Johann Wolfgang von Goethe
wollte in seinem Drama »Egmont«
"einen Wendepunkt in der politischen Geschichte, (...) eine
krisenhafte Periode, die infolge ihres Umbruchcharakters" (Schulz
1997, S.154) gestalten, die die Aufmerksamkeit und das
Interesse seines Publikums erregen konnten, um damit "einen
herausragenden einzelnen, der im Zentrum der geschichtlichen
Ereignisse steht" (ebd.)
in Szene zu setzen. Dabei wollte er auch kein Geschichts-
sondern ein Charakterdrama gestalten und verzichtete dabei auch
auf historische Detailtreue, wenngleich er die krisenhafte
Situation, die in den Niederlanden Mitte des 16. Jahrhunderts
eingetreten ist, in wesentlichen Grundzügen im Rahmen seiner
dramatischen Handlung so wiedergibt, wie sie die von ihm
genutzten •
historischen Quellen darstellten.
Welche
Bedeutung man angesichts dieser Tatsachen der Frage nach dem
geschichtlichen bzw. politischen Gehalt geben will, hängt von
vielen Aspekten ab, die hier nicht im Einzelnen dargestellt und
erörtert werden sollen. Die Meinungen darüber gingen und gehen
bis heute auch in der literaturwissenschaftlichen Forschung
auseinander, auch wenn sich heute wohl eher die Richtung
durchgesetzt zu haben scheint, die dafür plädiert, "Egmont mit
seinen politischen Vorstellungen durchaus ernst (zu) nehmen". (ebd.,
S.169)
Wie immer kommt
es dabei auch auf die Lesart an und dies gilt im didaktischen
Umfeld des Literaturunterrichts in der Schule um so mehr.
Dennoch: Die
Kenntnis des • historischen Hintergrundes, auf den sich Goethe in
seinem Drama bezieht, kann zu einem vertieften Verständnis des
Dramas beitragen, wobei freilich stets zu beachten ist, dass
Goethe, der sein Drama knapp 200 Jahre nach den Ereignissen, auf
die er darin Bezug nimmt, erstmals in Grundzügen konzipiert hat
und damit auch eine eigene, seiner Zeit geschuldete Perspektive
auf die Ereignisse hat und diese zugleich mit seiner
ästhetischen Gestaltung entsprechend der literarischen Moden der
Zeit überformt.
Die
geschichtlichen Ereignisse, die den Hintergrund des Dramas
bilden, ohne dass sie in ihrer Gänze und im Detail
vollkommen
korrekt von Goethe thematisiert werden, können für moderne
Leserinnen und Leser allerdings ohne ein gewisses
Grundverständnis der vielfältigen Herrschafts- und Lebensformen
in der frühen Neuzeit kaum verstanden werden.
Ganz unabhängig
davon, dass Schülerinnen und Schüler sich mit Dramen allgemein,
insbesondere aber solchen aus dem 18. Jahrhundert •
aus
unterschiedlichen Gründen oft schwer tun, hängt die
Überwindung der
• Erfahrung alltäglicher Fremdheit im Umgang mit
literarischen Texten auch davon, ob es gelingt, die »kognitiven
Dissonanzen zu überwinden, die mit den historischen Bezügen
des Textes der
Textwelt
bzw. der im Drama gestalteten fiktionalen Welt zusammenhängen.
Wie weit die
Heranziehung des historischen Hintergrunds als Kontext bei der
Behandlung des Dramas im Unterricht gehen soll, kann dabei
natürlich sehr unterschiedlich ausfallen.
In diesem
Arbeitsbereich wird jedenfalls versucht, diesen Hintergrund mit
einem vertieften Einblick in die •
niederländische Geschichte im 16.
Jahrhundert und mit historischem Kontextwissen zum •
historischen Egmont umfassend darzustellen.

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Gert Egle, zuletzt bearbeitet am:
28.06.2026