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Johann Friedrich Löwen: [Hemmnisse, die der weiteren Entwicklung des deutschsprachigen Theaters entgegenstehen], 1766

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»Johann Friedrich Löwen (1717-1771) war ein deutscher Dichter, Intellektueller und Theatertheoretiker und "Theatermanager". Nach dem finanziellen Aus der • Theatergesellschaft »Konrad Ernst Ackermanns (1712–1771), der in • Hamburg die »Oper am Gänsemarkt hatte errichten lassen, übernahm Löwen das Theater, stellte seine private Finanzierung durch einige Hamburger Kaufleute sicher und machte sich an eine "Programmgestaltung, die wesentlich der Förderung deutschsprachiger Autoren" (Alt 2007, S. 191) dienen und dem Hamburger Theater "das Profil einer Nationalbühne" (ebd.) geben sollte. Wie er sich diese im Rahmen seines Hamburger Bühnenprojekts (zunächst »Hamburgischen Entreprise (1767-1769) genannt) mit einer Reihe von konzeptionellen und strukturellen Reformen vorstellte, lässt sich aus seiner Analyse der Situation des literarischen Theaters seiner Zeit, ablesen, die er 1766 in seiner »"Geschichte des deutschen Theaters" (1766) veröffentlicht hat. Nachdem er die Leistung von Schlegel, Gellert, Lessing, Krüger, Cronegk und  Weiße gewürdigt hat, "die allein Aufmerksamkeit und Achtung als theatralische Dichter verdienen" führt er sieben Ursachen auf, die der weiteren Entwicklung der deutschsprachigen Schaubühne auf dem Weg zu einem • Nationaltheater entgegenstehen.

Johann Friedrich Löwen (1717-1771)
[Hemmnisse, die der weiteren Entwicklung des deutschsprachigen Theaters entgegenstehen], 1766

"Aus diesem kurzen Register unserer besten theatralischen Dichter kann man schon abnehmen, daß es um unsre deutsche Bühne noch schlecht aussieht. Wenig gute Schriftsteller für dieselbe, noch weniger gute Acteurs, und gar keine Aufmunterung! Drey wichtige Hindernisse, die den Flor unsers Theaters beständig gehemmet haben. Allein, das möchte zu allgemein gesagt seyn. Ich will daher einige von den Hindernissen zergliedern, und näher beleuchten. Möchte nur auch mancher Principal, der ohne Aufhöhren über Mangel der Unterstützung klagt, dabey in seinen Busen greifen, und zuvörderst die Hinderung von seiner Seite abzuschaffen suchen. Hier ist gleich ein Hinderniß, welches ihn selbst angeht, und zwar das erste, nämlich: die schlechte Kenntniß der Principale zu allen Zeiten. Da die Schauspielkunst eine Wissenschaft ist; jede Wissenschaft aber auf Gründen beruhet, und die theatralischen Regeln von einem weiten Umfange sind, die man in der Beredsamkeit im allerweitesten Verstande, vornehmlich aber in der körperlichen suchen muß, so ist leicht zu sehen, wie viel er schon als bloßer Akteur zu lernen hat. Allein er soll auch überdem eine Kenntniß von der Geschicklichkeit aller seiner Schauspieler besitzen; er soll alle Stücke aus dem Grunde kennen, die er auf die Bühne bringt, und nach dem Genie und der Fähigkeit seiner Akteurs die Rollen austheilen. Er hat es außerdem mit vielen Nebensachen zu thun. Er muß von der theatralischen Baukunst und Mahlerey wenigstens allgemeine Begriffe haben. Er muß außer der Mythologie und der alten Geschichte aller Völker, die ihm zur Kleidung der Helden im Trauerspiel nothwendig ist, auch ein Mann nach der Welt und nach der Mode seyn, und für seinen Schneider einen Geschmack mit haben. Das Studium der Moral und der Politik, um sich und sein Theater in Ansehen zu erhalten, nebst der unermüdeten ökonomischen Sorgfalt, ist zugleich eine von seinen nothwendigsten Pflichten. Nun untersuche man nach diesen Eigenschaften, denen man noch sehr viele hinzuthun könnte, die Beschaffenheit unserer Principale. Die meisten waren anfangs Schneider, Barbier, oder sonst ehrliche Leute; wurden Akteur; wagten es, selbst etwas zu unternehmen; waren glücklich, wurden unerträglich; und – das deutsche Theater wurde nicht besser. [... ] 

