Der
• Essay wurde lange
als eine Art
•
vierte Gattung der Literatur, zumindest aber als "Kunstprosa"
bzw. "nichtfiktionale Prosa von hoher literarischer Bedeutung" (Reich-Ranicki
2006)
angesehen. Und auch heute mussten sich "viele Autoren, deren Artikel
keinerlei künstlerischen Anspruch erheben können," von Marcel
Reich-Ranicki (2006) vorhalten lassen, sie bezeichneten solche Artikel
gerne als "Essays", "um so ihre Arbeit zu nobilitieren."
Sicher kann
man dem Essay auch weiterhin bescheinigen, dass ihm "an einer künstlerischen
Form gelegen" ist (ebd.,
was sich aber dahinter verbirgt, bleibt eben nichtsdestotrotz nur in
Umrissen erkennbar. (•
Überblick:
Der Essay als literarische Zweckform)
Und so bleiben
unter Zugrundelegung eines erweiterten Literaturbegriffs, der auch
Gebrauchstexte mit einschließt, die Übergänge zu anderen
•
Gattungsbegriffen, insbesondere denen der
• journalistischen Darstellungsformen, eben fließend.
Und: Wer einer weniger
•
ästhetisch fundierten Annäherung an diesen Begriff zuneigt, wird leicht
erkennen können, dass dem Essay nicht nur das weniger elitäre
Feuilleton,
"der demokratisierte Essay" (ebd.),
beigeordnet worden ist, sondern der Essay als Schreibform längst die Stuben
der Dichter und Denker verlassen und sich auf diese Weise weiter
"demokratisiert" hat.
Als Medium der Selbstinszenierung eines idealen
Intellektuellen, "der wichtige Themen aufspürt, fruchtbare Thesen aufstellt
und das Spektrum der einschlägigen Argumente erweitert, um das
beklagenswerte Niveau öffentlicher Auseinandersetzungen zu verbessern," (Habermas
2006) hat er wahrscheinlich ausgedient und ist im Strudel der
veränderten Rolle des Intellektuellen in der heutigen Öffentlichkeit dem
Untergang geweiht.
Vielleicht liegt aber auch gerade darin die Chance einer
Renaissance, wenn der Essay zu einer der Formen würde, die "die einzige
Fähigkeit, die den Intellektuellen auch heute noch auszeichnen könnte – den
avantgardistischen Spürsinn für Relevanzen", in besonderer Weise ausdrücken
könnte (ebd.).
Mittlerweile ist
der Essay als Schreibform mit unterschiedlichem Gesicht •
in Schule und Universität gelandet. Im angloamerikansichen Raum ist er
ohnehin gleichbedeutend mit "Aufsatz" und schließt dabei personal-kreative,
aber auch argumentativ-diskursive Formen der
Themenentfaltung ein. Eine
Vielzahl von
•
Formtypen
gibt dabei die Richtung vor, die ein Textproduzent in England oder
in den Vereinigten Staaten z.B. bei seiner Textgestaltung
einschlagen soll. (• Der Essay in der angelsächsischen
Schreibdidaktik)
In einschlägigen Werken zu den
• journalistischen Darstellungsformen wird der Essay zwar aufgeführt, doch die Beschreibung
seiner Merkmale ist meist sehr kurz gehalten.
"Politisch oder ästhetisch
urteilt der Essay", heißt es da beispielweise lapidar (Mast
71994, S.181), oder ein wenig "blumiger": "Der Essay
konzentriert sich zwar auf ein Thema, aber er behandelt es, als wäre es die
Welt." (Reumann
1995, S.112)
Und Kurt
Reumann (1995, S.111) sieht sich gar veranlasst, die "Sonderstellung des
Essays" in Deutschland, mit einer "deutsche[n] Eigenart, wertend zwischen
(oft weltabgewandten) Dichtern, (zeitnahen) Schriftstellern und (zu
zeitnahen) Journalisten (Tageschriftstellern) zu unterscheiden."
Zugleich
wird aber auch stets betont, dass der Essay als "literarisch anspruchsvolle
Form des Journalismus" (ebd.),
abgegrenzt von dem angeblich schlechten Essay, dem
Traktat, selbst
eigentlich eine offene Form darstellt, die die den Rahmen einengender
Definitionsversuche sprengt.
Dessen ungeachtet gibt es natürlich auch
immer wieder Versuche, Genaueres zum journalistischen Essay zu sagen. So
bezeichnet Rohner (1966) den Essay als "ein kürzeres, geschlossenes
verhältnismäßig locker komponiertes Stück betrachtsamer Prosa, das seinen
Gegenstand meist kritisch umspiele, »dabei am liebsten synthetisch,
assoziativ, anschauungsbildend verfährt, den fiktiven Partner im
geistigen Gespräch virtuos unterhält und dessen Bildung, kombinatorisches
Denken, Phantasie erlebnishaft einsetzt.«" (ebd.,
S.112, Hervorh. d. Verf.)
