Das Stück »"Die
von der Weisheit wider die Unwissenheit beschützte Schauspielkunst“ 1736
wurde an dem Geburtsfest des »Herzogs
Karl Friedrich von Schleswig-Holstein (1700-1739)
wahrscheinlich im im Saal des Ball-Hauses in »Kiel,
wo die Neuber'sche Theatergesellschaft eine Spielstätte einrichten durfte,
am 30. April 1736 aufgeführt. Dem 1736 in Lübeck gedruckten Stück
fügte »Friederike
Caroline Neuber (1697-1760) die folgende
anlassbezogene Vorrede hinzu, die vielleicht auch vor der Vorstellung als
Prolog vor dem Vorhang vorgelesen wurde. In der gedruckten Version des
Stücks zählt die Vorrede zu den anlassbezogenen Nebentexten des Dramas, die
auf die Umstände der Darbietung, die Aufführungszeit und den Aufführungsort
Bezug nehmen. (vgl.
Ötzelt/Schneider 2024, vgl.
Detken 2024)
"Lieber Leser!
Wenn du gerne siehest, daß eine Frau denken, reden, lesen, und schreiben
kan, so wirst du zufrieden seyn, daß ich dir etwas ausgedacht, geschrieben,
gelesen, und einen Theil davon öffentlich geredet habe. Dieses geb ich dir
nun gedruckt. Wundre dich nicht, daß ich meinen neuen Schutz Ihr. Königl.
Hoheit, des Durchl. Herzogs Carl Friderichs mit unterthänigster Ehrfurcht
dankbar erkenne, und Ihm an Seinem Hohen Geburts-Feste ein Zeichen davon
überreiche. Laß dir die Ausübung meiner Schuldigkeit gefallen, und vergis
deine niemahls. Beurtheile mich so strenge, als du darfst, wilst, und kanst.
Bessere die Fehler, und erfülle dadurch meine Absicht. Bist du mein Gönner,
so verehre ich dich. Bist du mein Helfer, so nehme ich deine Hülfe mit
Ehrerbiehtung an, gebrauche sie zu deinem Ruhme, und bin dir, weil ich lebe,
dafür mit Dank verbunden. Findest du etwas an meiner Gesellschaft oder
Einrichtung auszusetzen, so wisse: daß ich selbst viel auszusetzen gefunden
habe. In 9. und einem halben Jahre[6] hab ich an 50. Personen, deren Namen,
Herkunft, Wissenschaften und Verhalten ich dir bey anderer Gelegenheit
bekannt machen will, sehr viel auszusetzen, und sie endlich gar abzuschaffen
höchstnohtdringende Ursachen gehabt. Diejenigen, die ich zu deinem und ihrem
Ruhme auf das sorgfältigste erhalte und behalte, empfehle ich deinem guten
Andenken und Beyfalle. Schätze ihren Fleis und redliches Verhalten deiner
Betrachtung würdig! Bemühe dich den Unterscheid der Comödien und Comödianten
recht zu erfahren, und einzusehen. Frage, wie sie seyn sollen, und wie sie
sind, was sie nützen, und wie viel sie schaden können. Mache durch die Wahl
guter Comödien deinen Geschmack rühmlich und käntlich. Beharre nicht
eigensinnig auf leichten Vorurtheilen, und verwirff keine Sache, die du
nicht genugsam kennest. Laß dir keinen Harlekin ans Herz gewachsen seyn. Die
Natur hat ihn nicht gegeben, wenn sie gleich viele Harlekins erhält, und
wider annimmt; Indessen erschrickt sie vor ihm, als vor einer Misgebuhrt.
Sie zeiget ihn, zu ihrer Betrübnis, in der Gestalt, wie er ist, daß du sehen
solst, was sie an ihm ertragen muß, und beschämet dich mit ihm, daß du
siehest, was du an ihm geliebet hast. Achte die Wahrheit hoch. Sie
unterrichtet dich und mich,[7] und kömmt dir zu Ehren ans Licht. Sprich für
mich, weil ich es redlich meyne, und mein Fleis dieses Wohlthat verdienet.
Gönne mir etwas von dem, was du öfters gerne weg wirfst, ich wil dir weisen,
wie ich es zu deinem Ruhme und Nutzen aufhebe. Tadle meinen Aufwand nicht,
weil er nothwendig ist, du veruhrsachest und verlangest ihn selbst. Verachte
meine Armuht nicht, weil ich von deiner Erhaltung lebe. Unterdrücke keine
Gelegenheit, wo mich deine Billigkeit erfreuen kan, und wenn es in deiner
Macht stehet, so schütze mich wider ungerechte und boshafte Verfolger. Laß
dich das wenige Geld für gute Comödien nicht reuen. Nimm verlieb, wenn sie
dir nicht allemahl gefallen können. Sey nicht schuld an ihren Schaden. Liebe
und lobe sie nicht ohne Grund. Hasse und verachte sie nicht ohne Ursache.
Hilf dem Guten, steure dem Bösen, so wirst du deine Pflichten so gar an den
guten und schlechten Comödien, an rechtschaffenen und liederlichen
Comödianten ausüben, beyde Theile recht beurtheilen, und so wohl der guten
als bösen Schaubühne Gerechtigkeit widerfahren lassen. Ruhm und Nutzen wird
dafür deine seyn. Ich aber werde dich durch gereinigte Schauspiele und guten
Wandel lebenslang verehren können."
F. C. Neuberin.
(Quelle: Friederike Caroline Neuber: Die von der Weisheit wider die
Unwissenheit beschützte Schauspiel-Kunst, Lübeck 1736, S. 5-8.7, - gemeinfrei -
zeno.org)
Gert Egle, zuletzt bearbeitet am:
28.08.2025