Aber auch zweytens, die schlechte Lebensart einiger dieser Leute ist ein vorzügliches Hinderniß. Es fehlt ihnen gemeiniglich an Welt und Sitten: und beyde Stücke sollten doch einem Comödianten am wenigsten fehlen. Kann man es daher unsern Großen, und dem feinern Theil des Publici verdenken, wenn sie den Umgang mit Leuten nicht sehr achten, den in Frankreich und England die Angesehensten gleichsam mit Eifer suchen. Allein in beyden Ländern sind auch die Comödianten (von den Sitten will ich nicht sagen) was die Delicatesse des Umgangs, und alle die vorzüglichen Annehmlichkeiten und Kenntnisse betrifft, die man unter dem Namen Welt verstehet, die Muster, die nicht selten die Herren in der Stadt und am Hofe copiren. Aber wo herrscht unter unsern deutschen Comödianten diese Delicatesse des Umgangs; diese Kenntniß, auch außer dem Theater mit Beyfall zu glänzen? War das wol Welt, wie sich die ehemalige Haaken an dem Hofe des Herzogs Wilhelm von Braunschweig betrug? [...] War das Erziehung, wenn Denner, der oft vor dem Könige von England zur Görde spielte, einem Landprediger, der gern die Comödie sehen wollte, und aus Mangel der Gelegenheit, sich an Dennern des Platzes wegen wandte, einen Stuhl mitten auf dem Theater anwies, und diesen braven Mann, sobald die Gardine aufgezogen ward, dem Gelächter der Hofleute bloß stellte. Das war nicht einmal ein Harlekinswitz. Er hätte die Person bedenken sollen, der er diesen Possen spielen wollte. Das hieß wider alle Klugheit handeln, und es mit Leuten ganz verderben, die ohnehin schon mit einem Haß gegen das Theater angefüllet sind. Auch die Neuberinn, die sich sonst mit ihrer Kenntniß so viel wußte, begieng an dem Hofe des Herzogs Ludewig Rudolph zu Braunschweig einen eben so unbesonnenen Streich [...] Wenn zu dieser wenigen Kenntniß der Welt auch noch ein Mangel der Sitten, und eine ausschweifende Lebensart kömmt, so kann es nicht fehlen, das Hinderniß zur Aufnahme der Bühne muß immer größer werden. Vor einigen vierzig Jahren standen unsre Comödianten ihrer Sitten wegen in einem schlechten Ruf. Die Franzosen und Italiener, ob sie ihrer Ausschweifung gleich einen feinern Namen gegeben, sind in diesem Stücke freylich nicht zum Muster zu nehmen. Ich muß es aber auch zur Ehre unsers Theaters hier öffentlich bekennen, daß die guten und strengen Sitten auf den drey berühmtesten deutschen Bühnen, der Schönemannischen, Koch- und Ackermannischen, nichts von ihrer Würde verloren haben.

Drittens, daß unsre Comödienprincipale manchesmal zu geizig; – oft auch am unrechten Orte verschwenderisch sind, ist auch keins von den geringsten Hindernissen. Darinn besteht freylich nicht ihr Geiz, daß sie zu wenig auf das Theater verwenden, und, wie die ersten Schauspieler, zum Goldpapier ihre Zuflucht nehmen. Allein, daß sie junge Akteurs auf ihre Kosten ziehen, die Besten, ohne Summen zu schonen, erhalten; und, da wir nicht genug deutsche Originale, und wenig gute Uebersetzungen haben, sich Uebersetzer von Geschmack wählen könnten, und es nicht thun, darinn besteht er vorzüglich. Die meisten glauben, wenn sie nur viele Schauspieler, und fein viele Stücke im Gange haben, so sey es schon gut. Aber das Publikum glaubt anders. Denenjenigen unter uns, die auswärtige Bühnen gesehen, und die aufzuführende Stücke im Original kennen, kann man es aus dieser Ursache nicht verdenken, wenn sie wegen des schülerhaften Deklamierens der meisten Akteurs, und der elenden Übersetzungen, womit unser Theater angefüllet ist, den Schauplatz wenig oder gar nicht besuchen. Am unrechten Orte kann ein Principal verschwenderisch seyn, wenn er einmal zu viel auf Nebendinge verwendet, z. E. wenn er mehr auf die Pracht und die Vortrefflichkeit der Ballette, als des wirklichen Schauspiels denkt. Auch das ist Verschwendung für ihn, wenn er keine Summen achtet, um nur in dem Rufe zu stehen, die zahlreichste deutsche Truppe zu haben. Man rechne die ungeheuren Ausgaben, die ein Principal auf Leute verwendet, wofür er tüchtige und geschickte Schauspieler besolden könnte, wenn er sich die Mühe gäbe, solche zu ziehen, und wenn er zu ihrer Bildung auch die Geschicklichkeit hätte. [...]

