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Die nationale Bewegung 1815-1848/49

Sozialgeschichtliche Aspekte

 
 
  Die Neuordnung Europas auf  dem Wiener Kongress 1815 fand keineswegs allgemein Zustimmung. Kritiker betonten, dass wichtige Regelungen nur unter klarer Verletzung des Selbstbestimmungsrechts der Völker durchgesetzt worden waren. Mit Recht betonten sie, dass die Pentarchie der Großmächte (Österreich-Ungarn, Großbritannien, Frankreich, Preußen und Russland) den Belgiern, Deutschen, Italienern und Griechen verwehrten, eine nationalstaatliche Einigung in Gang zu setzen oder zu vollenden.
Dennoch ließ sich die Nationalstaatsidee,  "dass Menschen mit einer gemeinsamen Geschichte, Sprache und Kultur die Errichtung einer selbständigen politischen Einheit (oder Nation) zugestanden werden müsse" (Craig 1989, S.15) nicht auslöschen. Im Gegenteil. Nationalistische Bewegungen gewannen gerade deshalb mehr und mehr an Boden. Dabei trat dieser Nationalismus, wie Craig (1989, S.16) betont, nicht mit der "engstirnigen Arroganz oder dem Hurrapatriotismus" auf, wie sie für nationalistische Bewegungen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts typisch waren. Der frühbürgerliche Nationalismus nach dem Wiener Kongress "war beseelt von einer inbrünstigen, wenn auch idealistischen Überzeugung, dass ein nach wirklich nationalen Gesichtspunkten geordnetes Europa ein gesünderes und friedlicheres Europa sein würde als eines, in dem unterworfene Nationalitäten weiterhin unter fremder Herrschaft lebten." (ebd.)

Neben diesen politischen Ursachen hat die Entstehung und die Verankerung eines Nationalgefühls aber auch sozialgeschichtliche Hintergründe.

Auch wenn es schon früher so etwas wie ein naives, weil unreflektiertes Bewusstsein, ein Deutscher zu sein, gegeben haben mag, wird Nation erst nach und nach ein wichtiger Wert. Allerdings hat er zunächst nur für die gebildeten Schichten Bedeutung. So vertrat der deutsche Philosoph und Theologe Johann Gottfried Herder (1744-1803) die Auffassung, dass vor allem die Sprache und Geschichte den Charakter eines Volkes bestimmen. In der Folgezeit haben vor allem die Gebildeten nationalen Vorstellungen zur Identitätsbestimmung benutzt, die in einer mehr und mehr von der Auflösung traditioneller Strukturen und Vergesellschaftungsmöglichkeiten bestimmten Welt einen gewissen Halt und Orientierung geben konnten.
Strukturell handelt es sich bei diesen Auflösungsvorgängen um Individualisierungsprozesse, wie wir sie bis heute, wenngleich in besonderer Art und Weise, erleben. (Beck 1986)
Diesen sozialgeschichtlichen Wandel macht Thomas Nipperdey (1987, S. 300) unter anderem für die Entstehung und Entwicklung der nationalen  Bewegung zu Beginn des 19. Jahrhunderts verwantwortlich:
"Die alte Welt [...] löst sich auf: Haus und Stand, die traditionellen Bindungen, die partikularen (lokalen, ständischen) Gruppen, das personale Beziehungsgeflecht, die 'Gemeinschaft' und die anschauliche Präsenz von Norm und Sinn in den Traditionen. Das Individuum tritt heraus und emanzipiert sich, [...] es tritt ein in die entstehende Verkehrs- und Marktgesellschaft, in die großen und anonymeren Gruppen mit ihren rationalen und abstrakten Strukturen. Das Individuum wir zugleich selbständiger wie isolierter und vermittelter, jeder wird von vielen anhängig, die ihm fremd sind; Gruppen, Loyalitäten und Normen sind nicht mehr anschaulich präsent; das Selbstverständliche geht zurück, die Religion verliert für die Bestimmung innerweltlicher Werte an Bedeutung', sie stiftet nicht mehr Kohäsion und nur noch begrenzt Lebenssinn. Die neue Bindungsweise - die individualisierte emphatische Freundschaft - reicht nicht aus. Darum lebt dieser neue Mensch viel stärker als vorher von Reflexion und Diskussion, d. h. aber im Medium von Sprache und Kultur. In der neuen Kommunikationsgesellschaft gewinnen Sprache und Kultur eine Bedeutung wie nie zuvor, über sie nur findet der Gebildete seine Identität. Die Gemeinsamkeit mit anderen, die bis dahin die Tradition trug, muss neu bestimmt werden. Darum wird die in der gemeinsamen Sprache und Kultur wurzelnde Nation jetzt so wichtig, sie ist es, die die desintegrierten Individuen in einer versachlichten und pluralistischen Gesellschaft eigentlich integriert und ihnen Identität vermittelt. Die Wendung zur Nation, das ist die Antwort auf ein inneres Bedürfnis. Und das erklärt, warum es gerade die mobilen Gruppen der Intelligenz und der studierenden Jugend sind, die sich zur Nation und schließlich zu dem neuen Glauben an die Nation bekennen."

Gert Egle, zuletzt bearbeitet am: 05.11.2014
 

 
   
    Arbeitsanregungen:
  • Arbeiten Sie die politischen und sozialgeschichtlichen Hintergründe bei der Entstehung eines Nationalgefühls heraus.

 
     
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