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Die nationale Bewegung 1815-1848/49

Der Aufstieg des Nationalismus

 
 
 

Die neuere Forschung führt nach Planert (2004, S.16) den Aufstieg des Nationalismus von seinen mittelalterlichen Anfängen bis zu seiner Ausprägung in der "Sattelzeit" um 1800 im Wesentlichen auf drei Faktoren zurück:

  • das Gleichheits- und Partizipationsversprechen des Nationalismus

  • die Verbreitung nationaler Vorstellungen in Kriegszeiten

  • die Kombination von Partizipationsanspruch nach innen und Abgrenzung nach außen

Die Abgrenzung gegenüber allem, was nicht der nationalen Gemeinschaft zuzurechnen war, "implizierte in aller Regel Aggressivität - entweder gegenüber einem äußeren Gegner oder gegen einen hypostasierten 'Feind' im Innern."  (ebd.) So bewegte sich der Nationalismus zwischen den beiden Polen "Partizipation und Aggression" (Langewiesche). Mal dominierten wie im Vormärz liberal-demokratische Vorstellungen, mal zeigte sich wie im Kaiserreich der Nationalismus im Gewand eines aggressiven Expansionismus.

Abriss der Geschichte

Vorstellungen, die sich irgendwie auf den natio-Gedanken berufen, lassen sich bis ins Mittelalter zurückverfolgen. Sie waren jedoch stets eingebettet in die übergeordneten Vorstellungen vom christlichen Abendland und seinem universalistischen Anspruch. Sie kreisten um das Konstrukt "einer gedachten Ordnung, die, zentriert um eine gentile oder dynastische Herrschaft, an ein bestimmtes Territorium gebunden ist, als gemeinschaftsbildende Faktoren auf Mythen zurückgreift und damit die Ethnie hervorbringt". (Planert 2004, S.12) Dienten solche "nationalen" Vorstellungen im Weltbild des christlichen Abendlandes also eher zur Binnendifferenzierung, halfen sie den Humanisten der frühen Neuzeit auch dazu, sich von dem Universalitätsanspruch von Kaiser und Papst abzugrenzen. In ihrem engeren, intellektuell-elitären Kreis begannen sie einen Diskurs, der nationale Mythen pflegte und nationale Eigenheiten formulierte. Mit der Schaffung des ersten männlich-kriegerischen Nationalhelden »»Arminius (um 16/17 v. Chr.-um 21 n. Chr.), des germanischen Cheruskerfürsten, der im Jahre 9 n. Chr. in der Varusschlacht im Teutoburger Wald über die Römer triumphierte, finden diese Bemühungen ihren signifikanten Ausdruck.  In den Türkenkriegen des 17. Jahrhunderts erlebten sie zur Integration des eigenen ("deutschen") Lagers eine neuerliche Konjunktur im christlich-muslimischen Gegensatz. In beiden Fällen trat fortan die "Exklusionsdifferenzierung" mittels nationaler Vorstellungen in den Vordergrund. Im Gegensatz zum modernen Nationalismus war die 'deutsche Nation' aber "weiterhin Teil anderer Identitätszuordnungen, deren Hierarchie noch nicht eindeutig auf die Superiorität des Nationalen festgelegt war." (ebd., S.12) Im Übrigen spielten nationale Vorstellungen im Deutschland des 16. und 17. Jahrhunderts eigentlich nur eine untergeordnete Rolle. Im Zeitalter der Reformation und Glaubenskriege und im Absolutismus standen auch in Deutschland zunächst andere Fragen auf der Tagesordnung, nämlich Territorialisierung und Konfessionalisierung.
Von Sprachgesellschaften und Tugendbünden abgesehen, die seit dem frühen 17. Jahrhundert u. a. einen Tugendkanon formulierten, "der sowohl die patriotische Verbesserung des jeweiligen Lebensumfeldes als auch die moralische Ausgestaltung einer deutschen Nationalkultur im deutschen Sprachraum umfasste" (ebd., S.13) gab es wenig "Nationales", bis die Eroberungskriege des französischen Sonnenkönigs »»Ludwig XIV. (1643-1715), im habsburgisch dominierten Reich den Appell zur nationalen Solidarität gegen Frankreich, den neuen "Erbfeind", laut werden ließen.
Zu diesen primär vom politischen "Tagesgeschäft" abhängigen Entwicklungen kam noch, dass sich der Einfluss der Kirche und der Religion während der Aufklärung im 17. und 18. Jahrhundert deutlich verringerte, und damit "den Grundstein für eine allmähliche Sakralisierung des Nationalen (legte)" (ebd., S.13)
Der moderne Nationalismus entsteht in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, in der Zeit um den »»Siebenjährigen Krieg zwischen Österreich und Preußen (1756-63) herum einerseits und den 1820er und 1830er Jahren mit der Herstellung eines einheitlichen Wirtschaftsraums und dem Anwachsen der liberal-demokratischen Bewegung.
Die Entstehung eines breiteren Bildungsbürgertums und die davon bedingte "Leserevolution", sowie die Abgrenzung der Gebildeten von der Frankophilie des Adels in Sprache und Kultur führten seit Mitte des 18. Jahrhunderts zu einer Vereinheitlichung und Aufwertung der deutschen Sprache, die in der Entstehung einer "deutschen Nationalliteratur" gipfelte. Damit veränderten sich auch die Prämissen, unter denen sich nationale Vorstellungen entwickelten. Noch im Siebenjährigen Krieg war die Kriegspropaganda Vater des nationalen Gedankens, der "Tod für das Vaterland" höchstes Gut. Danach, noch lange Zeit vor der Französischen Revolution 1789, befreite sich der gelehrte Diskurs von dieser Instrumentalisierung des Nationalen für die Zwecke des Krieges und wandte sich der genaueren inhaltlichen Bestimmung dessen zu, was unter "Vaterland". Patriotismus" oder "Nation" zu verstehen sei. Zugleich gelangten solche Gedanken nicht mehr nur in der Dichtung, sondern auch als politische Manifeste an die Öffentlichkeit. (ebd., S.14) Es dauerte nicht lange, bis das "Deutsche" in den seit den 1770er Jahren gegründeten "deutschen" Zeitschriften verschiedener Dichter und Publizisten einen regelrechten Boom erlebte, der ihre Herausgeber und andere dazu führte, von einer "Gelehrtenrepublik" zu träumen, " einer Nation, gebildet aus der Gemeinschaft des lesenden Publikum." (ebd., S.15) In diesem Sinne verstanden sie sich "als Nationalerzieher, nobilitierten den Volksbegriff und banden die Deutschsprechenden an eine unentrinnbare Sprach- und Kulturgemeinschaft mit gemeinsamem 'Nationalcharakter''" (ebd.)
Am Ende des 18. Jahrhunderts sind, so scheint die neuere Forschung zu belegen, alle Faktoren vorhanden, die den modernen Nationalismus auszeichnen. Es gibt nach Planert (2004, S.15)