Viertens: die Gewohnheit der eingeführten Operetten, und italienischen Intermezzen, sind auch ein Hinderniß, und zwar, weil man den Geschmack der Meisten leicht von dem wahren Schönen dadurch ableiten, und zwittermäßig machen kann. Am allerärgerlichsten ist es, wenn sogar zwischen Trauerspielen dergleichen aufgeführet wird. [...]  Im Grunde muß ein Principal freylich darauf sehen, was ihm am meisten einbringt: aber wer weiß es nicht, daß auch er es mit in Händen hat, den Geschmack der Nation zu bilden, und zu dem wahren Schönen zu gewöhnen. Anfangs wird es freylich Schwierigkeit haben; aber er fahre nur muthig fort. Die Kenntniß und Liebe seiner Nation wird zunehmen, und er wird nach einigen Jahren nicht mehr nöthig haben, zu dergleichen, für das wahre Comödientheater nicht passenden Dingen, seine Zuflucht zu nehmen. Daß die vortrefflichen Ballette, mit welchen itzt vornehmlich Ackermann das Theater aufstützet, dem wahren Geschmack nachtheilig seyn sollten, wie einige behaupten, kann ich nicht sehen. Ich kann es ganz wol leiden, daß man auch unsern Augen ein reizendes Vergnügen gewährt, wenn man vorher unser Herz entzückt hat: und es verlohnt sich schon der Mühe, einige von Ackermanns vortrefflichen Balletten, die zwar nicht alle durchgehends pantomimisch sind, zu sehen. [...]

Fünftens: der schlechte Schutz unsrer deutschen Fürsten, und der angesehensten Personen in den großen Städten, ist eins von den Haupthindernissen. Dieser Mangel des Schutzes rührt einmal von dem schlechten Begriff her, den unsre Großen sich von deutschen Comödianten machen, wozu ihre ehemalige schlechte Lebensart, und ihre Bemühung mehr durch Possen zu belustigen, als durch wahre Schönheiten zu vergnügen, sehr viel beygetragen hat. Allein vorzüglich sind die tiefen Vorurtheile unsrer deutschen Fürsten die Hauptursache. Da unsre Großen fast alle von der Sucht, fremde Länder zu sehen, angestecket sind; da sie von Jugend auf von Männern unterrichtet sind, die selbst mehr nach dem französischen Geschmack gebildet sind, und das unselige Vorurtheil mit sich herum tragen, daß Geschmack und Witz nur allein in Frankreich zu Hause sey; da unsre Fürsten ferner an allem, was ausländisch heißt, ein Vergnügen finden, und einer Tänzerinn und Sängerinn lieber Tausende geben, wenn sie nur aus Verona, und nicht aus ihren deutschen Landen ist; da endlich noch andre Fürsten ganz und gar keinen Geschmack an den schönen Künsten haben, nur ihre eignen Leidenschaften befriedigen,  [...]

Allein, wenn ein gewisser deutscher Prinz, der vor einigen Jahren gestorben ist, dem Principal unserer besten Bühne, der zu seinem Geburtstage ein besonderes Stück mit vieler Pracht, und erstaunlichen Kosten verfertigen und aufführen lassen, einen einzigen Louisd'or zur Vergeltung seiner Mühe reichen ließ; konnte man dieß auch Aufmunterung und Neigung zu seiner Nation nennen? Auch unsere angesehensten Städte, die die Mittel in Händen haben, eine Bühne zu unterstützen, sind aus Mangel der Einsicht, des Geschmacks, oder vieler Vorurtheile wegen, ein wichtiges Hinderniß. Daher kam es, daß vor einigen zwanzig Jahren der präsidirende Bürgermeister einer gewissen berühmten Stadt den Puppenspielern und Kunstpferden, aber nicht der wohleingerichteten Schönemannischen Gesellschaft, die Freyheit zu spielen ertheilte. [...]

