" (Nipperdey 4. Aufl. 1987, S. 117) zeigt, wie dies in diesem Familientypus damals noch üblich ist,  strahlt Dorothea, die Mutter, komplementär dazu, die emotionale Wärme aus, die ihre Kinder beim Aufwachsen erfahren. Mutter Dorothea gewinnt die Zuneigung ihrer Kinder auch durch ihre im Vergleich zu ihrem Mann weitaus größere Toleranz und ihre emotionale Spontaneität. Mehr als einmal deckt sie den kleinen Friedrich vor seinem Vater, wenn er irgendetwas "verbrochen“ hat, was den Zorn des Vaters auf ihn ziehen kann (vgl. Alt Bd. I, 2004, S. 69). So solidarisieren sich die beiden auch gegen den Vater, unter dessen kompromisslos pedantischer Prinzipienreiterei und seinen gelegentlichen cholerischen Ausbrüchen (vgl. Lahnstein 1981, S. 11) sicher beide hin und wieder zu leiden haben. Insgesamt scheint Friedrich in seiner Mutter eine Frau erlebt zu haben, die ihm Zugänge zu einer relativ entspannten, von überzogenen Disziplinanforderungen entlasteten Gefühlskultur verschafft hat. Sein ganzes Leben lang wird er eine starke emotionale Bindung an die Mutter bewahren. Ob gerade Friedrich den Vater mehr geliebt hat als die Mutter, wie Norbert Öllers (2005, S.36) vermutet, und Dorothea darunter gelitten habe, erscheint dagegen eher zweifelhaft. Dahinter steckt wohl die Vorstellung, dass Friedrichs später gemachte Äußerungen Ausdruck einer "echten" Liebe zu seinem Vater, und nicht Ausdruck seiner ambivalenten "Ehrfurcht" dem autoritären Vater gegenüber sind (vgl. (Safranski 2004, S.23). Geht man dagegen von der These einer besonders stark ausgeprägten emotionalen Bindung Friedrichs an die Mutter aus, könnte auch sein später sichtbares erotisches Interesse an älteren Frauen wie Dorothea Vischer oder Henriette von Wolzogen darauf zurückzuführen sein. (vgl. Alt Bd. I, 2004, S. 69)

Die besonders starke Bindung Dorotheas zu ihren Kindern Friedrich und Christophine entsteht in der Kindheit der beiden aber vor allem durch die tiefe Religiosität, die Dorothea ihren Kindern vorlebt. Ihre Frömmigkeit, die einem heutzutage schon wie "Bigotterie" (Öllers 2005, S.36) erscheinen kann, wirkt jedenfalls auf die Kinder, insbesondere wohl auf Friedrich echt, und beeinflusst Tochter und Sohn sehr.

Sie ist den pietistischen Strömungen der Zeit mehr zuneigt als ihr Mann, der solchen Gefühlskultivierungen stets skeptisch gegenübersteht. Die Pietisten stellen eine Frömmigkeitsbewegung dar, die sich von der protestantischen Amtskirche seit Jacob Speners Niederlegung ihrer Überzeugungen in seiner Schrift "Pia Desideria" (1675) unter anderem im schwäbischen Raum entwickelt. Darin führt Spener, der eigentliche Begründer des Pietismus, den seiner Ansicht nach verderbten Zustand der Amtskirche darauf zurück, dass es ihr an lebendigem Glauben fehle. Um wieder dahin zu kommen, müsse die Erziehung verbessert und die Bibellektüre intensiviert werden. (vgl. Vierhaus 1987, S.439) Schon früh zeigt sich damit auch der Doppelcharakter des Pietismus als religiöse Bewegung und als Bildungsbewegung. Den Pietismus mit seiner "Betonung des gottseligen Lebens des einzelnen" (ebd., S.440) trennt indessen nicht so viel von rationalistischen Strömungen der Zeit, wie es zunächst Anschein hat. Ebenso wenig wie Aufklärung und Empfindsamkeit nur in ihrer Gegensätzlichkeit betrachtet werden dürfen, verhält es sich mit dem Rationalismus und Pietismus. "In beiden", so betont Vierhaus (ebd., S.438ff.)," erfolgte die Freisetzung und Ermächtigung des Menschen zu selbständigem Denken und Fühlen, nicht in bewusstem Gegensatz zur christlichen Offenbarungsreligion, sondern [...] in Übereinstimmung mit ihr." Insofern stellt der Pietismus "keine Reaktion auf die Aufklärung, sondern eine Parallelbewegung", dar, die ebenso wie diese "zur Säkularisierung des Denkens und Verhaltens, aber auch zur Selbstvergewisserung des Menschen beitragen, indem sie ihn zur Selbständigkeit des Denkens und Empfindens ermuntern." (ebd., S.438ff.)

