Der •
Siebenjährige Krieg (1756-1763) und seine Folgen trafen die
Familie Michaelis also aus verschiedenen Gründen nicht sonderlich.
So konnte »Johann
David Michaelis (1717-1791) 1764 um den ersten Geburtstag seiner
Tochter • Caroline herum die
mitten in der Stadt liegende, wohl etwas heruntergekommene
"Londonschänke" erwerben. Das weitläufige Gebäude mit verschiedenen
Seitenflügeln war ehemals ein Treffpunkt von Studenten und während
der Besatzungszeit französisches Militärhospital gewesen. Für viertausendreihundert Taler ging es in den Besitz der Familie
Michaelis über.
Nicht genug: Mit
etwa der gleichen Summe ließ der Professor das repräsentative
Eckhaus mit einem großem Hof und Garten so renovieren, dass es
danach als repräsentatives Wohnhaus der Familie, aber in einem Seitenflügel
an der Leinestraße auch als Logierhaus für bis zu einem Dutzend gut
betuchter Studenten, die mit ihren Mieten – 371 Taler Jahresmiete im
voraus - das Haushaltseinkommen der Professorenfamilie beträchtlich
erhöhten, dienen konnte. (vgl.
Kleßmann
1975.
S.31)

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Das »Michaelis-Haus,
das
an der Allee unmittelbar gegenüber der Universitätsbibliothek
lag, war ein großes mehrstöckiges Gebäude, das was hermachte und
damit genau nach dem Geschmack des Professors für Orientalistik und
Theologie, der ab 1791 auch den Titel eines Hofrates führen durfte
und zu diesem Zeitpunkt wohl auf dem Höhepunkt seiner Karriere
angelangt war.
So
passte der Erwerb des mit Abstand prächtigsten Hauses, das die etwa
40-50 Professoren der Universität in Göttingen bewohnten, durch den für
seine "coolen" Zoten und derben Sprüchen in seinen Vorlesungen
bekannten Gelehrten wohl haargenau in sein Selbstbild und dazu, wie er
sich gerne nach außen darstellte.
Allerdings wurde
die Art und Weise, wie er seinen akademischen Erfolg und seinen
sozialen Status nach außen kehrte, wohl nicht nur von seinen
Kollegen "mit einem Gemisch aus Ärger Spott und Bewunderung" beäugt
(vgl. ebd
S.29). So waren es wohl auch nicht nur sie, die ihm einen Hang zur
Selbstinszenierung nachsagten, seine Eitelkeit, narzisstische
Selbstverliebtheit und Geltungssucht bemerkten und feststellten,
dass er auch seinen internationalen Ruhm gerne überschätzte (vgl.
ebd S.29f.).
Dass er dennoch ein hochangesehener, vom Geist der Aufklärung
geprägter Wissenschaftler war, der die Georgia Augusta als moderne
Reformuniversität, in der die theologische Fakultät nicht mehr die
erste Geige spielte, ihre Aufsicht über die anderen Fakultäten
einbüsste und die Forschungsergebnisse nicht mehr der kirchlichen
Zensur unterlagen, entscheidend mit geprägt hat, steht dabei
allerdings außer Zweifel.
Im Michaelis-Haus
bewohnte die Professorenfamilie den an der Mühlenpforte gelegenen
Teil des Haus, das von seinen zwölf Fenstern in einer Reihe einen
direkten Blick auf die gegenüberliegende Universitätsbibliothek und
andere Gebäude der Universität ermöglichte. Die weitläufigen Räumlichkeiten
erlaubten es, dass der Professor in den eigenen vier Wänden einen
eigenen Hörsaal einrichten konnte.

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»Caroline
Michaelis (1763-1809) und ihre Geschwister wuchsen also in weitgehender sozialer
Sicherheit auf, in einem Haus, das ihnen mit seiner zentralen Lage
Gelegenheit gab, alles mitzubekommen, was in der Stadt los war. Das
rege Treiben der Studenten, die zu ihren Vorlesungen gingen, die
Bibliothek aufsuchten oder in eines der zahlreichen Gasthäuser
einkehrten, bot den Heranwachsenden sicher immer wieder
Interessantes, auch wenn sich Göttingen und seine Universität sehr
darum bemühte, den sonst üblichen Umtrieben von studentischen
Burschenschaften mit ihrer "Sauf- und Raufkultur" (Appel
2013, S.15), die man z.B. aus Jena kannte, entgegenzuwirken.