Die Reihe der Adjektive und Nomen, die in der Literaturwissenschaft und
Publizistik zur Beschreibung der Textsorte
herangezogen werden, ist lang und der Eindruck lässt sich kaum vermeiden,
als werde auf diesem Weg für den Essay als "Kunstprosa" erneut eine Bresche
geschlagen, auch wenn dies vielleicht gar nicht beabsichtigt ist.
Wenn der
Essay sich vornehmlich dadurch vom dem manchmal platt und tendenziös
daherkommenden Traktat unterscheidet, dass er zur
virtuosen Unterhaltung
gebildeter Menschen wird, scheint er eben auch dafür prädestiniert zu
ein, elitäre Ansprüche zu befriedigen. (vgl. dazu auch:
Stadter 2003)
Vielleicht wäre es daher auch im Bereich journalistischer
Darstellungsformen angebrachter, in Anlehnung an
Stadter (2003/2004, S.37), von "essayistischen Darstellungsformen"
zu sprechen, um auch hier die "Vielfalt des Genres" zu unterstreichen, das
auch im Bereich des Journalismus in der Nähe anderer Schreibformen wie z.B.
Feuilleton und
Glosse steht.
Mit ähnlichen Überlegungen hat sich auch
Reich-Ranicki (2006) bei der Herausgabe des fünften Teils seines
Literaturkanons befasst, den er zunächst unter dem Titel "Essayistisches" zu
veröffentlichten trachtete und der neben Essays auch Reden, Abhandlungen,
Feuilletons, Kritiken, Aufsätze und Artikel enthält.
Wie aber lernt man nun aber, einen essayistischen Text
zu schreiben?
Begnügen wir uns zunächst mit einer
häufig gegebenen,
aber keineswegs falschen, allerdings auch nicht erschöpfenden Antwort: Möglichst viele, "gute" Essays lesen
... Was aber tun, wenn Fachleute offenbar immer lauter klagen, "dass [der
Essay] im Journalismus immer seltener werde", dazu wenig gelungene Essays zu
finden sind, und wenn, dann häufig hinter dem "hohe" qualitative Erwartungen
erzeugenden Titel "Ein Essay", sich nichts als die üblichen "professoralen
Traktate" verbergen? (vgl.
Reumann (1995, S.112)
Damit sich dies ändert, müssen sich aber wohl auch seine, sich doch meist als
Intellektuelle verstehenden Verfasser auch über ihrer neue Rolle klar
werden:
Mit dem eingangs erwähnten "avantgardistischen Spürsinn für Relevanzen"
muss der Intellektuelle sich "zu einem Zeitpunkt über kritische
Entwicklungen aufregen können, wenn andere noch beim Business-as-usual
sind." Und dies wiederum erfordert nach
Habermas (2006) auch "ganz unheroische Tugenden": "
-
eine argwöhnische
Sensibilität für Versehrungen der normativen Infrastruktur des
Gemeinwesens,
-
die ängstliche Antizipation
von Gefahren, die der mentalen Ausstattung der gemeinsamen politischen
Lebensform drohen,
-
der Sinn für das, was fehlt
und „anders sein könnte“,
-
ein bisschen Phantasie für
den Entwurf von Alternativen,
-
und ein wenig Mut zur
Polarisierung, zur anstößigen Äußerung, zum Pamphlet. " (
Habermas 2006)
Vielleicht lassen sich die von Reich-Ranicki
(2006) angeführten Anregungen auch für die Produktion
"guter" Essays nutzen. Ein solcher Essay zeichnet sich dadurch aus, dass er
-
ein eng begrenztes Thema hat
-
das Thema von einem persönlichen Standpunkt aus und mit individueller
Note angeht
-
dabei von einem bestimmten Vorwissen seiner Leser über sein Thema
ausgeht
-
sich, wenn gewünscht, auf andere Autoren beruft und sich mit Zitaten
"schmückt"
-
den Leser vor allem anregt und unterhält, auch wenn er etwas
beweisen, überzeugen oder gar belehren will
-
sein Thema unbefangen angeht und nicht systematisch, gründlich oder
gar erschöpfend zu behandeln sucht
-
keine Lösungen für umstrittene Themen formuliert, sondern eher
Vorschläge anbringt, die noch weiter erörtert werden müssen
-
die Ausführungen in eine gewisse künstlerische Form bringt
-
einen persönlichen, durchaus temperamentvollen Stil mit Sinn für
einprägsame Formulierungen pflegt
Gert Egle, zuletzt bearbeitet am:
10.01.2024