In Württemberg ist der Einfluss des Pietismus auf das religiöse Leben und die Mentalität breiterer Bevölkerungsschichten besonders stark ausgeprägt. Man wendet sich in diesen Kreisen gegen die Bibelfixierung der lutherischen Amtskirche und setzt dem eine individuell mögliche, sinnlich-emotionale Glaubenserfahrung entgegen, spricht sich folgerichtig gegen die hierarchischen Strukturen der Amtskirche aus und organisiert sich in einer dem Urchristentum verpflichteten Laienbewegung, in der jeder Gläubige die sonst Pfarrern bzw. Geistlichen vorbehaltenen liturgischen Handlungen vornehmen kann. So kultiviert sich die "pietistische Sozietät als Gefühlsgemeinschaft, die ihre konfessionellen Überzeugungen durch stärker affektiv getönte Rituale jenseits des reinen Wortglaubens zum Ausdruck bringt." (Alt Bd. I, 2004, S. 53) Man glaubt demzufolge, durch Gebet und Gesang eine Versenkung in Gott zu erlangen, die einem solche Momente der Glückseligkeit bereiten können, die sonst nur der geläuterten Seele im Himmel zuteil werden könne. Zur pietistisch motivierten Glaubenspraxis gehören u. a. Erbauungsstunden im privaten Kreis, in denen eine affektiv besetzte Bibellektüre und Gebete, vor allem aber das Singen von Kirchenliedern Gerhard Teerstegens, Nikolaus Ludwig von Zinzendorfs, Philipp Friedrich Hillers und Christoph Carl Ludwig von Pfeils gehören, allesamt Autoren, deren Lieder noch bis heute in den Gesangbüchern der evangelischen Kirche zu finden sind. (vgl. ebd., S. 52ff.) Neben solchen Texten macht Dorothea, die auch gerne in pietistischen Andachtsbüchern des schwäbischen Theologen »Johann Albrecht Bengel (1687-1752) liest, ihre Kinder bei ihren privaten Erbauungsstunden oder den Morgen- und Abendandachten mit den Gesangbuchtexten Luthers, Gerhardts und Gellerts bekannt, die man in gemeinsamer Runde auswendig lernt. (vgl. ebd., S. 78.) Johann Caspar Schiller, der wohl "mit dem stärker rational gestützten auf, auf geistliche Erkenntnis zielenden Pietismus Bengels" (ebd., S. 55) sicher noch mehr verbinden kann als mit dem "ins Mystische gesteigerten Blut- und Wundenkult Zinzendorfs" (ebd.) kommt die Frömmigkeit seiner Frau wohl übertrieben vor, auch wenn er mit seiner Frau in religiösen Grundfragen übereinstimmt. "Sich dem Willen Gottes hinzugeben, sich ihm würdig zu zeigen, um von ihm angenommen zu werden und dafür Verzicht auf die Genüsse des Lebens zu üben" (Aufenanger 2006, S.17) ist ihr gemeinsames religiöses Fundament, das sie auch an ihre Kinder weitergeben. So bereitet es ihnen offenbar wenig Probleme, wenn sich Dorothea eher  vom Empfindsamen und Poetischen der Religion angezogen fühlt, während Johann Caspar eher "an einen Gott, der für die Menschen sorgt, wenn sie den Mut haben, für sich selbst zu sorgen" glaubt (Safranski 2004, S.18). Dorothea jedenfalls vermittelt ihren Kindern eine Religion "des Herzens", während Johann Caspar eher einer "Religion des Verstandes" folgt (ebd., S.30). Die früh erkennbaren oder früh erzeugten religiösen Neigungen Friedrichs werden durch die Religiosität von Vater und Mutter gefördert. Während der Vater wohl schon eher die geistliche Laufbahn vor Augen hat, die er für Friedrich plant, beherrscht das Verhältnis von Dorothea und ihrem Sohn in religiösen Dingen wohl der gemeinsame, in tiefem religiösen Empfinden verwurzelte, pietistisch geprägte Glaube. Christophine erinnert sich später an einen Spaziergang mit der Mutter von Lorch nach Marbach zu den Großeltern, in dessen Verlauf sich zeigt, auf welche Weise die Mutter die pietistische Empfindsamkeit ihrer Kinder fördern will. Die Mutter wählt dabei den Weg über einen Berg. "Es war ein schöner Ostermontag“, notiert Friedrich Schillers ältere Schwester, "und die Mutter teilte uns unterwegs die Geschichte von den zwei Jüngern mit, denen auf ihrer Wanderung nach Emmaus Jesus zugesellt hatte. Ihre Rede und Erzählung wurde immer begeisterter, und als wir auf den Berg kamen, waren wir alle so gerührt, dass wir niederknieten und beteten. Dieser Berg wurde uns zum Tabor.“ (zit. n. Safranski 2004, S. 30) Hier zeigt sich auch ein erzählerisches Talent Dorotheas. Zugleich wird deutlich, was die pietistische Versenkung in Gott auszulösen vermag.

