Das Stück »"Die
Verehrung der Vollkommenheit durch die gebesserten deutschen Schauspiele"“
wurde auf dem "Schau-Platze in Strassburg" am 8. Januar 1737 aufgeführt. Dem
1737 in Straßburg gedruckten Stück fügte »Friederike
Caroline Neuber (1697-1760) die folgende
anlassbezogene Vorrede hinzu, die vielleicht auch vor der Vorstellung als
Prolog vor dem Vorhang vorgelesen wurde. In der gedruckten Version des
Stücks zählt die Vorrede zu den anlassbezogenen Nebentexten des Dramas, die
auf die Umstände der Darbietung, die Aufführungszeit und den Aufführungsort
Bezug nehmen. (vgl.
Ötzelt/Schneider 2024, vgl.
Detken 2024)
"Lieber Leser!
Was wirst du denken, das ich dir zum dritten mahle ein deutsches Vorspiel
zu lesen gebe? Was du bey dem ersten gedacht hast, mag ich nicht wissen. Was
du von dem andern gehalten hast, kan ich nicht wissen, und was du von dem
itzigen sagen wirst, wird die Zeit lehren.
Zu dem ersten trieb mich mein Unglück, welches mich unschuldig in meinem
Vaterlande betraf; das
andere erforderte meine Pflicht;
und zu diesem bewegt mich die Verehrung und Bewunderung der Vollkommenheit,
welche Frankreich in der Schauspielkunst, von der ich lebe, vor ganz
Deutschland zum voraus hat. Alhier werden die Regeln der erhabenen
Trauer-Spiele und der sinnreichsten Freuden-Spiele gezeugt, gebohren,
erzogen, erhalten, und die etwas zu dieser Kunst beytragen, oder sie
ausüben, werden alhier grossmüthig, reichlich, rühmlich, und nützlich
ernähret. Aus diesem reinen und richtig gelegtem Grunde entstehet
Gelegenheit genug,
dass ganz Deutschland die Werke des Verstandes damit reinigen und erhalten
kan. Oefters schämet man sich, diese Wahrheit einzusehen und
zuzugestehen, man kan sie aber doch unmöglich ganz unterdrücken, und noch
weniger entrahten. Ich bin zwar auch eine Deutsche, und bilde mir nicht
wenig darauf ein, dass ich, aller Unglücks-Fälle ungeacht, dennoch die
Eigenschaft behalten habe, nach allen Pflichten der redlich Deutschen
wahrhaftig deutsch zu seyn und zu bleiben; Allein ich muss doch dieser
überzeugenden Wahrheit trotz meiner Einbildung geziemend weichen. Die
Einwürfe, so mir in diesem Falle gemacht werden könten, haben in sich selbst
die Gabe mich zu vertheidigen.
Als eine Frau soll ich mich nicht hoch versteigen, also weis ich auch, dass
die Absichten, welche die Schauspiele erfunden, gebessert, erleuchtet, und
bis auf den heutigen Tag erhalten haben, für mich zu hoch sind, ich kan sie
nicht einsehen, noch weniger beurtheilen.
Diejenigen Absichten aber, welche die Schauspiele hindern, mit Fleis
beflecken, verderben, und ausrotten wollen, darf ich nicht käntlich machen,
weil ich wahrgenommen habe, dass es vielen Leuten ungelegen ist, dass sie
meiner Vernunft, als einer Comödiantin, und zwar als einer deutschen, sollen
Vernunft gelten lassen. Inmittelst wende ich mich zu denen, welche die
Schauspiele reinigen, verbessern, und nützlich brauchen, oder behutsam
brauchen lassen, und übergebe diejenigen, welche die Schauspiele, gute oder
böse, ohne Ausnahme, ihres Vortheils wegen, schelten, hindern und verderben,
auch ihrer eigenen Verantwortung. Ich weiss, dass sie als wohlgeübte Leute
klug sind, und sich vor allen vernünftigen Richtern geschickt zu verbergen
wissen, oder wo sie ja, wieder Vermuthen überrascht werden, den Misbrauch
geschwinde zum Deckmantel erwischen, und den rechten Gebrauch durchaus nicht
zum Vorscheine kommen lassen, sollten sie gleich, noch über dieses, mit dem
Vorwand von dem Verderbe der Zeit, selbst noch viel mehr Zeit verderben, die
Schaubühne nur verächtlich, wo nicht gar strafbar zu machen.
Wahr ist es, die Schaubühne hat schwere Anfechtungen, viele Thorheiten,
strafbare Fehler und Mitarbeiter gehabt, insonderheit in dem lieben
Deutschlande. Allein dessen ungeacht hat sie ihr selbständiges Gute
nicht durch ihre Schuld, sondern
blos durch den
verderbten Geschmack verlohren. Sie
kan nichts dafür, dass viele Leute aus Bosheit oder Unwissenheit, ihr Gutes
nicht einsehen können oder wollen. Wenn ich von einer so bedenklichen
Sache denken dürfte, so wäre es nicht unmöglich, dass mir diese Gedanken
einfielen: Als ob man die
liederlichen, schändlichen, und unerlaubten Schauspiele deswegen noch
beybehielte, damit man nur etwas daran aussetzen, der Schaubühne vorrücken,
und solches mit lebendigen Exempeln beweisen könte.
Itzo leb ich hier. Man hat mich willig aufgenommen, und mir gnädig erlaubt,
die Früchte von einer gebesserten deutschen Schaubühne öffentlich zu zeigen.
Man entziehet
mir auch künftig diese Gnade nicht. Man ist nicht neidisch,
dass sich die arme, verachte, sonst schlechte deutsche Schaubühne nach dem
regelmässigen Französischen Theater gereiniget, und so viel möglich
gebessert hat. Man ist so grossmüthig, und hält mir meine Fehler zu gut.
Man ist so billig und bemühet sich nicht Fehler zu erzwingen, wo keine sind.
Man beklagt nicht, dass die deutschen Comödianten so viel guten Trieb und
Wissenschaft besitzen, dieses schwere Werk zu unternehmen.
Ja man hält sogar mir, als einer deutschen Frauen nicht vor übel, dass ich
ganz allein mich zur Verbesserung der deutschen Schaubühne angetrieben, und
allen Vorschub, so wohl bey Hohen als Niedrigen, Gelehrten und Ungelehrten,
aufs eyfrigste dazu gesucht habe. O möchte doch Deutschland so viel
Gutes für mich denken, als man mir hier zugestehet!
Ich werde zwar hier ebenso wenig reich, als in Deutschland, allein ich achte
mich reich genug, wenn ich den Beyfall der Vernünftigen erhalte, und nur mit
Mäsigkeit ernähret werde, also kan ich auch ohne Ueberfluss dennoch nicht
über Mangel klagen. Ich bin daher zufrieden, bis sich die Umstände
verbessern können. Unterdessen will ich die Regeln der guten Schaubühne wohl
in acht nehmen, mich in die Zeit schicken,
meine Schauspiele verbessern, mein Leben ordentlich und redlich erhalten,
und die Beurtheilung der verderbten Schaubühne, und derer, so darauf und
daran arbeiten, wie mich selbst, Gott, der Obrigkeit, und Dir empfehlen.
(Quelle: Die Verehrung der Vollkommenheit durch die gebesserten deutschen
Schauspiele, Archiv für Literaturgeschichte. Leipzig 1881, Band 10, S.
454-457, - gemeinfrei -
zeno.org)
Gert Egle, zuletzt bearbeitet am:
28.08.2025