Regionalsprachen bzw. Dialekte stellen als ▪
Varietät
der deutschen Sprache eine besondere
Sprach(gebrauchs)form dar. Neben dem Merkmal der sozialen Schicht
weist er eine Bindung an einen bestimmten Sprachraum auf, der eine
vergleichsweise geringe regionale Ausdehnung besitzt. Diese ist zugleich
Grundlage seiner regional identitätsstiftenden Funktion: Er vermittelt
regionale Zugehörigkeit und kulturelle Verwurzelung und kann ein Gefühl
von Heimat und Gemeinschaft ausdrücken.
Auch
in der Literatur, insbesondere in der reinen Dialektliteratur,
spielen Mundarten und Dialekte eine zentrale Rolle, da sie über
die Vermittlung einer authentisch wirkenden sprachliche
Darstellung im Dienste fiktionaler Wirklichkeitsillusion hinaus
zur Förderung und Bewahrung kultureller Identität beitragen
kann. Mit ihrer Vermittlung von Traditionen, Redewendungen und
Denkweisen einer bestimmten Region leisten sie eben auch einen
wichtigen Beitrag zum Erhalt unseres ▪
kulturellen Gedächtnisses. Damit dieses bewahrt werden kann,
muss es eben auch in unterschiedlichen und der jeweiligen Zeit
angepassten kulturellen Praktiken immer wieder neu ausgehandelt,
etabliert, vermittelt und angeeignet werden. (vgl.
Aleida
Assman 32006, S.19) Literatur, in denen Regionalsprachen eine
Rolle spielen, kann dabei sowohl als Wissensspeicher und soziale
Praxis eine bedeutende Rolle übernehmen.
Die
stilistische Bewertung von Dialekt ist in Literatur und
Sprachwissenschaft vielschichtig und hängt stark vom jeweiligen
historischen, gesellschaftlichen und literarischen Kontext ab.
Grundsätzlich wird Dialekt häufig als sprachliches Mittel
verstanden, das Authentizität, Nähe und Individualität erzeugt.
Oft vermag er eine emotionale Nähe zu schaffen, da dialektale
Sprache oft persönlicher und unmittelbarer wirkt als
standardsprachliche Ausdrucksformen.
Zugleich wird
das Dialektsprechen aber auch häufig als ein ▪
Zeichen für die
Zugehörigkeit zu einer ungebildeten Schicht abgewertet.
Historisch gesehen wurde der Dialekt oft geringer bewertet als
die Standardsprache. Besonders im 19. und frühen 20. Jahrhundert
galt Hochsprache vielfach als Ausdruck von Bildung,
gesellschaftlichem Prestige und kultureller Überlegenheit,
während Dialekte teilweise mit geringer Bildung oder einfachen
sozialen Verhältnissen verbunden wurden. Diese Sichtweise führte
dazu, dass Dialekt in manchen literarischen Werken bewusst
eingesetzt wurde, um soziale Unterschiede zwischen Figuren
darzustellen.
Die Art und
Weise, wie ein Autor oder eine Autorin selbst eine Figur
sprechen lässt, erfüllt zahlreiche Funktionen. Allgemein lässt
die jeweilige Sprechweise Rückschlüsse auf ihre regionale und
soziale Herkunft, ihren Bildungsstand oder ihre
gesellschaftliche Stellung zu.
Die Literatur
macht sich dabei die Tatsache zu nutze, dass der Dialekt durch
seine Nähe zur tatsächlichen Alltagssprache der Menschen einer
bestimmten Region die Wirklichkeitsillusion der fiktionalen Welt
wirksam unterstützt. Daher dient er besonders in literarischen
Dialogen und in der dramatischen Rede als ein wichtiges Mittel
einer "realistischen" Figurencharakterisierung. Besonders in
Theaterstücken, Volksstücken oder regional geprägter Literatur
trägt Dialekt wesentlich zur Atmosphäre und zur emotionalen
Wirkung bei.
In der
dramatischen Rede kommt Regionalsprachen eine besondere
Bedeutung zu, da das Drama von gesprochener Sprache lebt.
Dialekte und regionale Sprachformen verstärken die
Unmittelbarkeit der Bühnenwirkung und verleihen Dialogen eine
größere Lebendigkeit. Gleichzeitig können sie soziale
Unterschiede und Machtverhältnisse zwischen Figuren sichtbar
machen. Während Hochsprache häufig mit Bildung, Autorität oder
gesellschaftlichem Prestige verbunden wird, steht Dialekt oft
für Volksnähe, regionale Verwurzelung oder einfache soziale
Verhältnisse.