Spielkameradinnen und -kameraden gab es in einer Zeit, in der
wahrlich kinderreiche Familien mit zehn und mehr Kindern keine
Ausnahme waren, in der unmittelbaren Nachbarschaft genug. Im
unmittelbaren Nachbarhaus der Familie des Geheimen Justizrates und
Professors für Straf- und Kirchenrecht »Georg
Ludwig Böhmer (1715-1797) wuchsen allein 12 Kinder auf, von
denen »Georg Wilhelm Böhmer (1761–1839)
als Mitgründer des ▪
Mainzer
Jakobinerklubs während der kurzen Episode der
▪
Mainzer Republik (Oktober 1792-Juli 1793 eine
gewisse Berühmtheit erlangte und Johann Franz Wilhelm Böhmer
(1754–1788) im Jahr ▪
1784 der erste Ehemann von Caroline Michaelis und der Vater von
drei ihrer insgesamt vier Kinder wurde. Aber auch eine Vielzahl
anderer Professorenkinder, die Heynes, Loders, Schlözers, Kästners, Gatteres und wie sie alle hießen, wohnten in der Umgebung. So
blieben auch die Kinder der Professoren beim Spielen unter sich,
zumal "die etwa vierzig Göttinger Professorenfamilien eine relativ
geschlossene soziale Einheit (bildeten)." (ebd,,
S.24)
Das bedeutete jedoch nicht, dass die Häuser der Professoren, neben
Studenten nicht auch interessanten Besuchern von außerhalb stets
offenstanden. Aber nicht in jedem Haus hat man den gleichen Spaß an
Geselligkeit. Vor allem in den Kreisen der Professoren gab es immer
wieder einmal Bälle, an denen die älteren Kinder sicher auch
teilnehmen durften. Natürlich waren solche Veranstaltungen nicht
jedermanns Sache und im Hause Michaelis wohl eher eine Seltenheit.
Aber wir wissen, dass im Winter 1782/83, Caroline hatte sich gerade
mit dem Nachbarsohn verlobt, jeden Sonnabend 12 Paare von 20 bis 22
Uhr getanzt haben und am Geburtstag des Hausherrn im Februar ein
Ball veranstaltet wurde. (vgl.
Kleßmann
1975, S.286, Anm.32) Und der Geburtstag der Königin war offenbar
immer wieder ein Ereignis, um eine größere Tanzveranstaltung im
Hause Michaelis auszurichten. (Waitz
1871, S.8)
Wo man mehr Spaß an solcher Geselligkeit hatte, waren solche
Veranstaltungen sicher häufiger. Das gilt auch sicher für die
unmittelbaren Nachbarn. Frau Böhmer war offenbar eine Frohnatur
und damit "ganz das Gegenteil der unfrohen und humorlosen" (ebd.1975, S.33) Mutter von Caroline,
Louise Philippine Antoinette
Michaelis, geb. Schröder (1743-1808), die keinerlei Aufregung in
ihrem Alltag ertragen konnte und auf die Welt und ihre
Herausforderungen mit unnachgiebiger Strenge, einem bis ins Kleinste
reichenden Ordnungssinn und einer bigotten Religiosität begegnete.
Am ehesten blühte sie auf, wenn sie ihren Kindern Geschichten und
Erlebnisse aus dem Siebenjährigen Krieg erzählte und vor allem die
jüngeren an ihren Lippen klebten (vgl.
Wiedemann
1929, S.3).
Eine enge emotionale Beziehung zu ihren Kindern konnte sie
jedenfalls nicht herstellen, auch wenn ihr ihre Söhne und Töchter in
späteren Jahren bescheinigten, dass ihre kühle Distanzierheit und
mangelnde emotionale Nähe ein Glück für den Familienfrieden gewesen
sei, der sich sonst unter der autoritären Herrschernatur des Vaters
sicher ständig in Schieflage befunden hätte.
Vater und Mutter Michaelis waren eine zeittypische »Konvenienzehe
eingegangen. Das Eheleben, das sie ihren
Kinder vorlebten, war wohl auch alles andere als von anhaltender Zuneigung
gekennzeichnet. Das war ohnehin die Regel, denn die bürgerliche Ehe
"war eben keine Lustpartie, sondern ein generalstabsmäßig geplantes
Unternehmen mit klar definierten Zwecken." (Frevert
1986, S.42)
Professor »Michaelis (1717-1791)
gönnte sich über Jahre hinweg seinen jährlichen Kuraufenthalt in »Bad Pyrmont,
einem knapp 100 Kilometer nordwestlich von Göttingen gelegenen
mondänen Kurort, der es dem böhmischen »Karlsbad,
dem englischen »Bath
oder dem belgischen »Spa
durchaus aufnehmen konnte und Adelige und gut betuchte Bürger von
überall anzog. Auch wenn entsprechende Belege dafür fehlen (vgl.
Reulecke
2010, S.50, Anm.156), ist doch nicht von der Hand zu weisen,
dass er sich dort mit attraktiven
weiblichen Badegästen vergnügte (vgl.
