Home
Nach oben
Weiter
 

 

Johann Wolfgang von Goethe: Egmont - Rezeptionsgeschichte

Friedrich Schillers Bearbeitung des Dramas 1796

 

 
 
  Friedrich Schiller (1759-1805) rezensierte Johann Wolfgang von Goethes Egmont anonym im September 1788 und was dabei herauskam, war mit unseren modernen Worten gesagt, eigentlich ein "Verriss". (vgl. Schiller, Über Egmont) In einem Brief vom 1.10.1788 an seinen Herzog »»Karl August von Sachsen-Weimar-Eisenach (1757-1828), in dessen Diensten er seit 1776 ist, nimmt Goethe nur knapp mit den folgenden Worten Stellung: "In der 'Literatur-Zeitung' steht eine Rezension meines 'Egmonts', welche den sittlichen Teil des Stücks gar gut zergliedert. Was den poetischen Teil betrifft, möchte der Rezensent andern noch etwas zurückgelassen haben."
Schillers Vorstellungen vom tragischen Helden, die er gerade in seinem Drama »Don Carlos« umgesetzt hatte, waren mit der Figur des Egmont nicht in Einklang zu bringen. Dennoch gestattete Goethe Schiller das Drama für das Theater in Weimar zu bearbeiten. In späteren Jahren erst klagte Goethe über die "grausame Reaktion" Schillers, der bei seiner Bearbeitung die Rolle der Regentin abgeschwächt, den Anteil Klärchens sehr gekürzt, die Akt- und Szeneneinteilung völlig geändert und die Traumerscheinung Klärchens in der Schlussapotheose völlig gestrichen hatte. (vgl. Ibel 1981b, S.15)

Die wichtigsten Änderungen

Die wichtigsten Änderungen, die Schiller bei seiner Bearbeitung vornahm, dienten seiner Auffassung nach vor allem dazu, das Theaterstück bühnenwirksamer zu gestalten, indem er die opernhaften Züge aus seiner Inszenierung eliminierte. Die Änderungen, die Schiller vornahm - viele Regisseure nach ihm taten ein Gleiches - , bestanden vor allem in den nachfolgenden Punkten:

  • Änderung der Akt- und Szeneneinteilung

  • Beschränkung des Dramas auf 3. Aufzüge

  • Straffung der Szenen mit Klärchen und Streichung ihres Auftretens in der Schlussszene als Schlussapotheose

  • Streichung der Rolle der Regentin

  • Erweiterung der Volksszenen

  • Einarbeitung von Theatercoups und -effekten (z.B. Herzog Alba nimmt an der Urteilsverkündung vermummt teil; als sich Goethe aber dagegen wendet, wird dies wieder gestrichen)

Als Beispiel für Schillers Änderungen steht die Einarbeitung des vermummten Alba. Im von Schiller so bezeichneten III. Aufzug, 5. Auftritt heißt es:

Dritter Aufzug. Fünfter Auftritt

Egmont. Ferdinand und Silva, von einem Vermummten und einigen Gewaffneten begleitet. Voraus vier Fackelträger.

SILVA noch außerhalb. Ihr andern wartet!

EGMONT. Wer seid ihr? Was kündigen eure unsicheren, trotzigen Blicke mir an?
      Warum diesen fürchterlichen Aufzug?

SILVA. Uns schickt der Herzog, dir dein Urteil anzukündigen.

EGMONT. So ziemt es euch und eurem schädlichen Beginnen! In Nacht gebrütet
      und in Nacht vollführt! Immer auf den Vermummten die Augen heftend. Tritt
      kühn hervor, der du das Schwert verhüllt unter dem Mantel trägst! Hier ist mein
      Haupt, das freieste, das je die Tyrannei vom Rumpf gerissen.

SILVA. Du irrst! Was gerechte Richter beschließen, werden sie vorm Angesicht
      des Tages nicht verbergen.

EGMONT. So übersteigt die Frechheit jeden Begriff und Gedanken.

SILVA. nimmt einem Dabeistehenden das Urteil ab, entfaltet's und liest. "Im Namen
      des Königs und kraft besonderer, von seiner Majestät uns übertragenen
      Gewalt, alle seine Untertanen, wes Standes sie seien, zugleich die Ritter
      des Goldenen Vließes zu richten, erkennen wir -"

EGMONT. Kann die der König übertragen?

SILVA. "Erkennen wir, nach vorgängiger genauer, gesetzlicher Untersuchung, dich,
      Heinrich Grafen Egmont, Prinzen von Gaure, des Hochverrats schuldig und
      sprechen das Urteil, dass du mit der Frühe des einbrechenden Morgens aus
      dem Kerker auf den Markt geführt und dort vom Angesicht des Volkes zur
      Warnung aller Verräter mit dem Schwerte vom Leben zum Tode gebracht
      werden sollst. Gegeben Brüssel am" Datum und Jahreszahl werden undeutlich
      gelesen, so dass sie der Zuhörer nicht versteht.

FERDINAND, HERZOG VON ALBA. Du weißt nun dein Schicksal; es bleibt dir
      wenige Zeit, dich rein zu ergeben, dein Haus zu bestellen und von den
      Deinigen Abschied zu nehmen.

Dritter Aufzug. Sechster Auftritt

Silva mit dem Gefolge ab. Es bleibt der Vermummte mit Ferdinand und zwei
Fackeln; das Theater ist mäßig erleuchtet.

