Die Wanderbühne gehört zu den wichtigsten •
Theaterformen in der •
Literaturepoche des •
Barock (1600-1720) (vgl.
Niefanger
2000/32012, S.151)
Wanderbühnen, oft
auch Wander- oder Theatertruppen genannt, waren professionelle
Schauspieler und Musiker, die über keine feste Spielstätte verfügten
und daher umherzogen, um mal hier, mal dort für einige Tage ihre
gemessen an der aufwändigen Technik des •
Jesuitentheaters und des •
protestantischen
Schultheaters einfachen Bühnen aufzubauen. Im Allgemeinen
verwendeten die Truppen, wenn sie auf freien Plätzen spielten, ein
freistehendes Podium, das als Bühne diente. Ein Mittelvorhang teilte
diese in eine Vorder- und Hinterbühne mit Seiteneingängen auf. Da
die Wanderbühnen auf ihren Rollwagen alles mitführen mussten, was
sie benötigten, zugleich auch mit einer vergleichsweise hohen
Reisegeschwindigkeit von etwa 25 bis 50 Kilometern pro Tag unterwegs
waren, um möglichst binnen Wochenfrist von einem regionalen Zentrum
zum anderen zu gelangen (Noe
2007, S.XIII) war ein größerer technischer Aufwand mit den dafür
nötigen Gerätschaften undenkbar.
Dennoch befriedigten die Wandertruppen als kommerzielle Unternehmen mit
ihren Darbietungen, die sie bei Hofe und in der Stadt als Ware
anboten, über viele Jahrzehnte vorhandene Bedürfnisse ihres breiten
Publikums.
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Die Wanderbühnen,
deren "Wandertruppen" seit dem 16. Jahrhundert aus Italien, England,
Frankreich und den Niederlanden kommend überall in Europa unterwegs
waren, nutzten zwar im Wesentlichen die gleichen Mittel für ihre
Aufführungen, hatten aber anders als das •
höfische Festspiel
und die darin integrierten Theateraktionen, das •
Jesuitentheater und das
• protestantische
Schultheater keine dezidierten politisch-ideologischen Ziele wie
diese. Was sie boten, war ein durch und durch weltliches Theater.
Die ersten
Wanderbühnen auf deutschem Boden kamen aus dem Ausland, wo sie aus
unterschiedlichen Gründen ihrem Geschäft nicht so nachgehen konnten,
wie sie sich das vorstellten. Mit ihren Rollwagen zogen die
Komödianten – man spricht vereinzelt auch auch von ihrem
"Komödiantendrama" (Szyrocki
1979/1994, S.292) – aus England, Italien, den Niederlanden und
Frankreich nach Deutschland, wo sie ein neues Publikum und damit
auch ein gesichertes Auskommen finden wollten. Was sie mitbrachten,
waren neue Stücke und ein neuartiger Schauspielstil, der sich von
dem zu Beginn noch dominierenden •
Ordensdrama der Jesuiten
und dem • protestantischen
Schultheater deutlich abhob.
Aus
Italien kamen um 1570 verschiedene »Commedia
dell'arte-Truppen in deutschsprachiges Gebiet und führten an
verschiedenen Höfen ihr Improvisationsspiel "mit
akrobatischer Körperkunst und ebenso artistischer Redekunst" (Klotz
2013a, S. 92, Kindle Edition) auf. Da sie über die höfische
Gesellschaft hinaus kein Publikum hatten, konnten diese
Theatertruppen eigentlich keine nennenswerten Akzente in der
weiteren deutschen Theaterentwicklung setzen. (vgl.
Fischer-Lichte (1993,
S.61)
Die •
ersten
englischen Komödianten kommen ab 1570 nach Deutschland und
nehmen starken Einfluss auf die Entwicklung des weltlichen Theaters
in Deutschland. Die bekannteste Truppe dürfte die von •
Robert
Browne (ca.1533-1622) gewesen sein, die mit ihrem Programm 1592 den »Wolfenbüttler
Hof des Herzogs »Heinrich
Julius von Braunschweig (1564-1613) unterhielt (vgl.
ebd.)
und bis 1620 in zahlreichen deutschen Städten mit ihrer •
Wanderbühne gastierte.
Die ersten • deutschen Wandertruppen
von Rang waren die von Daniel Treu (1634-1708), der als Gründer der
ersten eigenständigen deutschen Wanderbühne gilt, und •
Carl Andreas
Paulsen (1620-1678). dessen Theaterkompanie nach 1678 von
•
Johannes
Velten (1634-1692) weitergeführt wurde. Sie hielten sich längere
Zeit an das, was ihre erfolgreichen ausländischen Theatertruppen
vormachten, entwickelten aber nach und nach ihre eigenen Konzepte.