Als Johann Caspar 1766 auf eigenen Wunsch in die Residenzstadt Ludwigsburg versetzt wird, bessert sich glücklicherweise auch die finanzielle Lage der Familie, da Johann Caspar fortan wieder Sold bezieht und - allerdings Jahre später - auch einen Teil seiner in der Vergangenheit nicht erhaltenen Einkünfte erstattet bekommt. Sicher stellt der Umzug der Familie nach Ludwigsburg im gleichen Jahr auch für Dorothea eine große Umstellung dar. Hier in der Residenz- und Garnisonsstadt gibt es ein öffentliches Leben, an dem der Offizier mit seiner Frau teilnimmt. Der  "jähe Wechsel von der Natur in die Kultur"  (Safranski 2004, S.26) "von der idyllischen Weltabgeschiedenheit" Lorchs (ebd., S.26) mitten hinein in das städtische Treiben der Residenzstadt des Herzogs von Württemberg ist auch für Dorothea eine Herausforderung, zumal sie sich auf öffentlichem Parkett nicht gerade wohl fühlt und bei solchen Anlässen eher schüchtern und ängstlich wirkt (vgl. Safranski 2004, S.24). Sie ist insofern nicht unbedingt eine Frau zum Repräsentieren oder Angeben im gesellschaftlichen Umfeld des Offiziers. Solange sich die Kontakte auf eher privater Ebene pflegen lassen, scheint sie allerdings keine Schwierigkeiten zu haben. Nach dem Umzug der Familie in das neu errichtetes Haus des Hofbuchdruckers Christoph Friedrich Cotta zu Beginn des Jahres 1767gibt es offenbar auch einen mehr oder minder regen Kontakt mit der Familie Hoven, die im gleichen Haus wohnt, und der Arztfamilie Elwert. (vgl. Alt Bd. I, 2004, S.74) Über solche Kontakte hinaus, begleitet Dorothea ihren Mann öfters ins Hoftheater der nahe gelegenen herzöglichen Residenz Carl Eugens, um sich die dort aufgeführten italienischen Singspiele und Opern anzusehen.