 

EGMONT hat eine Weile, in sich versenkt, stille gestanden und Silva, ohne sich
      umzusehen, abgehen lassen. Er glaubt sich allein und da er die Augen aufhebt,
      erblickt er Albas Sohn
. Du stehst und bleibst? Willst du mein Entsetzen noch
      durch deine Gegenwart vermehren? Willst du noch etwa die willkommene
      Botschaft deinem Vater bringen, dass ich unmännlich verzweifle?Geh! Sag ihm,
      dass er weder mich noch die Welt belügt! Er bemerkt den Vermummten, sieht
      ihn eine Weile forschend an, fährt dann fort, die Worte zum Teil an diesen
      richtend.
Ihm, dem Ruhmsüchtigen, wird man es erst hinter den Schultern leise
      flüstern, dann laut und lauter sagen, und wenn er einst von diesem Gipfel
      herabsteigt, werden tausend Stimmen es ihm entgegenrufen: Nicht das Wohl
      des Staats, nicht die Ruhe der Provinzen haben ihn hierher gebracht. Um sein
      selbst willen hat er Krieg geraten, dass der Krieger im Kriege gelte. Er hat diese
      ungeheure Verwirrung erregt, damit man seiner bedürfe. Und ich falle, ein Opfer
      seines niedrigen Hasses, seines kleinlichen Neides. Ja, ich weiß es, und ich
      darf es sagen, der Sterbende kann es sagen: Mich hat der Eingebildete
      beneidet; mich wegzutilgen, hat er lange gesonnen und gedacht. Schon
      damals, als wir noch jünger, mit Würfeln spielten und die Haufen Goldes, einer
      nach dem andern, von seiner Seite zu mir herübereilten, da stand er grimmig,
      log Gelassenheit, und innerlich verzehrt' ihn die Ärgernis, mehr über mein Glück
      als über seinen Verlust. Noch seh' ich seinen funkelnden Blick, als wir an einem
      öffentlichen Feste vor vielen tausend Menschen um die Wette schossen. Er
      forderte mich auf, und beide Nationen standen; die Spanier, die Niederländer
      wetteten und wünschten. Ich überwand ihn; seine Kugel irrte, die meine traf;
      ein lautes Freudengeschrei der Meinigen erfüllte die Luft. Nun trifft mich sein
      Geschoss. Sag ihm, dass ich's weiß, dass ich ihn kenne, dass die Welt ihn
      kennen wird - dass sie ihm früher oder später die Larve abreißen wird indem
     er schnell auf den Vermummten zugeht und ihm das Gesicht entblößt,
wie ich
     sie ihm jetzt hier abreiße. Man erkennt den Herzog Alba, der sich schnell
     entfernt.

Dritter Aufzug. Siebenter Auftritt

Egmont. Ferdinand noch immer unbeweglich stehend.

EGMONT nach einer Pause. O des kläglichen Tyrannen - Todesurteile kann er
      schreiben aber den Blick des bessern Mannes kann er nicht aushalten.
      Zu Ferdinand.
Stehst du noch hier? Warum folgst du ihm nicht? Schäme dich
      nur - schäme dich für den, den du gerne von ganzem Herzen verehren
      möchtest.

FERDINAND. Ich höre dich an, [...]

Goethe ließ Schiller, mit dem ihn seit zwei Jahren (1794) eine feste Freundschaft bis zu dessen Tode (1805) verband,  bei seiner Bearbeitung nahezu freie Hand und gab Eckermann "auf dessen Vorwurf, diese Eingriffe geduldet zu haben, die auf den ersten Blick wenig überzeugende Antwort, es sei ihm damals gleichgültig und er sei im Übrigen mit anderen Dingen beschäftigt gewesen." (Uellenberg 1974, S. 177)

Schillers Inszenierungskonzeption folgte man auf den deutschen Theater bis ins 19. Jahrhundert hinein. »»Ludwig van Beethoven (1770-1824) war es schließlich zu danken, dass man mit seiner Musik zum Stück (Egmont op. 84) seit 1810 allmählich zur Originalfassung des Stückes zurückkehrte.

© G.E. 2006

 
    
   Arbeitsanregungen:
  1. Arbeiten Sie heraus, welche Absichten Schiller mit den von ihm vorgenommenen Änderungen des Dramas verfolgt.
  2. Vergleichen Sie hierzu die Schillerschen Szenen seines 3. Aufzuges (Szene 5-7) mit Goethes 5. Aufzug seine Egmont-Dramas.

  3. Welche Gedanken seiner Rezension von 1788 setzt Schiller mit seiner Bearbeitung um?

 
      
  Center-Map ] Entstehungsgeschichte ] Der historische Egmont ] Handlungsverlauf ] Figurenkonstellation ] Einzelne Figuren ] Aufführungskritiken ] Rezeptionsgeschichte ] Textauswahl ] Glossar ] Bausteine ] Links ins WWW ]  
     

          CC-Lizenz
 

 

Creative Commons Lizenzvertrag Dieses Werk ist lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 International License (CC-BY-SA) Dies gilt für alle Inhalte, sofern sie nicht von externen Quellen eingebunden werden oder anderweitig gekennzeichnet sind. Autor: Gert Egle/www.teachsam.de