Sechstens; auch selbst das geistliche Vorurtheil ist der Aufnahme der Bühne hinderlich. Wenigstens hindert es, daß einmal mehr angesehene Leute sich einem Stande widmen, der seiner Natur nach der ehrwürdigste unter den Menschen seyn müßte; und hernach, daß dem Theater eine Menge Zuschauer entzogen werden, die ihre Sitten zu beflecken glauben, wenn sie die Gemählde der Thorheit auf der Bühne betrachten. Es wäre überflüßig, hier die gerechten Klagen zu wiederholen, die die ehrwürdigen Väter der ersten Kirche mit Recht über die Schauspieler führten, und zu beweisen, daß diese Klagen zu unsern Zeiten ganz wegfallen. Selbst die berühmtesten Gottesgelehrten aller Nationen haben sich für die Bühne, wie sie gegenwärtig eingerichtet ist, erkläret; ja einige haben sie sogar öffentlich besucht. Der Grund, warum verschiedene dieser Männer wider das Theater eifern, ist ohnstreitig in einem falschen moralischen Begriff zu suchen.  [...] Man warf die Frage auf: Ob Comödienspielen oder Besuchen Sünde wäre?  [...]

Endlich ist der Mangel der theatralischen Schriftsteller und die Schwierigkeit, ein guter dramatischer Dichter zu heißen, eins von den Haupthindernissen. Allein, ist es bey uns Deutschen Mangel am Genie? an Lust? an Aufmunterung und Belohnung? Alle diese Fragen ließen sich beantworten. Und wenn es auf eine Untersuchung ankäme, so würde man sehen, daß bey den deutschen guten Schriftstellern Aufmunterung und Belohnungen gar nicht in Anschlag kommen. Der Mangel am Genie zu diesem Zweige der schönen Wissenschaften mag freylich wol; aber doch nicht so sehr, als die Schwierigkeit, für eine Nation zu schreiben, die wenig hervorstechende Charaktere, und eine Vermischung fremder Sitten hat, eine von den Hauptursachen seyn. Ein Freund und Kenner des Theaters schreibt mir, daß in unserer deutschen Sprache die Quelle des Mangels an guten Originallustspielen zu suchen sey. Allein, ich kann ihm nicht durchgehends beypflichten. [...]  Aber, daß die Schuld in unserer Sprache liegen soll, das widerspreche ich ihm durchaus. Ein Gellert, Weisse, Leßing, von Gerstenberg, von Thümmel, und alle unsere guten Schriftsteller haben durch ihr Exempel bewiesen, daß wir eben so schön und ungekünstelt, als die Franzosen und Italiener schreiben können: und so naïv, wie Gellert und Gerstenberg unter uns sind, werden wir wenig Ausländer finden. In dem Munde und unter der Bearbeitung eines Genies ist auch unsre Sprache gewiß nicht rauh. Sie hat freylich die allzuweichliche Delicatesse der italienischen nicht: aber sie hat doch gewiß mehr Anmuth und Harmonie, als die englische: und wenn man sie recht versteht und schreibt, einen musikalischern Numerum, als die französische, eben so viel Delicatesse, und einen noch feyerlichern Pomp. – Nur muß die schlechte Bearbeitung, und die magre Kenntniß derselben bey den meisten unter uns; auch sogar bey einigen, die für die Bühne schreiben wollen, nicht auf Rechnung der Sprache überhaupt gesetzt werden. Die erste Ursache des Mangels guter deutscher Lustspiele, die mein Freund nur von weiten berührt, liegt in der schlechten Kenntniß der Sitten und der großen Welt. Schriftsteller, die außer ihrer Studierstube und ihren Freunden, keine Gelegenheit haben, die Thorheiten und das Lächerliche der menschlichen Handlungen auszuspähen, die Schlupfwinkel des menschlichen Herzens zu durchsuchen, und durch eigne Erfahrung sich von diesem moralischen Räthsel zu überzeugen, werden freylich für das Lustspiel nie mit Beyfall, selbst bey allen ihren Regeln schreiben. Aber, daß unsre Sprache, vorzüglich für die comische Bühne nicht untauglich sey, das haben einige wenige Schriftsteller bisher gewiesen: und sind sie nicht durchgehends so glücklich gewesen, als man von ihnen gefodert hat, so muß man es der Schwierigkeit zuschreiben, deutsche Familienstücke auf die Bühne zu bringen; weil sie entweder zu kalt, nicht interessant genug, und höchstens immer französische oder englische Copien sind. – Aber die Nation, nicht der Dichter sind daran Schuld. Daß wir in Deutschland keine einzige Hauptstadt wie Paris haben, nach deren Sitten, Denkungsart, Mode, und Sprache sich das übrige Theil von Deutschland richtet, dieß ist die vorzüglichste Ursache, warum unsre Charactere nicht bestimmt genug sind, und warum es unsern Dichtern so schwer fällt, deutsche Sitten für das Theater zu schildern. Und so mag es denn auch wahr seyn, daß das Trauerspiel, wie mein Freund, und die Verfasser der Briefe der neuesten Litteratur angemerkt haben, vorzüglich unser Fach seyn. Nur sage man nicht, daß unser Scherz zu platt, unser Witz zu steif, unsre Dialoge zu rednerisch, unsre Handlungen zu unbeseelt, kurz, daß wir ganz unfähig für die comische Bühne wären. Man zeige dem jungen dramatischen Dichter Nachsicht und Unterweisung, führe ihn in die große Welt, lege seinem Genie keine Fesseln an, ermuntre seine Absicht und – (was er vielleicht nie zu hoffen hat) belohne ihn spät.