Dorothea Schiller bringt in dieser Zeit weitere Kinder zur Welt und muss den frühen Tod dreier Töchter verarbeiten. Auch wenn ein solches Schicksal angesichts der hohen Kindersterblichkeit der Zeit nichts Außergewöhnliches darstellt, die Menschen also gewissermaßen darauf eingestellt und daran gewöhnt sind, handelt es sich doch stets um einen schmerzhaften Verlust. Die Kindersterblichkeit ist bis um 1800 herum in Mitteleuropa noch sehr hoch und beträgt in manchen Gemeinden nach annähernd 50%, wobei in schlechten sozialen Verhältnissen sogar noch von einem weitaus höheren Anteil auszugehen ist.  Dennoch Mutter Dorothea muss einige dieser Schicksalsschläge verkraften. Tochter Maria Charlotte, in Ludwigsburg am 20.11.1768 geboren, stirbt 1174 mit fünf Jahren an einer Lungenentzündung (29.3.1774), Beata Friederike, am 4.5.1773 geboren,  überlebt kaum 7 Monate und stirbt an einer Genickstarre (22.12.1773). Ihre jüngste Tochter "Nanette" (geb. 8.9.1777), "Nachzüglerin" und "Nesthäkchen" der Familie, stirbt  23. März 1796 mit nur 18 Jahren an einem Nervenfieber.

Ans Herz gegangen ist Mutter Dorothea sicher, dass ihr Sohn Friedrich auf Geheiß von Herzog Carl Eugen der Familie entrissen wird und vom 16. Januar 1773 an in die Karlsschule und ihr Internat umziehen muss. Sicher ist es ein tränenreicher Abschied, den die beiden voneinander nehmen. Sie weiß, dass sie ihren Sohn künftig nur noch wenig zu Gesicht bekommen wird, denn das herzogliche Erziehungskonzept, das die bewusste Entfremdung der Söhne von ihren Eltern vorsieht, bestimmt auch die Regeln, nach denen sich die spärlichen Kontaktmöglichkeiten der Karlsschüler zu ihren leiblichen Eltern zu vollziehen haben. Nur ab und zu an Sonntagen darf sie ihn mit seinen jüngeren Schwestern besuchen, wie Karoline von Wolzogen in ihrer Schiller-Biographie aus dem Jahre 1830 notiert.

Nachdem Johann Caspar Schiller mit seiner Ernennung zum Intendanten der herzöglichen Hofgärtnerei Anfang Dezember 1775 endlich sein berufliches Glück gemacht zu haben scheint, bringt der Umzug der Familie in die kleine Dienstwohnung in der Solitude, dem Jagd- und Repräsentationsschloss des Herzogs, Dorothea sicher kaum Vorteile. Ihr Mann beschäftigt sich fortan so intensiv mit der Verwaltung und Bewirtschaftung der Hofgärtnerei und seiner Baumschule, dass er Dorothea mit ihren Kindern - Nanette wird sogar erst in dieser Wohnung geboren - offenkundig so vernachlässigt, dass sich Dorothea sogar in einem Brief - wie schon eingangs erwähnt - über das Verhalten ihres Mannes bei ihrem Sohn Friedrich beklagt.

Als ihr Sohn Friedrich am 15. Dezember 1780 endlich aus der Militärakademie entlassen wird und zum Regimentsmedicus im Grenadierregiment Augé in Stuttgart befohlen wird, ist auch Dorothea über die dürftige Bezahlung des Sohnes für seine Dienste enttäuscht, zumal auch sie im September 1774 jenes Revers des Herzogs gezwungenermaßen unterschrieben hat, mit dem die Eltern ihren Sohn "gänzlich den Diensten des Herzoglichen Württembergischen Hauses" übergeben haben. Mit dieser erbärmlichen Gegenleistung des Herzogs, die den Sohn weiterhin von der Unterstützung des Vaters abhängig macht, hat auch sie nicht gerechnet. Immerhin nach Jahren der erzwungenen Entfremdung kommt es jetzt wieder häufiger zu persönlichen Begegnungen Friedrichs mit seiner Familie, die etwa eineinhalb Stunden Fußmarsch von ihm entfernt auf der Solitude wohnt. Aber auch für solche Besuche muss er um Urlaub nachsuchen. Auf seinen Besuchen in den folgenden knapp eineinhalb Jahren bringt Friedrich auch häufiger Freunde mit, die die warmherzige Gastfreundschaft von Friedrichs Mutter Dorothea zuschätzen wissen. (vgl. Lahnstein 1981, S.87)

