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Ibsen: Nora

Nora

Figurencharakterisierung

 
 
  Nora ist die zentrale Hauptfigur in Henrik Ibsens in deutscher Fassung gleichnamigem Drama. Sie hat eine beinahe durchgehende Bühnenpräsenz, mit Ausnahme der Eingangskonfiguration des 3. Aktes ist sie an allen Konfigurationen beteiligt. (vgl. Akt- und Szenenschema)

Titelfigur ist Nora allerdings nur in der deutschen Fassung. Diese Änderung wurde vom ersten deutschen Übersetzer des Dramas, Wilhelm Lange, 1880 ohne Absprache mit dem Autor vorgenommen. Ansonsten trägt das Drama den von Ibsen geschaffenen Titel »Ein Puppenheim«.

Die Figur der »Nora« stellt an ihre schauspielerische Darstellung besonders große Anforderungen, denn in ihr kristallisieren sich in ganz besonderem Maße die Ibsens Vorstellungen vom Sichtbarmachen des Hintergründigem im Vordergründigen. Nora muss daher als Figur von Anfang an in einem "Schwebezustand zwischen Wagner-Heroine, Sufragette und nervös reagierender und reflektierender moderner Frau" gehalten werden (Paul 1977, S.512), was offenbar nicht allen Nora-Darstellerinnen gelungen ist.

Paul Lindau urteilte im 1881 über Ibsens »Nora«:

"Man ist gewöhnt, nur solche Stücke als unsittliche zu bezeichnen, in welchen geschlechtliche Verhältnisse in einer Weise behandelt werden, die dem öffentlichen Schamgefühl zuwider ist. In diesem Sinne lässt sich gegen das Ibesn'sche Drama natürlich gar nichts sagen. Gleichwohl muß ich dasselbe als ein sittlicher Beziehung sehr bedenkliches bezeichnen, ja, es erscheint mir viel bedenklicher als die krassesten Ehebruchsdramen der französischen Schule. Hier werden mit großem dichterischen Talente und großer Beredsamkeit Gefühle und Gesinnungen ausgesprochen, die durchaus ungesund, und die, wie ich fürchte, wie dazu gemacht sind, in das Fleisch und Blut ungesunder weiblicher Organismen überzugehen und das Arsenal der »Verkannten« um Prachtstücke ersten Ranges zu bereichern. Das Begriffsvermögen der beschränktesten Person reicht gerade so weit, um die reizvolle Rolle der Unverstandenen und Verkannten zu verstehen. Zu einer Nora bringt jede phrasenhafte und oberflächliche Frau das nöthige Zeug mit. Daß Helmer, der ja sonst so klug ist, auf die lächerliche Verirrung Noras nichts zu erwidern hat, daß sie mit ihren kindischen, thörichten, ungesunden Ideen den Sieg davonträgt und das Schlachtfeld verläßt, nachdem sie den stärkeren Gegner zu Boden geworfen hat, daß der Unsinn siegt und die Vernunft untergeht, - das ist es, was ich nicht anders denn als unsittlich bezeichnen kann.

(aus: Paul Lindau: Nora, in: Die Gegenwart. Wochenschrift für Literatur, Kunst und öffentliches Leben, Berlin: Stilke, Bd. 18, Nr. 48 (27.11.1880), S.348f.)

Karl Frenzel (1827-1914) äußerte sich in einem Überblicks-Artikel der Deutschen Rundschau (1881) über Ibsens Drama:

"Was will er mit seiner »Nora« beweisen? Daß die Gesetze, die jede Urkundenfälschung bestrafen ungerecht sind? Welch' eine Thorheit! Das Gesetz ist durchaus in seinem Recht und die Strafe von einem oder von acht Tagen Gefängniß, zu der Nora Helmer verurtheilt werden würde, ohne den geringsten Schaden an ihrer Ehre zu nehmen, da jeder Richter hervorheben würde, daß sie nur formell gefehlt hat, steht in keinem Verhältniß zu den Folterqualen, die Nora und wir durch drei Acte erleiden müssen: Alles in Erwartung der fürchterlichen Entscheidung! Wehrt der Dichter aber diese Erklärung ab und behauptet, er habe in Nora eine große, unverstandene Frauenseele, das innere Unglück einer dem äußeren Schein nach glücklichen Ehe zeigen wollen, so hat er sich durchaus in dem Eindruck getäuscht, den ich von seiner Nora empfange.
[...] Und dies Verlassen ihres Mannes, ihrer unerwachsenen Kinder soll nicht unsittlich, soll tragisch sein? [...] Ibsens Nora stellt den Begriff der Pflicht einfach auf den Kopf; während sie die verkörperte Eigensucht ist, hält sie sich für die verkörperte hingebende Liebe- Den schlimmsten Fehler aber finde ich, daß die zwei Seiten, aus denen Nora's Natur besteht, sich nicht zusammenreimen lassen. Wer so denkt und redet, wie die Nora der letzten Scene, tänzelt und ruschelt und spielt nicht das Kätzchen, wie die Nora der ersten. Mögich, daß unser Dichter ein Modell zu seiner Nora kennt, aber er hat nichts gethan, um ihr Abbild auf der Bühne, im Rahmen der DIchtung, wahrscheinlich zu machen." (aus: Karl Frenzel, Die Berliner Theater, in: Deutsche Rundschau (26) 19881, S.308f., zit. n.: Keel 1990, S.51)