  • die Vorstellung, dass alle Deutschen eine besondere Identität besitzen, die aus ihrer gemeinsamen Abstammung mit gemeinsamer Sprache und Kultur herrührt.

  • ein Wertesystem, das auf bürgerlich-geschlechtsspezifischen Tugenden beruht, und eine gemeinsame Geschichte, die man in Mythen beschwören kann.

  • die Praxis, nationale Identität zur kulturellen Abgrenzung gegenüber anderen und für kriegerische Auseinandersetzungen zu instrumentalisieren. Dies gilt insbesondere gegenüber Frankreich.

  • die Übertragung emotionaler Bindungen auf das Kollektiv durch nationale Vorstellungen

  • die Sakralisierung des Vaterlands und damit seine Einsetzung zur höchsten Legitimationsinstanz, die sogar das eigene Leben als Opfer fordern kann

  • eine besondere geschlechtsspezifische Loyalitätspflicht gegenüber der Nation

  • eine soziale Schicht als Träger der nationalen Vorstellungen, die über die Möglichkeiten verfügt, diese zu artikulieren und zu kommunizieren.

  • eine Diskussion über eine politische Ordnung, die die Herrschergewalt einschränken und an das Gesetz binden soll

  • die Instrumentalisierung nationaler Propaganda im Krieg und das Aufkommen nationaler Feindbilder. ("Erbfeind" Frankreich)

Die in ihrem bestimmten historisch-sozialen Kontext entstehende nationale Bewegung des 19. Jahrhunderts wird zu einer der großen politischen Bewegungen des 19. und 20. Jahrhunderts.
 

Gert Egle, zuletzt bearbeitet am: 29.09.2013
 

 
   
   Arbeitsanregungen:
  1. Arbeiten Sie heraus, wie sich der Aufstieg des Nationalismus von den Anfängen bis zum Ende des 18. Jahrhunderts vollzieht.

  2. Erläutern Sie, welche Bedeutung Gleichheits- und Partizipationsversprechen für die integrierende Wirkung des Nationalismus besitzen.
     

 
     
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