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Barocke Liebeslyrik

Petrarkismus und barocke Liebesauffassung


 

Im Kern ist das System der Bildsprache und der  Bildstil des nach »Francesco Petrarca (1304-1374) genannten Petrarkismus in der barocken Liebeslyrik durch die "antinomische Konfiguration Geliebte-Liebender" und seine "festgelegten Motive und Bildelemente" bestimmt, "mit denen die Sehnsucht und der Liebesschmerz ausgedrückt werden." (Niefanger 2006, S.109). Dabei werden Rollenstereotype genutzt.

Rollenstereotype zur Frauen- und Männerrolle sind Kernelemente petrarkistischer Bildsprache. "Der Mann ist der klagende Sklave, die Frau ist die kühle, grausame Tyrannin [...]. Der Mann leidet die grausamsten Liebesqualen, er ist ein lebendig Toter, ein schmachtender Weichling, dessen Herz von Liebesglut verzehrt wird." (Szyrocki 1968b, S.18f.) Petraktistische Frauenschreibung verwendet immer die mehr oder weniger gleichen Stereotypen: "Das Antlitz ist Diamant, die Wangen sind Rosen, die Haare Gold, die Brüste Marmorbälle" (ebd.) und auf die Röte der Lippen verweisen Korallen, weißer Schnee auf die Haut, Bäche auf Tränen und Marmor und andere Steine auf die Herzenskälte und Unnahbarkeit der Geliebten. (vgl. Niefanger 2006, S.109) Das wichtigste freilich: "die überschönen, blind machenden, tötenden Augen" (Szyrocki 1968b, S.18f.) der Angebeten und Begehrten, die mit Edelsteinen oder Quellen verglichen werden. (vgl. Niefanger 2006, S.109) Eine sich ständig selbst überbietende Naturmetaphorik, die der unerhörten Liebe eine geradezu kosmische Dimension verleiht, gehört ebenso zum petrarkistischen System wie verschiedene Trostmotive (Träume und Erinnerungen an die Geliebte) oder die Darstellung von Rückzugsmöglichkeiten für den Sänger, der weit weg von der Geliebten, meistens in Einsamkeit, Ruhe und Besinnung erlebt. (vgl. ebd., S.110)

Was bei einer petrarkistischen Beschreibung aufgeführt wird, hat so gut wie nichts mit der Realität zu tun, soll bestenfalls einen Lobpreis zum Ausdruck bringen, der andere Lobpreisungen im Dichterwettstreit zu überbieten versteht. (vgl. Szyrocki 1968b, S.18f.) Das Formelrepertoire, das sie verwendet, ist "ein durch und durch konventionalisiertes, gesellschaftliches Geschehen" (Binneberg 2009, S.121), das in der Öffentlichkeit kommuniziert, "(...) nicht dem poetischen Bekenntnis wirklich erlebter Liebe (dient)." (ebd. S.122) Die entindividualisierte Liebessprache petrarkistischer Gedichte erleichtert dabei die Kommunikation über das Thema in allen Facetten und schafft mit ihren Stereotypen die Voraussetzung dafür, dass es zu "einem höfisch-unterhaltenden und im höchsten Maße geselligen Thema werden" kann, "ohne konkrete Anfechtungen oder bedenkliche Situationen hervorzurufen." (Niefanger 2006, S.111) Ihre Bildlichkeit und die Technik ihrer Verknüpfung ist dem barocken Hörer/Leser im Grundsatz vertraut und  erscheint ihm - das ist ihr Reiz - aber durch die Vielfalt der kombinatorischen Möglichkeiten stets auch wieder verfremdet (vgl. Herzog 1979, S.52) Erst später, im Spätbarock, lassen sich z. B. in den Gedichten »Paul Flemings (1609-1640) in Ansätzen eine mehr von persönlichen Erfahrungen ausgehende Liebeslyrik feststellen.

Gert Egle. 29.09.2013

 

 
               
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