Hugo Wittman (geb. 1839) rezensierte die österreichische Erstaufführung im September 1881 in der Neuen Freien Presse, dem liberalen "Weltblatt" Wiens, die Aufführung des Stücks mit den Worten:

"Wir haben im Laufe der Zeit viel mißrathene Frauengestalten über die Bühne hinken sehen, aber eine so unausstehlich verschrobene und geistig verkrüppelte Person wie diese Nora des norwegischen Dichters ist uns selten vorgekommen. Bei anderen Mißgeburten kann man wenigstens errathen, was ihr unglückseliger Erzeuger eigentlich gemeint hat. die dramatische Absicht schlägt durch, wenn auch die dramatische Kunst versagt. Die arme Nora aber lässt vollständig im Unklaren, ob wir in ihr eine Verschwenderin oder eine haushälterische Frau, ein leichtsinniges Ding oder die Tugend selber, eine Puppe oder eine Heldin zu sehen haben. in Gewebe von Unmöglichkeiten und Unwahrheiten spinnt sich um dieses in das Nichts puffende Räthsel [...] (zit. n. Keel 1990, S.53)

Jørgen Haugan, 1977

"Obwohl Nora als ein unentwickeltes und vernachlässigtes Kind dargestellt wird, ist sie in ihrem Verhältnis zu ihrem Gatten durchaus erfahren. Ihre Kenntnis seines Wesens und seiner Interessen nützt sie aus, um das zu erreichen, was sie wünscht, seien es Makronen, sei es Geld oder Einfluss auf die Anstellungen in der Bank. Sie belügt Helmer, und sie hat einen merkwürdigen Genuss daran, ihn hinters Licht zu führen, um sich so über seine Verbote hinwegzusetzen." (Haugan 1977, zit. n.: Keel 1990, S.66) Für Jørgen Haugan steht dabei fest, dass Nora sich ihrer verführenden Wirkung als weibliches Wesen auf Helmer wohlbewusst ist und in diesem Bewusstsein handelt. Dies wird besonders deutlich, als sie von Christine Linde bei ihrem ersten Gespräch (I, 3)befragt, ob sie Helmer niemals reinen Wein einschenken wolle, geradezu abgeklärt zu verstehen gibt, dies erst in ferner Zukunft, wenn ihre äußerliche Attraktivität nicht mehr hinreichen werde, Helmer an sich zu binden, in Frage komme. "Dann", so sagt sie unumwunden, "könnte es vorteilhaft sein, etwas in der Hinterhand zu haben." (S.20) Mit diesem Kalkül wird Noras idealistische Hoffnung auf das "Wunderbare" demaskiert.

"In der Enttäuschung erwacht Nora zum Erlebnis ihres eigenen Ich [...]. Es ist diese Ich-Kraft, die sie aus dem Puppenhaus hinaus treibt, es ist aber eine rat- und richtungslose Leidenschaft, ein Hals über Kopf gefasster Entschluss. Eine tief desillusionierte Frau geht, um ohne Geld und Ausbildung einen Platz in der Gesellschaft zu finden. [...] Nora kennt die ökonomische Ordnung der Gesellschaft nicht, aber sie will sich damit vertraut machen. Es ist also kein großer Optimismus an Noras Ausmarsch geknüpft; es verhält sich eher so, dass Ibsens Sympathie für Nora ihn veranlasst, sie vor dem Zusammenbruch zu verschonen." (Haugan 1977, zit. n.: Keel 1990, S.67)

 

 
      
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