Die Flucht Friedrichs aus Württemberg am 22. September 1782 trennt Dorothea und mit ihr die Familie wieder vom Sohn. So freut sie sich natürlich, als Friedrich 1783 wieder in ihre Nähe, nach Mannheim zieht, wo er einen Ein-Jahres-Vertrag als Theaterdichter unterschrieben hat. Inwieweit Dorothea die Vorwurfshaltung ihres Mannes gegenüber ihrem Sohn in diesen Jahren geteilt hat, lässt sich nur vermuten. Anzunehmen ist, dass sie die Härte, mit der dieser den Sohn immer wieder angegangen ist, nicht oder in jedem Falle nicht zur Gänze unterstützt hat.
Erst 10 Jahre später wird sie ihren Sohn wieder sehen, als sie mit ihrer Tochter Nanette von Mitte September bis Anfang Oktober 1792 zu ihm nach Jena reist, wo er inzwischen mit Charlotte von Lengefeld seit zweieinhalb Jahren verheirat lebt und wo er seit 1790 eine Professur für Geschichte an der Universität der Stadt innehat. Mit ihrem Sohn und seiner Frau reisen sie am 25. September 1792 nach Rudolstadt. Dort halten sie sich eine Weile auf dem Gut der seit 1775 verwitweten Mutter von Schillers Frau, Luise Juliane Eleonore Friederike von Lengefeld (1743-1823) auf, von wo Mutter Schiller und Tochter Nanette am 10.10.1792 wieder ihre Heimreise antreten. Darüber, wie sich das Verhältnis der Mutter zu ihrem Sohn und dessen Frau in dieser Zeit gestaltet, lässt sich offenbar nicht viel sagen. Lediglich "der möblierte Poetenhaushalt soll," wie Buchwald in seiner Schillerbiographie erwähnt, "der tüchtigen Hausfrau von der Solitüde wenig nach ihrem Herzen gewesen sein." (Buchwald 1959, S.565) Ob es zu ernsthaften Problemen gekommen ist, insbesondere auch mit der Schwiegertochter, die aus Alter und verschiedenen Standes- und Lebensgewohnheiten resultieren, wie zugleich von ihm angedeutet wird, muss aber wohl bezweifelt werden, wenn man berücksichtigt, dass Schillers Frau Charlotte darüber "beglückt" nach Dresden berichtet. (vgl. ebd. )
Ein Jahr später, als Friedrich sich mit seiner hochschwangeren Frau Charlotte anlässlich des  70. Geburtstag seines Vaters (1793) von Jena aus auf die Reise nach Württemberg begibt, wird es zu einem persönlichen Wiedersehen mit dem Rest der Familie, natürlich wieder mit Mutter Dorothea, Vater Johannes Caspar und den jüngeren Geschwistern kommen. Während ihn der Vater und seine Schwester Luise schon Mitte August außerhalb des württembergischen Territoriums, auf dem Boden der Freien Reichsstadt Heilbronn besuchen, bekommt ihn die Mutter erst im September wieder zu sehen, als er die württembergische Grenze übertritt und sich für einige Zeit in Ludwigsburg niederlässt. Dort kommt es in der Zeit vom September 1793 an bis zum Umzug der jungen Familie - Friedrich Schillers erster Sohn Karl Friedrich Ludwig ist am 14. 9. 93 in Ludwigsburg geboren -  am 15. 3.94 nach Stuttgart zu mehreren Besuchen. Am 6. Mai des gleichen Jahres reist Friedrich mit seiner Frau Lotte und seinem etwa halbjährigen ersten Sohn Karl nach Jena zurück. Als er sich von seinen Eltern verabschiedet, ahnt vielleicht auch Dorothea schon, dass es kein Wiedersehen mehr geben wird. Als Johann Caspar ernsthaft, vermutlich an Prostata-Krebs (vgl. Öllers 2005, S.35),  erkrankt und am 7. September 1796 stirbt, ist es der zweite Schicksalsschlag, der Dorothea in diesem Jahr trifft. Kaum zwei Monate ist es nämlich her, dass ihre blutjunge Tochter Nanette, möglicherweise an einer tuberkulösen Rippenfellentzündung oder an Typhus (vgl. ebd. 2005, S.35),  qualvoll gestorben ist (vgl. ebd.). Friedrich, der von dem Tod seines Vaters erst ein paar Tage später erfährt, verzichtet in einem Brief an seine Mutter am 19. September 1796 zugunsten seiner Mutter Dorothea auf sein Erbteil mit den Worten: "Alles, was Sie zu einem gemächlichen Leben brauchen, muss Ihnen werden, beste Mutter, und es ist hinfort meine Sache, dass keine Sorge Sie mehr drückt."  (zit. n. Wais 2005, S. 220)

