Lieber Leser!
Hier hast du was zu lesen. Nicht etwan von einem grossen gelehrten Manne;
Nein! nur von einer Frau, deren Namen du aussen wirst gefunden haben, und
deren Stand du unter den geringsten Leuten suchen mußt: Denn sie ist nichts,
als eine Comödiantin; von Geburt eine Deutsche. Sie kann von nichts, als von
ihrer Kunst Rechenschaft geben: Wenn sie gleich so viel wissen sollte, daß
sie einen jeden Künstler verstehen könnte; wenn er von seiner Kunst redet.
Fragst du: Warum sie auch schreibt? So antwortet sie dir das, dem
Frauenzimmer gewöhnliche, Darum! Fragt dich jemand: Wer ihr geholfen hat? So
sprich: Ich weis es nicht; oder: Es könnte doch wohl seyn, daß sie es selbst
gemacht hätte. Das Werk ist in Reimen abgefasset. Ob die Verse rein, und die
Gedanken richtig sind; werden diejenigen wissen, die es verstehen. Was die
Sache betrifft: So gehören theils bekannte Geschichte, theils unbekannte
Gedichte darzu. Alles zu erklären schickt sich nicht vor sie. Alles zu
verschweigen ist hier nicht nöthig. Genung, daß sie sonst wohl schweigen
kann. Diejenigen; die von ihren Umständen etwas wissen, werden dieses leicht
glauben können; wer aber nichts von ihr weis, dem wird auch dieses nichts
schaden: Wenn er es gleich nicht glauben kann. Sie hat zwar niemalen durch
Schriften bekannt seyn; sondern nur, als eine Comödiantin anderer Leute
Leidenschaften bescheiden, vorsichtig, aufrichtig und natürlich
vorstellen wollen: Itzt aber, da sie ihre eigene Rolle auf, und vor der
ganzen Welt zu spielen genöthiget wird; so schämet sie sich auch nicht,
ihren ersten sichtbaren Auftritt in diesen Blättern gedruckt zu geben. Hat
sie wo gefehlet; so wird sie die Fehler nicht entschuldigen: Denn dadurch
werden sie nicht besser. Sie wird um Verzeihung bitten, und ein andermal so
wenig fehlen, als es ihr nur möglich ist. Im übrigen überläßt sie sich mit
Freuden dem Urtheile dererjenigen, die da richtig denken, zu rechter Zeit
reden, und behutsam schweigen. Die übrigen werden denken, was sie wollen;
reden, wenn sie können; und schweigen, wenn sie müssen. Sie bleibet beydes,
der guten und bösen Welt verpflichtet: Der guten; weil sie es würdig ist,
der bösen; weil sie an ihrer Besserung nicht zweifelt.
Die Verfasserin.
(Friederike Caroline Neuber: Ein Deutsches Vorspiel verfertiget von
Friederica Carolina Neuberin, Leipzig 1897, S. 3-4. - gemeinfrei -
zeno.org)
Gert Egle, zuletzt bearbeitet am:
28.08.2025