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Jens Ludwig

Vor dem Finale


  - Es ist nichts, nein, nichts. Dieser Blick.
Sie nahm ihn mit, als sie von der Diele in die Küche wechselte. Jetzt gab es kein Zurück. Wie immer eine kurze Pause, dann ging er ihr hinterher.
- Nein, ehrlich, was soll denn sein?
- Ach, nichts.
- Also doch.
- Also was?
Das Geschirr schepperte in den Geschirrspüler. Er griff nach einem Topf, bugsierte ihn an ihr vorbei in die Spüle. So.
- Ich sage doch, es ist nichts.
- So?
Sie schob sich an ihm vorbei zurück in die Diele, machte sich an der Garderobe zu schaffen, den Rücken wie ein Schild getragen. Kein günstiger Moment, um es ihr zu sagen, dann halt später. An mir liegt’s nicht, oder vielleicht einen Tick mehr Selbstoffenbarung?
- Männer sind Schweine!
Ihr rechter Arm ragte seitwärts vom Rücken in den Raum, die Hand zur Faust geballt. Was denn jetzt? Eine erstklassige Inszenierung: Rücken mit Faust oder so ähnlich.
- Männer sind Schweine!
Sie drehte sich um, tat einen Schritt hin zur geöffneten Küchentüre und schlug mit ihrem steinernen Blick auf ihn ein. Er versuchte es noch einmal, mit anderer Betonung.
- Liebling, es ist echt nichts, ich weiß überhaupt nicht, was du hast.
Noch ein Schritt und die Faust fuchtelte vor seinem Gesicht. O Gott, ich hab’s vergessen, schon gut!
- Sag, mal, wie war’s heute bei dir?
Ihre Augen funkelten zornig, als sie ihn anfauchte.
- Ich hab’s gewusst, ich hab’s ja gewusst. Männer sind Schweine! Und du, du bist …
- Jetzt reicht’s aber wirklich. Was soll denn das Theater? Seine grobe Hand hatte sich schon fest um ihr Handgelenk mit der geballten Faust geschlossen. Sie drohte mit einem Kniestoß, so dass er sich zur Seite wandte und ihr dabei etwas den Arm verdrehte.
- Au, au … verdammt, lass mich los!
- Nur wenn du mit deinem Gerappel aufhörst, klar? Hat sie was in der Hand? Keine Ahnung. Moment.... Ein Lächeln huschte über sein Gesicht, während er gekonnt dem einen oder anderen Kniestoß auswich. Das Kondom, klar!
- Männer sind also Schweine?
- Genau, und du, - du bist auch eines!
Als er sie losließ und ein wenig zurückstieß, hatte er schon begonnen das Ganze zu genießen.
- Ein klassischer Syllogismus, gell? Deduktiver Fehlschluss, Liebling!
- Typisch, dass du jetzt wieder so kommst. Das zieht nicht, nicht mehr!
- Was mache ich denn? Immer noch sexy, wenn sie sich so aufregt. Mal sehen. Er ließ los.
- Wenn du ein schlechtes Gewissen hast, meine ich.
Ihr Blick gab nicht einen Zentimeter nach. Ihre Faust streckte sich ihm entgegen und öffnete sich zum großen Finale.
- Das hier meine ich, genau das! Da staunst du?
Er hätte es ihr gleich sagen können, aber jetzt, nur noch einen Moment und dann das echte Finale, wie früher.
- Heute ist Christopher-Street-Day, Liebling?
- Christopher was?
- Ich musste halt da durch.
Ein paar Worte, dann war die Sache geklärt.
- Hast du die Post schon geholt, Schatz?
Es war keine gekommen. Dann bleibt ja noch Zeit.
- Kommst du? Dieser Blick, genau deswegen.

(aus: Jens Ludwig, Geschichten kommen immer zurück. Erzählungen, erstveröffentlicht Konstanz: teachSam, 2005)

Worterläuterungen:

*Syllogismus: Modell zur Argumentationsanalyse, bei dem die Struktur von Argumentationen durch die Zusammenstellung dreier Behauptungen dargestellt wird nach dem Muster: Sokrates ist ein Mensch. Alle Menschen sind sterblich. Folglich ist auch Sokrates sterblich. (vgl. Dreigliedriger Syllogismus)
**Bei einem deduktiven Fehlschluss wird zwar ähnlich verfahren, der Schluss der gezogen wird, ist aber falsch, wie das folgende Beispiel zeigt: Wenn die Schule aus ist, läutet es. - Es läutet. ► Also ist die Schule aus. Jedermann weiß nämlich, dass es auch zu „normalen“ Pausen läutet. (vgl. Deduktiver Fehlschluss)
***Christopher-Street-Day: Gemeinsamer Fest-, Gedenk- und Demonstrationstag der Lesben, der Lesben, Schwulen, Bisexuellen, Transgendern und von Personen, die diese im Kampf um gesellschaftliche Anerkennung und Gleichberechtigung unterstützen. Ziel der Aktionen, die in Österreich Regenbogenparade und im englischsprachigen Raum Gay Pride bezeichnet werden, ist es, öffentlich für die Rechte dieser Gruppen sowie gegen Diskriminierung und Ausgrenzung zu demonstrieren. Mit Feiern und Demonstrationen wird damit auch an Vorgänge in der New Yorker Christopher Street in Greenwich Village am 27. Juni 1969 erinnert, wo Homosexuelle und andere sexuelle Minderheiten erstmals öffentlich gegen Polizeiwillkür aufbegehrt haben („Stonewall-Rebellion“). Zu den Aktionen an solchen Tagen gehört auch häufig das kostenlose Verteilen von Kondomen an Passanten, mit dem, im Zeichen von AIDS, der Safer-Sex-Forderung Ausdruck verliehen werden soll.
(Transgender = Menschen, die sich mit dem anderen als ihrem eigenen körperlichen Geschlecht identifizieren, oder die eine Geschlechtsrolle ausfüllen, die von den ihnen von der Gesellschaft zugewiesenen Geschlechtsrollen abweicht.)
 

 Creative Commons Lizenzvertrag
Vor dem Finale von Jens Ludwig ist lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung - Keine Bearbeitungen 4.0 International Lizenz.
Beruht auf dem Werk unter http://www.teachsam.de/deutsch/d_literatur/d_aut/jelu/jelu_txt_2.htm.
 

 
     
    
   Arbeitsanregungen:

Interpretieren Sie den Text.

  1. Geben Sie den Inhalt des Textes in Form einer Inhaltsangabe wieder.

  2. Untersuchen Sie, wie sich das Gespräch zwischen den beiden Personen entwickelt.

  3. Arbeiten Sie heraus, wie die Beziehung der beiden Figuren gestaltet ist und untersuchen Sie die Motive ihrer Handlungen.

  4. Zeigen Sie, mit welchen erzähltechnischen und sprachlichen Mitteln der Autor seine Geschichte gestaltet. Bestimmen Sie die Textsorte. (FAQ 7, 8 und 9 zur Textinterpretation)

 →Operatorenkatalog des Landes Baden-Württemberg)

 
     
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