Zudem werden Regionalsprachen im Drama häufig eingesetzt, um
komische oder
emotionale Effekte zu erzielen. Besonders im Volksstück und
im Lustspiel tragen dialektale Ausdrucksweisen zur komischen
(humorvollen bis satirischen) Gestaltung von Szenen und Figuren
bei und schaffen eine authentische Atmosphäre. Ein
bekanntes Beispiel hierfür sind die dramatischen »Possen
der österreichischen Dramatiker »Johann
Nestroy (1801-1862), und
»Ferdinand Raimunds (1790-1836), die im »Alt-Wiener
Volkstheater den Wiener Dialekt gezielt zur
Charakterisierung seiner Figuren und zur Erzeugung komischer
Wirkungen nutzten. Als deutsches Beispiel kann dazu
»Karl
Valentin (1882-1942) dienen,
Dabei muss die dramatische Rede einer Figur nicht als ganze
im Dialekt gestaltet sein, sondern eine Figur kann auch nur zum
Teil, hin und wieder in bestimmten Kommunikationssituationen
Dialekt sprechen, um damit seine Aussagen ▪
funktional oder ▪
semantisch-expressiv ▪
stilistisch
einzufärben. Dies ist z. B. der Fall, wenn der Dorfrichter
▪
Adam
in ▪
Heinrich von Kleists (1777-1811) •
Komödie • ›Der zerbrochne
Krug‹
hin und wieder einzelne ▪
Wörter dialektaler Herkunft in seine Rede einstreut, um
damit auf seine Dialogpartner einzuwirken.
In der ▪
Literaturepoche des ▪
Naturalismus (1880-1910) spielen Dialekt und "Soziolekt"
eine konzeptionell herausragende Rolle.
So ist z. B.
bei der ▪
Figurengestaltung in dramatischen und ▪
narrativen Texten das mundartliche Sprechen der jeweiligen
Figuren ein wichtiges Mittel zur Figurencharakterisierung, das
ihre die regionale und soziale Herkunft verdeutlichen und einen
Teil ihrer typischen Redeweise (Figuralstil)
darstellen soll. Darüber hinaus kann der Dialekt auch dafür
sorgen, dass die fiktionale (Lebens-)Welt realistischer
erscheint, so wie dies z. B. in der Dramatik des ▪
Naturalismus (1880-1910) mit seinem ganz eigenen ▪
ästhetischen Theorie der Wirklichkeitsnachahmung und ihrem
typischen ▪
naturalistischen Stil. Seine
▪
stilistischen Sprachmittel dieses
Stils lassen sich dabei dem ▪
sinnlichen Stil zuordnen.
Statt
einer artistisch und in ihren Augen völlig gekünstelt wirkenden poetischen
Sprache, die mit der in Wirklichkeit gesprochenen Sprache nichts zu tun
hatte, nutzten deutsche Naturalisten wie z. B. »Gerhart Hauptmann
(1862-1942) oder
»Arno
Holz (1863-1929) und »Johannes
Schlaf (1862-1941) "die Umgangssprache, den ▪ Dialekt, den unvollständigen
oder gar fehlerhaftern Satz, um so Natürlichkeit zu erreichen und näher an
die Wirklichkeit zu gelangen." (Sandig
22006, S.535).
Im ▪
Naturalismus (1880-1910) zeigt sich auch besonders deutlich,
wie dem Dialekt im deutschen Sprachraum immer auch das ▪
Merkmal der sozialen
Schichtzugehörigkeit zugeordnet wird. Dies wird auch in der
Auswahl von Stoffen und Figuren deutlich, die diese Sprache
sprechen. Im naturalistischen Drama sind dies Prostituierte, von Alkohol- und sonstigen Süchten gezeichnete
Gestalten, Geisteskranke und vor allem die unteren sozialen Schichten,
"deren Milieu außerhalb der bürgerlichen Welt lag"
(Hoffacker
31989, S.311). Was sie zur Sprache bringen, sind deren
mentale und emotionale Probleme "wie Statusdenken,
Leistungsdruck, Sozialneid, Versagens- und Abstiegsängste" (Bunzel
22011, S.60)
und damit "ein ganzer Verhaltenshabitus, der das Ineinandergreifen
biologischer Prägefaktoren und sozialer Nomen bezogen auf Körper und Psyche
eines einzelnen erkennbar macht." (ebd.)