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Wanderbühne

Johannes Velten und die deutschen Wandertruppen

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Baustein: Den Theaterzettel einer Wanderbühne analysieren (1688)

Die • Wanderbühne gehört zu den wichtigsten • Theaterformen in der • Literaturepoche des • Barock (1600-1720) (vgl. Niefanger 2000/32012, S.151)

Die ersten Wanderbühnen auf deutschem Boden kamen aus dem Ausland, aus • England, Italien, den Niederlanden und Frankreich nach Deutschland. Was sie mitbrachten, waren neue Stücke und ein neuartiger Schauspielstil, der sich von dem zu Beginn noch dominierenden • Ordensdrama der Jesuiten und dem • protestantischen Schultheater deutlich abhob.

Nach dem • Dreißigjährigen Krieg (1618-1648), der eine kaum noch überbietbare Fanatisierung der politischen Gegensätze und die Verrohung der Kriegsführung brachte, schien die Zeit gekommen, dass einzelne Personen, das Wagnis eingingen, eine kommerzielle • Wanderbühne zu gründen. Sie hatten wahrscheinlich am Beispiel der aus dem Ausland ins Land kommenden Wandertruppen gesehen, dass es für weltliches Theater dieser Art eine große Nachfrage beim städtischen Publikum gab, das nach der furchtbaren Zeit des Krieges neue Formen der Unterhaltung kennen lernte. Während die englischen Komödianten längere Zeit ihr Programm in ihrer Muttersprache präsentierten, spielten die neu entstehenden deutschen Wandertruppen in ihrer Volkssprache und erschlossen damit im Vergleich zum lateinischen • Ordensdrama der Jesuiten und dem • protestantischen Schultheater ein breiteres städtisches Publikum.

Da sich die englischen Komödianten landauf landab schon einen Namen gemacht hatten und mit ihrem unterschiedlichen Programm das städtische Publikum für sich einnahmen, zogen die ersten deutschen Wandertruppen zunächst eben auch als "Englische Komödianten" durchs Land, bis sie sich, nachdem sie selbst zu einer wieder erkennbaren "Marke" geworden waren, unter der Bezeichnung »"Hochteutsche Komödianten" präsentierten. (vgl. Fischer-Lichte 1993, S.63)

Zu diesen "»"Hochteutschen Komödianten" zählen die ab 1650 ersten deutschen Wanderbühnen von Rang, die von Daniel Treu (1634-1708), der als Gründer der ersten eigenständigen deutschen Wanderbühne gilt und »Carl Andreas Paulsen (1620-1678) gegründet und geleitet wurden. Ab 1678 wurde die Truppe Paulsens von »Johannes Velten (1634-1692) weitergeführt. (vgl. Fischer-Lichte 1993, S.63)


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Carl Andreas Paulsen (1620–1678), seit ca. 1644 mit der Schauspielerin Elisabeth Paulsen verheiratet, gründete in der Zeit nach dem Dreißigjährigen Krieg die wandernde Theatergruppe Carlische Hochdeutsche Comödianten als privatwirtschaftlicher Prinzipal. Auftritte seiner Wandertruppe sind u.  a. in zahlreichen Orten im deutschsprachigen Raum und sogar darüber hinaus, vor allem ins Baltikum und nach Skandinavien belegt. In  Kursachsen besaß Paulsen sogar ein Theaterpatent, welches ihn zu regelmäßigen Auftritten verpflichtete, aber ihm dort aber auch eine Monopolstellung gab.

In seiner Truppe traten neben seiner Frau und seinen Töchtern und Söhnen nur deutschsprachige Darsteller auf. Um das Jahr 1671 herum heiratete »Johannes Velten (1634-1692), der seit 1665 in die Paulsensche Truppe als Mitschauspieler eingetreten war, seine Tochter »Catharina Elisabeth Pausen (geboren um 1646/1650; gestorben um 1712/1715) und wurde ab 1678 sein Nachfolger.

Die Stücke, die die Paulsensche Truppe aufführte, waren anfangs vor allem Adaptionen und Verfremdungen aus dem englischen Theater, etwa »William Shakespeares (1564-1616) »Hamlet als »"Der bestrafte Brudermord“ (1667), ein "drastisches Affekttheater mit einer moralischen Komponente" (Werhahn-Verlag). Aber auch Stücke der Spanier »Pedro Calderón de la Barca (1600-1681) und »Lope de Vega (1562-1635) und verschiedene italienische Stücke brachte die Truppe auf die Bühne. Nach und nach wurden auch  deutschsprachige Stücke gespielt, wie z. B. das • schlesische Trauerspiel Ibrahim Bassa (1653) von »Daniel Casper von Lohenstein (1635-1683) Und als erste Truppe spielte die Paulsensche Truppe sogar »Moliere (1622-1673) auf Deutsch. (vgl. Szyrocki 1979/1994, S.304)

Johannes Velten und die Entwicklung der deutschen Wanderbühne

Die Wanderbühne unter Leitung ihres • Prinzipals »Johannes Velten (1634-1692) war wohl die renommierteste deutsche Truppe ihrer Zeit, die wie die Paulensche Truppe zu den "»"Hochteutschen Komödianten" zählt.

Johann Velten, der Sohn des Ratsherrn Valentin Velthem (1607-1664) besuchte die Schulen und das Gymnasium in Halle und Magdeburg und begann 1658 ein Studium an der Universität Wittenberg, das er 1660 an der Universität Leipzig fortsetzte. 1661 erwarb er dort den akademischen Grad eines Magisters der Philosophie und avancierte auch zum Kandidaten der Theologie.