Es ist unstreitig, daß der Flor unsrer deutschen Bühne sich erheben, und eine allgemeine Hochachtung diejenigen begleiten würde, die ihr dienen, wenn diese Hindernisse könnten gehoben werden. Allein, wenn werden so glückliche Tage kommen? Unsere Großen denken zu schläfrig für das Vergnügen ihrer Nation; dem Patrioten in den großen Städten fehlt es zum Theil an Mitteln, und dem Bemittelten an Geschmack, Lust und Eifer. Unsere Dichter haben größtentheils für die Bühne kein Genie; und die es noch haben, werden durch Ursachen zurückgehalten. Unsere Kunstrichter verfahren mit den aufblühenden Genies entweder zu scharf; oder sie haben auch aus Galanterie für schöne Schauspielerinnen Nachsicht. Unsere Comödianten ärgern sich an einer wolmeinenden Critik, und halten sich schon für vollkommen. Nur erst hierinnen eine Aenderung; und die übrigen Hindernisse werden von wenigem Gewichte seyn.

So gewiß dieses ist, so giebt es auch noch einige Vorschläge, die zur Aufnahme der Bühne viel beytragen können; und ich will sie namhaft machen, ohngeachtet man sie vielleicht nicht in Ausübung bringen wird. Es würde demnach die Aufnahme unsrer Bühne sehr befördern, wenn man erstlich die Principalschaft ganz aufheben wollte; und wenn der Fürst, oder die Republik, die die Schauspiele schützen, selbst das Direktorium führen, das heißt, einen Mann wählen wollten, dem, da er selbst eine feine Kenntniß der schönen Künste und Wissenschaften besäße, die Annahme der Schauspieler, die Wahl der Stücke, und die ganze Policey des Theaters, ohne daß er selbst Schauspieler wäre, müßte überlassen werden. Welcher Fürst, und welche große Stadt wird aber auf die Art für den Geschmack und das Vergnügen ihres Volks sorgen.  [...] "

(Quelle: Löwen, Johann Friedrich (1766): Geschichte des deutschen Theaters (1766) und Flugschriften über das Hamburger Nationaltheater (1766 und 1767), im Neudruck mit Einleitung und Erläuterungen herausgegeben von Heinrich Stümcke, Berlin: Ernst Frensdorff 1905, online verfügbar unter: https://www.projekt-gutenberg.org/loewen/dttheat/chap003.html, abgerufen am: 01.09.20259

Gert Egle, zuletzt bearbeitet am: 01.09.2025

    
   Arbeitsanregungen
  1. Fassen Sie den Inhalt des Textes in Form einer Inhaltsangabe zusammen.
  2. Welche drei Haupthindernisse für das deutsche Theater nennt der Autor gleich zu Beginn?
  3. Welche Kenntnisse und Fähigkeiten sollte ein Principal (Theaterleiter) nach Meinung des Autors unbedingt besitzen?
  4. Wie begründet der Autor, dass die "schlechte Lebensart" mancher Schauspieler dem Ansehen des Theaters geschadet hat?
  5. Warum kritisiert der Autor die Gewohnheit, Operetten und italienische Intermezzi zwischen den Stücken aufzuführen?
  6. Welche Rolle spielt der mangelnde Schutz durch Fürsten und Städte für die Entwicklung des deutschen Theaters?
  7. Wie bewertet der Autor das geistliche Vorurteil gegenüber dem Theater?
  8. Welche Ursachen sieht der Autor für den Mangel an guten deutschen Lustspielen?
  9. Welchen Vorschlag macht der Autor, um die Aufnahme des Theaters in Zukunft zu verbessern?
 
 
 

 
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