"Lernen mit allen Sinnen" wird allerorten gefordert, wenn "ganzheitliches
Lernen" praktiziert werden soll. Damit soll ausgesagt werden, dass Lernen
über unterschiedliche
Sinneskanäle (sensorische Kanäle) erfolgt. Zugleich wird unterstellt,
dass das Lernen des Einzelnen dadurch effizienter wird, wenn man seinen
bevorzugten Sinneskanal anspricht.
Auch wenn 15000
Lehrkräfte aus 18 Ländern in einer Befragung überzeugt davon waren,
dass Lerntypen einen besonderen Effekt haben, verweist der
Neurowissenschaftler Michael Skelde, der am Max-Planck-Institut für
Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig arbeitet und die
Forschungsgruppe Frühkindliche Lernentwicklung leitet, in seinem
Buch "Schlauer im Schlaf oder andere Lernmythen" (2025) darauf, dass
diese Auffassung ´überholt sei. In einem SZ-Interviev vom 12./13.
Juli 2025 bringt der seinen Rat an die Lehrkräfte pointiert vor:
"Okay, diese Lerntypen sind Quatsch." Lentypen ließen sich weder
eindeutig unterscheiden, noch hätten sie eindeutige Effekte. Was
beim Lernen helfen könne, sei die Aufbereitung von Lernmaterial auf
mehreren Sinnesebenen.
Dass Lerntypen
keine kognitionspsychologische
Kategorie sind, ist indessen nichts Neues. Als ein pädagogisches
Konstrukt werden sie aber von Lehrkräften immer wieder im Bereich schulischen Lernens
herangezogen, auch wenn sie keine
Relevanz für die bedeutungsbezogene Wissensrepräsentation
habent, denn: "Verstehen ist in erster Linie ein Bemühen um Bedeutung,
womit die semantische Informationsverarbeitung einen zentralen Stellenwert
bekommt." (Looß. 2001).
Vielleicht haben Lerntypen
und die davon abgeleiteten Lernstrategien ihre Berechtigung,
wenn es um reproduzierbares
Wissen (deklaratives
Wissen,
Faktenwissen) geht, das auswendig gelernt werden soll. Sobald komplexere
Sachverhalte gelernt werden sollen, das Lernen insgesamt also komplexer
wird, kommt man aber mit Lerntypentheorien nicht mehr hinreichend zurecht.
Natürlich ist die Typologie von Lerntypen schon allein dadurch problematisch,
dass kognitive Prozesse einseitig einem bestimmten Lerntyp zugeordnet
werden. "Sinnesdaten als solche haben keine innewohnende Bedeutung. Erst
der Lernende gibt den Sinnesdaten durch Interpretationen Bedeutung. Je nach
Beschaffenheit der Daten erfolgen die Interpretationen unterschiedlich. So
liefern Bilder als analoge Repräsentationen von Wirklichkeit dem Einzelnen
Informationen über visuell feststellbare Eigenschaften. Wenn es aber darum
geht, einen Sachverhalt zu verstehen, der sich auf andere Eigenschaften
bezieht (z.B. Gewicht oder Klang), reicht eine visuelle Präsentation nicht
aus, um Verstehen zu erzeugen." (Lerntypen,
http://www.learn-line.nrw.de/angebote/schulberatung/main/medio/banlass/lernen/lerntypen.html,
17.8.03)
Die Verarbeitung einer Information durch Lernen hängt nämlich u. a. davon ab
-
ob ein Schüler die unterschiedlich dargebotenen Informationen
erfolgreich nutzen kann,
-
ob er geeignete Verknüpfungen zu seinem Vorwissen herstellen und
Schlussfolgerungen daraus ziehen kann
-
ob er überhaupt an einer Erkenntnis darüber interessiert ist
-
ob er seine Aufmerksamkeit in angemessener Weise auf die notwendigen
Informationen richtet (vgl. ebd.)
Unter diesen
Prämissen ist es geboten, den so genannten Lerntypen trotz der
Beliebtheit des pädagogischen Konzepts mit gebotener Zurückhaltung
zu begegnen, zumal sich neurowissenschaftlich eben keine
überzeugenden Beweise dafür ergeben, dass bestimmte
"Vorgehensweisen" sich wie z, B.
Schräder-Naef
(1992, S. 27f.) meint, als unterschiedliche
Lerntypen
beschreiben lassen, wenn man fragt, "welche •vSinnesorgane
beim Lernen im Vordergrund stehen, auf welche Art die Informationen
am leichtesten aufgenommen werden:"
So gesehen gehören
auch die Lerntypen
Frederic Vesters (1975)
in den Bereich spekulativer Lernmythen. Seine vier Lerntypen,
auditiver, optischer/visueller, haptischer und kognitiver Lerntyp,
haben in der Folge in der pädagogisch-didaktischen Literatur
unzählige Abwandlungen gefunden, zu denen auch
Schräder-Naef
(1992, S. 27f.) gehört, die die These formuliert hat:
"Unser
Lerntyp steuert uns durch die Informationsflut".
Sie unterscheidet die folgenden
Lerntypen:
-
Wer durch Sehen und Beobachten lernt, gehört zum visuellen Lerntyp.
-
Wer durch eigenes Tun und nachvollzogene Handlungen lernt, wird als
haptischer Typ bezeichnet.
-
Der Gesprächstyp lernt durch die sprachliche Auseinandersetzung
und das Verstehen im Dialog.
-
Der verbal-abstrakte Lerntyp nimmt am besten durch das Lesen
und Hören von abstrakt dargebotenem Wissensstoff auf.
-
Beim auditiven Lerntyp steht das Zuhören im Vordergrund.
(Schräder-Naef
1992, S. 27f.)
Auch wenn Lerntypen in "reiner Form" nicht vorkommen, Mischtypen also die
Regel sind, lassen sich aber doch nach Schräder-Naef einige
Verhaltensmerkmale erkennen, die zur Bestimmung des dominanten Lerntyps
hilfreich sein können: "Während [...]
beispielsweise der auditive Lerntyp beim aufmerksamen Zuhören die Augen
schließt, blendet der visuelle Lerntyp alle Geräusche aus, wenn er von einem
Bild oder Text fasziniert ist. Unser Lerntyp steuert uns somit durch die
Informationsflut. " (ebd.)
Das
•
Institut für integratives Lernen und Weiterbildung Berlin (IFLW)
unterscheidet sechs verschiedene
Lerntypen:
Andere Konzepte haben die Anzahl der Lerntypen weiter
differenziert, so dass inzwischen sogar 12 bis 18 verschiedene
Lerntypen bestimmt worden sind.