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Bausteine

Vorrede zu "Die von der Weisheit wider die Unwissenheit beschützte Schauspielkunst" (1736)

« Literaturepochen Aufklärung (1720-1785) Einzelne Aspekte der Epoche Theater und Theaterwesen im 18. Jahrhundert

 
FAChbereich Deutsch
Glossar
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Das Stück »"Die von der Weisheit wider die Unwissenheit beschützte Schauspielkunst“ 1736 wurde an dem Geburtsfest des »Herzogs Karl Friedrich von Schleswig-Holstein (1700-1739) wahrscheinlich im  im Saal des Ball-Hauses in »Kiel, wo die Neuber'sche Theatergesellschaft eine Spielstätte einrichten durfte, am 30. April 1736  aufgeführt. Dem 1736 in Lübeck gedruckten Stück fügte »Friederike Caroline Neuber (1697-1760) die folgende anlassbezogene Vorrede hinzu, die vielleicht auch vor der Vorstellung als Prolog vor dem Vorhang vorgelesen wurde. In der gedruckten Version des Stücks zählt die Vorrede zu den anlassbezogenen Nebentexten des Dramas, die auf die Umstände der Darbietung, die Aufführungszeit und den Aufführungsort Bezug nehmen. (vgl. Ötzelt/Schneider  2024, vgl. Detken 2024)

"Lieber Leser!

Wenn du gerne siehest, daß eine Frau denken, reden, lesen, und schreiben kan, so wirst du zufrieden seyn, daß ich dir etwas ausgedacht, geschrieben, gelesen, und einen Theil davon öffentlich geredet habe. Dieses geb ich dir nun gedruckt. Wundre dich nicht, daß ich meinen neuen Schutz Ihr. Königl. Hoheit, des Durchl. Herzogs Carl Friderichs mit unterthänigster Ehrfurcht dankbar erkenne, und Ihm an Seinem Hohen Geburts-Feste ein Zeichen davon überreiche. Laß dir die Ausübung meiner Schuldigkeit gefallen, und vergis deine niemahls. Beurtheile mich so strenge, als du darfst, wilst, und kanst. Bessere die Fehler, und erfülle dadurch meine Absicht. Bist du mein Gönner, so verehre ich dich. Bist du mein Helfer, so nehme ich deine Hülfe mit Ehrerbiehtung an, gebrauche sie zu deinem Ruhme, und bin dir, weil ich lebe, dafür mit Dank verbunden. Findest du etwas an meiner Gesellschaft oder Einrichtung auszusetzen, so wisse: daß ich selbst viel auszusetzen gefunden habe. In 9. und einem halben Jahre[6] hab ich an 50. Personen, deren Namen, Herkunft, Wissenschaften und Verhalten ich dir bey anderer Gelegenheit bekannt machen will, sehr viel auszusetzen, und sie endlich gar abzuschaffen höchstnohtdringende Ursachen gehabt. Diejenigen, die ich zu deinem und ihrem Ruhme auf das sorgfältigste erhalte und behalte, empfehle ich deinem guten Andenken und Beyfalle. Schätze ihren Fleis und redliches Verhalten deiner Betrachtung würdig! Bemühe dich den Unterscheid der Comödien und Comödianten recht zu erfahren, und einzusehen. Frage, wie sie seyn sollen, und wie sie sind, was sie nützen, und wie viel sie schaden können. Mache durch die Wahl guter Comödien deinen Geschmack rühmlich und käntlich. Beharre nicht eigensinnig auf leichten Vorurtheilen, und verwirff keine Sache, die du nicht genugsam kennest. Laß dir keinen Harlekin ans Herz gewachsen seyn. Die Natur hat ihn nicht gegeben, wenn sie gleich viele Harlekins erhält, und wider annimmt; Indessen erschrickt sie vor ihm, als vor einer Misgebuhrt. Sie zeiget ihn, zu ihrer Betrübnis, in der Gestalt, wie er ist, daß du sehen solst, was sie an ihm ertragen muß, und beschämet dich mit ihm, daß du siehest, was du an ihm geliebet hast. Achte die Wahrheit hoch. Sie unterrichtet dich und mich,[7] und kömmt dir zu Ehren ans Licht. Sprich für mich, weil ich es redlich meyne, und mein Fleis dieses Wohlthat verdienet. Gönne mir etwas von dem, was du öfters gerne weg wirfst, ich wil dir weisen, wie ich es zu deinem Ruhme und Nutzen aufhebe. Tadle meinen Aufwand nicht, weil er nothwendig ist, du veruhrsachest und verlangest ihn selbst. Verachte meine Armuht nicht, weil ich von deiner Erhaltung lebe. Unterdrücke keine Gelegenheit, wo mich deine Billigkeit erfreuen kan, und wenn es in deiner Macht stehet, so schütze mich wider ungerechte und boshafte Verfolger. Laß dich das wenige Geld für gute Comödien nicht reuen. Nimm verlieb, wenn sie dir nicht allemahl gefallen können. Sey nicht schuld an ihren Schaden. Liebe und lobe sie nicht ohne Grund. Hasse und verachte sie nicht ohne Ursache. Hilf dem Guten, steure dem Bösen, so wirst du deine Pflichten so gar an den guten und schlechten Comödien, an rechtschaffenen und liederlichen Comödianten ausüben, beyde Theile recht beurtheilen, und so wohl der guten als bösen Schaubühne Gerechtigkeit widerfahren lassen. Ruhm und Nutzen wird dafür deine seyn. Ich aber werde dich durch gereinigte Schauspiele und guten Wandel lebenslang verehren können."

F. C. Neuberin.

(Quelle: Friederike Caroline Neuber: Die von der Weisheit wider die Unwissenheit beschützte Schauspiel-Kunst, Lübeck 1736, S. 5-8.7, - gemeinfrei - zeno.org)

Gert Egle, zuletzt bearbeitet am: 28.08.2025

    
   Arbeitsanregungen
  1. Warum betont Neuber gleich zu Beginn, dass sie als Frau denken, reden, lesen und schreiben kann?
  2. Wem widmet Neuber ihren Dank und in welchem Zusammenhang erwähnt sie dieses Dankeswort?
  3. Was fordert Neuber vom Leser im Umgang mit ihren Fehlern und Absichten?
  4. Welche Kritik übt Neuber an den bisherigen Schauspielergesellschaften und wie rechtfertigt sie die Trennung von vielen Mitgliedern?
  5. Welche Haltung nimmt Neuber gegenüber dem Harlekin ein, und wie begründet sie diese?
  6. Welche Erwartungen stellt sie an das Publikum im Hinblick auf die Auswahl, Bewertung und Unterstützung von Komödien und Schauspielern?
 
 
 

 
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