Über die alternde Dorothea Schiller gibt es nicht viel zu berichten. Sie darf mit ihrer noch unversorgten Tochter danach ab der Jahreswende 1796/97 im Leonberger Schloss wohnen. Dort erhält sie freie Wohnung und eine Pension von hundert Gulden, halb in Bargeld, halb in Naturalien. (vgl. Sting 2005, S.547) Allerdings scheint sie ihre freundliche und sanftmütige Lebensart verloren zu haben, denn wie Norbert Öllers (2005, S.37) feststellt, ist sie im Alter wehleidig, hypochondrisch und verbittert gewesen und hat das ihr von anderen zugefügte Schicksal immer wieder bejammert. Am 29. April 1802 stirbt sie in Cleversulzbach, wo sie von ihrer Tochter Luise und ihrem Schwiegersohn in den letzten Monaten ihres Lebens gepflegt wird, wahrscheinlich an Gebärmutterkrebs (vgl. ebd., S.35). Als ihr Sohn davon erfährt, notiert er in der gleichen nüchternen Art und Weise, wie er auch sonst solche persönlichen Aufzeichnungen aufschreibt, nachträglich in seinen Kalender: "Und starb meine Mutter in Schwaben, alt 68 Jahr 4 Monate." In einem Brief an seine Schwester Christophine spricht er aber auch dem Schmerz an, den er bei seinen Erinnerungen an die "liebevolle immer für ihre Kinder sorgsame Mutter" (zit. n. Alt Bd. II, 2004, S. 417) spürt. Und an seinen Schwager in Neckarsulzach schreibt Friedrich Schiller etwa zur gleichen Zeit voller Dankbarkeit: "Möge der Himmel der teuren Abgeschiedenen alles mit reichen Zinsen vergelten, was sie im Leben gelitten und für die ihrigen getan." Und weiter: "Nie werde ich mich meiner verewigten Mutter erinnern, ohne zugleich das Andenken desjenigen zu segnen, der ihr ihre letzten Leidenstage so gütig erleichterte." (zit. n. Öllers 2005, S.27ff.) Der selbstkritische Ton, der in diesen Äußerungen mitschwingt, ist nicht zu überhören.

 

*Nach Öllers (2005, S.33) leben in Marbach zu dieser Zeit "knapp 250" Einwohner; Die Internet-Enzyklopädie Wikipedia (http://de.wikipedia.org/wiki/Marbach_am_Neckar, 04.03.07) gibt die folgenden Zahlen an: "Nach 1.478 Einwohnern im Jahr 1692 werden 1695 nur noch 609 gezählt."

© Gert Egle, teachSam - 04.03.07

  

   
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