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Hofmannswaldau: Vergänglichkeit der Schönheit

Der Diamant als Rezeptionsgegenstand

Paul Stöcklein (1956)


  Für ein einfachstes Verständnis ist es ein Vergängnis-Sonett, gerichtet an eine verehrte Frau [...]. Einem höheren Verständnis ist es ein galantes Sonett. Und für den eingeweihten Zunftgenossen, überhaupt für Hochgebildete ist es schließlich ein "Scherz-Sonett", das den ganzen galanten Stil auf leichte Weise ironisiert [...]. Der Diamant wechselt sein Licht je nach der Auffassung.  Er bezeichnet zuerst wirklich das Unverwesliche, sogar jeder Befleckung Widerstehende (so der Diamant): du stirbst - deine Seele überlebt und deine "Werke folgen dir nach"; dann wird nur die Kraft und Güte deines Herzens vor Gott zählen - und in diesem Sinne ist das Gedicht seit je von vielen Lesern aufgefasst worden. In der zweiten Verstehensweise ist der Diamant ein sehr geläufiges Bild des galanten Sprechens - ein Herz wie ein Stein, wie ein Diamant - und bezeichnet die Unzugänglichkeit, die spröde diamantene Härte des umworbenen Herzens. Der Dichter scheint zu sagen: Bekehre dich, und sagt:  Liebe mich. Das ist nicht frivol. Die vanitas ist eine so feste, gewohnte Größe, dass man mit ihr auch in einem solchen Zusammenhang spielen darf. - Nach der dritten Auffassungsweise ist der Diamant nur der gut sitzende Schlusswitz eines federleichten Scherz-Sonetts, das sich schließlich in Selbstironie aufhebt. Was von dir übrig bleiben wird, verehrte Schönheit, von allen deinen Herrlichkeiten von Kopf bis Fuß, das ist - nicht die unsterbliche Seele, die darin wohnt - das ist ein trauriger Stein in Herzform aus dem sprödesten Material. Hier streckt selbst die Allherrscherin Verwesung die Waffen. [...] Der souveräne Dichter macht der verwöhnten Schönen sein Kompliment mit der bekannten erotischen Aufzählung und Liebesbitte, aber er macht es so, wie man es verblendeten Schönen machen sollte. so nämlich, dass sie es gar nicht merkt, wie er sich über sie und den ganzen schmuckschweren Stil, den sie gerade hört, lustig macht. Er redet sie mit einer Übertreibung an, die etwas von der Parodie hat.

(aus: Stöcklein, Paul (1956): Hofmannswaldau und Goethe: "Vergänglichkeit" im Liebesgedicht, in: Hirschenauer/Weber (Hg.)1956, S.77-98, h: S.82)
  

 
 
   Arbeitsanregungen:
Unter Verweis auf verschiedene Poetiken (Dichtungslehren)  in der Literaturepoche des Barock, die von einer vom Bildungsstand des Rezipienten abhängigen Rezeption ausgehen, entwickelt Stöcklein drei mögliche Interpretationen des letzten Verses von Christian Hofmann von Hofmannswaldaus Sonett »Vergänglichkeit der Schönheit«.
  1. Stellen Sie zusammen, welche verschiedenen Ebenen der Interpretation der Diamant-Metapher nach Stöcklein möglich sind.
  2. Nehmen Sie zu diesen Interpretationsansätzen Stellung.
  3. Wie beurteilen Sie die damit ausgesprochene Bewertung unterschiedlicher Rezeptionen des Gedichts?

 

 
    
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