Roßbeck
2009, S.21). Ob oder ob nicht, in jedem Falle hätte die von ihm abhängige,
sechsundzwanzig Jahre jüngere Louise Philippine Antoinette
Michaelis, die bei ihrer Heirat eine stattliche Mitgift in die Ehe
mitgebracht hatte, diese hinnehmen müssen.

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Ausdruck dieser Zweckehe, deren Erwartungen im Hinblick auf
Nachkommenschaft die junge Frau mit der Abfolge von neun Geburten
bestens erfüllte, war, dass im Michaelis-Haus die
Lebensbereiche des
Vaters und der Familie räumlich vollständig voneinander getrennt
waren. Vater Michaelis hatte sein Schlaf- und Arbeitszimmer im
ersten Stock, während die Mutter mit den vier Kindern im Erdgeschoss
wohnte. Lediglich zum Abendessen kam man täglich zusammen,
ansonsten ging man den Tag über getrennte Wege. (Kleßmann
1975, S.31f.) Ob sich die Familie zu anderen Anlässen, wie sonst
oft üblich, z. B. zu Bibelstunden oder anderweitigen Vorlesestunden
zusammenfand, ist nicht bekannt. Wenn schon sonst nicht unbedingt,
so blieb der Vater doch für Caroline stets ihr intellektuelles
Vorbild. (Roßbeck
2009, S.18)
Tagsüber waren die Kinder nicht nur, bei dem, was sie trieben, so
weitgehend sich selbst überlassen, sondern wuchsen auch weitgehend
ohne elterliche Nestwärme auf, wie wir sie heute verstehen. Statt
der Eltern hielt sich Caroline dabei wohl an ihren neun Jahre
älteren Halbbruder »Christian
Friedrich Michaelis (1754-1814) (Fritz), an dem sie "in
schwärmerischer Verehrung (hing)" (ebd., S.15).
Als sich der Bruder Ende 1781 als Stabsarzt für eine hessische
Söldnertruppe anwerben lässt und bis Mai 1784 in Nordamerika für die
Engländer gegen die aufständischen Kolonisten kämpft, bricht der
Abschied von ihm Caroline schier das Herz.
Ansonsten bedeutete ihre Stellung als älteste
Tochter und älteste der Kinder aus zweiter Ehe, dass sie schon von früh
auf Verantwortung für Wohl und Wehe der jüngeren Geschwister zu
tragen hatte. Eine sorglose und ausgedehnte Kindheit sieht
jedenfalls aus heutiger Sicht anders aus und bei Caroline handelt es
sich wohl eher um "ein frühes, allzu frühes Erwachsenenwerden" (Appel
2013, S.8).
Abwechslung für die Kinder brachten aber sicher nicht nur die
im Nebentrakt wohnenden Studenten, sondern auch die große Zahl von mehr
oder weniger bekannten Gästen, die dem anerkannten Professor ihre
Aufwartung machten.
»Gotthold
Ephraim Lessing (1729-1781) war schon 1766 auf der Rückreise von
»Bad Pyrmont, wo er sich an der Seite von
»Leopold von Brenkenhof
(1750-1799)
Ende Juni bis bis Mitte Juni aufgehalten hatte, bei Professor
Michaelis zu Gast und veranlasste ihn, "sich an seine Ausgabe des
Alten Testaments für ungelehrte Leser zu machen." (Nisbet
2008, S.438) Zur gleichen Zeit sprach auch »Benjamin
Franklin (1706-1790), zu dieser Zeit noch »Interessenvertreter
der nordamerikanischen britischen Kolonien in England, später
einer der »Gründerväter
der Vereinigten Staaten und
Unterzeichner der »Unabhängigkeitserklärung
der Vereinigten Staaten vom 4. Juli 1776 im Hause Michaelis vor.
Dabei
hörte er sich die Prognose seines Gastgebers an, dass sich Amerika in
absehbarer Zeit für unabhängig erklären werde, hielt aber
dagegen, dass "die Liebe der Amerikaner zum britischen Mutterland
(...) das nicht zulassen (würde)." (Kleßmann
1975, S.31)
Nicht dass Caroline im Alter von etwa drei Jahren vom Glanz solcher
und anderer hochangesehener Besucher wirklich viel mitbekommen
hätte, dafür waren die Lebensbereiche der Familie doch zu sehr
getrennt. Wenn die Gäste allerdings im Hause Michaelis auch
bewirtetet wurden, eine im Übrigen für den als sehr
sparsam beschriebenen Hausherrn kostspielige Angelegenheit, konnte sie aber doch spüren,
welches Flair ihren Vater und seine Gäste umwehte.