Gemeinsam aber hielten sie auch an der ursprünglich von den
englischen Komödianten mitgebrachten Narrenfigur des
Pickelhäring fest.
Gewöhnlich
verdienten die Wandertruppen so viel, dass sie sich davon ernähren,
weiterreisen und die Kosten für benötigte Requisiten, Kostüme u. ä.
davon bestreiten konnten. Ein durchschnittliches Gastspiel
dürfte etwa vierzehn Tage gedauert haben. Lediglich "während
spezifischer Perioden der Lustbarkeit (Karneval z. B.) und
während
des Winters werden die Truppen von Mäzenen wie etwa Fürsten oder
Stadtverwaltungen auch für längere Zeit gebunden und spielen dann
ein Auftragsprogramm an dafür vorgesehenen Orten." (Noe
2007, S.XI)
Wenn sie in einer Stadt eine Auftrittsgenehmigung erhielten,
unterstanden sie aber dennoch der Aufsicht der städtischen Behörden,
die sich durch verlässliche Kontaktpersonen meist schon vorher ein
Bild von der Truppe und ihrem Repertoire gemacht hatten. Häufig
verlangten sie auch geschlossene Probevorstellungen, um über die
moralische Qualität der Stück urteilen zu können. Gab es
Beanstandungen dann sprachen sie regelmäßig Verbote für bestimmte
Stücke aus oder verlangten, dass bestimmte Textpassagen gestrichen
wurden. In Wien wurde 1642 sogar für kurze Zeit ein vorübergehendes
Auftrittsverbot für alle Wandertruppen verhängt, weil die
städtischen Behörden genug von den dargebotenen Obszönitäten hatten.
Sogar die •
Neuber'sche Truppe
der »Prinzipalin
»Caroline
Neuber (1697-1760) musste sich 1728 während eines Gastspiels
in »Wittenberg mit den Sorgen der Universitätsleitung befassen, ihre
Studenten "könnten dem Zeit- und Geldverderb ausgesetzt werden und
unzüchtige Händel mit allerlei Weibspersonen beginnen." (ebd,
S.XIII)
Aber auch bei den Einnahmen der Wandertruppen hielt die Stadt, die
durch den Auftritt der Wanderbühnen zum Teil auch größere Unkosten
hatte, die Hand auf. Mitunter schrieben sie den Wandertruppen auch
vor, wo sie ihr Einnahmen wieder auszugeben hatten, um die
Geldflüsse, die durch die Wandertruppen ausgelöst wurden, unter
Kontrolle zu halten. Als die Eintrittspreise sich im Laufe des 17.
Jahrhunderts angepasst an die allgemeine wirtschaftliche Entwicklung
sich von anfangs 2-3 Kreuzer verdoppelten, griff auch die
städtische Steuer bis zu 25% der Einnahmen ab. Das konnte bei gut
verdienenden Truppen bis zu 50 Gulden pro Vorstellung sein, etwa
soviel wie ein Kammerdiener in einem ganzen Jahr durchschnittlich
verdiente. (vgl.
ebd,)
Bis etwa 1780 herum
konnten, trotz immer wieder aufkeimender Kritik, "ihre Stücke vor
Fürsten und Kleinadel, Akademikern und Kaufleuten, Beamten und
Handwerkern weitgehend unbeanstandet, ja meist äußerst erfolgreich
aufführen". (Fischer-Lichte 1993,
S.68) Erst die »Pietisten wandten sich um die Jahrhundertwende massiv
gegen ihr öffentliches Auftreten, weil sie von den negativen
Wirkungen ihrer Stücke zutiefst überzeugt waren. In gewisser Weise
zeigte sich darin "bereits ein von der bürgerlichen Elite
eingeleiteter Funktionswandel des Theaters" (ebd.,
S.69)
In der Rückschau
"(stellt) die Wanderbühne", wie Alfred
Noe
2007, S. XLII) resümiert, "einer der wirkungsvollsten
Rezeptionswege für die Aufnahme des wiedererwachten europäischen
Theaters im deutschen Sprachraum dar. Durch die Verbreitung der
englischen, spanischen, niederländischen, französischen und
italienischen Stücke in Form von Bearbeitungen, welche sich
natürlich den Publikumserwartungen dieses Berufstheaters anpassen,
erfährt die deutsche Produktion ohne Zweifel eine wertvolle
Anregung", die sich auf verschiedene Elemente der Theaterentwicklung
im deutschsprachigen Raum ausgewirkt hat.
Gert Egle, zuletzt bearbeitet am:
08.08.2025
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