1665 trat er in die Paulsensche Truppe als Mitschauspieler ein und heiratete um 1671 herum die Tochter des Prinzipals »Catharina Elisabeth Paulsen (geboren um 1646/1650; gestorben um 1712/1715). Als deren Vater »Carl Andreas Paulsen (1620–1678) 1678 stirbt und wird Johannes Velten bis zu seinem Tode 1692 dessen Nachfolger und Prinzipal der Bande Hochdeutscher Comoedianten genannten Truppe und erbte 1679 auch das kursächsische Schauspielprivileg Paulsens. 1684 stellte der »sächsische Kurfürst »Johann Georg III. (1647-1691), der eine ausgesprochene Vorliebe für italienische Musik und das Theater hatte, die Truppe Veltens fest an. Von da an trat die Truppe auch als Bande Chursächsischer Comoedianten auf. Daneben zog die Truppe aber auch immer wieder zu Gastauftritten in Städte außerhalb von, wie z. B. Frankfurt/Main, Nürnberg, Köln, Augsburg, Hamburg, Berlin oder Worms. (vgl. Niefanger 2000/32012, S.185)

Seine Truppe bestand aus etwa 20 Mitgliedern. Neben dem Ehepaar Velten und der gemeinsamen 1675 geborenen Tochter Catharina Lydia gehörten eine »Reihe weiterer Schauspieler wie z. B. »Gottfried Salzsieder (1636-1710), der für seine Tyrannen-Darstellung berühmt war.

Velten brachte im Gegensatz zu seinem verstorbenen Schwiegervater mehr französische Stücke auf die Bühne, spielte aber weiterhin in Bearbeitungen Stücke von »William Shakespeare (1564-1616) wie Richard III., die als Schimpfspiel gestaltete Komödie »Absurda Comica oder Herr Peter Squenz von »Andreas Gryphius (1616-1664) oder verschiedene »Trauerspiele von »Daniel Caspar von Lohenstein (1635-1683). (vgl. Szyrocki 1979/1994, S.305) Ansonsten aber galt seine Präferenz dem französischen Theater. So umfasste sein Repertoire zehn Stücke von »Molière (1622-1673) und Schauspiele des »französischen Klassizisten »Pierre Corneille (1606-1684) u .a. Er "bevorzugte Stücke mit einheitlicher Handlung und überschaubarer Struktur. Die Berücksichtigung eines eigenen literarischen Werts der Stücke bei der Aufführung, die zunehmende Vermeidung von Bühneneffekten, die nicht durch das Stück legitimiert waren, und überhaupt die ästhetische Qualitätssicherung des Theaters stehen für die bedeutende ›Bühnenreform‹ von Johannes Velten. (Brauneck 1996, II, 349ff.)" (Niefanger 2000/32012, S.185) Diese Qualitätssicherung zeigte sich auch in der Professionalisierung des Schauspielstils, der die aufgeführten Staatsaktionen "in allen Affektlagen mit großem theatralischen Pathos" (Brauneck 2012, S.152) zur Darstellung brachte

Trotzdem: Auch bei der Veltenschen "Bande" fehlten die allseits beliebten • Pickelhäring-Stücke nicht im Programm. (vgl. Szyrocki 1979/1994, S.305)

Gottscheds Abkehr vom "Pöbeltheater" der Wandertruppen

»Johann Christoph Gottsched (1700-1766) leitete mit seiner Literaturreform eine beispiellose Wende in der deutschen Theatergeschichte ein, die man als die • Literarisierung des Theaters bezeichnen kann. Sie basierte auf der Vorstellung, dass das Theater eine Institution werden sollte, "von der aus »moralische Lehrsätze ... seinen Zuschauern auf sinnliche Art eingeprägt« werden sollten." (Brauneck 2012, S.199)

Gottsched empfand nicht die geringste Sympathie für das vermeintlich platte Komödienspektakel, das die • Wanderbühnen ihrem Publikum darboten. Er wertete ihre Vorstellungen als ›lauter schwülstige und mit Harlekins=Lustbarkeiten untermengte Haupt= und Staats = Actionen‹, lauter unnatürliche Romanstreiche und Liebesverwirrungen, lauter pöbelhafte Fratzen und Zoten" (zit. n. Stephan 1992, S.133) ab.

Statt des "Pöbeltheaters" (ebd.) der Wandertruppen und der Stegreifkomödie (Hanswurst-Figuren) sollte auch die Komödie der Aufklärung das Publikum nicht nur unterhalten, sondern vor allem erziehen und moralisch verbessern. (delectare et prodesse).

Im Kern ging es Gottsched dabei um die Etablierung von Regeln (z. B. • Lehre von den drei Einheiten, Ständeklausel, • plausible, weil mimetische Handlungsgestaltung., symmetrische Strukturen), die sich am • französischen Klassizismus (Pierre Corneille (1606-1684), Jean Racine (1639-1699), Moliere (1622-1673) und zum Teil aber auch an »Aristoteles (384-322 v. Chr.) und seiner • Tragödientheorie orientierten. Sie sollten die deutsche Bühne von der als "primitiv" empfundenen Wandertruppe und der »StegreifkomödieHanswurst-Figuren) befreien.

Gert Egle, zuletzt bearbeitet am: 24.08.2025

   
 

 
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